Zweitsprachstudie deckt grobe Mängel auf.

Wie es um die Zweitsprachkompetenzen an Südtiroler Oberschulen bestellt ist, hat die Europäische Akademie Bozen (Eurac) zusammen mit der Uni Trient und dem italienischen und deutschen Schulamt im Rahmen des sogenannten »KOLIPSI-Projekts« untersucht. An der Erhebung haben in einem Dreijahreszeitraum rund 1200 Schüler teilgenommen. Die Studie entspricht den anerkannten Richtlinien des »Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen« (GERS) und ist damit auch im internationalen Vergleich aussagekräftig.

Eurac-Studie.

Das hier abgebildete Diagramm fasst das Gesamtergebnis zusammen: Über ein Viertel der italienischen Oberschüler (!) kommt über das elementare Niveau A2 nicht hinaus, und kann somit nur Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung).

Noch im sogenannten Schwellenniveau B1 sind die Italiener (47%) vor den Schülern deutscher Oberschulen (44%) vertreten. Über dreimal so viele Deutsche (40%) wie Italiener (13%) schaffen anteilsmäßig die Stufe B2 und können somit auch komplexe und abstrakte Themen verstehen oder sich mit Muttersprachlern fließend verständigen.

Elf Prozent der deutschsprachigen, aber nur 5% der italienischen Schüler haben die höchste KOLIPSI-Einstufung erreicht, welche dem GERS-C1-Kriterium entspricht. Dies bedeutet, dass sie ein breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen können. Außerdem können sie die Sprache im gesellschaftlichen und beruflichen Leben oder in Ausbildung und Studium wirksam und flexibel gebrauchen. Sie können sich klar, strukturiert und ausführlich zu komplexen Sachverhalten äußern und dabei verschiedene Mittel zur Textverknüpfung angemessen verwenden.

Das Bild, das sich aus dieser Erhebung ergibt, ist für die Schaffung eines gesellschaftlichen Zusammenhalts in Südtirol sehr düster, besonders was die italienische Schülerschaft betrifft. Und es ist anzunehmen, dass Oberschüler mitunter über die besten Zweitsprachkenntnisse verfügen — weil Universitätsstudenten großteils in eine einsprachige Umgebung abwandern und die Sprachkenntnisse nach Verlassen der Schule auch sonst eher abnehmen dürften. Die Sprachpolitik dieses Landes erweist sich also als völlig unzureichend, die Grenzen zwischen den Sprachgruppen abzubauen. Zu diesem Zwecke rufen die Eurac-Forscher auch die Institutionen auf, mehr Gelegenheiten für den Austausch zwischen den Sprachgruppen zu schaffen.

Das von der Eurac nachgezeichnete Szenario macht auch deutlich, warum das katalanische Schulsystem so erfolgreich ist: Es korrigiert nämlich zielgenau die hierzulande vorliegenden Unzulänglichkeiten. Auf Südtirol umgelegt hieße dieses Modell, ein einheitliches Schulsystem für Deutsche und Italiener zu schaffen, in dem ein stark asymmetrischer Immersionsunterricht zur Anwendung gelangt: Ein Großteil der Fächer müsste auf Deutsch, einige wenige auf Italienisch unterrichtet werden, und zwar für alle. Doch unsere Autonomie braucht die Beibehaltung und Reproduktion von ethnischer Trennung.

Siehe auch: [1] [2]

31 Antworten auf „Zweitsprachstudie deckt grobe Mängel auf.“

  1. …auf Südtirol umgelegt hieße dieses Modell, ein einheitliches Schulsystem für Deutsche und Italiener zu schaffen, in dem ein stark asymmetrischer Immersionsunterricht zur Anwendung gelangt…

    Ich bin völlig Deiner Meinung. Die Politik darf nicht den Fehler machen, diese wissenschaftlich fundierte Studie zu ignorieren. Das bisherige Modell hat klar versagt. Zum Nachteil der italienischsprachigen Südtiroler. Die skandalösen Defizite der italienischsprachigen Südtiroler Jugend müssen behoben werden. Das ist einfach essentiell für die Zukunft unserer Gesellschaft.

  2. Die Kolipsi-Studie stellt auch einen Vergleich zwischen GERS und amtlicher Zweisprachigkeitsprüfung her, woraus hervorgeht, dass gute Sprachkenntnisse nicht unbedingt zur Erlangung des Zweisprachigkeitsnachweises führen. Es wird also zu prüfen sein, ob dieser Nachweis nach wissenschaftlichen Kriterien die tatsächlichen Sprachfähigkeiten des Inhabers widerspiegelt.

