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Siegesdenkmal: Erste Bilanz.

Vor einem Jahr wurde das Dokumentationszentrum am Siegesplatz eröffnet. Nun wurde Bilanz gezogen, mit knapp 40.000 Besuchern ist das Ergebnis nicht gerade berauschend. Laut dem Historiker Hannes Obermair im Interview mit Rai Südtirol (am 20.07.15) ist die Besucherfrequenz zufriedenstellend, das Dokumentationszentrum hat nicht den Attraktionsgrad von Ötzi, mit etwas mehr als 100 Besuchern pro Tag zeigte er sich trotzdem zufrieden. Laut Obermair sind es vor allem Schulklassen, die die Ausstellung besuchen, hier fällt aber auf, dass in erster Linie deutsche Schulklassen den Weg in den Keller finden, es gibt »kulturelle Unterschiede, eine starke Divergenz zwischen deutschen und italienischen Schulklassen.« Dies, so Obermair, könnte mit einem »gewissen Aufklärungsdefizit« zu tun haben. Es gibt auch einige auswärtige Besucher, diese seien enthusiastisch und zeigen die überregionale Dimension des Dokumentationszentrums. Obermair weist zudem darauf hin, dass es noch einiges zu tun gäbe, als Beispiel nannte er den Gerichtsplatz.

Fazit: Wie vermutet sind es vor allem Schulklassen, die (nicht ganz aus freien Stücken) die Ausstellung besuchen; dass dabei gerade die italienischen Schulen durch Abwesenheit glänzen, ist enttäuschend, würden doch gerade auch unsere italienischsprachigen Mitbürger von der Ausstellung profitieren und sich ein differenziertes Geschichtsbild erarbeiten können. Es besteht zudem die Gefahr, dass die Besucherzahlen nach einem Jahr, nachdem der Neuigkeitswert verblasst, weniger werden. Dann muss man sich fragen, ob das Ziel, dass durch das Dokumentationszentrum im Land eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfindet, überhaupt erreicht werden kann. Von außen betrachtend wird dies jedenfalls niemals passieren.

Siehe auch:

Bildung Faschismen Geschichte Medien Scola | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung | Hannes Obermair | Rai | | | Deutsch

31 replies on “Siegesdenkmal: Erste Bilanz.”

– Während Spanien weiterhin das Erbrochene der Franco-Diktatur verräumt (materiell wie auch Straßennamen), München sein NS-Dokuzentrum über dem Abbruch des braunen Hauses errichtet hat, lädt man in Bozen zum Hochglanz-Siegesdenkmal aus Rutenbündeln, welches vorsorglich umzäunt, für einige Stunden großzügig geöffnet wird, wo das Friedensplatz-Straßenschild von 2002 bereits zum “Doku-Museumsexponat” gehört … dies ist hierzulande “Mahnmal” und “Touristenattraktion” – wo leben wir ? !

In einem Land, wo 70% der Bevölkerung das befürwortet. Sonst würden bei den Wahlen nicht die Parteien gewählt werden, die das unterstützen. Ganz einfach.

Frage: wird die Gesschichte Südtirols überhaupt an italienischen Schulen behandelt? Ich meine nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich. Wenn schon -nach eigener Erfahrung- in deutschen Schulen dieses Thema stifmütterlich behandelt wird, wie sieht es dann in italienischen aus?

Hat da jemand Erfahrungswerte?

Io come “italiano” non ci sono anche nemmeno andato a vedere quel centro e non ci andrò. Ricordo con molto più piacere le marce di protesta con le fiaccole o i momenti adolescenziali in cui invitavo amici americani a fare pipì sul “Mussolini Monument”! :-D

Meine größte Verwunderung erlebte ich nicht im Keller sondern oberirdisch, wo es verboten ist sich auf den Stufen niederzusetzen. Auf die Frage an die Wächterin(!) warum das denn so sei erhielt ich als Antwort, dass schon Leute hier waren die begannen auf den Stufen zu essen und etwas zu trinken und das könne man nicht gestatten.

WTF?!?

