Watsch’n vom Minister.

Man kann vom Schützenaufmarsch halten, was man will. Ich zum Beispiel finde den (vorgeblichen) Inhalt richtig und teilbar. Sowohl die Form des Protests samt seiner kontraproduktiven Themenvermischung, als auch die Richtung, von der sich die Stimme erhebt, sind dagegen ziemlich bedenklich — zumindest bis die Schützen sich nicht unmissverständlich und in jeder Form von rechtsextremen Positionen distanziert und auch zur Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in Südtirol beigetragen haben.

Im gleichen Atemzug will ich die Doppelzüngigkeit jener Selbstgerechten nicht unerwähnt lassen, die zwar die Aufarbeitung der Nazivergangenheit fordern, an einem Duce am Gerichtsplatz jedoch nichts auszusetzen haben.

Auf jeden Fall war der Protestmarsch der Schützen aber eine private Veranstaltung, rechtlich völlig unbedenklich und innerhalb des Rahmens der freien Meinungsäußerung. Und er hat immerhin einige unerwartet kluge Töne von italienischer Seite hervorgerufen.

Dass jedoch der Staat unmittelbar auf diese Kundgebung reagiert, und zwar mit einer demonstrativen, vom postfaschistischen Verteidigungsminister höchstselbst angeordneten Kranzniederlegung vor dem Liktorendenkmal, ist gänzlich deplaziert und inakzeptabel. Umso mehr, als in letzter Zeit vermehrt Geschehnisse zu verzeichnen sind, die gefährlich an totalitäre Zeiten anknüpfen, ohne dass die Institutionen angemessen darauf reagiert hätten.

Über den speziellen Fall hinaus gilt ohnehin, dass sich der Staat anderer Mittel als jenen von Provokation und Vergeltung zu bedienen hat. Andernfalls wird er gezwungen, auf extreme Taten extreme Antworten zu liefern. Guantanà¡mo in Sicht.

Siehe auch:

Faschismen Grundrechte Politik | | | | | PDL&Co. |

28 replies on “Watsch’n vom Minister.”

wenn wir schon bei der bananenrepublik und die sicherheit der bananen sind, habt ihr gelesen mit welch lockeren strafen die angeklagten polizisten bzgl. den g8 ausschreitungen davongekommen sind – die leitenden beamten sogar mit freisprüchen?

mord, beweisfälschung und schwerste körperliche misshandlung sind kavaliersdelikte solange man polizist ist – dafür kommt man als ottonormal für lächerlichkeiten wie steuerhinterziehung (damit meine ich nicht steuerbetrug) oder cannabiskonsum in den knast. moment, nennt man das ausgleichende gerechtigkeit? :-)

italiens gesetze und justiz sind eine reine lachnummer und sonst gar nix.
und wieder einmal viva la banana!

Ich bin kein großer Anhänger martialischer Aufmärsche, ebenfalls finde ich die Themenvermischung besagter Demonstration als unglücklich. Besonders störend finde ich, dass bei derartigen Veranstaltungen nicht versucht wird, verstärkt Brücken zu italienischsprachigen SüdtirolerInnen zu bauen. So wie nicht jeder Schütze ein Nazi ist, ist auch nicht jeder Italiener ein Faschist. Dies muss einfach verstärkt unterstrichen werden – da tut sich Südtirols “patriotisches Lager” noch verdammt schwer.
Trotzdem muss festgehalten werden, dass den Schützen jegliches Recht der Welt zusteht eine Demonstration zu veranstalten. Erstaunlich, wie sich Südtirols deutsche Linke wieder einmal bilderbuchmäßig ins Abseits manövrieren läßt. Es wird hier ganz salopp suggeriert, dass es sich bei den 3500 Schützen allesamt um verkappte Nazis handelt. Das mag in einzelnen Fällen tatsächlich zutreffen, deshalb ist es auch notwendig, dass sich der Schützenbund endlich auch sehr kritisch und kontinuierlich mit Südtirols nationalsozialistischer Vergangenheit auseinandersetzt. Mich hat es jedenfalls gefreut, dass zumindest laut Berichterstattung im RAI Sender Bozen, bei der Veranstaltung ein offizieller Redner des Schützenbundes Bezug zur Reichskristallnacht in Innsbruck nahm und der vier ermordeten Opfer vom 9. November 1938 gedachte.
Wenn nun laut darüber nachgedacht wird, ob das Mussolini Relief, das übrigens von einem Südtiroler Künstler stammt, in ein Museum kommen soll, dann ist dies eindeutig ein Verdienst dieser Veranstaltung.
Die Reaktionen auf die Demonstration der Schützen sind jedenfalls kein gutes Omen, dass es der Südtiroler Linken in absehbarer Zeit gelingt, den Rechtsruck zu entschärfen. Warum:
Es wird vor allem ideologisch vorgegangen. Themen, die vom “patriotischen Lager” besetzt werden, werden für Südtirols Linke automatisch Tabuthemen. In diesem Falle fokussiert sich die Kritik vor allem am “Feindbild” Schütze = Nazi, faschistisches Denkmal zwar nicht gut, aber ja nicht darüber reden – könnte ja zu einer unangenehmen Diskussion und Debatte führen. Warum sind nicht die Grünen die Partei, die in punkto faschistischer Denkmäler die Themenführerschaft bei den Lösungsvorschlägen setzen?

Übrigens: teile völlig die Meinung von pervasion, dass es einen großen Unterschied ausmacht, ob die Schützen vor dem Siegesdenkmal eine Demonstration veranstalten oder der Staat vor diesem Denkmal in offizieller Mission einen Kranz niederlegt. Die Schützen sind ein privater Verein, die mich nicht auf der Straße kontrollieren können oder bei mir eine Steuerfahndung durchführen. Wenn ein hoher Carabinieri vor dem Siegesdenkmal einen Kranz niederlegt, dann stellt dies die Legitimität dieser Behörde in Südtirol in Frage.

Warum sind nicht die Grünen die Partei, die in punkto faschistischer Denkmäler die Themenführerschaft bei den Lösungsvorschlägen setzen?

Falso. La proposta dei Verdi da questo punto di vista è chiarissima: lavorare per trovare un consenso in modo da MUSEALIZZARE i relitti fascisti. Più chiaro di così.

Das ist vielleicht der Vorschlag der Grünen, de facto unternehmen sie jedoch gar nichts und überlassen auch dieses Terrain den Rechten. Sie sind es, die das Thema — auf ihre Art, aber immerhin — der öffentlichen Diskussion stellen.

Im Grunde geht es hier einmal mehr um die »Berührungsangst«:

Berührungsangst.

Als Denk- und Diskussionsanstoß möchte ich hier auch noch einen Leserbrief wiedergeben, erschienen am 12. November in der Tageszeitung »Alto Adige«. Er zeigt eine etwas komplexere gesellschaftliche Realität, in Grautönen statt in Schwarzweiß:

Io sono quella signora italiana che sabato 8 novembre ha accettato l’invito di uno Schützen ad entrare a far parte della sfilata. Non sono stata la sola. Mi ha seguito un’altra ragazza. Italiana. Eravamo scandalizzate dagli insulti, dal comportamento indecoroso di tanti italioti. Ovviamente siamo state anche noi oggetto di offese gratuite. Si può non essere d’accordo sulle motivazioni di un corteo, ma nessuno deve sentirsi autorizzato a insultare. La nostra partecipazione è stata di solidarietà . Il corteo era pacifico, composto. L’assenza di dignità  era dalla parte opposta. Le scritte fasciste non sono gradite a una buona parte di italiani e ritengo che dovrebbero sparire, specialmente in questa terra. Si è capito, comunque, che di fascismo ce n’è ancora, visto che non sono mancati esibizionistici saluti romani. Penso che se potessero parlare i caduti della Grande Guerra, ci direbbero che ai lumini e alla corona di La Russa avrebbero preferito una pacifica esistenza. A tanti di questi forzati soldati che si rifiutarono di riconoscere come nemici loro simili al di là  della trincea, i nostri generali regalarono fucilazioni. Adesso regalano onoranze.

Margherita Gaudiuso.

Su Youtube sono comparsi alcuni video in cui si inneggia all’Olocausto (99 Fosse). Veltroni ha chiesto che vengano rimossi immediatamente, ma invece potremmo lasciarli “come monito perché cose del genere non avvengano mai più”. No?

Wer Lust hat kann sich auf der homepage der Alto Adige den Artikel über das Siegesdenkmal und vor allem die Kommentare der Leser zu diesem Thema durchlesen! Nur um zu sehen wie viele – hoffentlich nicht die meisten – Italiener in Südtirol ticken. Ich bemühe mich wirklich – aber ein friedliches Zusammenleben mit solchen Menschen fällt mir sehr, sehr schwer.

stellen wir uns folgendes märchen vor, rein hypothetisch:

eine kleine region in italien wird morgen von tunesien oder ägypten auf tückische und unehrenhafte art eingenommen. die grösste stadt der region hat knapp 30’000 einwohner.
die invasoren pumpen das land voll mit eigenen leuten die kein wort italienisch können, hauptsächlich in die städtischen gebiete da die ländlichen eh nicht interessant und leicht zu kontrollieren sind und die hiesigen bauern die sklavenarbeit verrichten können. man plant bereits diese untermenschen aus dem gebiet zu verweisen, andernfalls terrorisiert man sie raus oder schlimmstenfalls eliminiert sie. es werden monumente aufgestellt welche die invasoren und deren nie geleisteten heldentaten verherrlichen, natürlich nimmt man es mit der wahrheit nicht so genau – denn der sieger schreibt bekanntlich die geschichte – es stehen nur glorreiche erfolge und die kulturelle überlegenheit auf den steintafeln und kein wort dass man schon gegen einen mit pfeil und bogen ausgestatteten afrikanischen stamm untergegangen ist und dass die eigene architektur eher an stabilisiertes rumgekübeltes erbrochenes erinnert als an längst vergangene siegreiche tage. italienisch ist ab sofort verboten, es darf auch keine geschichte italiens, geschweige denn der eigenen region, unterrichtet werden und keine italienische flaggen dürfen mehr rumhängen. “italia” ist sowieso total verboten, die eigene region darf nur noch “laridschari” genannt werden.

ja, wie wäre dann die haltung von jemand gewissem, der denjenigen als “grössten staatsmann des jahrhunderts” bezeichnet hatte, der genau so handelte, oder diejenige die ja so unendlich stolz auf ihren verstorbenen helden-opa ist, oder die ganzen anderen anhänger?

wäre das dann plötzlich falsch und inakzeptabel, die invasoren wären prepotente herrenmenschen die im eigentlichen wesen in höchstem grade lächerlich sind? wieso denn das? gibt es hierfür eine rechtfertigung? ist denn in deren augen nicht eine rasse dazu bestimmt über die anderen zu herrschen, wieso sollen es dann nicht ägypter, tunesier, kosovaren oder albaner sein? unangenehme vorstellung?

wenn jemand parallelen zur realität zieht ist das sein hut und nicht meiner, ich habe nur eine hypothetische geschichte erzählt.

das kann jeder sehen wie er will

Wiesion, io penso che le interpretazioni siano tutte legittime, ma devono misurarsi con certi fatti. E i fatti sono molto complessi. Nella tua storiella non c’è complessità . E dunque la tua storiella non ha nulla a che vedere coi fatti ai quali pensa di alludere. Non c’è molto altro da aggiungere.

non ho detto che allude alla storia con tutte le sue complicazioni. ma da parte loro il riassunto sarebbe proprio questo, più o meno – ipoteticamente :)

Nachgereicht: Der Kommentar zum Kommentar.

Am 17. November hatte ich im Antifablog den dort wiedergegebenen ff-Leitartikel von Georg Mair zum Schützenaufmarsch vor dem Siegesdenkmal kommentiert. Den Beitrag mache ich jetzt auch hier öffentlich:

Der Künstler, der am Gerichtsplatz in Bozen die Taten Mussolinis verherrlichte, war deutscher Muttersprache. Ein Bildhauer aus Bozen, Hans Piffrader, der sich in den 30er-Jahren opportunistisch in die faschistische Künstlerschaft eingliederte. Wer über das Fries redet, das sich über die Vorderfront der ehemaligen “Casa del fascio” zieht (heute Sitz des Finanzamtes), darf von seinem Schöpfer nicht schweigen. Die Geschichte ist komplizierter, als die Schützen sie darstellen.
Hans Piffrader war nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident des Südtiroler Künstlerbundes, Nazis und Faschisten waren schnell wieder miteinander im Bund. Bis heute drückt man sich um ein klares Wort zu Piffrader herum. Denn dann könnte man nicht mehr so leicht den Finger gegen die Italiener erheben, die die Relikte des Faschismus verteidigen. Dann müssten die deutschsprachigen Südtiroler auch über sich selber reden.

Ich bin anderer Meinung: Gerade wenn man ein klares Wort auch zu Piffrader rausbringt, kann man den Finger gegen jene erheben, die die Relikte des Faschismus verteidigen. Im Übrigen sind die Schützen nicht weniger glaubwürdig, wenn sie die Entfernung des Werkes eines “Deutschsprachigen” fordern.

In Südtirol sind die Täter immer die anderen. Das ist bequem, da lassen sich leicht martialische Reden schwingen. Die deutschsprachigen Südtiroler waren auch ein Tätervolk, bis heute geben die Täter, die sich als Opfer verkleiden, den Ton an. Besonders fällt das auf bei den Gelegenheiten, wo man sich um die Gedenksteine für die Gefallenen der Weltkriege versammelt und mit feuchten Augen von den Sternen an Russlands Himmel und den Opfern der Soldaten faselt. Ja, die Soldaten waren Opfer. Und Täter.

