»Menschen gegen Flaschen«.

Im Rahmen der gleichnamigen Facebook-Gruppe hat eine spontane Arbeitsgruppe mit Markus Lobis, Dominik Plangger, Markus »Doggi« Dorfmann, Georg Hofer, Karl Dander, Klaus Ramoser, Philipp Achammer, Walter Petrone, Alex Ploner und Andrea Tremolada gemeinsam mit Volontarius, Caritas, Pfarrcaritas Vintl, Gemeindeverwaltung und Vereinen des Dorfes ein

Solidaritätskonzert [•]

für die Flüchtlinge vom Fischerhaus organisiert, die vor kurzem Opfer eines versuchten Brandanschlags geworden sind. Es findet am

Freitag, den 18. Mai 2012 von 18 bis 23.45 Uhr

am Festplatz in Vintl statt. Alle, die den »Fischer-Buibn« ihr Mitgefühl bekunden, den feigen Akt verurteilen und sich von den Tätern trotzdem nicht die Laune verderben lassen möchten, sind zur Teilnahme eingeladen. Danke an die Organisatorinnen für ihr rasches und dezidiertes Engagement.

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.

8 replies on “»Menschen gegen Flaschen«.”

Ich war gestern in Vintl und habe beobachtet, dass die “Fischer-Buabm” von der Bevölkerung sehr wohlwollend behandelt werden. Ich glaube, es ist wichtig, dass dies auch immer wieder betont wird. Zu schnell würde sonst ein Dorf in Verruf geraten, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung echte Solidarität bekunden. Sollte es sich wirklich heraustellen, dass ein paar Minderjährige aus Vintl die Brandbomben geworfen haben, dann können sich dies die Blauen von Vintl auf ihre Fahne heften, zu sehr wurde Angst und Ressentiments von dieser Seite gesät.

Unabhängig vom Konzert möchte ich sagen, wie sehr mich die Berichterstattung in den Medien stört. Diese wirkt auf mich wie die krampfhafte Suche nach Schuldigen.

Der Mediale Pranger steht jetzt schon bereit, wir brauchen nur noch jemanden, den wir daran aufhängen können um unser Gewissen zu beruhigen. Es waren ja DIE da und nicht wir. Auch in der facebook-Gruppe “Menschen gegen Flaschen” gibt es solche Tendenzen zu Hauf. Diese Suppe aus Fremdschämen, Hetze und Mitgefühl verhindert eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Thematik.

Ich habe bei all den Stellungnahmen und Mitgefühlsbekundungen zugegeben meine Schwierigkeiten zu differenzieren: ist das nun echt, oder doch nur Valium fürs kollektive Gewissen.

Es ist mir einfach zu banal, zu einfach nach Schuldigen zu suchen, ohne nach Gründen zu fragen und mal zu überlegen, ob Südtirol nicht tendenziell anfällig für Nationalismen ist und warum das so ist. Auch in @succus Kommentar kommt diese Haltung zum Ausdruck: “[…] dass ein paar Minderjährige aus Vintl die Brandbomben geworfen haben, dann können sich dies die Blauen von Vintl auf ihre Fahne heften […]”. Ähnliche Mutmaßungen findet man auch auf FB.

Diese krampfhafte Suche nach Schuldigen ist derart von Vorurteilen überladen, dass sie für mich nicht besser sein mag als die Tat selbst.

Dass soetwas in Vintel passiert ist/war kein Zufall. Wäre es im Burggrafenamt passiert würde es mich auch nicht wundern. Dies ist nicht der erste Übergriff dieser Art, sondern nur der erste der medial gepusht wird.

