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Geschichtsbuch.
Quotation 26

Die geschichtswissenschaftliche und künstlerische Aufarbeitung [des Freiheitskampfes] setzte noch im Vormärz ein. Nach 1848 begann eine politische Instrumentalisierung von »Anno Neun«, die auch im 20. Jh. anhielt.

In der Volksschule, deren Besuch für [Andreas Hofer] um 1774, dem Jahr der Einführung der allgemeinen Schulpflicht, begann, erwarb er nur die nötigsten Kenntnisse; zumal das Schreiben war Zeit seines Lebens nicht seine Stärke.

Durch den Kontakt mit [den Gästen des Sandwirts] und durch die eigenen Reisen in den nördlichen Landesteil und ins heutige Trentino, die er als Vieh- und Weinhändler unternahm, war Hofer über das politische Geschehen gut informiert. Dies bedeutete freilich nicht, dass er auch einen weiten geistigen Horizont gehabt hätte.

Aus dem Geschichtsbuch für alle drei Sprachgruppen:
Erika Kustatscher, Stefan Lechner, Carlo Romeo, Alessandra Spada
Übergänge und Perspektiven. Grundzüge der Landesgeschichte.
Athesia-Verlag, Bozen, 2011.

Siehe auch:
Bildung Geschichte Publikationen Scola | Quote | | Athesia | Südtirol/o Trentino | | Deutsch

21 replies on “Geschichtsbuch.
Quotation 26

Hofer war sicher kein Stratege und Staatsmann wie Cavour oder Bismark. Im Grunde war sein Horizont um auf europäischer Ebene zu agierieren zu beschränkt. Schlussendlich wurde er zum Spielball europäischer Mächte und hätte er die Lage besser einschätzen können, wäre er nicht erschossen worden und zum Märtyrer hochstilisiert worden.

Seine innsbrucker Herrschaft zweigte außerdem auf, dass es sowohl nicht fähig war zu Haushalten als auch dass er für seine Zeit eine ziehmlich bigotte Weltanschauung vertrat.

Die dargebotenen Auszüge aus dem Geschichtsbuch für alle drei Sprachgruppen sind eine nüchterne und ausgewogene Beschreibung und eine Gegenposition zur Verklärung und politischen Instrumentalisierung Hofers, die bis zum heutigen Tage anhält.

Dies bedeutete freilich nicht, dass er auch einen weiten geistigen Horizont gehabt hätte.

Boh, sarà  anche vero, ma una frase del genere non l’ho trovata, a memoria, a proposito di nessun altro personaggio storico… nemmeno di campioni del libero pensiero come Bonifacio VIII, de Torquemada, Savonarola o il Ferdinando d’Aragona della cacciata degli ebrei…

@ gorgias

ich bin sehr für entmystifizierung. wenn man einem text aber von vorne bis hinten anmerkt, dass er eben diese entmystifizierung zum selbstzweck macht und sie nicht begründet sondern sie nur betreibt – noch dazu unausgewogen, weil sie en vogue ist, dann find ich das blöd.

es besteht ein großer unterschied zwischen argumentierter entmystifizierung und billiger anpatze.

zumal das Schreiben war Zeit seines Lebens nicht seine Stärke

in einer zeit, in der gerade mal die schulpflicht eingeführt worden war (wobei österreich in dieser hinsicht sogar zur europäischen avantgarde gezählt werden konnte), ist das merkmal „schreibschwäche“ für den durchschnittlichen menschen damals wohl eher die norm als die ausnahme. nach heutigen maßstäben klingt es aber natürlich furchtbar, wenn man schreibt: „der konnte nicht einmal gscheid lesen und schreiben“ – was muss das für ein trottel gewesen sein. dieses merkmal also unkommentiert hervorzustreichen halte ich für unseriös. (beispielsweise wurden mitte des 19. (!!!) Jahrhunderts – also 50 jahre nach hofers tod – in England noch immer zwischen 35 und 45 % der hochzeitsurkunden mit zeichen anstatt mit unterschrift besiegelt.)

Dies bedeutete freilich nicht, dass er auch einen weiten geistigen Horizont gehabt hätte.

solch wertende formulierungen haben in einem schulbuch nichts zu suchen. es wird hier nicht der versuch unternommen, hofer aufgrund seiner entscheidungen in das richtige licht (konservativ-reaktioär) zu rücken, sondern es wird durch solche aussagen vielmehr daran gegangen, die person zu diskreditieren. historische persönlichkeiten sollte man anhand ihrer entscheidungen beurteilen und nicht versuchen subjektive gefälligkeitsdiagnosen zu stellen. wie hitler im englischen boulevard oft als schwuler kinderschänder dargestellt wird, so soll hier wohl aus andreas hofer ein einfältiger trottel gemacht werden. ich halte eine derartige herangehensweise für billig und primitiv.

ein gutes beispiel, wie man den mythos hofer auch zerlegen kann, ist das museum in passeier. ich finde, dass dort großartige arbeit geleistet wurde. allein der animationsfilm zu beginn ist sensationell und museumspädagogisch eines der interessantesten und am professionellsten gemachten beispiele, die mir in jüngster vergangenheit untergekommen sind.

100% mit hunter einverstanden.

Der Korrektheit halber muss ich sagen, dass mir das »gemeinsame Geschichtsbuch« nach einer ersten, stichprobenartigen Lektüre, viel ausgewogener scheint, als man hätte befürchten können. Und das Projekt, gemeinsame Geschichtsbücher zu schaffen, finde ich sowieso grandios.

Bloß: Passagen wie die oben erwähnten machen auch wieder einiges vom positiven Gesamtbild kaputt.

@ gorgias: Was du über Hofer sagst stimmt auf jeden Fall! Deine Meinung über das Geschichtsbuch teile ich hingegen nicht so sehr: Denkst du nicht auch, dass das isolierte Unterstreichen von Hofers Schreibschwäche oder seines geringen „geistigen Horizontes“ eine gewisse, ein wenig an das tagespolitische Geschäft erinnernde Programmatik erkennen lässt? Vielleicht sehen die Autoren die Heldefigur „Sandwirt“ noch nicht als dekonstruiert genug an? Aber dann leisten doch solche groben Wertungen eher den gegenteiligen erwünschten Effekt beim Zielpublikum, oder nicht?
Ich denke, dass gerade bei einem Reizthema wie Andreas Hofer Neutralität, kritische Distanz, aber auch Ausgewogenheit in Urteil und Stil die besten argumentativen Vorzüge sind.

@ hunter: Sehr schön gesagt.

Ich kann mich jetzt nicht auf das Buch im allgemeinen Beziehen da ich es nicht gelesen habe. Vieleicht wirkt der Text als Gesamtes nicht so scharf wie die zweite und dritte zitierte Stelle alleine.

Den Text als neutral und distanziert zu bezeichnen wäre sicher falsch. Ich finde der Text ist ein Gegengewicht zu der immer noch starken Hofermytifizierung. Ob er ganz in einem Schulbuch hineinpasst möchte ich jetzt aber auch in Frage stellen.

Man kann es aber auch so sehen, dass diese Entmytifizierung kein Selbstzweick sein muss und eventuell Teil eines neuen Bildungskonzepts ist, das jegliche verklärende Interpretation des Textes nicht zuläßt.

Wenn ich den Text noch mal nachlese, finde ich das mir diese Bemerkungen plump vorkommen. Seine mangelnde Bildung und seinen engen Horrizont sind sicher nicht als negativ zu werten für jemandem seines Standes. Warscheinlich hat er für jemand aus seinem Stand sicherlich mehr Weitblick gehabt als andere. Aber schlussendlich was dann entscheidend ist für die Bewertung der Person Hofers ist ob er in seiner historischen Rolle als Anführer der Tiroler Erhebung die notwendigen Qualitäten mitbrachte die dafür nötig sind, ob er genug Bildung und Weitblick hatte, um in den Gefilden der europäischen Politik mitzuspielen oder ob er überfordert war und sich übernommen hat und das ihn zu seinem tragischen Scheitern führte.

