Korsischer Weg.

Im allgemeinen Interesse um die Geschicke des rechtsextremistischen Front National (FN), dessen Erfolg letztendlich vor allem durch die Besonderheiten eines merkwürdigen Wahlsystems begrenzt werden konnte, hat zumindest auf internationaler Ebene der korsische Sonderfall kaum Beachtung gefunden.

Auf der Mittelmeerinsel, die dem FN mit nur vier von 51 Abgeordneten sein schlechtestes Ergebnis bescherte, konnte sich im zweiten Wahlgang eine selbstbewusste Wahlallianz aus Autonomisten (Femu a Corsica, FaC) und Separatisten (Corsica Libera, CL) durchsetzen, die nun während der kommenden Jahre die Geschicke der Insel leiten wird. Der Sieg der Pè a Corsica getauften Koalition ist ein historisches Ereignis: Noch nie konnten sich in einer französischen Region autonomistische oder gar sezessionistische Parteien durchsetzen und Regierungsverantwortung übernehmen.

Neuer Präsident der Insel ist seit dem 17. Dezember der autonomistische Anführer und bisherige Bürgermeister von Bastia, Gilles Simeoni (FaC). Sein Vater Edmond war noch im bewaffneten Kampf gegen Paris aktiv. CL-Chef Jean-Guy Talamoni wurde zum Parlamentsvorsitzenden gewählt; seine Antrittsrede hielt er auf Korsisch.

Bereits während der vergangenen Legislatur hatte das korsische Parlament, damals noch unter sozialistischer Mehrheit, gegenüber Paris weitreichende Forderungen gestellt. Mit breitester, parteiübergreifender Mehrheit wurden auch bereits Beschlüsse gefasst, die weit über die (derzeitigen) Zuständigkeiten der Insel hinausgehen. So etwa die völlige Gleichstellung der korsischen Sprache, eine Art regionale Staatsbürgerschaft (unter anderem als Voraussetzung für den Erwerb von Immobilien) und die Finanzhoheit. Der französische Staat lehnte diese Neuerungen jedoch ab.

Die korsische Sprache wird aber inzwischen an allen Schulen der rund 300.000 Einwohner zählenden Insel unterrichtet.

Das Programm von Pè a Corsica sieht vor, die Beschlüsse der vergangenen Legislatur um- und gegenüber Paris durchzusetzen. Darüberhinaus wird eine vollständige, vom Zentralstaat unabhängige Gesetzgebungsbefugnis angestrebt.

Seit Beendigung des bewaffneten Kampfes konnte die Autonomiebewegung der Insel, die inzwischen weit in die etablierten »französischen« Parteien hineinragt, große Fortschritte machen. Korsika befindet sich derzeit auf einem vielversprechenderen Weg als die als »autonom« bezeichnete Schwesterinsel Sardinien. Und wiedersteht dem rassistischen Nationalismus des Front National.

Siehe auch: [1] [2]

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3 Pingbacks/Trackbacks

  • Stephan

    Es bleibt nur zu hoffen, dass die Unruhen in Ajaccio über Weihnachten, die eine deutlichen rassistischen Hintergrund haben, nicht den neuen, alten Traum der korsischen Unabhängigkeit zerstören.
    Nur zu leicht könnte er der Pariser Zentralregierung als Vorwand dienen um die Macht und Befugnisse der Korsen zu beschneiden.

    • Tirola Bua

      Haha, klingt doch nach “Inside Job”.

  • gorgias

    Finde die Entwicklung natürlich positiv.
    Was ich mich aber frage ist, ob eine sog. lokale Staatsbürgerschaft als Voraussetzung für den Erwerb von Immobilien überhaupt EU-Konform sein kann.

    • Laut Thomas Benedikter ja. Meines Wissens gibt es sowas zum Beispiel auf den Åland-Inseln. Ich selbst befürworte zwar aus Gründen des Minderheitenschutzes gewisse Ansässigkeitsschwellen… weiß aber nicht, ob auch eine »regionale Staatsbürgerschaft« als solche erstrebenswert wäre, zumindest für Südtirol.

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