»Ladinisches« Schulmodell?

Ist das heutige paritätische System in der Lage, den Ladinern ausreichende Kenntnisse der eigenen Sprache zu vermitteln?

Am 9. Dezember 2009 wurde von der Freien Uni Bozen (FUB) eine Studie vorgestellt, die die Sprachkenntnisse von ladinischen GrundschülerInnen der 5. Klassen mit Gleichaltrigen deutschen GrundschülerInnen im Eisacktal und italienischen GrundschülerInnen in Bozen vergleicht.

Das Ergebnis: Die Deutschkenntnisse von Grödner GrundschülerInnen sind denen deutschsprachiger GrundschülerInnen ebenbürtig, die Italienischkenntnisse von Gadertaler GrundschülerInnen sind mit denen italienischsprachiger GrundschülerInnen vergleichbar. Die Ergebnisse wurden vom ladinischen Schulamtsleiter Roland Verra und der Studienleiterin Rita Franceschini entsprechend gelobt [Pressemitteilung].

Einige kritische Töne finden sich in einem kleinen Kommentar von Luis Mahlknecht in einem Artikel der Tageszeitung Dolomiten vom 11.12.2009.

Die Kritik von Mahlknecht bezieht sich vor allem auf die mangelnden Italienischkenntnisse von Grödner GrundschülerInnen und noch wesentlich mangelhafteren Deutschkenntnissen von Gadertaler GrundschülerInnen. Diese Kritik klingt einigermaßen ungerecht gegenüber dem ladinischen Schulmodell, sind die Italienischkenntnisse an deutschen Schulen und wiederum in verstärkterem Ausmaße die Deutschkenntnisse an italienischen Grundschulen alles andere als spektakulär

Es stellt sich aber eine wesentlich brisantere Frage: Ist das ladinische Schulmodell überhaupt geeignet, die ladinische Sprache zu fördern und weiterzuentwickeln? Mit anderen Worten: Verfügen Absolventen der ladinischen Schulen überhaupt über gute Ladinischkenntnisse?
Das ladinische Schulmodell dürfte ja selbst vielen SüdtirolerInnen deutscher oder italienischer Muttersprache unbekannt sein. Roland Verra, der ladinische Schulamtsleiter, schreibt in einer Abhandlung:

Die Eigentümlichkeit des ladinischen Schulmodells, wonach die eigentliche Muttersprache eher eine Vermittlerrolle spielt und die Zielsprachen Deutsch und Italienisch als gleichgestellte Unterrichtssprachen fungieren, mag für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar sein. Die historische Entwicklung des ladinischen Schulwesens widerspiegelt somit die soziale Gewichtung der Sprachen; praktische Überlegungen im gesellschaftlichen Umfeld wirken direkt auf die Handhabung der Sprachen im schulischen Alltag ein.
Die ladinische Sprache, die ein eigenes Pflichtfach mit zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden ist, kann aber, je nach Bedarf, auch als Erklärungssprache immer dann verwendet werden, wenn irgend ein Inhalt eines Faches schwer verstanden wird. Durch diese Regelung nimmt gleichzeitig die Verwendung des Ladinischen als Erklärungssprache in den folgenden Klassen merklich ab, je sicherer die Schüler im Gebrauch der zwei Unterrichtssprachen werden.

Zu den Zielsetzungen des ladinischen Schulwesens schreibt Verra in derselben Abhandlung:

Aus den ”Erzieherischen Richtlinien für die ladinischen Schulen”, die vom Ladinischen Schulamt im Jahre 1996 erlassen wurden, kann man zwei Hauptzielsetzungen entnehmen:
1. Die Schule muss die kulturelle und soziale Entwicklung der Bevölkerung der ladinischen Ortschaften, sowie die ladinische Sprache und Kultur fördern;
2. Die Schule muss die nötige Bildung für ein mehrsprachiges Gebiet durch gleiche Kenntnisse des Deutschen und Italienischen im Rahmen des paritätischen Unterrichts gewährleisten.
Diese Richtlinien bezeugen die Bemühungen der ladinischen Schule, die notwendige Öffnung zur Welt mit dem Schutz und der Förderung der ursprünglichen kulturellen Identität zu vereinbaren. So muss sich die ladinische Schule in einem manchmal schwierigen Gleichgewicht zwischen unterschiedlichen Bestrebungen behaupten.
Wenn man die scharfen Kontroversen bei der Entstehung des paritätischen Schulmodells nach 1945 bedenkt, muss es den ladinischen Schulleuten als hohes Verdienst angerechnet werden, den starken gegenläufigen Tendenzen stand gehalten zu haben. Gegenwärtig wird das Schulmodell, zumindest offiziell, nicht mehr in Frage gestellt, die Entwicklungsmöglichkeiten der Minderheitensprache innerhalb dieses Systems bleiben aber sehr begrenzt. Damit bleibt die Frage offen, ob dieser vorsichtige Kompromiss, worauf die paritätische Schule gründet, im Stande sein wird, den übermächtigen Assimilierungskräften im gesellschaftlichen Umfeld effektiv zu begegnen.
Einschneidendere Maßnahmen zugunsten des Ladinischen wären allemal nötig, wenn man bedenkt, dass Deutsch, Italienisch und Englisch nach und nach auch private Domänen besetzen, die noch vor wenigen Jahrzehnten gänzlich vom Ladinischen geprägt waren. Die theoretische Überlegung, die dem paritätischen Modell zu Grunde liegt, ist die Bestrebung nach einem sprachlich- kulturellen Gleichgewicht zwischen Deutsch und Italienisch, das auch dem Ladinischen eine Überlebensbasis garantiert. Doch diese Grundlage zum Überleben ergibt sich nicht von selbst, aus dem Gesetz heraus, sondern erfordert gezielte Maßnahmen, wie sie in vielen Minderheitengebieten der Welt praktiziert werden.

