Spieglein, Spieglein…

Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel widmet dem Südtiroler Separatismus in seiner dieswöchigen Ausgabe einen doppelt einseitigen Bericht: Eine Seite lang und einseitig recherchiert. Um nicht zu sagen: Einfach nur schlecht recherchiert.

  1. Der Separatismus wird vor allem auf die Wirtschaftskrise zurückgeführt. Dabei ist das Wiedererstarken des Sezessionswillens schon seit der Zeit vor 2007 zu beobachten.
  2. Der Unabhängigkeitswille wird auf das europäische Nord-Süd-Gefälle heruntergebrochen, was m.E. völlig an der Realität vorbeiführt (genauso wie die Deutschen nicht für Griechenland zahlen wollen, wollen die Südtiroler angeblich nicht für Italien zahlen).
  3. Der Separatismus wird mit einem Rechtsruck gleichgesetzt, obschon dieser Wille an und für sich unideologisch ist.
  4. Es ist von römischen Kürzungen in Höhe von 120 Millionen Euro die Rede, was nur ein Bruchteil des tatsächlichen Betrags ist.
  5. Die begriffliche Schlamperei (Vollautonomie, Freistaat…), die uns aus der Südtiroler Diskussion bekannt ist, wird — auch vom »Qualitätsmedium« — unkritisch übernommen.

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21 replies on “Spieglein, Spieglein…”

…fast hätte ich es mir gedacht. Als ich heute Morgen im Radio vom Spiegel-Artikel gehört habe, fürchtete ich schon, dass wieder einmal was schlecht Recherchiertes rauskommt. In der ganzen Diskussion stecken so viele Vorurteile und Halbwahrheiten drinnen, dass man sich fragt, wo das Ganze hinführen soll.
Thomas Widmann scheint nun auch auf diesen Zug aufgesprungen zu sein, allerdings nur aus der Sicht des Geldes, Sparen ist angesagt, wie immer ohne klare Visionen und Ziele.

Der Spiegel hat eine ehemalige ff-Redakteurin einen Aufsatz schreiben lassen. Als Mittelschullehrer hätte ich dafür ein Ungenügend erteilt, aber für den Spiegel hat es gereicht – traurig, wie tief dieses ehemalige Nachrichtenmagazin gesunken ist. Die Lorberen aus der Zeit der Spiegel-Gefechte mit Franz Josef Strauß sind längst verwelkt, heute muss man sich mit der Bild als Konkurrenz herumschlagen.

Ich konnte heute nur einen kurzen Blick reinwerfen, und jetzt, wo ich die oben genannten Punkte lese, fallen mir auch die Schwachstellen des Artikels stärker auf. Am meisten überrascht hat mich aber, dass der Artikel (so ich mich denn recht erinnere) von Alexandra Aschbacher geschrieben wurde, einer ff-Redakteurin.

Dass der Artikel von Alexandra Aschbacher stammt, hatte ich wiederum nicht bemerkt. Asche über mein Haupt. Es erklärt aber so manches — etwa, dass offensichtlich nicht die eines Qualitätsmediums würdige Recherche dahintersteckt, sondern die aus Südtirol bekannten Fehler und Pauschalisierungen übernommen wurden. Wen wundert’s?

Stimme dem Artikel von pérvasion zu.
Zu Punkt 3 noch einige Anmerkungen:Die Südtiroler Freiheitlichen, die für die Selbstbestimmung kämpfen sind Mitte-Rechts (oder rechtskonservativ), die SNP, die sich in Schottland für einen schottischen Staat stark macht ist hingegen linksliberal. Ebenso ist die “Republikanische Linke Kataloniens” eine Partei, die nach staatlicher Unabhängigkeit strebt. Ich glaube daß der Begriff von manchen unkritisch als Totschlagargument verwendet wird (mangels anderer Argumente). Das Bedauerliche ist, das eine renommierte Zeitung wie der Spiegel dies einfach übernimmt. Spiegel-Leser wissen eben nicht immer mehr… Ich werde mir morgen den Spiegel kaufen, damit ich den Artikel besser beurteilen kann, nach dem was andere hier sagen scheint er aber keine journalistische Glanzleistung zu sein.