@gorgias: es handelt sich hier um ein Schulbuch. Die Schüler hinterfragen nicht kritisch, welches die historische Rolle Hofers war/ist. Die Schüler werden aufgefordert das zu lernen was geschrieben ist, und im Buch steht unmissverständlich, dass Hofer „ein beschränkter Depp“ war. Ist es das, was unsere Kinder lernen sollen?

@ Senoner

Dass er ein Tepp gewesen sei steht hier nicht, doch er wird in seinen Grenzen gezeichnet.

Es wird auch auf seine Qualitäten hingewiesen:

Durch den Kontakt mit [den Gästen des Sandwirts] und durch die eigenen Reisen in den nördlichen Landesteil und ins heutige Trentino, die er als Vieh- und Weinhändler unternahm, war Hofer über das politische Geschehen gut informiert.

Ich kann mich leider nicht zum ganzen Text äußern, weil hier leider nur drei Auszüge stehen. Pervasion hat hingewiesen, dass für ihn dieses Geschichtsbuch nach stichprobenartiger Lektüre viel ausgewogener erscheint. Ich kann mir das auch vorstellen. Es wurden eben nur zwei oder drei kritische Stellen genannt.

Natürlich sind diese drei Stellen keine abgerundetes Portrait des Landwirtes. Man sollte auch darauf hinweisen, dass er zweisprachig war, weil er im Trentino Italienisch lernte und dass er natürlich auch eine gewinnende Persönlichkeit haben musste und einige Führerqualitäten um den Aufstand leiten zu können.

Die zwei Stellen sind scharf und haben sich eventuell auch im Ton vergriffen, stimmen inhaltlich, Hofer wird aber dadurch sicher nicht als Tepp dargestellt.

La canonizzazione a martire della libertà  di un personaggio storicamente così mediocre come Andreas Hofer è il sigillo sulla mediocrità  complessiva apportata dal Tirolo allo sviluppo di un’Europa libera.

Das Geschichtsbuch ist weder für Gruppenarbeiten noch für selbstständiges Lernen geeignet. Bestens allerdings zum Auswendiglernen von Textstellen. Da haben die mit unseren Steuergeldern beauftragten Historiker beste Arbeit geleistet. Ansonsten nichts neues von der Front :-)

Halte die Textstellen für überspitzt formuliert, inhaltlich aber richtig. Eine Schule ist der Neutralität verpflichtet und sollte nicht einem einseitigem Personenkult verfallen. Es sollte sowohl die Führungsqualitäten Hofers sowie seine Zweisprachigkeit als auch seine Limits als bigotter, reaktionärer Anführer einer Aufstandsbewegung aufzeigen. Stimme mit der Kritik überein, daß man eine Persönlichkeit des Ende 18. Jahrhunderts nicht am 21. Jahrhundert messen kann. Ihm „Schreibschwäche“ vorzuwerfen halte ich daher für belanglos.
Das Tiroler Problem ist eher ein Anderes. Unsere heutigen Ideale, Liberalität, Freiheit der Person, Gleichheit vor Recht und Gesetz, wurden damals eher von der Gegenseite repräsentiert. Daher die „Probleme“ bei manch‘ Wertung über A. Hofer. Man sollte ihn nicht in den Himmel heben, man kann aber bei der EntMythifizierung nicht über das Ziel hinausschießen. Das Buch insgesamt werte ich nicht, habe es nicht gelesen.

MfG

Das Geschichtsbuch ist weder für Gruppenarbeiten noch für selbstständiges Lernen geeignet. Bestens allerdings zum Auswendiglernen von Textstellen. Da haben die mit unseren Steuergeldern beauftragten Historiker beste Arbeit geleistet.