Es ist mir einfach zu banal, zu einfach nach Schuldigen zu suchen, ohne nach Gründen zu fragen und mal zu überlegen, ob Südtirol nicht tendenziell anfällig für Nationalismen ist

Genau das habe ich versucht zu ergründen und eine differenzierte Sichtweise darzulegen. Wenn von einer Seite immer undifferenziert geschürt wird, wird sich auch irgendwannmal ein Dummer finden, der auch Taten folgen lässt. Genau das ist in Vintl geschehen, beispielsweise die Behauptung der Blauen, dass eine Familie aus dem Haus ausziehen musste. Das stimmt in keinster Weise, das Haus sollte abgerissen werden, die Eigentümer wurden entschädigt und sind vorher ausgezogen. Es ist schäbig, derartige Gerüchte im Umlauf zu setzen. Mit meinem Kommentar wollte ich lediglich zum Ausdruck bringen, dass Vintl nicht zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit werden soll, genau das Gegenteil ist der Fall.

einerseits stören auch mich manche ausprägungen an dieser geschichte, andererseits freut es mich doch, dass sich viele menschen öffentlich gegen den anschlag aussprechen und ihre solidarität bekunden.

hans karl peterlini hat auf besagter facebook-gruppe folgenden kommentar geschrieben, auf den ich dann eine antwort verfasst habe.

Besonders schwerwiegend finde ich jene Kommentare, die zwar Gewalt gegen Asylanten verurteilen, aber im nächsten Satz feststellen: Das wird nicht das letzte Mal sein, weil den Menschen geht die Luft aus oder man dreht ihnen den Kragen ab, wenn nichts getan wird gegen das Problem – und schon sind nicht mehr die Gewalttäter das Problem, sondern jene, die Gewalt erleiden, jene, die in der Regel zuerst auf Stammtischniveau zu Untermenschen herabgewürdigt werden und dann im Extremfall auch einmal totgeschlagen oder brandgeschatzt werden.

Diese simple Denkfigur, die aus Menschen ein Problem macht, das gelöst werden muss, manchmal eben auch endgelöst, ist das Einfallstor für den Rassismus in die Welt des guten kleinen Mannes, der sich seines Unrechts nicht bewusst ist, gar nichts böses zu denken oder wollen glaubt, ja so viel Verständnis hat, aber dann im Aber die Lösung findet – schlicht des Biedermanns, der sich am Ende als Brandstifter wiederfindet und nicht weiß, was er getan hat.

Extremtaten sind grauenhaft, aber sie sind nur Symptome einer lieblich auftretenden Alltagskultur, die den Anderen per se zum Problem macht. Ich glaube, darauf gibt es keine andere Antwort als die “ohne-wenn-und-aber-Feststellung”, dass Menschen kein Problem sein dürfen, das man lösen muss, dass wir alle Ausländer sind und Fremde, die von irgendwoher kommen und irgendwohin gehen, dass wir alle Gast sind auf dieser Erde und dass jene, die sich Herren wähnen dieselben sind, die humane, soziale und ökologische Verwüstung über uns und unseren Planeten bringen.

meine antwort:

Peterlinis Text ist sehr schön. Meiner hingegen ist hässlich und ich bin mir bewusst, dass ich mir damit wohl nicht viele Freunde machen und noch weniger Thumbs-up holen werde. Dennoch bringe ich hier und vor allem jetzt meine Kritik an:

Der Reifegrad einer Gesellschaft zeigt sich in ihrem Umgang mit dem Unfassbaren. Norwegen sieht sich gerade mit dieser Herausforderung konfrontiert. Und mittlerweile hat wohl auch Südtirol seinen kleinen “Fall Breivik”. Womit ich keinesfalls dessen Tat verharmlosen möchte. In der Bewertung geht es aber weniger um die Qualität eines Verbrechens als vielmehr um dessen Wesensart. Wobei ich mit Mutmaßungen über die Motivation der Angreiferinnen vorsichtig bin, obwohl ein rassistischer Hintergrund mehr als wahrscheinlich sein dürfte. Ich erinnere jedoch nur, dass bei den Attentaten in Norwegen in nahezu sämtlichen Medien voreilig von einer islamistischen Täterschaft gesprochen wurde, ehe die rechtsextremistische Gesinnung des Terroristen bekannt wurde. Der Verzicht auf Mutmaßungen und Vorverurteilungen ist ein wichtiges Indiz für einen funktionierenden Rechtsstaat. Die Ungewissheit über die Hintergründe der Tat ist unbefriedigend, hindert uns aber nicht daran, den Opfern dennoch unsere Solidarität auszusprechen.

