Categories
Autorinnen und Gastbeiträge

Ein Tag des Gedenkens an alle Völkermorde.

von Thomas Benedikter

In vielen Ländern wird alljährlich am 27. Jänner des Holocausts gedacht, doch ein internationaler Gedenktag an alle Völkermorde der Geschichte existiert bis heute nicht. Es gibt aber den »Genocide Memorial Day«, der in einer wachsenden Zahl von Städten begangen wird: so am 17. Jänner 2016 in London, Amsterdam, Barcelona, Birmingham, Brüssel, Jerusalem, Lissabon, Madrid und Paris.

Der Begriff des Völkermords ist von Raphael Lemkin während des 2. Weltkriegs entwickelt worden. Der polnisch-jüdische Jurist und Friedensforscher hatte sich schon vor dem Holocaust intensiv mit dem Völkermord an den Armeniern befasst und im schwedischen Exil den Holocaust zu dokumentieren versucht. Mit Blick auf die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich hatte er dem Völkerbund 1934 einen Entwurf für eine internationale Konvention gegen Genozid vorgelegt. 1947 fertigte Lemkin für die Vereinten Nationen einen neuen Gesetzentwurf an, der 1948 fast unverändert von der VN-Generalversammlung mit 55:0 Stimmen als »Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords« in Kraft gesetzt wurde. Seit 9. Dezember 1948 ist Völkermord ein Straftatbestand im Völkerrecht. Wie wenig abschreckend allerdings diese Konvention wirkte, beweist die lange Reihe neuer Völkermorde in der Nachkriegszeit bis heute.

Die Tragödie des Massenmords des Nazi-Regimes an den Juden Europas wird dabei als eine geschichtlich einzigartige Katastrophe begriffen, als das Verbrechen gegen die Menschlichkeit schlechthin. Jeder Vergleich mit anderen Völkermorden verbat sich oder würde wohl heute noch als Sakrileg empfunden. Doch Völkermord im Sinne von Raphael Lemkin geschah vor und nach dem Holocaust. Der Begriff wurde seit 1948 nach und nach auf Verbrechen angewandt, bei welchen systematisch und gezielt ein Volk oder eine Volksgruppe zur Gänze oder zum Teil vernichtet wurde. In den meisten Fällen wurden diese Verbrechen von Kolonialmächten, diktatorisch regierten Staaten, in verschiedenen Fällen auch von westlichen Demokratien begangen. Man spricht von Völkermord an den Indianern Amerikas, Armeniern, Tataren, Aborigenes Australiens und zahlreichen anderen indigenen Völkern während der Kolonialzeit. Der erste Völkermord des 20. Jahrhundert war übrigens der Massenmord der deutschen Kolonialmacht an den Herero in Deutsch-Südwestafrika (Namibia), dem 80% dieses Volks zum Opfer fielen.

Das Konzept und der Rechtstatbestand des Völkermords kam in der Nachkriegszeit zu tragischer Bedeutung, da es immer wieder zu grauenvollen Genozidverbrechen kam: Biafra, Kambodscha, Vietnam, Kurdistan, Ruanda, Osttimor, Bosnien, Darfur und andere mehr. Im Unterschied zu den Armeniern und zum Holocaust wurden Berichte über aktuelle Völkermorde in den letzten 30-35 Jahren vom Fernsehen direkt in die Wohnzimmer der Europäer transportiert. Medien und Menschenrechtsaktivisten haben eine neue Art der Reaktion, Intervention und Reflexion auf diese Verbrechen ausgelöst. Doch ein global und allgemein verankertes Bewusstsein der moralischen und rechtlichen Verpflichtung der Staatengemeinschaft zum sofortigen Handeln bei Völkermordverbrechen ist noch nicht entstanden. Sonst wären etwa die jahrelangen Verbrechen der sudanesischen Regierung in Darfur oder jene des Assad-Regimes in Syrien nicht toleriert worden.

Auf diesem Hintergrund ist die Debatte zum Völkermord in ein neues Licht gerückt. Der Holocaust steht für Völkermord schlechthin. Der Tag der Shoah, der alljährlich am 27. Jänner begangen wird, ist Ausdruck der besonderen Verpflichtung und Verantwortung der Deutschen in der Erinnerung an dieses Verbrechen. Er hat vor allem in Deutschland, aber auch in Italien eine unbestrittene Legitimität. Doch an jenem Gedenktag wird im Allgemeinen nicht der Völkermorde als solchen gedacht, weil der Holocaust als geschichtlich einzigartiges Verbrechen betrachtet wird. Das kollektive Gedächtnis der Menschheit muss in Sachen Völkermord weiter reichen. Die Tragödie der Judenvernichtung im Dritten Reich soll damit nicht im Mindesten herabgestuft werden, sondern kann vielmehr in den Fluss einer schrecklichen Kontinuität von Völkermord in der Menschheitsgeschichte gestellt werden, als die extremste Form des Verbrechens, das ansonsten in einem Reich des Unbegreiflichen gefangen bliebe. Wie die Juden Europas haben zahlreiche Völker und Volksgruppen ein Schicksal erlitten, das zu ihrer gänzlichen oder teilweisen Ausrottung führte. Es fehlt jedoch bis heute ein Gedenktag, an dem allen Völkermordverbrechen der Menschheitsgeschichte gedacht wird. Nicht nur jener des 20. Jahrhunderts, sondern auch jener, die früher verübt worden und nie als solche von Nachfolgestaaten anerkannt worden sind, wie z.B. die Ausrottung unzähliger Indianervölker Amerikas und anderer indigener Völker in der Kolonialzeit.

