WM: Ersatzkrieg wofür?

Nur noch wenige Tage, dann ist es wieder so weit: Wie jedes zweite Jahr bei Fußball-EM und -WM breitet sich quasi aus dem Nichts in Windeseile ein Tsunami anachronistischer und übersteigerter Nationalismen über uns aus. Zeitungen glorifizieren dann die Leistungen der jeweils »unseren« und verunglimpfen die der jeweils »anderen«. In Südtirol werden sich Politikerinnen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens deklarieren (müssen), als Italienerinnen oder Deutsche (pardon: Italien- oder Deutschlandfans) im nationalen Sinne, also über die Sprachgruppe hinaus. Viele, die das friedliche Zusammenleben predigen, Nationalismus, Patriotismus und Ethnizismus verachten, werden sich in Nationalfarben hüllen, sie auf ihren Körper malen, damit durch das Land fahren. Einige glauben gar, besser als »die anderen« zu sein, überlegen, oft nicht nur fußballerisch. Denn längst sind Fußball-Weltmeisterschaften ein Ersatzkrieg geworden, aber für Kriege die es sonst nicht gäbe, eine Art selbsterfüllende Prophezeihung. Dabei gibt man sich wohlwollend der Fiktion hin, eine Handvoll Überbezahlte, deren viele unsere (Grund-)Werte missachten, könnten eine »Nation« repräsentieren. Man nimmt in Kauf, dass ein Gastgeberland (wie Brasilien) Milliarden in neue Fußballstadien steckt, während die Bevölkerung hungert und sich keine Bildung leisten kann, oder dass der nächste Gastgeber (Katar) für den Bau seiner Infrastruktur ein mittelalterliches Ausbeutungssystem aufbaut.

Die Stadt Bozen drückt dem dualistischen Nationalismus noch ihren amtlichen Stempel auf: Die Spiele der Nationalteams von Deutschland und Italien dürfen über die Sperrstunde hinaus in voller Länge öffentlich gezeigt werden, aufgrund der Zeitverschiebung bis tief in die Nacht hinein. Kulturschaffende und Veranstalterinnen beklagen, ihnen verweigere man solche Ausnahmen fast systematisch — Nationalismus… ähm… Sport und Völkerverständigung haben eben Vorrang.

Die, die sich dem nationalistischen Wahn nicht hingeben wollen, müssen ebenfalls hoffen — dass es möglichst schnell und schmerzlos, ohne überflüssige Provokationen und ohne im Alltag große Spuren zu hinterlassen, vor allem eines: bald vorbei ist.

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