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Hinterland von Venedig.

nordest2019.Wie die Tageszeitung in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, hat die Landesregierung beschlossen, dass Bozen sich an der Kandidatur des Triveneto als Europäische Kulturhauptstadt beteiligt. Das Triveneto wurde im Faschismus eingeführt, u. a. um Südtirol in einen größeren, kulturell hegemonischen Kulturraum einzubetten und so leichter zu assimilieren. Dem wäre eigentlich nichts mehr hinzuzufügen — die kulturelle Konzeptlosigkeit und Leere ist derart trostlos und eklatant, dass sie von selbst zum Himmel schreit.

Seit Jahren wird über eine eigenständige Kandidatur Bozens und über eine gemeinsame Bewerbung der Europaregion debattiert, und nun degradieren wir uns mit einer Nacht- und Nebelaktion unserer Regierung freiwillig zum kulturellen Anhängsel Venedigs. »Weil wir auch als Euregio keine Chance gegen Venedig gehabt hätten«, wie der Landeshauptmann in vorauseilender Selbstunterschätzung feststellt. Bozens Bürgermeister Spagnolli ist mit dieser Lösung sehr zufrieden und bezeichnet die Landeshauptstadt (ohne Witz!) als Hinterland der Lagunenstadt. Wir machen uns die zentralistische Kulturauffassung des Faschismus zueigen und bestätigen sie noch 65 Jahre nach Kriegsende — aus freien Stücken.

Ende 2005 hatte ich davon geschrieben, dass die Floskel vom Schnittpunkt der Kulturen nichts anderes bezeichne, als Südtirols Peripherizität in zwei Kulturräumen, ohne ernstzunehmende eigenständige Produktion. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass wir — durch das Erstarken zahlreicher hochwertiger Initiativen wie Transart, Festival Bozen und Tanz Bozen, durch die Austragung der Manifesta und die Eröffnung des Museions — die Überwindung dieser dunklen Phase anpeilen. Doch jetzt muss ich zur Kenntnis nehmen, dass zumindest die offizielle Kulturpolitik außerstande ist, diese Realität zur Kenntnis zu nehmen, aufzuwerten und zusammen mit anderen kulturellen Eigenheiten (die Dreisprachigkeit zum Beispiel) selbstbewusst in den Vordergrund zu stellen. Die Landesregierung begreift Südtirol nicht einmal mehr als Schnittpunkt der Kulturen, sondern sogar als kulturelles Hinterland nur einer davon. So präsentieren wir uns der Welt.

Außendarstellung Cultura Feuilleton Zentralismus | | Luigi Spagnolli Luis Durnwalder | TAZ | Südtirol/o Venetien-Vèneto | Euregio | Deutsch

19 replies on “Hinterland von Venedig.”

In diesem konkreten Fall erscheinen wir wirklich als Hinterland. Grundsätzlich aber begrüße ich Kooperationen auf kulturellem Gebiet, aber mit gleichwertigen Partnern. Venedig ist eine Nummer zu groß, dasselbe würde bei einer Partnerschaft mit München passieren. Wieso nicht Chur/Trient/Bozen/Innsbruck?
Sollten wir uns wirklich einbilden, dass wir auch größte Kulturveranstaltungen alleine austragen können? Meiner Meinung nach nicht, dafür sind wir wirklich zu provinziell ausgerichtet. Wir sind nun mal nicht der Nabel der Welt!

Ich bin durchaus auch für Kooperationen, wenn sie eine befruchtende Wirkung versprechen. In diesem Fall jedoch ist (wie du sagst) weder die Maßstäblichkeit gegeben, noch hat die Region irgendetwas mit unseren kulturellen Eigenheiten zu tun Bei einer Veranstaltung wie dieser geht es ja schließlich auch und gerade um eine Darstellung nach außen. Eine Unterordnung an ein kulturell homogenes Gebiet (oder eines, das sich als solches verstehen möchte) bringt keine Spannung und keine kulturelle Bereicherung, sondern lediglich Anpassung und Nivellierung. Oder glaubt hier jemand, dass eine Kandidatur gesamt Nordostitaliens die Besonderheiten Südtirols zur Geltung kommen lässt?

Die Chancen einer solchen Veranstaltung im Rahmen der Euregio (ursprünglicher Vorschlag der Demokratischen Partei!) wären die Stärkung des gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhalts sowie der kulturellen Vielfalt. Hier sind wir jedoch auf dem besten Weg, dass sich wieder nur eine Sprachgruppe mit diesem »Event« identifizieren wird.

Nicht zuletzt ist die Bewerbung — ein Blick auf die Homepage der Kandidatur reicht — sehr stark wirtschaftlich ausgerichtet, was dem kulturellen Selbstverständnis Südtirols ebenfalls widersprechen dürfte.