Auf all meinen bisherigen Italienreisen gab es nur einen einzigen Ort an dem man sich nicht niedersetzen darf und das sind die Stufen des Altare della Patria an der Piazza Venezia in Rom.
Diesen Stellenwert hat der Mini-Altare in Bozen und daran ist auch durch die ‘Musealisierung’ und ‘Mahnmalisierung’ kein Komma geändert worden.
Alles andere ist Augenwischerei.

Zusatz:
Barrierefreiheit ist für den oberirdischen Teil des ‘Museums’ auch ein Fremdwort. Wo käme man denn hin wenn eine Rampe dieses Prachtwerk verschandeln würde?

Ich kann dein Fazit nicht teilen.
Was willst du uns sagen? Dass nur solche Angebote gerechtfertigt und sinnvoll sind, die von möglichst vielen nicht schulpflichtigen Menschen besucht werden? Dass Geschichtsaufarbeitung in Südtirol “gerade auch” (was in diesem Zusammenhang nach “vor allem” klingt) für italienischsprachige SüdtirolerInnen notwendig ist, für andere weniger? Dass das Dokumentationszentrum also weder jetzt noch zukünftig einen Beitrag zur “kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit” leisten kann?
Ich bin wie andere auch der Meinung, dass ein Dokumentationszentrum *allein* noch keinen “Südtiroler Sommer” macht und auch ich will – was weiß ich – auf den Treppen des unsäglichen Denkmals sitzen und dort ein Eis essen und durch diesen albernen Bogen spazieren, aber: das Dokumentationszentrum ist – im historischen und im aktuellen gesellschaftlichen Kontext gesehen – ein erster, wichtiger Schritt; es wird (nicht nur) von SchülerInnen besucht und gibt so (jungen) Menschen die Möglichkeit, sich mit den beiden Diktaturen, in die unser Land verstrickt war, auseinanderzusetzen; wenn es von Schulklassen italienischer Schulen (verhältnismäßig?) weniger besucht wird, dann heißt das für mich, dass gezielte Sensibilisierung notwendig ist, was auch für andere Zielgruppen gilt, die sich (noch) nicht dorthin bewegen.
Es heißt nicht, dass dieses Dokumentationszentrum überflüssig wäre.

@sabina
Verstehe nicht ganz, auf was du hinaus willst. Wo habe ich geschrieben, dass ein Dokumentationszentrum überflüssig sei? Ich erinnere daran, mit welch vollmundigen Aussagen die Historikerkommission an die Öffentlichkeit getreten ist, nun gilt es zu überprüfen, ob dies eingetreten ist. Und ja, ich wünsche mir schon, wenn in Bozen einzig und allein das Siegesdenkmal “historisiert” wurde und noch bei vielen Mitbürgern ein gewisser Aufklärungsbedarf besteht, dass eine Vielzahl an Bürgern es besuchen, wer wünscht das nicht? Wenn es so zum alleinigen Heilsbringer und beste Lösung hochstilisiert wurde.

Du hast nicht geschrieben, dass das Dokumentationszentrum überflüssig sei, das hab ich auch nicht behauptet. Es schien mir vielmehr das Fazit deines Beitrags und dem habe ich meine Einschätzung gegenüber gestellt. Sollte ich mich täuschen, umso besser.
Du schreibst jetzt (aber nicht in deinem Beitrag), dass du dir “wünschst, dass eine Vielzahl an Bürgern es besuchen” und dass bei “vielen Mitbürgern ein gewisser Aufklärungsbedarf besteht” – so kann ich es teilen. Im Beitrag steht aber was anderes und darauf bezogen sich meine Fragen.