Mit einem solchen Tag der Mahnung würde an das Grauen erinnert, das ganzen Völkern und Volksgruppen angetan wurde, um weltweit zu statuieren: Nie wieder! Nie wieder nicht nur Auschwitz, sondern auch Armenien, Biafra, Osttimor, Bosnien-Herzegowina, Ruanda. Tschetschenien und Kambodscha. Völkermord ist ein »Menschheitstrauma«, es liegt im Bereich des Möglichen, und ist auch in der Zukunft nicht ausgeschlossen. Insofern wäre ein internationaler Gedenktag für die Opfer des Völkermords, ein Nachdenktag über die schlimmsten Akte der Unmenschlichkeit in der Geschichte, mehr als legitim. Der 9. Dezember, Tag der Verabschiedung der Völkermordkonvention der VN, böte sich dafür an.

Thomas Benedikter leitete in den 1990er Jahren die »Gesellschaft für bedrohte Völker« in Bozen.

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.

9 replies on “Ein Tag des Gedenkens an alle Völkermorde.”

Es gibt aber den »Genocide Memorial Day«, der in einer wachsenden Zahl von Städten begangen wird: so am 17. Jänner 2016 in London, Amsterdam, Barcelona, Birmingham, Brüssel, Jerusalem, Lissabon, Madrid und Paris.

Wäre schön, wenn sich auch Südtiroler Städte und Gemeinden anschließen würden.

Ich denke, bevor man einen solchen Tag in SüdTirol einführt, muss man zuerst aus der Nato austreten. Sonst wäre es pure Heuchelei.

Denn das, was die Nato in Afghanistan angerichtet hat, ist auch Völkermord.

Ansonsten kann ich dem Herrn Benedikter nur zustimmen.

Italien nicht zu vergessen:

Vor 70 Jahren am 3. Oktober 1935 startete das damalige faschistische Italien seinen Eroberungskrieg gegen Äthiopien. Seit 70 Jahren verdrängt Italien erfolgreich diesen Teil der Geschichte. Faschistische Kriegsverbrecher wurden vom demokratischen Nachkriegs-Italien nie zur Rechenschaft gezogen, genauso wenig gab es eine Wiedergutmachung.

Es ist löblich, dass die italienische Abgeordnetenkammer sich nicht davor gescheut hatte, den Völkermord der Türkei an den Armeniern anzuerkennen und zu verurteilen. Genauso engagiert agiert das Parlament, wenn der sechs Millionen europäischen Juden gedacht wird, die von Nazi-Deutschland und seinen europäischen Helfershelfern ermordet wurden. Ermutigend sind jene Parlamentarier, die sich für die Opfer der Genozidverbrechen in Darfur im Westsudan oder in Tschetschenien und für die Verfolgung der Täter engagieren. Aber auch Italien drückte sich bisher erfolgreich an einer Entschuldigung von Völkermordverbrechen des faschistischen Italiens in Afrika vorbei. Im Winter 1929/30 startete Italien die militärische Rückeroberung der einstigen italienischen Kolonie Libyen. Dabei sollen laut Untersuchungen der italienischen Historiker Giorgio Rochat und Giulio Massobrio mehr als 40.000 (bei einer Gesamteinwohnerzahl von 800.000 Menschen) ermordet worden sein.

1935 startete das faschistische Italien von der bereits 1887 eroberten Kolonie Eritrea einen Großangriff auf das äthiopische Königreich. Eingesetzt wurden dabei Hilfstruppen aus Eritrea, mehr als eine halbe Million italienische Soldaten und Giftgas. Die äthiopische Regierung ging nach Kriegsende von mehr als 730.000 Ermordeten aus, italienische Historiker schätzen, dass dem italienischen Kolonialismus zwischen 1887 und 1941 mehr als 300.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Journalistin Fiamma Nirenstein kritisierte vor Jahren die Verdrängung der faschistischen Kriegsverbrechen in Afrika – zugunsten der sogenannten nationalen Aussöhnung. Der Historiker Angelo Del Boca warf dem Nachkriegsitalien vor, ein Auskommen mit den Diktatoren in Libyen, Somalia und Äthiopien gesucht zu haben. Unterlassen wurde aber bisher die Anerkennung der Kriegsverbrechen und eine entsprechende Wiedergutmachung.