Ich frage mich warum in Südtirol immer nur jenen das Parkett überlassen wird, die martialische Reden schwingen und große Schwierigkeiten haben, auch den Balken im eigenen Auge zu sehen. Wo sind die Grünen, wo die Linken?

Es war ein merkwürdiger Zug der Schützen, der sich am vergangenen Samstag durch Bozen wand – durch die Lauben, am Siegesdenkmal vorbei zum Gerichtsplatz. Beschützt vom bösen Staat, der ganz selbstverständlich auch die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit derer schützt, die “los von Italien” wollen. Wer gegen diesen Marsch friedlich, wenn auch lautstark, protestiert, muss sich nicht schämen – auch das ist in einer Demokratie legitim, auch das gehört zur Meinungsfreiheit.

Das wäre ja noch schöner: Warum soll eine Demokratie eine genehmigte, demokratische, rechtlich mehr als unbedenkliche Demo nicht schützen, egal von wem sie organisiert wird? Es gäbe rein gar keinen Grund dafür.

Nur wer kein historisches Bewusstsein hat, kann den Marsch der 3.000 Schützen als “beeindruckend” bezeichnen, es sei denn, man versteht unter “beeindruckend” gespenstisch oder bedrohlich. Denn was ist es anders als bedrohlich, wenn 3.000 Männer in Uniform mit Fackeln trommelnd und im Marschtritt durch die Straßen ziehen? Das ist eine Drohkulisse, sie erinnert fatal an die Choreografie einer Militärparade, wenn nicht gar an die Aufmarsch-Ordnung autoritärer Systeme.

Was ist es anders als bedrohlich, wenn zahlreiche Menschen friedlich, gewaltfrei, unter Beachtung aller Gesetze eine Kundgebung organisieren!? Auch mir sind Formen “linken” Protestes lieber, aber in Südtirol haben die nunmal beschlossen, diese Themen den Rechten zu überlassen. Und da müssen wir uns — demokratisch — eben damit abfinden, dass sie ihre Kundgebungen so durchführen, wie es ihren Vorstellungen entspricht.

Es ist reichlich widersprüchlich, wenn sich eine antifaschistische Kundgebung einer totalitären Symbolik bedient. Warum kann man nicht bei Tag, in Zivil, ohne Fackeln, ohne Trommelgewitter und nicht im Gleichschritt demonstrieren? Wer für Frieden ist, bedient sich anderer Mittel, wer sich solcher Mittel bedient, schürt die Gegensätze zwischen den Sprachgruppen.

Natürlich war die Form reichlich kontraproduktiv. Doch noch einmal: Wo bleibt die Initiative der anderen? Ich würde sofort mitdemonstrieren, wenn die Linken eine Demo gegen das Siegesdenkmal organisieren, und in einem Zuge auch die Täterschaft der Südtiroler nicht verschweigen.

Was mit Siegesdenkmal und Mussolini-Fries passiert, kann nicht von oben verfügt, sondern nur im Konsens entschieden werden. Südtirol gehört nicht den Schützen. Südtirol gehört allen, die hier leben – gleich welcher Herkunft und welcher Muttersprache. Konsens ist nicht Nonsens, sondern Demokratie.

Wer verordnet hier was von oben? Wer erhebt denn den Anspruch, dass ihm gleich das ganze Land gehört? Die Schützen haben die gleiche Berechtigung, ein Thema zu besetzen und eine Kundgebung zu veranstalten, wie alle anderen auch. Und dieses Thema gehört so lange den Schützen, wie dies die anderen durch ihre Passivität zulassen. Soviel Demokratieverständnis sollten wir schon haben.

Ob es einem passt oder nicht, Demokratie ist mühsame Vermittlung und Ausgleich der Interessen. Das müssen die Schützen verstehen, aber auch Donato Seppi, Alessandro Urzì, Michaela Biancofiore und der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa, der am Siegesdenkmal einen Kranz aus weißen Rosen niederlegen hat lassen.
Identität entscheidet sich nicht am Siegesdenkmal oder am Mussolini-Fries, sondern in der Auseinandersetzung, im Umgang miteinander, in der Konfrontation, im Reden über die Dinge, im Reden auch über die Vergangenheit. Wie schwach müssen eine Identität und ein Selbstbewusstsein sein, die von Denkmälern ins Wanken gebracht werden!

Ins Wanken gebracht wird hier nix, aber deshalb muss man nicht alles hinnehmen. Die Nazis in Schenna bringen auch nicht meine Identität ins Wanken, doch ich bin glücklich, wenn sie dingfest gemacht werden.

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