Ein Bettler-Gütesiegel.

Wie die Antifa-Meran beklagt, werden die Töne gegen bettelnde Menschen auch in Südtirol immer rauer. Je mehr eine Gesellschaft verarmt — und das tut sie durch Wirtschaftskrise und steigende Steuern auch hierzulande — desto mehr wächst der Neid, und zwar leider viel zu oft nicht Reichen und Privilegierten, sondern den noch Ärmeren gegenüber. Jetzt spricht sich auch der ehemalige Bozner Vizebürgermeister, Elmar Pichler-Rolle (SVP), für ein Bettelverbot in der Landeshauptstadt aus.

Was solche Verbote bringen, nämlich nichts als Symptombekämpfung — die unangenehmen Erscheinungen, die mit der steigenden Armut und Verwahrlosung einhergehen, werden einfach vom Stadtbild entfernt — habe ich bereits vor einigen Jahren geschrieben, als es der Polizeipräsident war, der die Stadtoberen von der Notwendigkeit einer Verordnung überzeugen wollte.

Ich möchte aber auch nicht sämtliche Bedenken der Bevölkerung vom Tisch fegen, denn ich selbst habe auch manchmal ein ungutes Gefühl, wenn ich einem Bettler mein Geld gebe. Genauso wie bei wohltätigen Spenden für größere Organisationen ist es durchaus legitim, sich darüber Gedanken zu machen, ob das Geld auch bei denen ankommt bzw. bleibt, die es benötigen. Aufgedeckte Skandale haben bereits desöfteren gezeigt, dass Zweifel nicht immer unberechtigt sind.

Nun gut, einige NGOs haben auf diese Vorfälle reagiert und lassen ihre Arbeit neuerdings von unabhängigen Fachleuten unter die Lupe nehmen — auch in Südtirol. Dafür erhalten sie dann ein Gütesiegel. Dies soll dem Spendenwilligen zumindest ein wenig Orientierung bei der Auswahl des Begünstigten bieten.

Da die meisten Menschen heute nicht bloß kein Interesse, sondern auch schlichtweg keine Zeit haben, sich mit dem Thema persönlich auseinanderzusetzen oder etwa ein direktes Gespräch mit einem Bettler zu suchen, wäre meiner Meinung nach auch für sie so etwas wie ein Gütesiegel von Vorteil. Was zunächst aufwändig klingt, ist eigentlich recht einfach umsetzbar und bereits aus vielen Städten bekannt: Als ich etwa in Berlin lebte, wusste ich, dass ich mich auf Menschen verlassen kann, die mir eine Straßenzeitung verkaufen. Auch in Innsbruck gibt es so etwas, den 20er. Da es sich um »organisiertes Betteln« im positiven Sinne handelt, kann man sich als Spender ziemlich sicher sein, dass das Geld bei den Bedürftigen selbst ankommt und dass es sich bei den Verkäufern nicht um Schwindler handelt. Oft haben sie auch die Gelegenheit, selbst redaktionell tätig zu sein und erhalten somit — wenn sie dies wünschen — einen niederschwelligen Eintritt in’s Berufsleben.

Die Politik täte gut daran, sich für ein solches Projekt starkzumachen, anstatt auf rasche und billige Lösungen zurückzugreifen, durch welche die Bedürftigen höchstens in eine andere Stadt oder — im schlimmeren Fall — in die Kriminalität abgedrängt werden. Es muss auch nicht unbedingt eine Zeitung sein. Bettlern, die sich nicht am Projekt beteiligen wollen, wird es danach ohne dieses »Gütesiegel« sowieso schwerfallen, zu bestehen. Ein Bettelverbot braucht es nicht.

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11 replies on “Ein Bettler-Gütesiegel.”

ich stimme dir zu, dass ein bettelverbot weder etwas bringt noch notwendig ist. es wäre reine symptombekämpfung und ändert nichts an der ursache des problems.

wenn tatsächlich eine größere zahl an menschen zum betteln gezwungen ist, dann muss die oberste devise heißen, einen ausweg anzubieten bzw. die unmittelbare not unbürokratisch und effektiv aber vor allem organisiert zu lindern. letzteres geschieht am besten durch von unabhängiger stelle kontrollierten ngo oder von mir aus auch von der öffentlichen hand organisierten hilfsangeboten. für ersteres ist – wie pervasion erwähnt – der innsbrucker 20er oder auch der wiener augustin vorbild. die betroffenen sind dann weniger bittsteller als vielmehr “vertragspartner” (wertschätzung durch leistung und gegenleistung), können sich aktiv einbringen und gleichzeitig verfügen sie über ein sprachrohr, um auf ihre situation aufmerksam zu machen. überdies wird ihnen verantwortung zuteil, die hilft, sich in unserer gesellschaft wieder zurechtzufinden.

