Toponomastik auf Null gestellt.

Die Landesregierung hat beschlossen, das Südtiroler Ortsnamengesetz außer Kraft zu setzen. Es war kurz nach seiner Verabschiedung im Landtag durch SVP und PD von der römischen Zentralregierung um Mario Monti angefochten worden — auf Zuruf der radikalen und extremen Rechten. Doch auch die angeblich autonomiefreundlichen Regierungen Letta und Renzi wollten von einem Rückzieher nichts wissen, während eine Lösung in der Sechserkommission am Duo Francesco Palermo (PD/SVP) und Roberto Bizzo (damals PD) scheiterte. Letzterer leistete — wiewohl er im Landtag für das Gesetz gestimmt hatte — erbitterten Widerstand, während ersterer auf Einstimmigkeit bestand.

Um einem Urteil des Verfassungsgerichts aus dem Weg zu gehen, das — wie allgemein erwartet wird — eine ausnahmslose Beibehaltung der faschistischen Ortsnamenerfindungen fordern könnte, soll das Gesetz also wieder abgeschafft werden, noch bevor es jemals in Kraft treten konnte.

Die Rückfallebene sind nun gerade die untoten faschistischen Dekrete, mit denen die Phantasienamen einst eingeführt wurden. Somit ist die Toponomastik genau genommen nicht »auf Null«, sondern »auf Tolomei« gestellt.

Siehe auch:

Faschismen Minderheitenschutz Ortsnamen Politik Recht Zentralismus | | Enrico Letta Ettore Tolomei Francesco Palermo Mario Monti Matteo Renzi Roberto Bizzo | | Südtirol/o | Land Südtirol Lega PD&Co. PDL&Co. SVP | Deutsch

So geht mehrsprachiger Ausweis.

Seit Jahren warten wir in Südtirol auf den elektronischen Personalausweis im Scheckkartenformat, weil der italienische Nationalstaat nicht imstande ist, eine gleichberechtigt mehrsprachige Fassung zu entwickeln, die auch die deutsche Sprache berücksichtigt. Vom Ladinischen ganz zu schweigen.

Dass Identitätskarten in der Schweiz fünfsprachig sind, hatten wir hier schon beschrieben.

Hier nun aber ein Blick nach Belgien, wo man sich für eine andere Lösung entschieden hat: Anstatt einer Vorlage, die alle Amtssprachen berücksichtigt, gibt es dort jeweils eine niederländische (flämische), französische und deutsche Fassung der Ausweise:

So wie in Italien sind die Informationen darüberhinaus ebenfalls noch auf Englisch (also Niederländisch/Englisch, Französisch/Englisch bzw. Deutsch/Englisch) angeführt. Lediglich der Landesname (Belgien/Belgique/België/Belgium) und die Bezeichnung des Ausweisdokuments (Personalausweis/Carte d’Identité/Identiteitskaart/Identity Card) sind viersprachig.

Dasselbe gilt nicht nur für die sogenannte Kids-ID, dem Kinderausweis, sondern auch für die Aufenthaltsdokumente Zugewanderter:

Mit einer ähnlichen Lösung ließe sich das Sprachproblem auch in Südtirol in den Griff bekommen, wenn die Staatsbetriebe schon außerstande sind, mehrere Sprachen gleichberechtigt auf einer Plastikkarte unterzubringen.

Beim Reisepass übrigens geht Belgien den Schweizer Weg: Er ist gleichberechtigt viersprachig.

Siehe auch:

Bürokratismus Comparatio Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Service Public Vorzeigeautonomie | Best Practices Bilinguismo negato | | | Belgien Ostbelgien | | Deutsch

ISOV: Die Überschwemmung.