Anstatt an einer Dekonstruktion nationaler Grenzen zu arbeiten, lassen wir uns immer stärker in Projekte einbinden, die sich strikt nach diesen Grenzen richten — und ordnen uns freiwillig dem vorherrschenden Prinzip des Nationalstaats unter. Die Euregio ist tot, hoch lebe das Triveneto.

Die Euregio hat es nicht eine Sekunde lang real gegeben! Es wird doch nicht wirklich jemand an deren Existenz geglaubt haben? Das ist nur das Feigenblatt einiger Politiker in Nord und Süd um Befürwortern der Selbstbestimmung zu sagen: seht her, die Selbstbestimmung braucht es nicht mehr, die Grenzen haben keine Bedeutung und die Wiedervereinigung ist mit der Euregio ja praktisch da. *würg*

Di primo acchito mi viene da condividere le opinioni espresse da Simon. Ho pensato insomma le stesse cose, leggendo di questa candidatura “al seguito” di Venezia e nella cornice del “Triveneto”. Vero anche che in questo modo impallidisce un’idea che era buona, quella di una regione transfrontaliera costruita anche (cioè non solo e sicuramente non in senso puramente nostalgico) sulle ceneri dell’antico Tirolo. Ci si è insomma voluti unire a un carro che si riteneva in qualche modo già  partito e inserendosi nella scia di una città , Venezia, alla quale si attribuiscono forse più risorse di quelle che ha. Soprattutto: si è agito in fretta, facendo precipitare gli eventi, a scapito di una maggiore riflessione strategica (o persino di una minima riflessione strategica). Peccato.

Initiativen wie diese zementieren den Status quo, dass Südtirol international nicht wahrgenommen wird. Nicht wahrnehmen bedeutet in der heutigen Medienkultur, nicht existieren. Nur Initiativen die den Charakter, die Eigenheiten und die Seele Südtirols darstellen sind zukunftsweisend. Einer Initiative, die uns zum Hinterland eines unseligen Trivenetos degradiert, wo wir dann wieder als “culture locali” unser folkloristisches Biotop besetzen können, muss man sich verweigern. Dass dies nicht geschieht beweist, dass Südtirol über keinerlei Konzept verfügt, wie man sich nach außen darstellen will. Dies beginnt bei Kleinigkeiten (keine eigene Domain usw. siehe Katalonien) und endet bei großen Initiativen wie der nun als misslungen zu betrachtenden Bewerbung zur Kulturhauptstadt.

@niwo
genau, und dazu gehört u.a. auch die Möglichkeit mit eigenen Mannschaften bei großen intl. Ereignissen wie der Olympiade, Ski-, Rodel-WM usw. anzutreten. Man will uns ja weis machen das ginge nicht. Dabei zeigt aktuell die WM wieder: es geht sehr wohl! England, Schottland usw. haben eigene Mannschaften und präsentieren SICH (und nicht den STAAT, dessen Teil sie nur sind) nach aussen.

Selbst die Neue Südtiroler TZ fragt heute in einem Interview mit Landesrat Tommasini, ob jetzt die für uns faschistisch vorbelastete Region “Triveneto” die Europaregion Tirol ablöst…Südtirol quo vadis?

Wo bitte bleibt der Aufschrei der Südtiroler Kulturschaffenden? Da werden sie — unter Einsatz von Steuergeldern, die man vielleicht sinnvoller in Kultur investieren könnte — zum Anhängsel Venedigs degradiert und was hört man? Nichts. Eine ohrenbetäubende Stille.

Man muss ja nicht jede Frage »umdrehen«, doch in diesem Fall ist es wohl eine sinnvolle Übung. Was wäre, wenn sich Südtirol (wie succus weiter oben geschrieben hat) an München gehängt hätte? Die »italienischen« Kulturschaffenden im Lande hätten revoltiert, aber zumindest hätten sie sich übergangen gefühlt. Zu recht. Und die deutsche und interethnische Intelligenzija hätte argumentiert, wir seien nicht »nur deutsch«, kein kulturell homogener Raum, den man einfach so zum Anhängsel einer anderen Großstadt oder Region machen könne. Ebenfalls zu recht.

Umso unheimlicher finde ich die jetzige Stille. Ist die Südtiroler Kulturszene schon so tot?

Es scheint so, dass die Südtiroler Kulturschaffenden entweder den Schock mit dem Museion noch nicht verdaut haben, oder zu sehr am Tropf des Landes hängen.

Hans Heiss hat ein ausgezeichnetes Plädoyer für eine neue Kulturpolitik verfasst, das in der aktuellen ff (27/2010) abgedruckt ist. Lesenswert. Dem Thema Kulturhauptstadt widmet er nur zwei — vielsagende — Sätze:

Bozen als Europäische Hauptstadt der Kultur? Der Traum ist zu Ende, nachdem Landesrat Tommasini die grandiose Idee hatte, Bozen als Wurmfortsatz in die Kulturregion »Nord-Est« einzubringen, sekundiert von der Landesregierung, die froh war, diese »Zumutung« los zu sein.

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