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Eine Frage zum Skandal um gefälschte Sprachzertifikate.

Autor:a

ai

Angesichts der sich ausweitenden Affäre um gefälschte Sprachnachweise zur Umgehung der Zweisprachigkeitspflicht im öffentlichen Dienst habe ich einigen Freunden und Bekannten privat in etwa diese Frage gestellt:

Wo sind die italienischen Politikerinnen und Intellektuellen in Südtirol, die diesen Skandal öffentlich verurteilen und als Unterminierung unseres Zusammenlebens benennen — und zwar, ohne im gleichen Atemzug die Abschaffung der Zweisprachigkeitspflicht zu fordern?

Ich stelle die Frage jetzt auch hier, weil mir niemand eine auch nur annähernd befriedigende Antwort geben konnte.

Natürlich ist die Frage rhetorisch. Und zugleich auch nicht, denn an einer Antwort wäre ich tatsächlich interessiert.

Niemand verlangt, dass alle italienischen Politikerinnen bestürzt reagieren, es muss noch nicht einmal die Mehrheit sein. Eine nennenswerte Minderheit wäre aber schön.

Dieses nahezu vollständige Schweigen finde ich allerdings unerträglich. Ich halte es für ein fatales Signal.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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3 responses to “Eine Frage zum Skandal um gefälschte Sprachzertifikate.”

  1. Kritiker avatar
    Kritiker

    Ich glaube, auf eine Reaktion wird man hier lange warten müssen. Denn – wie schon oft thematisiert – besteht in dieser Frage ein breiter Konsens: von ganz links bis ganz rechts, von oben bis unten innerhalb der italienischen Sprachgruppe. Ein Konsens, der wenig Interesse an echter Zweisprachigkeit erkennen lässt.
    Gefährdet erscheint das Zusammenleben dabei stets nur dann, wenn das Italienische nicht ausreichend berücksichtigt wird.
    Man könnte die Frage allerdings auch anders stellen – vielleicht weniger rhetorisch:
    Wer aus der deutschen Sprachgruppe (die ladinische lassen wir hier einmal außen vor) unterstützt diese Linie nicht ebenfalls?
    Zunehmend ist zu beobachten, dass selbst dort vor einer echten Zweisprachigkeit kapituliert wird. Die Minderheit schwächt ihre eigene Position, indem sie allzu oft das Narrativ der italienischen Mehrheit übernimmt – aus welchen Gründen auch immer.

  2. Tobias avatar
    Tobias

    Hier meine Eindrücke dazu:

    – Mitarbeiter mit italienischer Muttersprache empfinden die Zweisprachigkeitspflicht eh nur als lästiges Hindernis. Gleichzeitig sind sie sich bewusst, dass sie in der Praxis meist problemlos auf Deutsch verzichten können, da dies kaum sanktioniert wird und von deutschsprachigen Patienten oft resigniert hingenommen wird. Wenn sich die Möglichkeit bietet, diese Anforderung durch ein gefälschtes Zertifikat zu umgehen, wird davon mitunter Gebrauch gemacht – zumal sich die entsprechenden Kosten durch die Zweisprachigkeitszulage rasch amortisieren.

    – Führungskräfte und politische Entscheidungsträger wussten oder ahnten zumindest, dass die Zweisprachigkeitspflicht vielfach nur auf dem Papier erfüllt wird, teilweise durch fragwürdige oder gefälschte Nachweise. Dies wurde offenbar in Kauf genommen, da eine konsequente Durchsetzung den bestehenden Personalmangel weiter verschärfen würde. Dass in Bereichen wie dem Gesundheitswesen, bei der Post oder in anderen öffentlichen Einrichtungen im Arbeitsalltag häufig auf Deutschkenntnisse verzichtet wird, ist weithin bekannt – und dürfte auch den Verantwortlichen nicht entgangen sein. Dennoch fehlt es offenbar am politischen Willen zur konsequenten Umsetzung: Während manche italienischsprachige Politiker die Pflicht grundsätzlich infrage stellen, scheint sie für SVP-Verantwortliche eher ein formales Kriterium zu bleiben, dessen Einhaltung vor allem auf dem Papier betont wird.

  3. Andreas avatar
    Andreas

    Ich denke, dass die Sprachgruppen in Südtirol relativ getrennt voneinander aufwachsen und sich sozialisieren und dass man so vielleicht einen gemeinsamen Sinn füreinander und den (Minderheiten-) Rechten der deutsch- und ladinischsprachigen Menschen nicht ausbildet. Dies gilt meiner Meinung nach auch umgekehrt, also deutsch- und ladinischsprechende Menschen, die sich eher selten für Sprachrechte der italienischsprechenden Menschen einsetzen. Dazu sagen muss man, wenn man auch auf die Statistik des AfLB schaut, dass es fast keine Beschwerden bezogen auf die italienische Sprache gibt.
    Eindrücklich wurde mir das (erneut) gezeigt, als ich in einem Regionalzug saß und der Schaffnerin sagte, dass die Bahnhofsnamen auf Deutsch bei der automatischen Ansage falsch ausgesprochen werden. Daraufhin meinte sie zu mir, “does it bother you?”. Dabei dachte ich mir aber, dass es auch sie, als Beamtin “bothern” müsste – dem war aber anscheinend nicht so, aber wieso?

    Ich habe mir einige Facebook-Kommentare unter (italienischsprachigen) Posts durchgelesen, die die Fälschung von den Zweisprachigkeitszertifikaten thematiseren. Viele (fast alle) Kommentator:innen fordern die Abschaffung des Zweisprachigkeitsnachweises, da es doch egal sei, welche Sprache Ärzt:innen sprechen, hauptsache sie seien gut.
    Ich verstehe dabei aber nicht, wieso sich das eine (Zweisprachigkeit) und das andere (die Kompetenz) ausschließen sollen. Nur weil eine Person einen Zweisprachigkeitsnachweis besitzt, braucht sie ja trotzdem die restlichen Qualifikationen, um als Ärzt:in arbeiten zu können. Ferner belegen viele Studien, dass fehlerhafte Kommunikation (dazu gehört auch, dass man sich sprachlich nicht versteht) zwischen Ärzt:in – Patient:in für die meisten Behandlungsfehler verantwortlich ist.
    Teilweise findet man auch Kommentare, die zu bedenken geben, dass italienischsprechende Menschen, sich wohl kaum von nur deutschsprachigen Ärzt:innen behandeln lassen würden. Darunter tummeln sich Kommentare, dass Südtirol in Italien sei und dass man in Italien Italienisch spricht – wohl das einzige Argument, was noch bleibt?

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