Diese Nichtaufarbeitung der eigenen Verbrechen war in Italien Staatspolitik: Von 259 Todesstrafen wurden 168 nicht exekutiert. Von 5.594 Verurteilten wurden 5.328 nachträglich freigesprochen oder amnestiert und begnadigt. Für 20 Jahre Faschismus wurde 266 Personen verantwortlich gemacht. Die UN-Kriegsverbrecherkommission hatte immerhin 1.200 Italiener als Kriegsverbrecher angeführt. Der Historiker Giorgio Rochat klagt das faschistische Italien einer Völkermord-Politik an. Trotzdem ist kein einziger der für die Genozid-Verbrechen in Afrika Verantwortliche je bestraft worden.

http://www.gfbv.it/2c-stampa/2005/051005de.html

Der Kriegsverbrecher Gennaro Sora, der in Äthiopien an einem einzigen Ort 1500 Zivilisten mit Giftgas, Flammenwerfern und Erschießungen ermordet hat, ist heute noch Ehrenbürger der Gemeinde Brixen. Das stört aber niemanden in der Gemeindeverwaltung, wohl aber gedenkt man in christlicher Ehrfurcht der Faschisten, die bei den Vernichtungskriegen in Libyen und Äthiopien gefallen sind.

Ortler und Hartmuth Staffler weisen ganz zu Recht auf diese beharrliche Verdrängung der verbrecherischen Politik Italiens in Libyen und Ostafrika durch das offizielle Italien der Nachkriegszeit hin. 2013 oder 2014 zeigte eine Wanderausstellung in Bozen einige Daten und Fakten der Kolonialkriege Italiens auf, die erste ihrer Art bei uns! Natürlich hätte ein “Genocide Memorial Day” auch darauf einzugehen.
Steffl weist auf einige Interventionen der NATO und die Politik der NATO bei einigen Konfliktherden in jüngster Zeit hin und bringt das in Zusammenhang mit Genozid. Da geht allerdings allerhand durcheinander, man muss schon von einer klaren Definition von Genozid ausgehen, und die ist in der Völkermordkonvention von 1948 festgeschrieben. Die gezielte Vernichtung eines Volks oder einer ethnischen Gruppe oder eines Teils davon ist weder Ziel noch Wirkung der Intervention der NATO in Afghanistan. In der Ukraine und in Russland ist die NATO bis dato nicht interveniert (was die USA als solche machen steht auf einem anderen Blatt), die Befreiung Libyens von der Ghadafi-Diktatur wird ebensowenig als Völkermord bezeichnen können, und wenn die NATO endlich gegen Terrormilizen und für den Schutz der Zivilbevölkerung in Syrien interveniert ist das wiederum etwas anderes. Über Sinn und Unsinn vieler militärischer Interventionen kann man sich streiten, doch sie sind nicht über einen Kamm zu scheren, sondern differenziert zu betrachten. Allerdings muss man anfügen, dass die Staatengemeinschaft vielfach Völkermord tatenlos zugesehen hat, so z.B. in Ruanda 1994, drei lange Jahre lang auch in Bosnien.

Einen Tag des Gedenkens kann ich nur befürworten.
Aber er wäre unehrlich solange viele Völkermorde aus politischen und taktischen Gründen geleugnet werden und ein Gedenken verhindert wird.
Beste Beispiele sind der Völkermord an den Armiern durch die Türken oder der Holodomor in der Ukraine, bei dem (je nach Schätzung) zwischen 3 und 14 Millionen Menschen durch die Politik der Sowjets starben. Er wird von vielen Ländern immer noch nicht als Völkermord anerkannt.
Oder die Kongo”gräuel”, bei denen die Belgier bis zu 10 Millionen Menschen im Kongo gemetzelt haben. Der wirkliche erste Völkermord im 20. Jahrhundert, begann schon im 19. zog sich aber bis 1908.
Oder z.B. im British Empire, das in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts für 20 bis 30 Millionen Tote in Indien verantwortlich ist. Heute kaum bekannt.
Viele Länder haben ein grosses Interesse diese Gräuel nicht als Völkermord zu bezeichnen und somit ein allgemeines Bekanntwerden und folglich ein Gedenken zu verhindern.

Der Tag der Shoah, der alljährlich am 27. Jänner begangen wird, ist Ausdruck der besonderen Verpflichtung und Verantwortung der Deutschen in der Erinnerung an dieses Verbrechen.

Irgendwie wäre mir “der Nationalsozialisten” an der Stelle lieber gewesen.

Der Tag der Shoa ist meiner Meinung nach ein Tag der Verpflichtung und Verantwortung für alle Menschen, nicht nur für die Deutschen. Die “Nationalsozialisten” von heute fühlen sich wahrscheinlich am wenigsten in die Pflicht genommen, es wäre auch unsinnig, nur sie an Verpflichtung und Verantwortung zu erinnern.

Die ”Nationalsozialisten” von heute fühlen sich wahrscheinlich am wenigsten in die Pflicht genommen

Sicher, sonst wären sia ja erst gar keine Nationalsozialisten. :)

Leave a Reply to Ortler Cancel reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *