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Was der Uluru kann, kann Urtijëi schon lang.

Hiesige Touristiker und “Marketingexperten” behaupten, dass sich die italienischen Übersetzungen der Südtiroler Ortsnamen im nicht-deutschsprachigen Ausland besser vermarkten ließen, da sie schöner klängen und leichter auszusprechen seien. Demnach müsste man der australischen Regierung wohl Schwachsinn attestieren. Diese hat nämlich in den 1990er-Jahren beschlossen, die 120 Jahre alten und weltbekannten Namen Ayers Rock und Olgas aufzugeben und die roten Felsformationen im Zentrum des Kontinents von nun an Uluru und Kata Tjuta zu nennen. So bezeichnen nämlich die Anangu, seit Jahrtausenden die Ureinwohner der Region, diese ihnen heiligen Stätten. Aussprachetechnische Gründe wird die Maßnahme wohl keine gehabt haben. Den Australiern ging es vielmehr um Respekt und Authentizität. Sie wollten keine Mogelpackungen und kein imperialistisches Selbstverständnis mehr verkaufen. Wie lange dauert es bei uns wohl, bis man die Oberflächlichkeit ablegt und versteht, dass ein Ort in den Dolomiten Urtijëi heißen darf?

Siehe auch:
Comparatio Ortsnamen Wirtschaft+Finanzen | Best Practices | | | Ladinia Oceania | | Deutsch

30 replies on “Was der Uluru kann, kann Urtijëi schon lang.”

Erst vor wenigen Tagen wurde eine Studie des World Economic Forum (WEF) veröffentlicht, laut der die Schweiz im Tourismus weltweit den ersten Platz einnimmt (Italien: Platz 27). Obwohl jeder Schweizer Kanton einen historisch gewachsenen (!) italienischen Namen hat, haben die Eidgenossen noch nie geglaubt, ihre Destinationen etwa im angelsächsischen Raum als Basilea City, Zurigo region oder San Gallo vermarkten zu müssen. Sie setzen auf Authentizität: Genève, Neuchà¢tel, Zürich oder eben Ticino. Scuol, Zuoz oder S-chanf benützen — kaum zu glauben! — sogar ihre rätoromanischen Bezeichnungen, während man hierzulande der Meinung ist, nur noch als Val Gardena, Alta Pusteria, Carezza oder Colfosco bestehen zu können, und damit eine wirklich traurige Figur abgibt. Warum lernt Südtirol nicht von den besten? Warum glauben »wir« immer, nur durch Anbiederung und Fälschung zu punkten?

Neulich war auch ein Artikel über Kitzbühel in der ff, das touristisch wesentlich mehr Glanz ausstrahle, als die Top-Destinationen in Südtirol. Vielleicht sollten unsere Fachleute mal nach Nordtirol fahren und sich ansehen, wie man dort viel erfolgreicher wurde, ohne sich in »Colle Cervo« umtaufen zu müssen.

Der letzte Streich wurde gestern publik: Auch in den USA glaubt unsere Export-Organisation (EOS) nur durch Selbstverleugnung (als Alto Adige — Wines of the Italian Alps) erfolgreich werden zu können. Zu diesem Thema hatte ich schon einmal einen Artikel verfasst. Dass dadurch der Synergie-Effekt der Dachmarke ad absurdum geführt wird und Südtirol im harten weltweiten Kampf seine Kräfte auf zahlreiche unterschiedliche Bezeichnungen (Südtirol, Alto Adige, Bolzano province) verteilt, fällt doch jedem Schüler auf.

Den Australiern ging es vielmehr um Respekt und Authentizität. Sie wollten keine Mogelpackungen und kein imperialistisches Selbstverständnis mehr verkaufen.

In unseren Hochglanzprospekten schwadronieren unsere Marketingexperten ja auch gerne von Tradition, Kultur, Geschichte und Authentizität – soweit sind sie noch nicht gekommen, dass ein geschichtlich gewachsener Name auch etwas mit diesen Themen zu tun hat. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

@ niwo
australien hat auch noch einen langen weg vor sich, die grausamkeiten der vergangenheit auszubügeln (stichwort: stolen generation usw.) wobei es zynischer weise genau diese „stolen generation“ ist, die vielfach die aborigine-belange vorantreibt, da sie sich in beiden welten einigermaßen bewegen können.

wenn ich ganz exakt gewesen wäre, hätte ich in meinem artikel dazugeschrieben, dass es ihnen um respekt, authentizität und GESCHÄFT geht. denn die vermarktung der aborigine-kultur ist ein solches. zwar haben es auch einige ureinwohner geschafft, sich in diesem geschäft zu etablieren, meist aber preisen in den geschäften und auf den kulturtouren „weiße“ die ach so großartige kultur der ureinwohner an. einem großteil der stämme geht es – im gegensatz zu den maori in neuseeland – ausgesprochen dreckig. wenigstens ist das offizielle australien inzwischen hin und wieder bemüht, mehr als nur signale zu setzen (landrückgabe mit autonomie usw.). auch bei den olympischen spielen in sydney wurde den ureinwohnern der raum eingeräumt, der ihnen gebührt. und midnight oil durften „beds are burning“ spielen, welches sich ja inzwischen in kleinen teilen bewahrheitet hat:

The time has come
To say fair’s fair
To pay the rent
To pay our share

The time has come
A fact’s a fact
It belongs to them
Let’s give it back

How can we dance when our earth is turning
How do we sleep while our beds are burning

„Dieses Video enthält Content von Vevo. Dieser Partner hat das Video in deinem Land aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.“

?!?

komisch. bei mir geht’s. ich sitz zwar in südtirol, surfe aber über einen österreichischen internetanbieter. vielleicht liegt’s daran.
wie auch immer: der link ist lediglich das video zu „beds are burning“

Ich möchte mir nicht anmaßen, den Ladinern vorzuschreiben, wie sie ihre Tourismusdestinationen zu vermarkten haben. Das kann man nicht mit Australien vergleichen, wo es auch nicht die Ureinwohner sind, die vom Tourismus wirklich profitieren.
Bei uns sind es die Ureinwohner, die entscheiden, ihre Destinationen nicht in der eigenen romanischen Sprache, sondern in einer verwandten romanischen Sprache zu bewerben. Schlimm wäre es, wenn Berlusconi oder Durnwalder ihnen vorschreiben würden, wie sie es zu machen hätten.