… es gilt wohl weiterhin kühl zu bleiben und nach weiteren Möglichkeiten Ausschau zu halten: die Schlagworte wie Freistaat, Selbstbestimmung, Vollautonomie und “Loskauf” haben sicher nichts mit Rechts zu tun, trotzdem sehe ich eine weitere Option. – Warum nicht laut darüber nachdenken, ob wir als EuropaRegion (oder als Teil davon) nicht darauf spekulieren dürfen, sich Europa direkt zu unterstellen!
– Europa der Regionen als Variante für Regionen welche sich nie in einer Nation heimisch fühlten und fühlen!

Ich muss mir den Artikel noch einmal gut durchlesen, um den arg vituperierenden Worten des Hartmuth Staffler nicht doch zu widersprechen (Frau Aschbacher hat nämlich für die ff auch sehr gut recherchierte Artikel geschrieben).
Wen man wirklich sehr empfehlen kann ist Reinhard Olt von der FAZ: Glänzend informiert und kenntnis- bis nuancenreich geschriebene Beiträge über Südtirol, und das schon seit Jahrzehnten.

Aschbacher…kenne ich als eine sehr einseitig recherchierende Journailstin, hatte persönlich schon einmal die Erfahrung gemacht. Arbeitete oft auch als Moderatorin bei “grünen” Veranstaltungen mit…kann mir deshalb nicht vorstellen, dass ihre Berichterstattung zu diesem Thema ausgewogen ist.

Soeben durchgelesen…Herr Staffler hatte wohl doch Recht!
M. E. die krasseste Passage des Artikels: ”Was sich in Italiens nördlichster und reichster Provinz ereignet, folgt einem Leitmotiv der Eurokrise: Der reiche Norden mag nicht für den armen Süden zahlen. In Südtirol stand diese Haltung in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Motto ’Los von Rom’ – und galt zuletzt als ebenso überholt wie die Vorurteile der Nord- und Südeuropäer, welche die Krise jetzt zutage fördert.”

Was allein schon in diesem Teil für versteckte und horrend falsche Annahmen getroffen werden: Erstens spielt, wie pérvasion schon schreibt, das stereotype Nord-Süd-Gefälle — innerstaatlich, und Südtirol betreffend — in dieser Finanzkrise eher keine Rolle, weder wirtschaftlich, noch politisch (werden denn die Schulden in der, dank der Zeitumstände wiedererstarkenden Logik der Nationalstaaten, nicht hauptsächlich als jene des Zentralstaates wahrgenommen?). Zweitens wird hier suggeriert, die historische ”Los von Rom”-Bewegung habe ähnliche Triebkräfte gehabt wie die heutigen Unabhängigkeitsbewegungen, nämlich ausschließlich pekuniäre, wo doch erstes nachweislich falsch ist und zweiteres arg verkürzend daherkommt. (Unabhängig davon, wie man zu STF & Co. steht: ihr Programm lässt sich nicht nur auf diesen einen Punkt begrenzen). Drittens schließlich: In den fünziger und sechziger Jahren waren wir so arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus, ärmer noch als Venetien, Friaul oder auch das Trentino, die erst später ihren rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben. Aus welchen Gründen kann man da für beide Zeitabschnitte vom ”reichen Norden” sprechen, wie es der Artikel tut?

Aschbacher entspricht hier voll und ganz dem klischeebeladenen Südtirolbild des ”Spiegels”: ”Im Kern geht es um Geld” — so als ob sich die ”reichste Provinz Italiens” und weltbeste Autonomie eitlen Luxussorgen hingeben würde. Was ist aber mit den zahlreichen Kompetenzen, Gesetzen und Zuständigkeiten, die tagtäglich von Rom beschnitten, abgewiesen oder geschwächt werden? Nur das ”Landesjagdgesetz” findet Erwähnung, und dann auch noch als drolliges Präludium, um auf des Landeshauptmannes Weidmannspassion hinzuweisen. Dass — wie mir ein Jäger bestätigte — diese römische Einmischerei an der Realität unserer alpinen Breitengrade ziemlich vorbei geht und auch alles andere als lustige Konsequenzen zeitigen könnte, interessiert dabei ganz und gar nicht. Höchst ärgerlich das ganze.