    Kurios ist diesbezüglich die heutige Interpretation des Alto Adige, der die Kolipsi-Studie als Simulation der Zweisprachigkeitsprüfung umdeutet. Der Titel der Tageszeitung lautet denn auch, dass rund 69% der italienischen Oberschüler den Nachweis nicht erreichen würden, ihre deutschen Kollegen aber noch schlechter (!) abschnitten. Die tatsächlichen, niederschmetternden Ergebnisse der Studie werden gar nicht erwähnt. So kann man natürlich auch informieren — zur objektiven Rezeption und zur Verbesserung der Situation trägt man damit jedoch nicht bei.

  3. Nachtrag:

    Doch unsere Autonomie braucht die Beibehaltung und Reproduktion von ethnischer Trennung.

    Diese Konnexität sehe ich nicht. Die Autonomie besteht aufgrund von völkerrechtlichen Verträge. Das bedeutete, dass sie unabhängig von gesellschaftlichen Realitäten existiert.
    Einzig juristisches Argumentieren mit der „clausula rebus sic stantibus“ oder eine neuerliche Einigung der Vertragspartner könnten „der Autonomie“ was anhaben. Sicherlich nicht ein alternatives Schulsystem.

  4. Ich weiß es nicht. Aus der Pressemitteilung der EUR.AC:

    Auffallend an den Ergebnissen ist, dass die Zweitsprachkompetenzen an Fachoberschulen und Lehranstalten beider Unterrichtssprachen deutlich unter denen an Gymnasien liegt.

    Was ist mit Fachoberschulen gemeint?

  5. Dovrebbero essere loro. Le LBS. Cioè quelle che conosco io. Peraltro, sarebbe interessante sapere sia in che percentuale queste scuole vengono coinvolte, sia quanta parte del mondo studentesco sudtirolese rappresentano.

  6. @ pérvasion:
    Zu Fachoberschulen werden meistens die Gewerbeober/Geometer, Landwirtschafts und teilweise auch die Handelsoberschulen gezählt.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, aber diese Schultyp vereint sicher mindestens an die 40% der Oberschüler Südtirols…

  7. Lo metto qui come semplice materiale. Sull’Alto Adige è riportato questo:

    Tutta la ricerca, però, ha una falla abbastanza vistosa: mancano le scuole professionali. Se per gli italiani questo non inficia troppo i risultati, nel mondo tedesco si esclude una realtà davvero imponente.

  8. @gadilu
    Ist es nicht müssig zu versuchen, die Prozentzahlen mit diesem Versuch infrage zu stellen? Vielleicht hast du recht, wenn man die LBS miteinbezieht, wird der grosse Unterschied zwischen den Sprachgruppen etwas zurechtgerückt, aber wer hat was davon? Was ändert sich?

  9. @pérvasion

    ein einheitliches Schulsystem für Deutsche und Italiener zu schaffen, in dem ein stark asymmetrischer Immersionsunterricht zur Anwendung gelangt: Ein Großteil der Fächer müsste auf Deutsch, einige wenige auf Italienisch unterrichtet werden, und zwar für alle.

    Ein sehr guter und interessanter Vorschlag. Wir werden in Südtirol erst einen wünschenswerten gesellschaftlichen Zusammenhalt erreichen, wenn es ein einheitliches Schulsystem gibt. Die SüdtirolererInnen müssen gemeinsam im Klassenraum sitzen, eine gemeinsame Geschichte lernen, gemeinsam diskutieren, gemeinsame Elternabende organisieren usw.
    Gerade das Modell eines asymmetrischen Immersionsunterrichtes ist der zentrale Punkt, der uns hier aus der Sackgasse bringt und für eine Minderheitensituation eine gangbare Lösung darstellt. Warum sollte das was in Katalonien funktioniert nicht auch bei uns funktionieren.
    Für Ladinien müßte das derzeitige Schulsystem zumindest im Primär und Mittelschulbereich in ein 50-25-25 System umgewandelt werden. 50% der Fächer Ladinisch, 25% D, 25% I.

  10. @ Jonny

    Conoscere questi dati sarebbe importante perché:

    1. Offrirebbero un quadro più oggettivo della situazione.

    2. Consentirebbero di capire se i problemi con il bilinguismo differiscono da zona a zona e sono in qualche modo legati ad aspetti sociali e non solo a categorie molto generiche come quelle di „italiani“ e „tedeschi“.

  11. Es wäre sicher interessant, den Test auch an Grund-, Mittel- und Berufsschulen durchzuführen — wo die einschlägigen Kompetenzen mit Sicherheit geringer sind. In einem Land wie unserem sollten die Zweitsprachkenntnisse laufend erhoben werden, damit die Politik entsprechend agieren kann.

    Trotzdem ist auch diese spezielle Studie (Kolipsi) sehr aussagekräftig, denn es wurden deutsche und italienische Schüler mit den gleichen Grundvoraussetzungen (gleiche Altersklasse, gleiche Schultypen) getestet. Bei etwa gleichem Bildungsstand kann man also durchaus behaupten, dass (v. a.) die italienischen Schüler ein grobes (relatives und absolutes) Defizit aufweisen, was ja auch der alltäglichen Erfahrung in Südtirol entsprechen dürfte.

    Die EUR.AC-Forscher haben außerdem erhoben, dass fast alle Gespräche zwischen deutschen und italienischen Schülern auf Italienisch stattfinden, was die Sprachkompetenz der einen stark fördert und jene der anderen drastisch einschränkt, weil wir ja wissen, dass die alltägliche Praxis eine außerordentlich wichtige Komponente des Spracherwerbs darstellt.

  12. @ pérvasion:

    dass fast alle Gespräche zwischen deutschen und italienischen Schülern auf Italienisch stattfinden

    Dies ist m. E. zurzeit wohl auch deswegen der Fall, da der italienischsprachige Teil Südtirols wohl sehr schwer den Tiroler Dialekt versteht. Aufgrund der „apartheidsähnlichen“ Trennung der Sprachgruppen werden den Italienern einerseits die Möglichkeit genommen, mit unserem Dialekt schon von Kindesbeinen an aufzuwachsen, andererseits die Freude und Motivation, im jugendlichen und erwachsenen Alter Deutsch zu erlernen, zumal sich der Erfolg des (hochdeutschen) Sprachenerwerbs in einem dialektalen Umfeld einfach nicht einstellt.
    Den deutschssprachigen Südtirolern mit ihren hochsprachlichen Italienischkenntnissen sind da schon mehr Erfolgserlebnisse beschieden.

  13. Hmm, zumindest sind das meines Wissens die Klagen der (meisten) Italiener hierzulande.
    Mit dem von Dir vorgeschlagenen asymetrischen Immersionsunterricht und dem einheitlichen Schulmodell würde man diesem Problem aber sicherlich leicht Herr werden.

  14. Die Italiener sind sicher wegen unseres Dialektes etwas im Nachteil, allerdings glaube ich wenn man sich mit einem Italiener auf Deutsch unterhält, daß man dann auch nicht den tiefsten Puschtra o.ä. Dialekt sprechen würde, oder?

    Ich würde mir auch wünschen daß die jungen Leute, neben mehr Austausch untereinander, mit der Schule auch die Möglichkeit haben eine CEFR Prüfung abzulegen, damit die Kenntnisse europaweit anerkannt werden können – und umgekehrt. Wäre auch vielleicht mehr Motivation. Von unserer „Zweisprachigkeitsprüfung“ bin ich alles andere als überzeugt.

    @pérvasion

    …die italienischen Schüler ein grobes (relatives und absolutes) Defizit aufweisen, was ja auch der alltäglichen Erfahrung in Südtirol entsprechen dürfte.

    Eine typische Alltags-Situation ist wohl diese: eine Gruppe Leute, fast alles Deutsche und 1-2 Italiener darunter und die ganze Gruppe muss italienisch reden, auch die Deutschen untereinander. Wie oft ist das schon jedem von uns passiert? Wie oft umgekehrt?
    Wir werden einfach auch öfter „gezwungen“ die zweite Sprache einzusetzen oder bieten es auch schneller an.

  15. sprachen lernen und sprechen hat — wie bereits von anderen angesprochen — viel mit motivation zu tun. es wäre ja schon anreiz genug eine sprache zu lernen um sich mit den jeweils anderssrpachigen menschen denen man auf der straße, im bus oder im alltag begegnet zu unterhalten. ich wohne schon länger in wien und habe ein paar brocken serbisch/kroatisch aufgeschnappt, weil man hier diese sprache verhältnismäßig oft hört. wenn es leichter wäre einen platz in einem sprachkurs an der uni zu ergattern, hätte ich mich wohl ein, zwei semester dazugesetzt um mich näher damit außeinanderzusetzen…

    andererseits dient sprache ja bekanntlich nur marginal zur kommunikation sondern primär zur inklusion oder exklusion von sprechern bzw nicht-sprechern einer oder mehrerer sprachen. das hat man in südtirol naturgemäß sehr früh erkannt und die zweisprachigkeitsprüfung, die proporzregelung, nach sprachen getrennte schulen, parteien, stadtteile usw usf erfunden 😉

  16. Unser Dialekt wird von den Italienern in Südtirol oft als billiger Vorwand hergenommen um ihre mangelnden Deutschkenntnisse irgendwie zu begründen.
    Vielfach fehlt aber einfach der Wille. Oft ist auch eine (vielleicht unbewusste) „siamo in Italia“- Einstellung der Grund für die Nichtkenntniss, bzw. Nichtanwendung der deutschen Sprache.
    Wenn der Dialekt das Hauptproblem wäre, könnten wir ja auch mit unseren norddeutschen Feriengästen oder mit Geschäftspartner aus dem ganzen deutschen Sprachraum nicht so problemlos kommunizieren.

    @r.
    Proporz, Zweisprachigkeitsprüfung, getrennte Schulen, usw. wurden sicher nicht „primär zur inklusion oder exklusion“ eingeführt.

  17. da gebe ich dir recht, bberger, proporz, zweisprachigkeitsprüfung, getrennte Schulen, usw. wurden sicher nicht “primär zur inklusion oder exklusion” eingeführt, sind aber inzwischen ein funktionierendes system der systematischen abschottung der deutschen von der italienischen sprachgruppe und umgekehrt.

    ich denke da insbesondere an die räumlich getrennten schulen wo peinlich darauf geachtet wird, dass sich italienisch und deutsch unterrichtete kinder und jugendlichen nicht treffen.

  18. Nana! Der Proporz ist wohl eindeutig eine Massnahme für mehr Gerechtigkeit und Frieden. Gerade früher waren Stellen im öffentlichen Dienst oft nur von Italienern besetzt. Daß man die öffentlichen Stellen proportional zur Größe der Sprachgruppen vergibt ist halbwegs gerecht und verhindert mehr Spannungen als daß dadurch erzeugt wurden.

    Was die Schulen anbelangt: man muss zwischen Absicht und unbeabsichtigten Folgen unterscheiden werden. In der Apartheid war Trennung erklärte Absicht. Die Trennung der Sprachgruppen in Südtirol ist Folge der 1.) nie aufgearbeiteten Geschichte und 2.) der räumlichen Gegebenheiten und getrennten Einrichtungen. Ausserhalb der paar Städte in Südtirol leben ja praktisch kaum Italiener.

  19. q.e.d. — gerechtigkeit und frieden sollten ja inzwischen erreicht sein, wieso also eisern am proporz festhalten?

    die trennung ist absicht, vor allem wenn man an schul- und kindergartenneubauten denkt bei denen extra separate eingänge und trennwände eingebaut werden (jüngst in Brixen, wenn ich mich recht erinnere…)

  20. Warum am Proporz festhalten? Damit bei den öffentlichen Stellen keine der Sprachgruppen unter die Räder kommt und dadurch erneut Spannungen entstehen.

    Die Trennung in Brixen die du beschreibst ist schon extrem, keine Frage. Wenn das wirklich vermehrt vorkommt ist es nicht nur dumm sondern verursacht sogar Kosten. Ich denke aber das wahre Problem sind nicht die paar Trennwände oder getrennte Eingänge, sondern diese „unsichtbare Mauer“ und Distanz.

  21. die wände sind das symptom der „unsichtbaren mauer“ im kopf… die „unsichtbare mauer“ im kopf produziert dann wieder echte mauern… ein circulus vitiosus —

  22. @DSW:

    Diese Konnexität sehe ich nicht.

    Wie sollte denn eine Autonomie, die auf nach Sprachgruppen getrennten Rechten und Maßnahmen basiert, die weitgehende Überwindung der Sprachgruppen verkraften?

    @r.

    gerechtigkeit und frieden sollten ja inzwischen erreicht sein, wieso also eisern am proporz festhalten?

    Genauso wie sie nur schlecht ohne Sprachgruppen funktionieren kann, kann die derzeitige Autonomie wohl auch nicht ohne die ihr eigenen Schutzmechanismen auskommen. Es ist m. E. nicht möglich, Grundpfeiler der Autonomie abzuschaffen, ohne diese von Grund auf zu reformieren.

  23. Wie wollt ihr die unsichtbaren Mauern in den Köpfen der Menschen abtragen wenn wir nicht einmal in der Lage sind in einem gemeinsamen Land, in gemeinsamen Städten zu leben? Die Italiener leben noch nicht in Südtirol sondern immer noch in ihrer eigenen Welt „Alto Adige“ mit eigenen Städten, Straßen, Plätzen und Landschaften!

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