ich glaube jedoch nicht, dass das südtiroler “bettelproblem” auf die krise bzw. eine verarmung unserer gesellschaft zurückzuführen ist. um das kind beim namen zu nennen – in der ganzen diskussion geht es ja nahezu ausschließlich um die gruppe schwarzafrikaner und in kleinerem ausmaß um eine gruppe von menschen aus osteuropa.

subtrahieren wir diese gruppen, glaube ich, würde niemand ein “bettelproblem” wahrnehmen.

dass es sich bei obigen beispielen nicht um “bettelei” im klassischen sinne handelt, wage ich zu behaupten. was da passiert ist organisierte ausbeutung.

mehrfach hab ich beobachtet, wie sich die mitglieder der gruppen am rande der stadt sammelten, ein mann – meist in einem teuren auto – ihnen zu essen brachte und dann wieder verschwand. dieselben gruppenmitglieder deuten dann regelmäßig beim betteln auf den mund um ihren hunger zu symbolisieren. ich hab schon öfters angeboten, ihnen etwas zu essen zu kaufen – was immer sie wollen. keiner der “hungrigen” bettler hat bislang mein angebot angenommen, sondern geld verlangt (da sie dies dann natürlich abliefern müssen).

ich gehe inzwischen so vor, dass ich mir “visitenkarten” gebaut habe, auf denen in drei sprachen (deutsch, italienisch, englisch) die kontakte von hilfsorganisationen (bei hunger, obdachlosigkeit und arbeitslosigkeit) vermerkt sind. diese drücke ich den bettlern dann in die hand.

was passieren kann, wenn bettlern – egal ob echte oder simulierte – in großem maße unterstützt wird, habe ich in touristenzentren in indien gesehen. die vermeintlichen “bagatellspenden” der touristen bringen bisweilen das ganze sozialgefüge durcheinander und zerstören das preisgleichgewicht. ganze generationen werden ihrer zukunft beraubt, da sie kurzfristig mehr verdienen als ihre elterngeneration durch harte arbeit, später dann aber ohne ausbildung auf der straße stehen. kriminalität ist dann oft der einzige ausweg.

daher:
bettelverbote bringen nichts. ebensowenig wie individuelle spenden. vielmehr bedarf es eines sozialen fangnetzes, das die möglichkeit auf “wiedereingliederung” bietet. persönliche geldgaben an bettler lehne ich grundsätzlich ab, da ich glaube, dass sie kontraproduktiv sind. denn was “geld verschenken” bringt, haben wir beim großteil der so genannten “entwicklungshilfe” in afrika gesehen. das wichtigste ist, sich auf augenhöhe zu begegnen, denn dann entwickeln auch menschen, die in not geraten sind, wieder vertrauen in sich selbst und ihre fähigkeiten und haben das gefühl, dass sie gebraucht werden. das ist langfristig viel die größere hilfe als ein paar euro.

Möchte — vorerst ohne weiter mitzudiskutieren, da unterwegs und am Handy — etwas klarstellen: Ich habe nicht geschrieben, dass die Südtiroler schon so verarmt sind, dass sie selbst betteln müssen. Die relative Verarmung der Südtiroler führt aber zu Sozialneid.

sorry. hab ich missverstanden. wenn du unter sozialneid z.b. das einprügeln des “einfachen mannes” auf ausländer verstehst, die angeblich alles vorne und hinten hineingeschoben bekommen, während einheimische benachteiligt würden, verstehst, seh ich allerdings den zusammenhang zur betteldiskussion nicht.

ich glaube nicht, dass “sozialneid” da eine rolle spielt. ich glaube, die ablehnung dieser art der “bettelei” wäre auch gegeben, wenn es allen prächtig ginge. es ist – wie ich glaube – die auf eine bizarre weise unangenehme situation, mit der man konfrontiert wird und die man einfach nicht haben möchte – gepaart mit der frequenz. wenn man die bindergasse hinaufgeht, kann es einem passieren, dass man innerhalb von zwei minuten drei mal aktiv um almosen angebettelt wird.

der übertrieben mitleidserregende blick, die hunger andeutende gestik in kombination mit dem nicht gerade nach elend aussehenden erscheinungsbild sowie die forsche und gleichzeitig irgendwie menschenunwürdige art, verschrecken die menschen.

ich stimme dem antifa-artikel zu, dass die lösung bei einem überdenken des wirtschaftsystems im allgemeinen (und zwar global) zu suchen ist. (stichwort: es geht nicht darum, den ländern der dritten welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen – das ist auch das, was ich zuvor mit “augenhöhe” gemeint habe). dennoch bin ich nicht der meinung – wie der antifa-artikel suggeriert, dass pichler rolles vorpreschen mit “rechtsdrall”, anbiederung an die freiheitlichen oder gar ausländerfeindlichkeit zu tun hat. ich glaube nämlich auch, dass dieser organisierten bettelei – wenn auch nicht durch ein bettelverbot – der riegel vorgeschoben gehört.

diese menschen brauchen perspektiven und nicht euros, die sie dann ihrem “bettelmeister” abgeben. und auch wenn sie sie für sich selbst behalten können, ist das professionelle anbetteln kein “wirtschaftszweig”, den man fördern sollte.

finde den artikel sehr gut, möchte allerdings darauf hinweisen, dass die mitarbeiter und verkäufer des 20er zurecht sehr viel wert darauf legen, dass ihre arbeit nicht als betteln (auch nicht unter anführungszeichen) bezeichnet wird. wird auch der qualitativ hochwertigen zeitung nicht gerecht..

sorry. hab ich missverstanden. wenn du unter sozialneid z.b. das einprügeln des ”einfachen mannes” auf ausländer verstehst, die angeblich alles vorne und hinten hineingeschoben bekommen, während einheimische benachteiligt würden, verstehst, seh ich allerdings den zusammenhang zur betteldiskussion nicht.

Ich denke, der Neid an Zuwanderern (den Begriff »Ausländer« würde ich lieber vermeiden) ist eine Facette dieses Sozialneids. Du hast sicher Recht, dass die Ablehnung gegen Bettelei auch dann vorhanden wäre, wenn es allen gut ginge — in letzter Zeit habe ich aber, z.B. bei Facebook und in Internetfora, desöfteren gelesen, diese Leute sollten doch bitteschön arbeiten und Geld verdienen wie alle anderen auch, denn: auch uns geht es nicht mehr so gut und wir müssen hohe Steuern zahlen.

Trotzdem kann ich deinen Kommentaren im Großen und Ganzen (!) zustimmen, besonders wenn du sagst, dass wir diesen Leuten Perspektiven bieten müssen. Das Risiko bei einem Bettelverbot ist ja, dass wir ihnen diese »Einnahmequelle« untersagen, dann aber vergessen, ihnen was anderes dafür anzubieten…

Wobei ich hier bei uns nicht die Gefahr sehe, dass wir durch Almosen das Sozialgefüge durcheinanderbringen. Das hat in Indien doch auch sehr stark damit zu tun, dass Beträge, die für Touristen sehr klein sind, vor Ort einen viel größeren Wert haben.

Meines Erachtens liegt die Verantwortung in der Politik. Diese Menschen sind ja Bürger. Sie sind hier vor Ort. Sie haben ein Recht auf anständiger Unterkunft, Ernährung und Fortbildung. Jedes Mal, wenn ein Migrant, der noch dazu ein “nulla osta” von den Einwanderungsbehörden hat, sich entscheidet, sein Leben hier zu verbringen, was so oder so schon kein Zuckerschlecken ist, muss er die selben Rechte und Pflichten haben. Was läuft schief, wenn jemand am Strassenrand sitzt und bettelt? Ich bezweifle, dass dies freiwillig geschieht. Oder er wird ausgebeutet oder er wird von der Sozialpolitik vernachlässigt. Wenn wir Geld für Monsterprojekte haben, müssen wir auch Geld haben, dass diese Menschen wieder ein selbstständiges Leben mit einer geregelten Arbeit bekommen.

@ karlnickel

auch das meinte ich mit “augenhöhe”. 20er verkaufen ist nicht betteln. 20er verkäufer treten auch ganz anders auf als “unterwürfige” bettler.

@ pervasion

zustimmung. natürlich bringen bei uns almosen nicht das sozialgefüge durcheinander. dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, mehrwert zu schaffen. das unterscheidet die bettler ja auch von den straßenverkäufern und straßenmusikanten (wenngleich einige das nicht immer legal machen).

dennoch darf niemandem das recht verweigert werden, jemand anderen um etwas zu bitten. gleichzeitig ist aber, wie ich bereits geschrieben habe, das eröffnen von perspektiven der einzig richtige ausweg. dafür müsste die öffentliche hand auch viel mehr geld investieren. und so kapitalistisch das klingt, langfristig gesehen ist das sogar für die wirtschaft gut, denn je mehr menschen für sich selber sorgen können und gleichzeitig auch noch mehrwert schaffen indem sie produktiv sind, desto weniger geld muss für sozialleistungen ausgegeben werden. daher verteile ich zettel zusammen mit einer kurzen erklärung und nicht münzen:

jemand der tag für tag an einer ecke steht und um geld bettelt hat jedoch keine perspektive. er/sie macht das so lange, bis er/sie vertrieben wird, um dann in einer anderen stadt sein/ihr glück zu versuchen.

bin gespannt, wie lange es dauert, bis die “großen brüder und schwestern” unserer stadtoberen – sprich die staats- und europaverantwortlichen der regierenden parteien – begreifen, dass das “bettlerproblem” unter anderem hier zu lösen wäre.

wobei ich nicht so naiv bin zu glauben, dass es nur an mangelnder einsicht komplexer probleme und nicht vorhandenem willen liegt. da sind natürlich “lobbygestützte” interessen dahinter, wobei “langfristigkeit” in quartalszahlen gemessen wird. für die vielen armen schweine die dadurch ihre existenz verlieren gibt es das schöne wort “kollateralschaden”.

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