Habe den Artikel soeben durchgelesen. Die obigen Kommentare treffen leider die Befürchtungen. Es handelt sich um einen sehr schlecht geschriebenen Aufsatz, der mehr ideologisch gefärbte Meinungen der Journalistin Aschbacher wiedergibt, als interessante Hintergründe über die erstarkten Unabhängigkeitsbestrebungen in Südtirol.
Der “Aufsatz” ist einfach gestrickt. Einleitung: alpiner Widerstand, wenn es um die Jagd geht. Passt gut ins alpenländische Heimatfilm-Klischee. Danach Übergang zu den harten Fakten. “Im Kern geht es ums Geld”. Die Autorin verhaspelt sich dabei glatt um eine 10er Potenz, verdient sich also auch im Teilbereich Mathematik ein Ungenügend. Der Bezug zu den 60er Jahren ist dabei, so wie Beppi schon vorzüglich aufzeigt, grober Unfug. Die wirtschaftlichen Abhandlungen werden mit Parallelen zur Eurokrise gewürzt. Darunter kann sich der Spiegel Leser wohl etwas vorstellen.
Schlussendlich kommt dann der Politologe Pallaver zu Wort. Seine pauschale Erklärung, dass es sich beim Unabhängigkeitsstreben in Südtirol wohl generell um einen Rechtsruck handelt, ist ebenso (links)populistisch, wie die Aussagen bestimmter Parteien (rechts)populistisch sind. Wissenschaftlich sind seine Feststellungen nicht. Vielleicht könnte Herr Pallaver, seine “wissenschaftlichen” Analysen auch in die Richtung erweitern und die Rolle der Südtiroler Mittelinks Parteien beleuchten. Etliche WählerInnen von Parteien, wie STF bzw. den F wählen diese Parteien nämlich nicht aufgrund des überzeugenden Programms, sondern aufgrund der gähnenden Leere im Mitte/Links Spektrum, besonders wenn es um das Verhältnis Südtirol – Rom geht.
Diese Aspekte bleiben, wie andere interessante Entwicklungen, im Artikel völlig unberücksichtigt. Beispielsweise, dass das Thema Unabhängigkeit mittlerweile auch in Kreisen en vogue ist, die mit dem Thema nie in Verbindung gebracht wurden und werden, wie ökologisch Interessierte, AkademikerInnen, linksliberale BürgerInnen usw. Dies aufzuzeigen passt wohl nicht ins ideologische Weltbild von Frau Aschbacher – damit unterscheidet sie sich auch recht wenig von ihrem früheren Arbeitgeber, dem Wochenmagazin ff.

@ niwo

ich stimme dir zu, dass eine automatische verquickung von unabhängigkeitsbestrebungen und rechter gesinnung nicht zulässig ist.

es stimmt aber sehr wohl, dass man von einem rechtsruck sprechen kann, wenn die freiheitlichen ihren stimmenanteil in den vergangenen paar jahren vervielfachen konnten.

und auch ist es (leider) so, dass das selbstbestimmungsthema sehr stark mit nationalistischen argumenten befeuert wird.

und auch ist es (leider) so, dass das selbstbestimmungsthema sehr stark mit nationalistischen argumenten befeuert wird.

Was der Sache alles andere als dienlich ist.

Ich hoffe, dass auf diesen unsäglichen Artikel in einem Leserbrief an die Redaktion oder im Forum eingegangen wird und die gefährliche Argumentation angeprangert!
Das hätte den Vorteil, das die Veröffentlichung eines Kommentars gleichzeitig Publicity für den Blog bedeuten würde.

Die Süddeutsche geht übrigens, zumindest bei der Wortwahl, keinesfalls differenzierter zu Werke. In einem Artikel, den ich vor kurzem auf der Homepage gelesen hatte, war von “den Norditalienern” geschrieben worden.