Vielleicht noch mal zur Klarstellung:

  • Ich persönlich halte nicht viel von der derzeitigen Lösung. Das “Denkmal” hätte man in ein Mahnmal verwandeln sollen, indem man es entweder verfallen oder von mir aus rosarot anmalt, jedenfalls nicht auf Hochglanz bringt (wo gibt es sowas sonstwo?)
  • Die Einrichtung eines Dokumentationszentrums befürworte ich, allerdings hatte ich die Befürchtung, dass es nur eine Feigenblattaktion ist. Sollten in einem Jahr die Besucherzahlen weiter zurückgehen, dann fühle ich mich bestätigt. Tatsächlich aber wünsche ich mir viele Besucher, allerdings in einem anderen Kontext.
  • Tatsächlich finde ich, dass es noch Aufklärungsbedarf gibt, auf allen Seiten. Im Zusammenhang mit dem Siegesdenkmal wünsche ich mir das besonders von den italienischsprachigen Mitbürgern. Der Umstand, dass Neofaschisten im Gemeinderat von Bozen sitzen, bestärkt mich in meiner Auffassung. Ich höre ziemlich viel Ö1 und mir fällt auf, wie viele Sendungen sich immer noch mit dem Nationalsozialismus in allen Facetten auseinandersetzen. Ich finde das gut, die Erinnerung an das Grauen sollte man stets wachhalten.

So ganz falsch habe ich dich also nicht verstanden.
Zu deinen drei Punkten meine Position:

  • An einem rosaroten Anstrich hätte ich nichts auszusetzen (im Gegenteil, sehr witzig!), wenn das Siegesdenkmal nicht DAS Symbol für die ethnischen Konfliktlinien in unserem Lande wäre, sondern “nur” ein faschistisches Denkmal, über dessen zukünftiges rosarotes oder verfallendes Dasein breiter gesellschaftlicher Konsens herrscht. Aber dem ist nicht so. Jedenfalls nicht aktuell. Deshalb befürworte ich eine Lösung, die eine möglichst eskalationsarme (nicht konfliktvermeidende!) “Veralltaglichung” dieses Monstrums ermöglicht, eine Normalisierung, die nicht so einfach als Affront interpretiert werden kann (und zu weiterer Eskalation führen würde). Ich meine damit die Entfernung der Umzäunung und eine alltägliche und gerade deshalb symbolträchtige Nutzung der Fläche, natürlich auch mit einem Hinweis darauf, um was es sich bei diesem Bauwerk handelt. Aber das ist schlicht meine Meinung – und somit eine unter vielen, die es endlich (!) gilt in einen umfassenden, differenzierten und viele beteiligenden öffentlichen Dialog zu bringen. Nur so können Entwicklungsprozesse angestoßen werden, die es Menschen erlauben, sich von festgefahrenen, verklärenden oder schlicht auf Unwissenheit fußenden Ansichten zu entfernen, anstatt in Verteidigungshaltung darauf zu beharren.
  • Das Dokumentationszentrum mitsamt dem Leuchtring scheint mir – wie gesagt – ein erster Schritt zu sein. Ich unterstelle, im Gegensatz zu dir, keine Feigenblattaktion (was meinst du übrigens mit Besucherzahlen, die “weiter zurück gehen”, seit wann gehen sie – mit Bezug auf welchen Zeitraum – zurück?).
  • Wenn du dir als deutschsprachiger Südtiroler vor allem von den italienischsprachigen SüdtirolerInnen wünschst, dass sie sich mit dem Siegesdenkmal auseinandersetzen, weil Neofaschisten im Bozner Gemeinderat sitzen, dann ist das eine ethnische Argumentation, die ich bedenklich finde. Weil sie uns keinen Millimeter weiter in ein postethnisches Südtirol bringt.

Allein dieses Bild, dass uniformierte Polizisten eine Gruppe von oft dunkelhäutigen Menschen durch den Bahnhof geleiten, ruft andere Reisende auf den Plan: “Aha, deportieren sie schon wieder Menschen”, bekommen die Beamten zu hören. Zum Hauptkommissar Ralf Schiller sagte eine alte Dame: “Das ist ja hier wie vor 70 Jahren.”

