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Innere und äußere Kolonien.
Libyen, Eritrea, Sizilien und Südtirol

Auf Laying Claim, einen Text von Mia Fuller über den italienischen Kolonialismus, war ich schon vor einigen Jahren gestoßen. In Bezug auf die Unbeständigkeit natürlicher Grenzen — und die Ortsnamen von Ettore Tolomei — hatte ich daraus bereits im Mai 2019 kurz zitiert.

Aufschlussreich finde ich aber besonders die Überlegungen von Fuller über die externen und internen Kolonien, wobei sie zu letzteren im Fall von Italien neben Sizilien auch Südtirol zählt.

In Italien tendiere man dazu, die nach 1861 erfolgten Grenzänderungen nicht im Lichte der kolonialen Expansion zu betrachten, obschon die Einwohnerinnen in beiden Fällen die Oktroyierung der italienischen und das Verbot anderer Sprachen als eine Form kolonialer Unterjochung abgelehnt hätten.

Wie die Professorin am Department of Italian Studies an der University of California – Berkeley argumentiert, sollte man die »Konsolidierung« der italienischen Grenzen nicht nur im engeren Kontext der Staatswerdung, sondern auch im Lichte der imperialistischen Expansion des Landes betrachten. Die ab 1869, noch bevor Rom in den Staat eingegliedert wurde, diskutierte Eroberungspolitik sei ausdrücklich als Mittel des Nation Buildings gerechtfertigt worden. Demnach sollte der Kolonialismus einen einenden patriotischen Geist im Lande fördern und dem Regionalismus entgegenwirken. Kolonialistische Besetzungen in Afrika und und interne Einigung fanden nicht nur im selben Zeitraum statt, ihre Methoden waren dieselben, so Fuller.

Gewaltsame staatliche Kontrolle und Herabwürdigungen, wie sie für den Kolonialismus typisch sind, seien ab 1861 auf Sizilien und später in Venetien, Trentino oder Südtirol brutal auf diejenigen angewandt worden, die nicht dem Bild entsprachen, das die italienische Regierung von italienischen Staatsbürgerinnen hatte.

Gleichzeitig seien auch externe Kolonien wie Eritrea und Libyen oft in absichtlicher Aberkennung ihrer grundsätzlichen Andersheit bewusst als a priori italienisch dargestellt worden.

Auf Sizilien hätten sich Menschen vor allem in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und auf eine Landreform Garibaldis Tausend angeschlossen — doch schon in den 1860ern sei dieser Optimismus verflogen, als Bauernaufstände gerade von den angeblichen Befreiern gewaltsam unterbunden wurden. Und während in Frankreich und Großbritannien die kolonisierten Völker Afrikas und Asiens studiert wurden, wähnte Italien seine eigenen »Primitiven« in den Gebirgsregionen von Abruzzen und Molise sowie auf Sardinien und Sizilien, also im Inneren des neu zusammengeflickten Landes.

Wie in Libyen habe Italien auch in Südtirol davon geträumt, ein historisches Kontinuum wiederherzustellen und dort anzusetzen, wo das Römische Reich aufgehört hatte. Als wäre die Geschichte in den dazwischenliegenden Jahrhunderten gestoppt worden. Eine räumliche und zeitliche Grenze sei gleichzeitig erfunden und erobert worden, um an eine glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen und sich eine noch hellere Zukunft zu sichern.

Der Umgang mit Libyen und der mit Südtirol folgte in der Zwischenkriegszeit laut Fuller demselben Muster. Das Staatsgebiet wurde erweitert und die Anzahl von Italienerinnen innerhalb der neuen Grenzen nahm zu, weil die ursprünglichen Einwohnerinnen sowohl physisch als auch kulturell verdrängt wurden.

