Zweitsprachstudie deckt grobe Mängel auf.

Wie es um die Zweitsprachkompetenzen an Südtiroler Oberschulen bestellt ist, hat die Europäische Akademie Bozen (Eurac) zusammen mit der Uni Trient und dem italienischen und deutschen Schulamt im Rahmen des sogenannten »Kolipsi-Projekts« [Studie: Band 1|2] untersucht. An der Erhebung haben in einem Dreijahreszeitraum rund 1200 Schüler teilgenommen. Die Studie entspricht den anerkannten Richtlinien des »Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen« (GERS) und ist damit auch im internationalen Vergleich aussagekräftig.

Das hier abgebildete Diagramm fasst das Gesamtergebnis zusammen: Fast ein Drittel (30,9%) der italienischen OberschülerInnen (!) kommt über das elementare Niveau A2 nicht hinaus und kann somit höchstens Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung).

Noch im sogenannten Schwellenniveau B1 sind die ItalienerInnen (46,7%) vor den SchülerInnen deutscher Oberschulen (44,2%) vertreten. Über dreimal so viele Deutsche (40,3%) wie ItalienerInnen (13%) schaffen anteilsmäßig die Stufe B2 und können somit auch komplexe und abstrakte Themen verstehen oder sich mit Muttersprachlern fließend verständigen.

Knapp elf Prozent der deutschsprachigen, aber nur 4,6% der italienischen SchülerInnen haben die zweithöchste Einstufung erreicht, welche dem GERS-C1-Kriterium entspricht. Dies bedeutet, dass sie ein breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen können. Außerdem können sie die Sprache im gesellschaftlichen und beruflichen Leben oder in Ausbildung und Studium wirksam und flexibel gebrauchen. Sie können sich klar, strukturiert und ausführlich zu komplexen Sachverhalten äußern und dabei verschiedene Mittel zur Textverknüpfung angemessen verwenden.

Anteilsmäßig fast zehnmal soviele SchülerInnen mit der Zweitsprache Deutsch (4,9%), wie solche mit der Zweitsprache Italienisch (0,5%) erreichen hingegen die höchste GERS-Stufe (C2) — »annähernd muttersprachliche Kenntnisse«.

Das Bild, das sich aus dieser Erhebung ergibt, ist für die Schaffung eines gesellschaftlichen Zusammenhalts in Südtirol sehr düster, besonders was die italienische SchülerInnenschaft betrifft. Und es ist anzunehmen, dass OberschülerInnen mitunter über die besten Zweitsprachkenntnisse verfügen — weil UniversitätsstudentInnen großteils in eine einsprachige Umgebung abwandern und die Sprachkenntnisse nach Verlassen der Schule auch sonst eher abnehmen dürften. Die Sprachpolitik dieses Landes erweist sich also als völlig unzureichend, die Grenzen zwischen den Sprachgruppen abzubauen. Zu diesem Zwecke rufen die Eurac-Forscherinnen auch die Institutionen auf, mehr Gelegenheiten für den Austausch zwischen den Sprachgruppen zu schaffen.


Das von der Eurac nachgezeichnete Szenario macht auch deutlich, warum das katalanische Schulsystem so erfolgreich ist: Es korrigiert nämlich zielgenau die hierzulande vorliegenden Unzulänglichkeiten. Auf Südtirol umgelegt hieße dieses Modell, ein einheitliches Schulsystem für Deutsche und ItalienerInnen zu schaffen, in dem ein stark asymmetrischer Immersionsunterricht zur Anwendung gelangt: Ein Großteil der Fächer müsste auf Deutsch, einige wenige auf Italienisch unterrichtet werden, und zwar für alle. Doch unsere Autonomie braucht die Beibehaltung und Reproduktion von ethnischer Trennung.

Siehe auch: [1] [2]