Der Kasperl und der Pezibär.

Der österreichische Privatsender ATV wagte anlässlich der Bundespräsidentschaftswahl ein Experiment. Angelehnt an das Fernsehduell zwischen den Kanzlerkandidaten Bruno Kreisky (SPÖ) und Josef Taus (ÖVP) 1975 wurden Alexander van der Bellen und Norbert Hofer entgegen heutigen Gepflogenheiten ohne Vorgaben und ohne Moderator in ein leeres Studio an einen Tisch gesetzt. Dort hatten die beiden 45 Minuten Zeit, miteinander zu diskutieren.

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Nach anfänglichen Höflichkeiten lief die Diskussion bereits nach wenigen Wortwechseln komplett aus der Bahn. Van der Bellen zeigte Hofer unter anderem den »Scheibenwischer«, während Hofer wiederum van der Bellen aufforderte, lieber mit einer leeren Flasche zu diskutieren, da diese nicht zurücksprechen würde. Der Fremdschämfaktor war in diesem Moment bereits weit jenseits der erlaubten Grenzwerte. Ein Eindruck, den vor allem auch deutsche Medien bestätigten.

Im Nachhinein versuchten beide, Rechtfertigungen für ihr unglaublich kindisches und unprofessionelles Verhalten zu finden und machten alles nur noch schlimmer. Van der Bellen meinte tags darauf gegenüber dem Standard:

Die Sendung war ein Experiment, und es ist das herausgekommen, was sich viele aus der Medienwelt wünschen: eine Art Gladiatorenkampf. Dann fließt eben Blut – metaphorisch gesprochen. Und das wird auf einmal beklagt? Was haben Sie erwartet?

Hofer sagte bei einem weiteren gemeinsamen Auftritt mit van der Bellen auf Ö3:

Man darf nicht vergessen, dass auch Politiker Menschen sind, und wenn man eine innerliche Überzeugung hat und man diskutiert miteinander, dann kann es schon sein, dass auch Emotionen hochkommen.

Meine Herren, wenn es eine Kernkompetenz gibt, die ein Bundespräsident braucht, dann ist das diese: In angespannten Situationen kühlen Kopf bewahren. Van der Bellen und Hofer haben beide eindrucksvoll bewiesen und in der Folge offen zugegeben, dass sie über genau diese Kompetenz nicht verfügen. Zwei Bewerber für das höchste Amt im Staat sind nicht fähig, ohne Aufpasser eine zivilisierte Diskussion miteinander zu führen. Das ist der Befund, der vom ATV-Experiment bleibt. Dem Sender muss man für den erhellenden Einblick in die Psyche zweier potentieller Bundespräsidenten dankbar sein. Schade, dass ich meine Briefwahlstimme schon abgeschickt habe.

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