[…]
Ralf Schiller sagt, er gehe mittlerweile “nicht mehr gerne” an die Züge aus Italien und Österreich heran. Und wenn jemand auf ihn einschimpft, dann reagiert er mit der Antwort, er mache doch bloß seine Arbeit.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fluechtlinge-in-muenchen-endstation-hauptbahnhof-1.2604099-2

So wie es Zweinutzungsrinder (Fleisch und Milch) gibt, so gibt es jetzt in Bozen auch ein Zweinutzungsdenkmal, das sogenannte Siegesdenkmal. Während oben am aufwändig restaurierten Denkmal weiterhin mit Kranzniederlegungen und Erinnerungsfotos von Carabinieri in Galauniform dem Faschismus gehuldigt wird, versucht man im Stock darunter zu “dokumentieren”, dass der Faschismus eigentlich nicht so ganz gut war. Es gibt einige sachliche Fehler (Cesare Battisti wurde nicht von “Kaiserjägern”, sondern vom Landesschützenfähnrich Bruno Franceschini, einem Nonstaler, festgenommen) und einige Übersetzungsfehler (ein italienischer “tenente” ist kein “Leutnant”, sondern ein Oberleutnant), aber darüber könnte man noch hinwegsehen. Ein Historiker muss ja nicht unbedingt etwas von militärischen Dingen verstehen. Unentschuldbar sind aber manche Lücken in der Darstellung. Man wollte wohl den Faschisten nicht allzu sehr auf die Zehen treten, aber auch die Kirche wird extrem geschont. So wird z. B. nicht erwähnt, dass der nationalistische Bischof Celestino Endrici den Grundstein und den Bau gegen die ausdrückliche Bitte des Südtiroler Klerus segnete. Bischof Endrici, laut dem die Grenze am Brenner “von Gott selbst” gezogen wurde, wird nicht einmal namentlich genannt.

Bischof Endrici, laut dem die Grenze am Brenner “von Gott selbst” gezogen wurde, wird nicht einmal namentlich genannt.

Vielleicht war der “laufende Meter” Vittorio Emanuele sein (Ab)Gott ?

Wenn wirklich der erklärte Wille da wäre das Siegesdenkmal in ein Mahnmal umzuwandeln und den Faschismus zu erklären, dann müsste man zuallererst die faschistischen Symbole und die Inschrift entfernen und im darunterliegenden Museum “erklären”. Denn nur in einem musealen Umfeld ist eine Entschärfung und Aufarbeitung möglich. Sonst wird das Denkmal immer Anlaufstelle und Bezugspunkt für Menschen mit faschistischem Gedankengut bleiben, da kann man noch so viele Tafeln anbringen. Genauso ist es mit dem Mussolini Relief am Gerichtsplatz. Auch dieses gehört musealisiert. Solange dies nicht passiert, ist der sog.erste Schritt nur eine Augenauswischerei.
Der größte Skandal sind aber die sogenannten “Beinhäuser” an den Landesgrenzen. Tote dazu zu verwenden um eine Geschichtslüge zu “erklären” ist der Gipfel an Pietätlosigkeit. Diese Gebeine gehören in einem Soldatenfriedhof bestattet, in geweihter Erde wie es die Verstorbenen, die mit größter Wahrscheinlichkeit christlichen Glaubens waren, gewünscht hätten. In diesem Fall hört sich jede “Erklärung” auf. Dass in diese causa gar nichts passiert ist bezeichnend für die Einstellung unserer Verantwortlichen und von uns allen.

Nö, aber im Sinne der postethnischen Gesellschaft soll man am besten die Klappe halten, ansonsten könnten wir ja ein paar Faschischten verschrecken und wir sind Schuld, dass dieses Ziel nicht erreicht wird. ;-)

Oschpele, falls dieser Kommentar auch was mit dem zu tun hat, was ich weiter oben geschrieben habe, bin ich jetzt einem Missverständnis aufgesessen.
Ich dachte, hier geht es um einen Gedankenaustausch, bei dem unterschiedliche Positionen – im Sinne einer Entwicklung – ernst genommen werden.
Naja, jede kann sich mal täuschen.

… derweil sollte es ja >Siegesmahnmal< heißen, – ein kleines Versehen … evviva MammaRoma … und die Mamoni in der Autonomen Provinz – Hochetsch …

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