Das enge »Wir« der STF.

Die Süd-Tiroler Freiheit (STF) hat heute via Facebook ein Dokument verbreitet, mit dem sie ihre Definition der Südtiroler (oder »Süd-Tiroler«) zum Ausdruck bringt. Die darin enthaltene Aufstellung möchte ich hier Punkt für Punkt kommentieren, weil sie meiner Meinung nach ein hervorragendes Anschauungsobjekt für ein exkludierendes und diskriminierendes Gesellschaftsverständnis ist.

Wir Süd-Tiroler in wenigen Worten

Süd-Tiroler sind Deutsche, weil ganz Tirol zum deutschen Sprach- und Kulturraum gehört, seit es diesen gibt, oder sie sind Ladiner und gehören damit der ältesten Bevölkerung des Landes an, die sich immer mit Tirol und Österreich verbunden gefühlt hat.

  • Ganz Tirol gehört nicht zum deutschen Sprach- und Kulturraum. Da wäre zum Beispiel das sogenannte Welschtirol — oder Ladinien, das die STF ja im selben Absatz ebenfalls erwähnt, ohne den Widerspruch zu bemerken.
  • Es stimmt zwar, dass Südtirol, mit Ausnahme Ladiniens, zum deutschen Sprachraum gezählt wird, doch das macht die Südtiroler nicht automatisch zu Deutschen.
  • Aber vor allem: Wo sind die italienisch- und anderssprachigen Einwohner dieses Landes? Ihnen erkennt die STF offenbar pauschal die Möglichkeit ab, Südtiroler zu sein.
  • Einen Beleg für die Aussage zu finden, dass die Ladiner sich immer mit Tirol und Österreich verbunden gefühlt haben, wird schwierig sein.

Süd-Tiroler sind Österreicher, weil Süd-Tirol mit ganz Tirol von 1363 bis 1918 zum Reich der Habsburger gehört hat und in dieser Zeit seine Eigenart und seine beispielhaften Freiheiten entwickeln konnte.

Und die letzten hundert Jahre, in denen die jetzt lebenden Südtiroler geboren sind? Einfach weg? Gestrichen? Vergessen? Nein, liebe STF — die letzten hundert Jahre haben Südtirol genauso geprägt, wie die 550 Jahre davor. Und richtige Österreicher wollten viele Tiroler eigentlich nie sein.

Süd-Tiroler sind Tiroler, weil die Bildung dieses Landes von seinem Südteil ausgegangen ist. Schloss Tirol bei Meran hat dem Land den Namen, das Wappen (Tiroler Adler) und die Farben (weiß-rot) gegeben, der größte Tiroler Freiheitsheld Andreas Hofer stammt aus dem südlichen Tirol.

Süd-Tiroler sind Tiroler — das ist eine Tautologie. Natürlich: Süditaliener sind Italiener, Nordfranzosen sind Franzosen und Westafrikaner sind Afrikaner. Da muss man keine Rechtfertigungen und Begründungen bemühen.

Süd-Tiroler sind keine Italiener, da Italien ein Nationalstaat ist und die Süd-Tiroler historisch, sprachlich und kulturell nicht zur italienischen Nation gehören. Hingegen war unser altes Österreich ein Vielvölkerstaat, der die Sprache und Kultur all seiner Völker respektierte, sodass sich auch italienischsprachige Welsch-Tiroler als Österreicher fühlen konnten.

Nun also doch: die Welschtiroler, die aber laut erstem Punkt (wonach ganz Tirol zum deutschen Sprach- und Kulturraum gehört) Deutsche sein müssen. Die STF ist offenbar nicht gewillt, die Sprache und Kultur aller Südtiroler zu respektieren, wie dies ihren Aussagen zufolge in Österreich der Fall war.

Diesem ausschließenden Katalog könnte man noch anfügen, dass Südtiroler grundsätzlich weiß sind und christlichen Glaubens. Und — ja — was mit den Südtirolerinnen ist, bleibt leider offen… es sei denn, sie sind hier wohlwollenderweise mitgemeint. Dann wären sie gerettet.

Siehe auch: [1] [2] [3]

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One Pingback/Trackback

  • Markus

    Einen Beleg für die Aussage zu finden, dass die Ladiner sich immer mit Tirol und Österreich verbunden gefühlt haben, wird schwierig sein.

    Da muss ich widersprechen. Seit jeher sind die Ladiner Tiroler – dies wurde bei vielen Gelegenheiten betont und wiederholt. So z.B. auch bei der Forderung der Ladiner zur Selbstbestimmung im Oktober 1918: “Wir sind keine Italiener (…) wir sind ein selbstständiges Volk (…) Tiroler sind wir und Tiroler wollen wir bleiben!”

  • TirolaBua

    Gott sei Dank bin ich Tiroler. Und Gott sei Dank muss ich niemand anderem vorschreiben, was er zu sein oder nicht sein hat.

  • Andrea Catalano

    Ganz Tirol gehört nicht zum deutschen Sprach- und Kulturraum.

    La corretta interpretazione é questa: i trentini sono storicamente austriaci di madrelingua italiana. Se si vuole estendere la loro appartenenza al Sacro Romano Impero Germanico si potrebbe dire che i trentini sono tedeschi di madrelingua italiana. Una cosa é la lingua, un’altra cosa l’appartenenza a una storica area geo-politico-culturale.

    • hunter

      wobei man unterscheiden muss, dass man – wenn man heute von “deutschen” und “österreichern” spricht – dies meist in einem nationalen sinne ersteht, während über lange zeit, wo ganz tirol bei “österreich” war, dies ein sprachlich und kulturell sehr heterogenes kaiserreich war.

      • Andrea Catalano

        L’Austria ha cominciato ad essere “eterogenea” molto tardi diciamo tra il XVI e il XVII secolo, quando gli Asburgo hanno progressivamente acquisito in modo concordato l’Ungheria come ricompensa per avere respinto i turchi.
        Il Principato Vescovile di Trento invece faceva parte dell’Sacro Romano Impero da molto prima, almeno dal X secolo quindi giá dalla fondazione dell’Impero. È per questo che si puó dire che i trentini sono austriaci (e tedeschi) storici, non la stessa cosa si puó dire degli ungheresi…

  • Sigmund Kripp

    Hingegen war unser altes Österreich ein Vielvölkerstaat, der die Sprache und Kultur all seiner Völker respektierte,

    Na, da müssten die STFler mal mit den Ungarn reden, ob das wirklich immer so war!

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