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Zusammenhänge? Fehlanzeige!

Bei der Lektüre eines Welt-Artikels über die überbordende Zahl der Exekutivbeamten in Italien, kam mir die Idee, gängigen “Weisheiten” wie “Je mehr Polizei, desto sicherer” und “Je höher der Ausländeranteil, desto mehr Kriminalität” auf den Grund zu gehen.

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Dazu hab ich die Polizeistärken europäischer Länder, Kriminalitätsstatistiken, diverse Sicherheitsindizes und den Ausländeranteil der jeweiligen Staaten gegenübergestellt. Das Ergebnis: Ich kann keine diesbezüglichen Zusammenhänge erkennen. In manchen Fällen geht die Tendenz sogar in Richtung Gegenteil.

Der Vergleich hat natürlich einige Unschärfen. Die Zahl der Polizisten pro 10.000 Einwohner ist nur bedingt aussagekräftig, da man nicht weiß, wie effizient die Einheiten arbeiten und wie viele tatsächlich in der Verbrechensbekämpfung und nicht bloß in der Verwaltung tätig sind.

Auch die Kriminalitätsraten sind mit Vorsicht zu genießen, da die Anzeigedisziplin (z.B. für familieninterne Gewalttaten und Sexualdelikte) in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich ist. Bisweilen sind die Zahlen auch völlig gegensätzlich.

Der Global Peace Index berücksichtigt neben der Sicherheitssituation innerhalb der bewerteten Länder auch deren Militarisierung und Teilhabe an internen und externen Konflikten.

Dennoch kann man davon ausgehen, dass andere Faktoren (meist sozialpolitischer Natur) die Sicherheitslage in einem Land wohl maßgeblicher beeinflussen als die Polizeistärke.

Sicherheitsvergleich1 Sicherheitsvergleich2 Sicherheitsvergleich3

Siehe auch:

Comparatio Medien Migraziun Militär Polizei Sicherheit Umfrage+Statistik | | | Die Welt | | | Deutsch

12 replies on “Zusammenhänge? Fehlanzeige!”

K. Zeller hat vor etlichen Jahren mal eine Zahl von 8 Polizisten (alle Einheiten) je 1000 EinwohnerInnen genannt. Dies wären 80 je 10.000 EinwohnerInnen. Wäre zu überprüfen, ob die Zahl korrekt ist.
Nicht alle Zahlen von K. Zeller entsprechen den Fakten. Bei der Sendung am Runden Tisch vom 6.10.2014 behauptete derselbe Zeller z.B. Katalonien würden nur 30% seines Steueraufkommens zur Verfügung stehen. Diese Zahl ist nicht korrekt. Auf die Idee zu recherchieren kam niemand (außer BBD).
Zurück zum Thema: Laut FF vom 2.10.2014 sind in Südtirol laut offizieller Statistik 2900 Sicherheitskräfte stationiert (Gemeindepolizei und Heereseinheiten nicht eingerechnet). Dies wären knapp 6 je 1000 EinwohnerInnen, also immer noch knapp 60 je 10.000 EinwohnerInnen (immer ohne Gemeindepolizei und Heereseinheiten) und laut FF wesentlich mehr als im gesamtitalienischen Schnitt. Einschließlich Gemeindepolizei und möglicherweise etlichen Einheiten, die offiziell nicht in der Statistik aufscheinen (z.B. Geheimdienste) sind wir von den 80 je 10.000 EinwohnerInnen nicht mehr weit entfernt.

Ich habe mit den im Artikel angeführten Daten einige Regressions- und Korrelationsanalysen erstellt. Die meisten davon waren nicht signifikant.
Wenn man allerdings den Numbeo-Index Quality of Life hernimmt, so sinkt dieser, wenn die Polizeidichte steigt. Je nach Modell sinkt der Index durchschnittlich um 0,13-0,19 Punkte, wenn ich die Dichte um 1 Polizisten je 10000 Einw. erhöhe.
Die Korrelation zwischen Ausländeranteil und Better Life Index Safety (Kriminalität) versagt in den Teststatistiken, weißt also keinerlei linearen Zusammenhang auf. Zwischen Polizeidichte und Kriminalität besteht auch keine signifikante Korrelation.
Ich kann euch die Ergebnisse bei Bedarf zukommen lassen.

Auch sollte hier differenziert werden, was man unter “Ausländer” versteht. In der Schweiz z. B. handelt es sich wohl grossteils um Gastarbeiter, vorwiegend aus Portugal, und nicht um Flüchtllinge aus Afrika oder den Balkanstaaten.

natürlich sind die ausländerprofile nicht in jedem land gleich. die überwiegende zahl der ausländer in den europäischen staaten sind jedoch überall gastarbeiter und nicht flüchtlinge. wobei die 90er-jahre-flüchtlinge aus dem ehemaligen jugoslawien sich meist durch hohe integrationsfreudigkeit auszeichnen.

und “vorwiegend” portugiesen sind es in der schweiz auch nicht:
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/07/blank/key/01/01.html

Danke Harald für den Link. Ich hatte eine Doku über die Hotellerie in den Tourismus-Hochburgen St. Moritz und Zermatt gesehen, wo berichtet wurde, daß dort fast alles Portugiesen arbeiten…

Diese Statistik ist interessant: fast gleich viele Gastarbeiter aus dem kleinen und entfernten Portugal wie aus dem benachbarten Italien oder Deutschland. Also doch überproportional viele Portugiesen in der Schweiz

Hierzulande kommt noch hinzu, dass ein maßgeblicher Teil der Polizeikräfte nicht die Sprache der Bevölkerungsmehrheit spricht und dass zudem die Polizeikräfte unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Zwar sollte auch ein Staatspolizist oder ein Carabiniere einen Strafzettel ausstellen, wenn jemand falsch parkt, in der Regel ist das aber unter deren Niveau. Andersrum wird ein Gemeindepolizist nur selten einen Einbrecher festnehmen oder den Aufenthaltsstatus eines Zuwanderers überprüfen. Finanzer und Forst sind noch spezialisierter. Es sind also viele Polizisten da, ihre »Wirkung« ist aber sehr schwach. Wenn ich nicht gerade vom Beamten der passenden »Gattung« erwischt werde, komme ich ungeschoren davon. Ohnehin fragt man sich, wo sich die 600 oder 800 Polizisten pro 100.000 Einwohner herumtreiben. Am Wochenende hat ja die Staatspolizei noch Verstärkung aus Mailand (!) geholt, um in Bozen ein paar zusätzliche Kontrollen vorzunehmen… dass die Kollegen aus Mailand nicht Deutsch sprechen ist eh wurscht.

Die UNO empfiehlt westlichen Demokratien übrigens 300 PolizistInnen pro 100.000 (=30 pro 10.000) EinwohnerInnen.

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