In 1939 sei die Agenda für beide Gebiete zusammengeflossen. Das bereits kolonisierte Libyen sei auch formell an Italien angegliedert und zu italienischem Festland erklärt worden. Über Nacht habe man so eine Kolonie zur italienischen Provinz gemacht. In Südtirol sollte die Option mehr Raum für eine zu intensivierende Italianisierung machen, die ohne den Zweiten Weltkrieg wohl ihr Ziel erreicht hätte. Die kulturelle Säuberung, die Italien in Südtirol umsetzte, sei viel detaillierter und mit Sicherheit wirksamer gewesen als jene in Libyen oder in jeder anderen externen Kolonie. Es habe sich nicht nur um eine Kolonisierung, sondern um eine radikale Auslöschung der Andersheit in der Gegenwart und in der Vergangenheit gehandelt.

Aus all den genannten Gründen sei im Falle von Italien die übliche historische Differenzierung zwischen Mutterland und Kolonien, wie sie etwa auf das französische und britische Empire Anwendung findet, nicht haltbar.

Die von Tolomei aufgezwungenen Ortsnamen sind bis heute gültig und — so Fuller — werden wohl die Grenze überleben, die Italien für ewig hielt. Während das Eis in den Alpen schmelze, erweise sich die nördliche Staatsgrenze aus dem kolonialistischen Blickwinkel als eine willkürlich gezogene Grenze statt als prädestinierte Markierung für alle Zeiten. Der Klimawandel bedrohe die symbolische Beständigkeit des Nationalstaats.

Mia Fullers Beitrag ist in A Moving Border: Alpine Cartographies of Climate Change (Hrsg. A. Bagnato, M. Ferrari, E. Pasqual – 2019) erschienen.

Siehe auch:

Colonialismi Ecologia Faschismen Geschichte Grenze Nationalismus Ortsnamen Politik Publikationen Symbolik Wissenschaft | Geschichtsaufarbeitung Italianizzazione | Ettore Tolomei | | Afrika Italy Sicilia Südtirol/o | | Deutsch

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Deutsche Schule: Entwicklung negativer als prognostiziert.
2002-2015

Vor knapp einer Woche hatte ich anhand von offiziellen Zahlen versucht, darauf aufmerksam zu machen, wie sich die Anteile der deutschen, italienischen und ladinischen Schulen an der Schulbevölkerung seit rund einem Vierteljahrhundert zu Lasten jener mit deutscher Unterrichtssprache entwickelt.

Diesbezüglich ist auch interessant, dass das Astat im Jahr 2005 eine Prognose über die Entwicklung der Schülerzahlen bis 2015 herausgegeben hatte, in der — unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung, einschließlich der zu erwartenden Zu- und Abwanderung — die negative Entwicklung für die Schulen mit deutscher Unterrichtssprache vorweggenommen wurde.

Allerdings läuft dieser Prozess in Wirklichkeit um ein Vielfaches (!) schneller ab, als es die Statistikerinnen vorhergesagt hatten.

Grundschule

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Das Statistikinstitut des Landes hatte damals beispielsweise progonostiziert, dass der Anteil an Schülerinnen, die eine Grundschule mit deutscher Unterrichtssprache besuchen, von 76,3% (2002) um 0,6 Prozentpunkte auf 75,7% (2015) sinken würde. Im selben Zeitraum hätte der Anteil der italienischen Grundschulen um ebenfalls 0,6 Punkte steigen sollen.

In Wirklichkeit jedoch war diese Entwicklung zu Lasten der deutschen und zu Gunsten der italienischen Schule über sechsmal so ausgeprägt, wie 2005 erwartet worden war.

Mittelschule

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Noch ausgeprägter war der Unterschied zwischen Progonose und Realität im Fall der Mittelschule: Um 0,8 Punkte hätte der Anteil der Einrichtungen mit deutscher Unterrichtssprache von 2002 (76,7%) bis 2015 (75,9%) fallen, der der italienischen um 0,5 Punkte (von 19,1% auf 19,6%) steigen sollen.

Stattdessen fiel der Anteil der deutschen Mittelschulen über sechsmal so stark (-5,0 Punkte), während der der italienischen Schulen gar knapp zehnmal (+4,9 Punkte) so stark stieg, wie das Astat vorhergesehen hatte.

