Kulturpolitik? Übernimmt Google.

Ortsnamen sind ein wichtiges Kulturgut, gerade für sprachliche Minderheiten, weshalb internationale Minderheitenschutzvereinbarungen fast immer auch das Recht auf eine unversehrte Toponomastik beinhalten. So zum Beispiel die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen.

Die Südtirol Marketing Gesellschaft (SMG) — die zu 100% dem Land Südtirol gehört, welches wiederum von der SVP geführt wird — übergibt das Kulturgut Ortsnamen hingegen in die Hände eines amerikanischen Konzerns. In einem Schreiben der SMG, das vorliegt, wird der Gebrauch der italienischen Ortsnamen in fremdsprachigen Texten (von Englisch über Niederländisch bis Polnisch) allen Ernstes so gerechtfertigt:

Als weltweit genutztes Mittel der Orientierung dient Menschen in ihren Herkunftsländern google beziehungsweise google Maps. Die Bezeichnung von Orten in Südtirol ist dort die Italienische.

Es ist erstens eine Umkehrung von Ursache und Wirkung, wenn man sich die Realität von denen diktieren lässt, deren Auftrag die Abbildung der Realität sein sollte. Eine Kapitulation der Politik. Zweitens stimmt gar nicht, dass die Bezeichnung von Südtiroler Orten bei Google Maps ausschließlich die italienische ist — längst beinhalten (auch dank diesem Blog) die Karten des Kolosses aus Mountain View sowohl die »deutschen«, als auch die »italienischen« Ortsnamen. Drittens und letztens dienen Ortsnamen im Zeitalter von GPS längst nicht mehr nur oder vorwiegend der Orientierung. Gerade Touristikern, die — wie wir wissen — gern von Authentizität schwafeln, sollte bekannt sein, dass Ortsnamen wesentlich mehr vermitteln, als nur eine geographische Lokalisierung. Ginge es uns nur darum, wäre es wohl wesentlich effizienter, Südtirols Gemeinden von eins bis 116 durchzunummerieren und Fraktionen und Straßen mit Unternummern zu versehen.

Gesetzlich ist die öffentliche Verwaltung dazu angehalten, die italienisch klingenden Namen, die vorwiegend im Faschismus erfunden wurden, im italienischsprachigen Amtsgebrauch zu verwenden. Die freiwillige Ausdehnung auf Drittsprachen in Berufung auf ein amerikanisches Unternehmen ist aber an Absurdität kaum zu überbieten.

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