Bei aller gebotenen Vorsicht, doch vermag ich mir nicht vorzustellen, dass der Artikel alleine auf Alexandra Aschbacher zurückgeht. Wie schon gesagt, ich kenne auch andere Texte von ihr und fand diese stets kenntnisreich verfasst. Und dieser Spiegel-Artikel weist einfach zu viele, sowie zu grobe Fehler auf, als dass er von einer Südtiroler Journalistin stammen könnte (schon allein dass Wiedmann als “Minister” bezeichnet wird fällt auf, oder ist dies ein Zugeständnis an den bundesdeutschen Stammleser?).
Gut möglich wäre es ja, dass das Manuskript ursprünglich länger gewesen ist, und irgend ein Redakteur des Hamburger Magazins Kürzungen und Veränderungen vorgenommen hat (?).

Dass der Tommy Widmann als Minister bezeichnet wird, ist kein Fehler, sondern entspricht dem bundesdeutschen Sprachgebrauch und ist des besseren Verständnisses wegen durchaus zu rechtfertigen. Auch glaube ich nicht, dass man sich beim Spiegel die Mühe gemacht hat, den Artikel wesentlich zu verändern oder zu kürzen. Die Länge wird vorgegeben und daran hat sich der Autor zu halten. Wohl aber ist hier die berühmte Schere im Kopf in Aktion getreten, die dazu führt, dass ein Journalist genau das schreibt, was man sich von ihm erwartet bzw. was er als Erwartung vermutet. Er bzw. sie will ja gelobt werden, nicht etwa informieren. Schade ist nur, dass Frau Aschbacher nicht das hervorragende Spiegel-Archiv in Anspruch genommen hat. Da hätte sie auch noch etwas lernen können, zum Beispiel aus der Spiegel-Titelgeschichte vom 5. Oktober 1955 zum Thema Südtirol. Im Vergleich zur schwachsinnigen Diskussion auf Spiegel-Online über Markus Lanz als möglichen Nachfolger von Thomas Gottschalk ist der Südtirol-Artikel von Frau Aschbacher aber geradezu intellektuell hochstehend. BRD-Alleinvertretungsanspruch und Nationalstaatsdenken haben dazu geführt, dass man Lanz, weil aus Südtirol kommend, durchwegs als “Italiener” einstuft.

Dass wir im – vor allem auch deutschsprachigen – Ausland als Italiener wahrgenommen werden, liegt wohl auch daran, wie dort Volksmusikgruppen und Schlagersternchen aus Südtirol auftreten und dabei einen mediteranen Flaire zu versprühen und Liedtexte singen die mit italienischen Vokabeln gespickt wurden.

Was Markus Lanz angeht möchte ich ihn gerne mit Sean Connery vergleichen. Dieser bekennt offen und stolz Schotte zu sein und tretet in einer sympatischen Weise für die Unabhangigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich ein.

Ich verlange jetzt von Markus Lanz nicht, dass er sich als brennender Beführworter von der Loslösung von Italien bekennt, aber mindestens dass er bewußter zu seinen Wurzeln steht, wäre wohl zumutbar.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich Lanz, nur um den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, auch als Norditaliener aus dem Hochetsch bezeichnen lassen würde.

Natürlich wäre es schön, einen Botschafter wie Sean Connery zu haben… doch das ist nunmal nicht der Fall. Grundsätzlich neigen Südtiroler im Ausland dazu, sich als Italiener zu bezeichnen.

Markus Lanz hat seine Herkunft jedoch meines Wissens noch nie verleugnet, und seine politischen Ideen sind selbstverständlich nur seine persönliche Sache.

BRD-Alleinvertretungsanspruch und Nationalstaatsdenken haben dazu geführt, dass man Lanz, weil aus Südtirol kommend, durchwegs als ”Italiener” einstuft.

Es ist einfach, immer in Deutschland die Schuld zu suchen, wir sind eben keine “brava gente” wie Sie in Italien.

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