Hauptziel 2, die Vermittlung ausreichender Deutsch- und Italienischkenntnisse scheint das ladinische Schulmodell ziemlich gut zu erreichen, Hauptziel 1, die Förderung der ladinischen Sprache und Kultur, scheint hingegen auf der Strecke zu bleiben. Ist das ladinische Schulmodell etwa ein Modell, das die Assimilierung fördert?

Selbst Verra schreibt, dass “einschneidendere Maßnahmen zugunsten des Ladinischen” notwendig wären und, dass private Domänen, die noch vor wenigen Jahrzehnten gänzlich vom Ladinischen geprägt waren, heute von Deutsch, Italienisch oder Englisch besetzt werden. Laut Verra bleibt die Frage offen, ob das ladinische Schulmodell “den übermächtigen Assimilierungskräften im gesellschaftlichen Umfeld effektiv begegnen kann.”

Es stellt sich also ernsthaft die Frage, ob das ladinische Schulmodell, in dem Ladinisch in der Grundschule nur in zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden unterrichtet wird und lediglich als “Erklärungssprache” fungiert, überhaupt geeignet ist den SchülerInnen akzeptable Ladinischkenntnisse zu vermitteln.
Dies mag vielleicht noch einigermaßen erfüllt werden, wenn die SchülerInnen aus ladinischen Familien stammen (Mutter und Vater ladinischer Muttersprache), wird schon wesentlich schwieriger, wenn einer der beiden Elternteile muttersprachlich Deutsch oder Italienisch ist und gänzlich unerfüllbar, wenn es darum geht, Kindern mit Migrationshintergrund akzeptable Ladinischkenntnisse zu vermitteln.

Überlegungen die Anzahl der Fächer mit ladinischer Unterrichtssprache in der Grund- und Mittelschule auf mindestens 50% zu erhöhen scheinen in diesem Zusammenhang notwendig zu sein.

Ohne eine ladinische Einheitssprache, dem Ladin Dolomitan, mit genormter Orthografie und Grammatik, wird es wohl unmöglich sein, das Ladinische als vollwertige Schulsprache und auch Amtssprache zu etablieren.
Erst innerhalb einer genormten Hochsprache wird es auch möglich deutsche oder italienische Begriffe durch ladinische Neubegriffe zu ersetzen. Warum sollte das, was anderen kleinen Sprachen gelingt, nicht auch im Ladinischen funktionieren. Die Diskussionen im Zuge von ladinischen Begriffsfindungen könnten sogar den sprachlichen und kulturellen Zusammenhalt zwischen allen Dolomitenladinern stärken. In Island beteiligt sich immer das gesamte Land an den Diskussionen, die zu neuen isländischen Begriffen führen. Man versucht die Übernahme von Fremdwörtern so gering wie möglich zu halten. Neue Begriffe erschafft man in der Regel aus dem vorhandenen isländischen Wortschatz.
Dort heißt die Hebamme beispielsweise Lichtmutter, der Vulkan ist der Feuerberg und das Konzert ist ein “tonleikar”, ein Tonspiel. Mag zwar teils witzig klingen, aber eine (kleine) Sprache für die Zukunft fit zu machen, heißt sie auch progressiv weiterzuentwickeln.

Flankierend zu diesen Maßnahmen ist in Zukunft wesentlich mehr Sensibilität für das Ladinische von der Landesverwaltung erforderlich. Lächerlich, dass es heute nicht mal möglich ist im Busfahrplan nach Gröden und ins Gadertal die ladinischen Ortsnamen (an erster Stelle) anzuführen. Dreisprachige Aufschriften fehlen selbst bei der Landesverwaltung vielfach zur Gänze und gute Ladinischkenntnisse müssen in den ladinischen Tälern im öffentlichen Bereich (Polizei, Finanz, Post, öffentlicher Verkehr, Forstverwaltung usw.) Voraussetzung werden. Auch wäre ein massiver Ausbau des ladinischen Rundfunk- und Fersehwesens notwendig.

Es ist jedenfalls ein schlechtes Omen, dass das von vielen zur weltweit besten Autonomie hochstilisierte Modell-Südtirol, derzeit nicht in der Lage ist, unsere älteste Sprache, das Ladinische, nachhaltiger zu schützen und zu fördern.

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