Oberschule

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Völlig daneben lagen die Statistikerinnen bei der Oberschule: Hier war eigentlich bis 2015 sogar eine leichte Veränderung zugunsten der Schulen mit deutscher Unterrichtssprache (+0,5 Punkte) vorgesehen.

In der Realität jedoch auch hier: deutliche Abnahme des Anteils der deutschen Oberschulen am Gesamtkuchen (-4,8 Punkte) bei gleichzeitiger Zunahme für die italienischen Schulen (+3,6 Punkte).

Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob den zuständigen Politikerinnen diese Zahlen überhaupt bekannt waren — und falls ja, welche Schlüsse sie daraus ziehen. Aus einer sprach- und minderheitenpolitischen Perspektive müsste diese Entwicklung eigentlich Grund zur Sorge sein.

Wichtige Hinweise:

Einige Zahlen sind Rundungen, deshalb ergeben etwa die Summen aller Anteile nicht notwendigerweise genau 100%.

Die ladinischen Schulen wurden in diesen Betrachtungen nicht etwa aus mangelndem Interesse vernachlässigt, sondern weil es so etwas wie eine ladinische Schule streng genommen gar nicht gibt. In den ladinischen Ortschaften besuchen alle Schülerinnen dieselben, paritätischen Schulen (mit hauptsächlich deutscher und italienischer Unterrichtssprache), in denen Ladinisch eine eher geringe Rolle spielt. Aussagen über die Minderheit lassen sich daraus m. M. n. kaum extrapolieren.

Siehe auch:

Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Recherche Scola Umfrage+Statistik Vorzeigeautonomie | Italianizzazione | | | Südtirol/o | Astat | Deutsch

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Covid: Siamo in Italia? È questo il nodo.
Quotation 646

[B]en vengano le domande, come quella del direttore [del quotidiano A. Adige] Faustini di qualche giorno fa: “L’Alto Adige è in Italia o in Austria? Perché – ha scritto il direttore – è difficile capire come mai ogni [!] sua decisione non si basi su ciò che da tempo stanno dicendo e scrivendo le istituzioni e gli studiosi italiani, ma su tutto [!] ciò che decide – con dati, parametri e persino suggestioni diverse – l’Austria.”
Sono domande che solo chi è in mala fede o troppo disattento può scambiare per una provocazione etnica, essendo invece indispensabile capire a quale modello ci ispiriamo per amministrare questa provincia, a maggior ragione se i fatti hanno dimostrato che la via altoatesina altro non era che un vicolo cieco.

Luca Crisafulli, avvocato e già membro della Commissione dei Sei, in Provincia, serve maggiore trasparenza sull’A. Adige di ieri

Ecco. Il livello (di nazionalismo) è questo. Ma io, per definizione, sono «in mala fede o troppo disattento».

Oltretutto il famoso vicolo cieco ha fatto sì che il Sudtirolo — nel momento in cui è apparso il commento da cui cito — abbia una delle incidenze più basse se confrontato con l’Italia. E, almeno fino a qualche settimana fa, una mortalità inferiore a quella di qualsiasi regione dell’Italia settentrionale.

Ma questo non conta.

Vedi anche:

Gesundheit Medien Nationalismus Zentralismus | Coronavirus Medienkritik Quote | Alberto Faustini | AA | Italy Österreich Südtirol/o | | Italiano

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Deutsche Schule: Ein Aderlass.
1995-2019

Wir könnten behaupten, dass die deutsche Sprache in Südtirol eine dominante Rolle einnimmt und einer goldenen Zukunft entgegensieht. Dass sie eine Killersprache ist, vor deren unaufhaltsamer Expansion die anderen Sprachen im Land geschützt werden müssen. Dass es hier bald kein Italienisch mehr geben wird, schon gar nicht auf dem Lande. Und dass wir — auch deshalb — ganz dringend die Immersion in der Staatssprache Italienisch gewährleisten müssen.

Oder wir schauen die realen Zahlen an und erkennen, dass auch die deutschsprachigen Südtirolerinnen gegen die Entwicklungen, die die Zugehörigkeit zu einem monolingualen Nationalstaat für gewöhnlich mit sich bringt, keineswegs immun sind. Dass der Trend also in die genau entgegengesetzte Richtung läuft.