Nur eine Gesellschaft, die jenen Menschen Rechte und Würde gewährt, die eben diese anderen verwehrt haben, entkoppelt – wie von Peterlini eindringlich gefordert – tatsächlich das Begriffspaar Mensch und Problem. Peterlini sieht zwar in der “ohne-wenn-und-aber-Feststellung”, dass Menschen kein Problem sein dürfen, die Antwort, bezeichnet die Gewalttäter(-innen?) jedoch wenige Sätze zuvor selbst als “Problem”. Das “ohne-wenn-und-aber” muss allerdings – obwohl dies freilich schwer fällt – faktisch absolut sein und auch für Kinderschänderinnen, Massenmörderinnen sowie – in unserem Falle wahrscheinlich rassistisch motivierte – Brandschatzerinnen gelten. Ansonsten fänden wir uns schnell jener Hypokrisie verfallen, die beispielsweise die “Pro-Life”-Bewegung gegen die Abtreibung und für die Todesstrafe auftreten und Demokratien Präventivkriege im Namen der Freiheit führen lässt. Daher ist das von Peterlini angeprangerte “Aber” – wenngleich nicht in seiner relativierenden Ausprägung, wie sie der Aussendung der Freiheitlichen zu entnehmen ist – sehr wohl Teil der Lösung. Wohlweislich – und das ist meine Kernbotschaft – muss dabei genau zwischen Erklärung und Rechtfertigung unterschieden werden. Von Notwehr einmal abgesehen, ist Gewalt nämlich durch absolut nichts zu rechtfertigen und die Ausübenden haben die Konsequenzen zu tragen und die Verantwortung zu übernehmen. Für 9/11, die Entführungen der RAF, die Folterungen in irakischen Gefängnissen, die Krawalle in Pariser Vorstädten, den palästinensischen Terror, die Angriffe auf Asylantenheime in Rostock, die “gezielten Tötungen” – sprich Morde – der israelischen Armee usw. gibt es keine Rechtfertigung. Obschon sich genannte Beispiele in der Qualität der Gewaltanwendung wesentlich unterscheiden, eint sie der nicht tolerierbare Umstand, dass Gewalt als Mittel zur Erreichung von Zielen eingesetzt wird. Es ist dabei einerlei, wie perfide die Motivationen und ob die Gründe rationaler, irrationaler oder gar transzendenter Natur sind. Durch die Gewaltanwendung werden sie schlichtweg real. Und daraus erwächst auch unser wohl inhärentes Bedürfnis auf eine Antwort nach dem “Warum?”. Wenn wir konsequent Peterlinis “ohne-wenn-und-aber”-Haltung verfolgen, dann müssen wir uns folgerichtig mit der Motivation der Täterinnen auseinandersetzen, auch wenn sie noch so verwerflich oder nicht nachvollziehbar ist. Wir müssen jede Art von Gewaltanwendung als Hilferuf begreifen und sie nicht “nur” verurteilen, um langfristig wirksame Lösungsansätze bieten zu können. Verurteilungen sind reflexartige und meist ehrlich empfundene Spontanreaktionen, sind wichtig und notwendig. Verurteilungen helfen auch, den gesellschaftlichen Grundkonsens zu schärfen. Sie können aber innerhalb der “Zielgruppe” sogar kontraproduktive Effekte bewirken, denn Extremistinnen befinden sich durch ihre Taten ja außerhalb des besagten Grundkonsenses. Wenn wir uns auf Verurteilungen und Solidaritätsbekundungen beschränken, erliegen wir dem – wie ich es nenne – “Papst-Syndrom”, der auch in regelmäßigen Abständen die Gewalt in Nahost verurteilt und sich solidarisch erklärt. Peterlini hat vollkommen Recht, wenn er Extremtaten als Symptome “einer lieblich auftretenden Alltagskultur, die den Anderen zum Problem macht”, sieht. Jedoch genau aus diesem Grund, liegt die Lösung des Problems im “Aber”.

Das war gestern ein feines, gut besuchtes Konzert und somit ein wichtiges Signal gegen diejenigen, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgrenzen wollen. Nur die Temperaturen haben nicht unbedingt mitgespielt. Wer nicht dabei war, hat aber definitiv etwas verpasst (und ich war leider selbst erst ab ca. 22.00 Uhr da).

Möchte mir hiermit nochmal bei den Organisatoren bedanken.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *