Zweisprachige Schule.

Individuum und Gesellschaft.

In letzter Zeit wird in Südtirol wieder verstärkt die zwei- oder mehrsprachige Einheitsschule, bzw. die zwei- oder mehrsprachige Schule als Zusatzangebot zu den bestehenden Modellen gefordert. In erster Linie sind die Eltern um diesen Dammbruch bemüht, eine Umfrage des Sozialforschungsinstitutes Apollis legt sogar nahe, dass – im Widerspruch zur politischen Stimmung – eine äußerst breite Mehrheit der Gesamtgesellschaft diese Umstellung wünscht. Unklar bleibt, welches Modell dabei angestrebt wird.

Zu sagen ist, dass eine Schule, in der beide Sprachen gleichermaßen als Unterrichtssprachen dienen, auch mir sehr erstrebenswert scheint. Für’s Individuum, das kann ich als mehrsprachig aufgewachsener Mensch auch aus eigener Erfahrung bestätigen, kann man die Vorteile einer hohen Kompetenz in mehreren Sprachen kaum überbewerten. Es ist im Übrigen hinreichend erwiesen, welch positive Auswirkungen ein Schulsystem auf Immersionsbasis für den einzelnen Schüler hat, und dass man Menschen am besten im jüngsten Kindesalter mit zusätzlichen Sprachen konfrontiert.

Was jedoch in Deutschland oder Frankreich, ja in Trient oder Innsbruck reibungs- und bedenkenlos funktionieren kann, da mehrsprachige und Immersionsschulen von einem klar definierten und »kohädierten« Kontext gesäumt werden, kann und wird im Umfeld einer Minderheit zu Spannungen, wenn nicht zu herben Verlusten in der tatsächlichen gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit führen.

Dass die mehrsprachige Schule niemals ein Zusatzangebot sein wird, verschweigen deren Befürworter gerne, um noch größere Widerstände zu vermeiden. Es ist jedoch so gut wie ausgemacht, dass sich diesem Schulmodell kaum jemand wird entziehen können, sobald es existiert. Jeder, der dann seinen Nachwuchs in eine Schule des heutigen, des »alten« Modells schickt, nimmt zunächst eine herbe Benachteiligung seines Kindes billigend in Kauf — sowohl in der Gesellschaft, als auch auf dem Arbeitsmarkt. Die »einsprachig« deutsche und italienische Schule blieben dann vermutlich Horte nationalistischer Hitzköpfe, wo Eltern auf Kosten ihrer Kinder Politik betrieben, und sollten wohl besser ganz geschlossen werden.

Falls die mehrsprachigen Schulen hingegen Aufnahmetests durchführten, um die Überforderung von weniger gut vorbereiteten Kindern zu vermeiden, ist mit einer sprachlichen Klassengesellschaft zu rechnen, in der einige vom öffentlichen Schulsystem wesentlich bessere Voraussetzungen für’s Leben garantiert bekommen, als andere.

Eine Umstellung des Schulsystems darf jedenfalls nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Wer von den Vorteilen der Immersion für’s Individuum undifferenziert auf angebliche Vorzüge für die Gesellschaft schließt, nimmt eine Abkürzung, die unter Umständen in eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit führt.

Das Ergebnis einer durch und durch mehrsprachigen Schule kann (vorerst) nichts anderes sein als eine durch und durch mehrsprachige Gesellschaft. Ein Idealzustand für ein Land wie Südtirol, wo mehrere Sprachen beheimatet sind. Ein Idealzustand jedoch, der ohne die nötigen Vorkehrungen das Zeug hat, in kürzester Zeit zumindest eine Sprache auszulöschen. Denn in diesem Land gibt es inzwischen ein in seiner Art zwar teilweise unbefriedigendes, jedoch sehr fein austariertes Gleichgewicht zwischen den Sprachen, das ein neues Schulsystem sehr schnell aus den Fugen geraten lassen kann.

Mir ist weltweit keine durch und durch mehrsprachige Gesellschaft — wo also die Mehrsprachigkeit der Gesamtheit auch einer völligen Mehrsprachigkeit jedes Einzelnen entspricht — bekannt, die sich auf Dauer gehalten hätte, ohne eindeutig zugunsten der einen oder anderen Sprache zu kippen: Bereits wenn zehn perfekt Mehrsprachige an einem Tisch zusammensitzen, kann man deutlich beobachten, wie in kürzester Zeit eine der Sprachen die Überhand gewinnt und die andere(n) de facto »ausschaltet«. Aus welchem Grund auch sollte eine ganze Gesellschaft in ihrem Alltag [!] den Aufwand betreiben, mehr als eine Sprache aufrecht zu erhalten, wenn sämtliche Mitglieder (zumindest) eine dieser Sprachen perfekt beherrschen? Im Falle einer Minderheit in einem Nationalstaat scheint mir dies sogar unmöglich. Mit welcher Begründung sollte man sprachliche Sonderrechte einfordern, wenn sämtliche Bürger auch die Staatssprache so gut wie ihre Regionalsprache sprechen?

Risikomanagement.

Wir haben in diesem Land einen großen Schatz, den wir »gesellschaftliche Mehrsprachigkeit« nennen könnten. Dieser Schatz resultiert heute aus einer unvollkommenen »individuellen Mehrsprachigkeit«, die jedoch auf Dauer nicht befriedigend ist, da sie dem gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht förderlich ist.

Aber: Wir haben einen einigermaßen gesunden Patienten und eine sofortige Behandlung, durch die wir seinen vorzeitigen Tod riskieren. Wollen wir tatsächlich Hand anlegen? Oder sollten wir vielmehr zuerst die Risiken minimieren?

Konsens bei war bisher, dass die beste Voraussetzung für die Zusammenführung von gesellschaftlicher und individueller Mehrsprachigkeit die Unabhängigkeit unseres Landes wäre; nicht Unabhängigkeit per se, sondern eine speziell auf Kohäsion bedachte, auf Pluralismus ausgerichtete. Eine sofortige Lösung im hier und jetzt würde ich befürworten, wenn es eindeutige Zeichen gäbe, dass sie glücken würde. Ich sehe keine.

Dies heißt jedoch auch nicht, dass ich auf den St.-Nimmerleinstag vertröste und bis dahin Untätigkeit anrate. Wenn ich hier stets das katalanische Modell anpreise, so weil die Katalanen m. E. ein für eine Minderheit sehr hohes Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt und Konsens für Autonomie und Eigenregierung geschaffen haben. Der Dreh- und Angelpunkt dieses Modells ist eine Einheitsschule mit »Content and Language Integrated Learning« (CLIL), eine mehrsprachigen Schule mit klar asymmetrischer Sprachgewichtung zugunsten des Katalanischen. Die Einsicht, die katalanische und kastilische Eltern eint, ist jene, dass diese Asymmetrie ein Kippen innerhalb des spanischen Nationalstaats (zugunsten der spanischen »Staatssprache«) am besten verhindern kann, da die regionale Politik das staatliche Ungleichgewicht ausgleicht.

Diese Sprachpolitik beschränkt sich jedoch nicht auf die Schule, sondern zielt darauf ab, eine tatsächlich mehrsprachige Gesellschaft durch eine tatsächliche Asymmetrie im Kontext zu unterstützen. Katalonien hat eine offiziell definierte Landessprache. Im Autonomiestatut ist zwar auch die kastilische Sprache als Amtssprache definiert, eine Ungleichbehandlung (»affirmative action«!) ist jedoch erlaubt und ganz im Sinne der Gleichgewichtswahrung. Das Südtiroler Autonomiestatut nach dem Proporzmodell erlaubt hingegen kein Korrektiv, alle Sprachen sind immer und überall gleich zu behandeln. Eine Politik, die schnell und flexibel auf Entwicklungen reagieren kann, ist damit ausgeschlossen.

Eine asymmetrische — behutsam an hiesige Verhältnisse angepasste — Gesamtlösung nach katalanischem Vorbild wäre nach meinem Dafürhalten ein guter Wegbereiter für die eventuell anzustrebende Unabhängigkeit und Schaffung einer durch und durch idealen, also auch auf individueller Ebene mehrsprachigen Gesellschaft. Ohne den nötigen Sicherheitsabstand zu jedem Nationalstaat bin ich jedoch strikt gegen undifferenzierte Abkürzungen.