Das zeigen die Erhebungen zur Missachtung der Zweisprachigkeitspflicht und zu Status und Bedeutung der Sprachen — aber auch die für Minderheiten extrem wichtigen Zahlen über den Schulbesuch, die in Südtirol zu den wenigen für längere Zeiträume verfügbaren, offiziellen Daten zur Sprachentwicklung gehören.

Viele Erhebungen zum tatsächlichen Sprachgebrauch, wie sie in anderen multilingualen Gebieten üblich sind, werden hierzulande nämlich gar nicht oder erst seit wenigen Jahren durchgeführt. Die Datenlage ist dünn und die häufig zitierten Sprachgruppenzugehörigkeitszahlen sagen über die wirkliche Situation kaum etwas aus.

Ich habe mir also angeschaut, wie sich die Schülerzahlen in den letzten 24 Jahren (1995-2019) entwickelt haben. Das ist der Zeitraum, für den ich beim Astat umfangreiche Daten gefunden habe.

Grundschule

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Die Zahl der Kinder, die eine deutsche Grundschule besuchen, stagniert seit 24 Jahren (+1,6%), obschon heute rund 80.000 Menschen mehr in Südtirol leben als 1995. Gleichzeitig boomt die italienische Schule: sie hat heute fast 50% Schülerinnen mehr als zu Beginn des Zeitraums.

Dies hat dazu geführt, dass der Anteil der Grundschulen mit deutscher Unterrichtssprache an der Gesamtschülerzahl von 78,9% um fast 6 Punkte (bzw. 7,4%) auf 73% gefallen ist. Währenddessen ist der Anteil der italienischen Schulen von 16,9% um 6 Punkte (bzw. 35,4%) auf 22,9% gestiegen.

Dass eine derartige Entwicklung für eine Minderheit höchst verhängnisvoll ist, braucht hier wohl nicht gesondert ausgeführt werden.

Mittelschule

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In der Mittelschule ist die Entwicklung sogar noch akzentuierter: Die Schülerzahl in den Einrichtungen mit deutscher Unterrichtssprache ist seit 1995 bei steigender Bevölkerungszahl sogar um 3,8% gefallen. Die italienische Mittelschule ist hingegen nocht stärker gewachsen (+55,8%) als die italienische Grundschule.

Das bedeutet für die deutschen Mittelschulen, dass ihr Anteil in 24 Jahren von 79,3% um 7,9 Punkte (oder 10%) auf heute nur noch 71,4% gesunken ist. Dagegen konnte die italienische Schule ihren Anteil von 16,7% um 7,6 Punkte (bzw. 45,7%) auf 24,3% steigern.

Oberschule

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Weniger aussagekräftig sind die Zahlen der Oberschulen, da der Besuch freiwillig ist. Die Anzahl der Schülerinnen ist sprachgruppenübergreifend gestiegen, was vermutlich mit der Verlängerung der Schulpflicht zusammenhängt. Die Zunahme war aber bei den italienischen Schulen (+47,5%) deutlich stärker als bei den deutschen Schulen (+11,4%).

Der Anteil der deutschen Schulen an den Oberschülerinnen ist von 71,1% um 5,7 Punkte (oder 8,1%) auf 65,4% gefallen. Gleichzeitig ist der der italienischen Schulen von 26,4% um 5,8 Punkte (bzw. 21,7%) gestiegen. Auch die Oberschulen fügen sich also ins Gesamtbild.

All dies geschieht, obwohl es ja heißt, dass angeblich so viele Italienerinnen wie nie zuvor ihre Kinder in eine deutschsprachige Schule schicken.

Das einzige Glück, das wir in Südtirol haben (bzw. hatten), ist, dass wir von einem aus Sicht des Minderheitenschutzes vergleichsweise günstigen Verhältnis zwischen den Sprachen gestartet sind, die Fallhöhe dementsprechend groß war und diese Entwicklung folglich länger dauert.

Umso weniger ernst wird sie genommen. Im Gegenteil, übermütig scheinen viele zu denken, Minderheitenschutz sei Luxus, uns sei nichts anzuhaben.