Seit ich mich vor rund einer Woche beim Vergabeportal des Landes registriert habe, wird mein Postfach mit Emails zu irgendwelchen Ausschreibungen geflutet, auch wenn ich dazu keinerlei Interesse bekundet habe. Das heißt: Ich kriege nicht nur Mitteilungen über neue Verfahren, die ich dann abonnieren könnte oder auch nicht — sondern zu jedem laufenden Pupsverfahren meines Fachbereichs (oder was die Plattform für meinen Fachbereich hält), einschließlich »Antworten auf Erklärungsanfragen«, »Erläuterungen«, »Richtigstellungen« u.v.m. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Was dabei auffällt, ist, dass sämtliche Mails der folgenden Vorlage entsprechen:

[Vorname Nachname] ([Behörde/Amt]) ti ha inviato un messaggio sul sistema di acquisti telematici della Provincia Autonoma di Bolzano

Gara di riferimento: [Name der Ausschreibung]

Ente committente: […]
Stazione appaltante: […]
Gara: […]

Auftrag gebendes Amt: […]
Vergabestelle: […]
Ausschreibung: […]

[Inhalt der Mitteilung]

———–

Per rispondere a questa comunicazione effettuare il login sulla piattaforma all’indirizzo https://ausschreibungen-suedtirol.it

Der von mir gelb hinterlegte Teil ist immer einsprachig. Aber ist es wirklich möglich, dass in all den Jahren, seit das Portal inzwischen existiert, niemandem aufgefallen ist, dass die Emailvorlage großteils einsprachig ist? Haben sich die Verantwortlichen das Ding auch nur einmal angeschaut? Und wie kommen sie dazu, einem Betreiber, der die vorgeschriebene Zweisprachigkeit so eklatant missachtet, den Führungsauftrag im Wert von über einer Million Euro zu verlängern?

Siehe auch:

Bürokratismus Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Service Public Tech&Com Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen | Bilinguismo negato | | | Südtirol/o | Land Südtirol | Deutsch Italiano

Messe Bozen: Klima nazionale.

Neulich, anlässlich der diesjährigen Klimahausmesse. Pardon: Klimahouse.

Kostenlose Eintrittskarten können nur noch online eingelöst werden. Begebe mich also auf die Homepage der Messe: messebozen.it. Und werde prompt auf fierabolzano.it weitergeleitet. Einen Gast-Checkout gibt es nicht, also bin ich gezwungen, ein neues Konto anzulegen.

Das sieht dann unter anderem so aus:

Deutsch ist hier nach Italienisch und Englisch immerhin noch drittgereihte Sprache (oben rechts) und bei den Ortsnamen wurde einfach die Situation der 1920er Jahre ins digitale Zeitalter gerettet. Nett.

Auch für eine Übersetzung der Ticketbezeichnung hat es offenbar nicht gereicht.

Die Messe Bozen gehört zu 62% dem Land Südtirol, zu 21% der Region Südtirol-Trentino, zu 5% der Stadtgemeinde Bozen.

Siehe auch:

Minderheitenschutz Nationalismus Ortsnamen Plurilinguismo Service Public Sprachpfusch Tech&Com | Bilinguismo negato Italianizzazione | | | Südtirol/o | Land Südtirol Region Südtirol-Trentino | Deutsch

Minderheitensituation in Israel.
Vortrag heute in Bozen

Im Anschluss an die Generalversammlung der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft | politika findet heute Freitag, 2. Februar 2019, ab 19.30 Uhr im Alten Rathaus in Bozen ein Vortrag von Cecilia Gialdini zu Bildungs- und Identitätspolitik von Minderheiten am Beispiel der Palästinenser in Israel statt. Der Vortrag ist in italienischer Sprache.

Bildung Minderheitenschutz Politik Termin Wissenschaft | | | | Südtirol/o | politika | Deutsch

Salvare la lingua normanna.

Il presidente della Normandia, Hervé Morin, ha annunciato un piano regionale per la rivitalizzazione della lingua normanna. A tale scopo, innanzitutto, sarà realizzato uno studio sociolinguistico per conoscere la situazione reale dell’idioma — giudicato in serio pericolo di estinzione dall’UNESCO e parlato da non più di 30.000-100.000 individui, secondo le stime più attendibili.

Al contempo Morin, ex ministro del governo Fillon e capo del partito Les Centristes, intende avviare l’insegnamento del normanno nelle scuole dell’obbligo della sua regione.

Queste le iniziative immediate, mentre farebbero parte del piano regionale anche l’introduzione di fondi per la segnaletica bilingue e la creazione di un’Accademia della lingua normanna, incaricata di portare avanti iniziative di normalizzazione e diffusione linguistica.

L’opposizione socialista ha fatto sapere di non condividere la proposta del presidente Morin, in quanto vi sarebbero altre priorità, e più urgenti, per esempio sul piano sociale.

Oggi il normanno ha status ufficiale solamente sull’isola autonoma di Jersey nel Canale della Manica.

Vedi anche:

Minderheitenschutz Politik Scola Wissenschaft | Good News | | | Normandie | UNESCO | Italiano

Die Kurden Syriens und der Westen.
Jahrtag des Angriffs auf Afrin

von Thomas Benedikter

Am 20. Jänner 2018 hat die türkische Armee, unterstützt von syrischen Dschihadistenbanden, die kurdisch-syrische Grenzregion Afrin angegriffen und nach zwei Wochen Krieg erobert und besetzt. Vor wenigen Tagen hielten die GfbV und Kurdenvereine in aller Welt Mahnwachen dazu ab. Seitdem hält das Erdoğan-Regime mithilfe dieser Milizen Afrin nicht nur besetzt, sondern betreibt mit Nachdruck ethnische Säuberung. Durch unzählige Gewaltakte werden die kurdischen Bewohner vertrieben, syrische Dschihadisten machen sich breit. Den kurdischen Bauernfamilien wird Land, Hof und Eigentum geraubt, öffentliche Infrastruktur zerstört, das kurdische Kulturgut arabisiert. Bis 2011 waren gut 95% der etwa 350.000 Bewohner von Afrin Kurden, die Region war in Syrien auch bekannt als „Kurdax“ oder „Çiyayê Kurmênc“, was so viel bedeutet wie „Kurdische Berge“. Jetzt verpflanzt die türkische Okkupationsmacht die Angehörigen der syrisch-arabischen Milizen nach Afrin, baut Militärlager auf, verdrängt die verblieben Kurden. Laut einem Memorandum der GfbV sind mindestens 32 Schulen zerstört und 318 weitere geschlossen worden. In der Öffentlichkeit darf nur mehr Arabisch gesprochen werden, alles Kurdische ist aus den noch funktionierenden Schulen verschwunden. Straßennamen werden arabisiert, der Hauptplatz von Afrin-Stadt heißt jetzt „Erdoğan-Platz“. Der Alptraum der Südtiroler in den 1920er Jahren spielt sich derzeit im Zeitraffer und weit brutaler in Afrin ab, mit einem wesentlichen Unterschied: die Türkei hat diese Region in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg besetzt.

Die wenigsten westlichen Staaten haben vor einem Jahr gegen dieses Unrecht protestiert. Die EU drückte mit einigen Zeilen der Außenbeauftragten Mogherini „ihre Besorgnis“ über das Vorgehen der Türkei aus. In Deutschland stritt man sich darüber, ob jetzt tatsächlich die Nachrüstung für die von der Türkei eingesetzten Leopard II-Panzer ausgesetzt werden müsse. Die Schurken in Damaskus und Moskau freuten sich darüber, dass die Kurden im Norden Syriens geschwächt und gemaßregelt werden, obwohl die Türkei dabei syrisches Staatsgebiet besetzte. Dabei haben sich die Kurden im Norden Syriens nie von Syrien abgespalten, sondern sogar hunderttausende Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen. Die USA rührten keinen Finger, für die NATO war es kein Problem, dass ein NATO-Mitglied über eine friedliche Nachbarregion herfiel, tausend Menschen ermordete und 250.000 vertrieb. Interessant auch der Unterschied im Verhalten der EU und des Westens im Fall der Krim-Annexion 2014 und der Afrin-Invasion 2018. Während die Verletzung der Souveränität der Ukraine durch Russland mit Sanktionen geahndet wurde, blieb Europa dem völkerrechtswidrigen Handeln des EU-Beitrittskandidaten und NATO-Mitglieds Türkei gegenüber völlig passiv.

Diese Passivität des Westens, der EU und der USA, arbeitet natürlich Erdoğan, Putin und Assad in die Hände. Die Türkei will die demokratische Föderation Rojava-Nordsyrien als Ganze vernichten und eine dauerhafte Pufferzone zwischen Syrien und der Türkei einrichten. Das Assad-Regime will mit Unterstützung der Russen möglichst das ganze Staatsgebiet wieder unter seine Kontrolle bringen und jede Form von demokratischer Autonomie in Teilgebieten beseitigen. Der IS, von der Türkei lange genug geduldet oder gar gefördert, ist von den kurdischen Selbstverteidigungskräften Rojavas am Boden besiegt worden. Zum Dank dafür werden sie von der Trump-Administration jetzt im Stich gelassen. Der Truppenabzug der USA aus Rojava ist eine Einladung an die Türkei, den nächsten Aggressionskrieg zu starten, denn in Afrin hat die „Staatengemeinschaft“ schon bewiesen, dass ein derartiger Angriffskrieg keine Folgen für den Aggressor haben wird. Erdoğan kann sich sicher fühlen.

Mit der Invasion der multiethnischen, demokratischen Autonomen Region in Nordsyrien kann man auch die Hoffnung auf ein föderales, demokratisches Nachkriegs-Syrien abschreiben. An Afrin und dem drohenden Angriff der Türkei auf Rojava-Nordsyrien, auf den die EU genauso wenig reagieren wird, lässt sich die Ausrichtung der europäischen Außenpolitik im Nahen Osten bemessen. Frieden und Stabilität, Demokratie und Minderheitenschutz, Schutz der Zivilbevölkerung und der Menschenrechte: oft nehmen die Staatschefs der EU diese Worte in den Mund. In Afrin und Rojava erweist sich, worum es dabei geht: leeres Geschwätz.

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Team K. für einsprachige Ärztinnen.
Zweisprachigkeitspflicht soll aufgehoben werden

Laut einem Bericht, der letzten Samstag in der Südtirolausgabe des Corriere (C’AA) erschienen war, sollen inzwischen 220 Ärztinnen des öffentlichen Gesundheitswesens keinen Zweisprachigkeitsnachweis haben, davon 95 im Gesundheitsbezirk (GB) Bozen, 57 im GB Meran, 39 im GB Brixen und 29 im GB Bruneck. Binnen drei Jahren ab ihrer Anstellung sollen sie den nötigen Zweisprachigkeitsnachweis nachholen, doch die nationalistische Ärztinnengewerkschaft Anaao übt bereits großen Druck aus, um diese Frist auf fünf Jahre zu verlängern.

Dazu kommen dem C’AA zufolge noch insgesamt 140 freiberuflich Angestellte (18 in Bozen, 40 in Meran, 60 in Brixen und 22 in Bruneck), die meist auch nicht über die nötigen sprachlichen Voraussetzungen verfügen. Deshalb schätzt das Blatt, dass bereits rund ein Drittel der Ärztinnen ohne den entsprechenden Nachweis sind.

Erstaunliches fordert dem C’AA zufolge das Team Köllensperger, nämlich die Aufhebung der Zweisprachigkeitspflicht gerade im hochsensiblen Gesundheitsbereich. Anstatt endlich auf griffige Maßnahmen zu setzen, um die sprachlichen Kompetenzen zu verbessern, soll das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden.

Zum Vergleich: Die Mehrsprachigkeitsstrategie im diesbezüglich nachahmenswerten Finnland nennt die Sicherheit (Polizei…) und das Gesundheitswesen als die zwei besonders sensiblen Bereiche, in denen die finnisch-finnische Zweisprachigkeit ganz besonders zu gewährleisten sei, und zwar nach Möglichkeit nicht nur in zweisprachigen, sondern sogar in ansonsten einsprachigen Gebieten.

Laut Astat-Sprachbarometer sind aber in Südtirol genau diese beiden Bereiche am stärksten dafür verantwortlich, dass den Bürgerinnen ihr Recht auf Gebrauch der Muttersprache verwehrt wird.

Siehe auch:

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