Inbezug auf den Erfolg von Alta Badia und Gröden sowie auf den Gesamterfolg Südtirols im Tourismus möchte ich hinzufügen, dass dieser größer ist als jener der Schweiz, wenn man von der Fläche und Einwohnerzahl ausgeht und diese mit der Wertschöpfung vergleicht. Leider habe ich die Daten nicht digitalisiert bei der Hand.

@ 1hold
ich habe meinen artikel bewusst provokant formuliert und stimme dir, was australien angeht, zu – wie du auch aus meiner antwort an niwo erkennen kannst.

auch ich möchte mir nicht anmaßen, den ladinern zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.
ich finde es nur persönlich sehr schade, dass man sich entschieden hat, die kernidentität der region aus marketingtechnischen gründen zu verleugnen und eine der schönsten sprachen zumindest für den touristen verschwinden zu lassen. ich denke auch, dass es langfristig nicht zielführend ist, wenn man ein merkmal der unverwechselbarkeit aufgibt. denn es ist doch unverwechselbarkeit, was marketingmenschen immer suchen.
überdies bin ich überzeugt, dass auch innerhalb der ladinischen bevölkerung kein allgemeiner konsens besteht, dass diese vorgehensweise die richtige ist. wie es auch innerhalb der gesamtsüdtiroler bevölkerung widerstand gegen eine von den tourismusverantwortlichen betriebene vermarktung der weine des landes unter dem namen „alto adige“ gibt.

„Die Grödner“ und „die Gadertaler“ wurden ganz sicher nicht gefragt. Das erledigen in Südtirol „die Touristiker“ (=Oligarchen), obwohl es um ein Gut der ganzen Bevölkerung geht. Ladinisch ist nicht „eine romanische Sprache“, sondern eine autochtone, RÄTOromanische und schutzbedürftige Minderheitensprache, bei der auch assimilatorische und „autoassimilatorische“ Aspekte zu hinterfragen sind. Zugleich ist Italienisch nicht irgendeine „verwandte romanische Sprache“, sondern die übergeordnete Staatssprache, die allein deshalb einen zu hinterfragenden Druck ausübt. (Nebenbei sind Ortsnamen auch kein normaler sprachlicher Aspekt.)

@ finn
ich glaube ebenfalls, dass nicht „touristiker“ und „marketingexperten“ darüber zu befinden haben, wie ein ort heißt. da wird bestimmt vielfach über die köpfe der betroffenen hinweggefahren. du hast auch recht, dass namen nur bedingt als „sprachig“ bezeichnet werden könnten. einige der vermeintlich „deutschen ortsnamen“ in südtirol sind rätischen oder vielleicht sogar keltischen ursprungs.
du hast nicht recht, dass ladinisch keine romanische sprache ist. auch rätoromanische sprachen gehören zur sprachfamilie der romanischen sprachen.

Hallo H.K.! Du hast mich falsch verstanden bzw. ich habe mich nicht deutlich ausgedrückt: Ich wollte gar nicht sagen, dass Ladinisch keine romanische Sprache ist, sondern nur, dass es sich nicht um IRGENDeine romanische Sprache handelt. „Das Ladinische ist eine autochtone und schutzbedürftige romanische Sprache mit einigen rätischen (=keltischen) Elementen“. Besser?

@ Harald Knoflach
Ja, dann sehen wir die Sache ähnlich. Trotzdem möchte ich noch anfügen, dass die Tourismusvereine speziell in den Dolomitentälern eine breite Mitgliederbasis haben. Klar – über Ortsnamen sollten sie nicht entscheiden – das ist Sache der Politik bzw. des Volkes und seiner gewählten Vertreter.
Es ist aber nicht so, dass breit aufgestellte Vereine überhaupt gar keine „demokratische“ Legitimation haben. Speziell über Themen wie Tourismus-Marketing sollen sie durchaus entscheiden oder zumindest stark mitentscheiden dürfen. Bei Corvara wurde übrigens der ladinischen Bezeichnung der Vortritt gegeben. Ich finde es nicht so tragisch, dass die Ladiner das Thema locker sehen und pragmatisch argumentieren. Auch die Tourismus-Website alta badia.org zeigt z.B. viele Veranstaltungen, die ladinische Namen haben usw. – natürlich stehen Berge und Wintersport an erster Stelle, aber auch die kulturellen Eigenheiten werden durchaus betont.

Die Ladiner sehen das Thema nicht so locker. In Gröden wurde erst vor kurzem klammheimlich von einigen wenigen entschieden, nur mehr den Namen „Val Gardena“ mit dem Zusatz „Dolomites“ zu verwenden. Die Bevölkerung wurde nicht gefragt, und es sind viele Leute hier sehr verärgert darüber. Die meisten Grödner haben das aber noch gar nicht mitbekommen, und werden aus allen Wolken fallen. Und dann heisst es: „ach, das ist schon seit langem so; das wurde noch vom alten Ausschuss so entschieden; das können wir nicht mehr ändern…“ :-(

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