Wichtige Hinweise:

Einige Zahlen sind Rundungen, deshalb ergeben etwa die Summen aller Anteile nicht notwendigerweise genau 100%.

Die ladinischen Schulen wurden in diesen Betrachtungen nicht etwa aus mangelndem Interesse vernachlässigt, sondern weil es so etwas wie eine ladinische Schule streng genommen gar nicht gibt. In den ladinischen Ortschaften besuchen alle Schülerinnen dieselben, paritätischen Schulen (mit hauptsächlich deutscher und italienischer Unterrichtssprache), in denen Ladinisch eine eher geringe Rolle spielt. Aussagen über die Minderheit lassen sich daraus m. M. n. kaum extrapolieren.

Siehe auch:

Faktencheck Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Scola Umfrage+Statistik Vorzeigeautonomie | Italianizzazione Zitać | | | Südtirol/o | Astat | Deutsch

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Facharztausbildung hält stand.
Wann kommt das neue Berufsverzeichnis?

Im Oktober 2019 war die Ärztegewerkschaft Anaao mit ihrer Klage gegen die Ausbildung von Fachärztinnen nach österreichischem Modell in Südtirol schon einmal abgeblitzt. Das reichte dem nationalistischen Verein offenbar nicht, sodass der Weg vor das Oberlandesgericht eingeschlagen wurde.

Auch dort war ihnen jedoch kein Glück beschieden, wie die TAZ nun berichtet. Geklagt hätten Claudio Volanti und vier weitere Ärzte als »Privatpersonen«, da Volanti angeblich von einem der in Ausbildung befindlichen Jungärzte behandelt worden sei. Damit sollte vermutlich das persönliche Interesse, also die Klageberechtigung gerechtfertigt werden.

Das Oberlandesgericht hat nun jedoch »das erstinstanzliche Urteil […] umfassend bestätigt«, so die TAZ.

Interessant ist, dass derselbe Herr Volanti im Jänner zum Nachfolger von Monica Oberrauch als Präsidentin der Südtiroler Ärztekammer gewählt wurde. Leute, die unser Gesundheitssystem aus nationalistischen Gründen torpedieren, scheinen an der Spitze des Berufsverbands beliebt zu sein.

Besonders folgenreich könnte die Wahl des Anaao-Manns für die Gleichstellung der deutschen Sprache im Arztberuf sein: Mit einer Gesetzesänderung im Rahmen des Haushaltsgesetzes wurde nämlich nicht automatisch ein Berufsverzeichnis für Ärztinnen mit deutschem statt italienischem Sprachnachweis eingerichtet — vielmehr wurde die Schaffung einer solchen Sektion ausdrücklich dem Gutdünken des Kammerpräsidenten überlassen.

Dass der neue Kammerpräsident für seine nationalistischen Aktionen bekannt ist, legt nahe, dass er sich mit der Einrichtung des neuen Berufsverzeichnisses — wenn überhaupt — sehr sehr lange Zeit lassen wird. Zum Nachteil der Bürgerinnen.

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Mit Kanonen auf Viren.

Die neue Regierung von Mario Draghi führt die Militarisierung der Pandemie und die Kriegsrhetorik, die ihr zugrunde liegt, in logischer Konsequenz fort: Der bisherige, von Premier Conte ernannte außerordentliche Covid-Notstandskommissär Domenico Arcuri wird entlassen und mit dem Alpini-Kommandanten Francesco Paolo Figliuolo ersetzt — als starker Mann vom starken Mann ernannt. Gefreut haben sich über diese weitere Eskalation im angeblichen Krieg gegen die Pandemie vor allem Matteo Renzi (Italia Viva) und Matteo Salvini (Lega) — aber auch Giorgia Meloni von der oppositionellen neofaschistischen FdI hat gratuliert. Die Erwartungen seiner neuen Fans dürfte Figliuolo zumindest rhetorisch vorerst schon erfüllt haben, als er bei der Amtsübernahme versprach, für »unser Vaterland« und »meine Nationsgenossen« arbeiten zu wollen. Jetzt braucht der kriegserprobte Soldat (Afghanistan, Kosovo…) nur noch seine Truppen gegen das Virus in Stellung zu bringen.

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Gesundheit Militär Nationalismus Politik | Coronavirus | Giuseppe Conte Mario Draghi Matteo Renzi Matteo Salvini | | Italy | Alpini FdI Lega PD&Co. | Deutsch

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Verlorengegangene Menschenwürde.
Quotation 645

Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Mißtrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Greenwich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhaß oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt. Man mußte sich photographieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz geschnitten, daß man das Ohr sehen konnte, man mußte Fingerabdrücke geben, erst nur den Daumen, dann alle zehn Finger, mußte überdies Zeugnisse, Gesundheitszeugnisse, Impfzeugnisse, polizeiliche Führungszeugnisse, Empfehlungen vorweisen, mußte Einladungen präsentieren können und Adressen von Verwandten, mußte moralische und finanzielle Garantien beibringen, Formulare ausfüllen und unterschreiben in dreifacher, vierfacher Ausfertigung, und wenn nur eines aus diesem Schock Blätter fehlte, war man verloren.

Das scheinen Kleinigkeiten. Und auf den ersten Blick mag es meinerseits kleinlich erscheinen, sie überhaupt zu erwähnen. Aber mit diesen sinnlosen ›Kleinigkeiten‹ hat unsere Generation unwiederbringlich kostbare Zeit sinnlos vertan. Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, Steuererklärungen, Devisenbescheinigungen, Grenzüberschreitungen, Aufenthaltsbewilligungen, Ausreisebewilligungen, Anmeldungen und Abmeldungen, wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, freundlichen und unfreundlichen, gelangweilten und überhetzten, wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert, das wir als junge Menschen gläubig geträumt als eines der Freiheit, als die kommende Ära des Weltbürgertums.

Stefan Zweig in Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers, 1942 (postum erschienen)

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Unintegrierbar in Absurdistan.
Bizarre Auswüchse des österreichischen "Ius Sanguinis"

Das kommt raus, wenn man Zugehörigkeit auf Basis von Blut definiert. Ein bis ins Mark von der nationalistischen Idee durchzogenes Staatsbürgerschaftsrecht, das Ethnos statt Demos propagiert und protegiert.

Episoden, wie jene, die Frau Kosanović in der MA 35 erlebt hat, sind mit Sicherheit kein Einzelfall und erinnern eher an MA 2412. “Überprüfen, ob sie integrierbar sei?” Herrgott nochmal, die Frau ist in Wien geboren und arbeitet im Burgtheater; jener rot-weiß-roten Bernhard-Peymann-Institution, die ein Großteil der Bioösterreicher, inklusive meiner einer, noch nie von innen gesehen hat. Was denn noch? Ein als Gstanzl vorgetragenes Bekenntnis, dass Wienerschnitzel ihre Lieblingsspeise und ein Apfelstrudel, der nicht aus Ziehteig gerollt ist, Blasphemie sei? Bleibt nur zu hoffen, dass die “Recht-muss-Recht-bleiben-aber-der-Wirtschafts‐und-Korruptionsstaatsanwaltschaft-kann-man-ruhig-mal-einen-Brief-schreiben“-Fraktion in Frau Kosanović nicht die nächste Abschiebekandidatin gefunden hat. 

Mit einer Petition möchte die Plattform “SOS Mitmensch” nun erreichen, dass den rund 220.000 in Österreich geborenen Menschen, die nicht die Staatsbürgerschaft ihres Geburtslandes haben, diese unbürokratisch verliehen wird.  

Italien hat sich 2015 ein Stückweit vom Ius Sanguinis verabschiedet, was in Südtirol nicht nur wohlwollend aufgenommen wurde. Man darf gespannt sein, wann Österreich es diesbezüglich schafft, das 19. Jahrhundert hinter sich zu lassen. Auf weitere Belege, wie antiquiert und im Grunde menschenfeindlich das nationalstaatliche System ist, können wir gerne verzichten.

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