Unsere Steuergelder stammen von allen Bewohnern der Provinz. Daher soll ein Geschichtsbuch für die Schule so neutral wie nur möglich sein.

Ein Geschichtsbuch soll nicht neutral sein, sondern Fakten aufzeigen. Und wenn es vor allem von den Steuergeldern aller gezahlt wird, sollte es auch bestmöglichst im Unterricht verwendbar sein, was meines Erachtens nicht der Fall ist.

La canonizzazione a martire della libertà  di un personaggio storicamente così mediocre come Andreas Hofer è il sigillo sulla mediocrità  complessiva apportata dal Tirolo allo sviluppo di un’Europa libera.

Kann sein. Hier geht es aber nicht darum, sondern um die Opportunität, solch plumpe Wertungen in dieser Form in ein Geschichtsbuch zu packen.

Ein Geschichtsbuch soll nicht neutral sein, sondern Fakten aufzeigen. Und wenn es vor allem von den Steuergeldern aller gezahlt wird, sollte es auch bestmöglichst im Unterricht verwendbar sein, was meines Erachtens nicht der Fall ist.

Fast einverstanden. ;)
Dann verbessere ich mal das aus meiner Sicht.
Ein Geschichtsbuch soll neutral alle Fakten aufzeigen. Dann und nur dann ist es als Geschichtsbuch in einer Schule verwendbar. Ob das der Fall ist kann ich aus meiner Sicht nicht abschließend beurteilen weil ich nicht das ganze Buch gelesen habe. Haben Sie bereits das ganze Buch gelesen um das abschließend beurteilen zu können?

MfG

Andreas Hofer war für seine Zeit schon rückwärtsgewand. In den Stätten, vor allem in Innsbruck, war er nicht gerade beliebt und gemessen mit anderen Akteuren der europäischen Politik war er geradezu beschränkt.

Diese Beschränktheit hat auch dazu geführt dass er sich zu dem sussichtslosen Wagnis einer vierten Bergiselschlacht hinreisen ließ, an der auch Kindersoldaten beteiligt waren. Dies will man leider nicht wahrhaben und versucht ihn diese Entscheidung dadurch zu entschuldigen dass man den Druck durch seine Umgebung hinweißt und dass er sich von Haspinger dazu verführen ließ.

Ein analoges Beispiel ist bei Mao Zedong zu finden. (Damit möchte ich aber in keinster weise Andreas Hofer mit Mao Zedong vergleichen, sondern nur auf die Technik hinweisen wie eine historische Person verklärt und reingewaschen wird! )

Die Viererbande (chin. 四人帮/四人幫 Sìrénbāng) war eine Gruppe von Führungskräften aus dem linken Flügel der Kommunistischen Partei Chinas, die vor und kurz nach Mao Zedongs Tod 1976 große Macht ausübte. Die Viererbande hatte maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf der Kulturrevolution. Die Entscheidungen, die von der Viererbande getroffen wurden, sind allerdings schwer von denen zu trennen, die von Mao selbst diktiert wurden. Diese Wissenslücke ermöglichte es späteren chinesischen Führungen, die Schuld an den grausamsten Taten der Kulturrevolution der Viererbande zuzuweisen und die zentrale Gründerfigur Mao damit zu entlasten.

( Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Viererbande_%28China%29 )

La canonizzazione a martire della libertà  di un personaggio storicamente così mediocre come Andreas Hofer è il sigillo sulla mediocrità  complessiva apportata dal Tirolo allo sviluppo di un’Europa libera.

La possibilità  di arrogarsi in maniera così autoreferenziale il diritto di giudicare in modo boriosamente lapidario e riduttivo il contributo di un’intera regione allo sviluppo della storia europea, senza che nessuno ci trovi granché di strano, ci da la dimensione di quanto in realtà  i nostri tempi siano profondamente differenti da quelli di Hofer in quanto a „geistiger Horizont“… grazie della tua preziosa puntualizzazione, Gabriele! :prost:

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