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Südtiroler Vergraulungskultur.

Leserinnenbeitrag

Mein Name ist Maria*, ich stamme aus Polen und lebe seit über 15 Jahren in einer deutschen Großstadt, wo ich ein Doppelstudium absolviert und anschließend in größeren Unternehmen der IT-Branche gearbeitet habe. Mein Mann ist Südtiroler und ich habe inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Nun haben wir aus privaten Gründen beschlossen, künftig unseren Lebensmittelpunkt nach Südtirol zu verlegen, weshalb ich begonnen habe, mich vor Ort nach einer Arbeitsstelle umzusehen. Neben Polnisch spreche ich Deutsch, Englisch und Russisch auf nahezu muttersprachlichem Niveau; meine Italienischkenntnisse sind sehr bescheiden, doch ich habe mich in Deutschland und in Südtirol bereits nach Intensivkursen umgesehen.

Unter anderem habe ich mich an eine private Südtiroler Agentur gewandt, die sich auf die Vermittlung von hochqualifiziertem Personal spezialisiert hat. Obwohl ich klar gemacht habe, dass ich im Augenblick keinem Zeitdruck unterliege (ich kann eine neue Stelle sofort oder erst in einigen Monaten antreten) und dass ich bereit bin, während oder vor Antritt des neuen Jobs gut Italienisch zu lernen, hat man mir bereits beim zweiten Telefongespräch zu verstehen gegeben, dass meine derzeit mangelnden Italienischkenntnisse ein nicht zu überwindendes Hindernis sein könnten und dass es umgekehrt (wenn ich also muttersprachlich Italienisch, aber — noch? — kein Deutsch sprechen würde) zumindest in Bozen kein Problem wäre, eine Stelle zu finden. Das erstaunt mich nicht so sehr, weil Deutsch in Südtirol eine gleichberechtigte Sprache sein sollte, sondern hauptsächlich, weil in der IT-Branche primär gute Englischkenntnisse (und nicht die Beherrschung der jeweilgen Nationalsprachen) ausschlaggebend sind.

Noch bemerkenswerter als die angeblichen sprachlichen Barrieren, fand ich jedoch dass mir ebenfalls bereits beim zweiten Telefongespräch ausdrücklich empfohlen wurde, meinen Mann nach Deutschland zu holen, statt selbst nach Südtirol zu ziehen, da das vermutlich einfacher wäre. Ich halte eine solche Aussage, wie (wenig) ernsthaft sie gemeint sein mag, für eine Katastrophe für einen Wirtschaftsstandort. Dies hat mich (und meinen Mann) nun auch dazu bewogen, den Vorfall öffentlich zu machen, um im besten Fall eine Debatte anzuregen. Auch mein Mann ist übrigens Akademiker; wenn wir also beide nach Deutschland ziehen (bzw. dort bleiben) würden, kämen Südtirol zwei hoch qualifizierte, mehrsprachige Kräfte abhanden.

Um Missverständnissen vorzubeugen möchte ich betonen, dass:

  • ich auf meine Absicht, einen oder mehrere Intensivsprachkurse zu besuchen, aufmerksam gemacht habe;
  • ich hoch qualifiziert bin und mir in Deutschland regelmäßig von so genannten „Headhuntern“ neue Stellen angeboten werden (ich bin also alles andere als schwer vermittelbar);
  • ich darauf hingewiesen habe, dass ich bereit bin, in Südtirol auch weniger qualifizierte Stellen anzunehmen (und die Empfehlung, in Deutschland zu bleiben, sich nicht auf meine fachliche Qualifikation bezog);
  • meine Gehaltsvorstellungen noch kein Thema waren (dafür war es noch zu früh).

*) geändert, richtiger Name ist bekannt

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8 replies on “Südtiroler Vergraulungskultur.”

Ach Maria*, Sie sind einfach an der falschen Strippe gelandet. Jedes Südtiroler IT Unternehmen wird Ihnen – wahrscheinlich händeringend – eine Stelle anbieten, mehr als eine kurze Webrecherche und ein Dutzend Bewerbungsschreiben sind nicht nötig (vorausgesetzt, natürlich, dass Sie eine IT Kraft sind, was zwar in ihrem Beitrag nicht ausdrücklich steht, wohl aber anzunehmen ist).

In einem Arbeitsmarkt, in dem Vollbeschäftigung herrscht und Neuzugänge kaum zustande kommen, brauchen Sie gar keine Personalagentur. Letztere sind in Südtirol an einer Hand abzuzählen, und können in der aktuellen Arbeitsmarktsituation nicht viel mehr als drei Monatsgehälter dafür abzwacken, dass sie Ihren Lebenslauf anonymisiert weitergeben.

Höchstwahrscheinlich sind Sie an die falsche Strippe gelandet. Lassen Sie mich raten. Ihr Gegenüber war eine Frau? Dann eh klar, Sie hatten nicht den richtigen Stallgeruch, sind nicht aus Südtirol, und die Personalvermittlerin gerade einen schlechten Tag.

Falls Sie sich für ein technische Position ohne Kundenkontakt bewerben, dann reicht Ihr Deutsch völlig aus, über Englisch reden wir gar nicht, das ist ja eh klar. Falls Sie sich für Führungsaufgaben bewerben oder Kundenkontakt anstreben, dann ist Italienisch je nach Marktorientierung des Unternehmens natürlich mittelfristig Pflicht, wäre absurd, wenn es nicht so wäre. Aber bei jemandem, der bereits drei Sprachen spricht, wird Ihnen kein Unternehmen die Tür so zuschlagen, wie Sie es schildern.

Lassen Sie die Vermittler Vermittler sein, und gehen Sie direkt zu den Unternehmen. Da haben alle, Sie eingeschlossen, mehr davon.

Ihr Gegenüber war eine Frau? Dann eh klar, Sie hatten nicht den
richtigen Stallgeruch, sind nicht aus Südtirol, und die
Personalvermittlerin gerade einen schlechten Tag.

Was hat das mit Frau/Mann zu tun?

Wenn es die Personalagentur war, die ich mir vorstellen kann, dann hat es – auch – damit zu tun.

Es tut mir sehr Leid, dass Leute wie “Maria” solche Erfahrungen machen müssen.

Wie kommen solche unqualifizierten Aussagen zustande?
Ursprung des Problems ist die allgemein übliche “Ja ja das kannst du schon” Sitte wo Menschen ohne die nötigen Voraussetzungen/Qualifikation Aufgaben anvertraut werden, denen diese einfach nicht gewachsen sind. Meistens kommt dann auch noch der zweite Faktor dazu “Beförderung bis zur Unfähigkeit”, wo sehr gute Mitarbeiter so lange befördert werden bis sie teilweise überfordert sind bzw. einfach nicht mehr die entsprechenden Fähigkeiten haben. Eine Konstellation dieser 2 Mitarbeiter ergibt das Worst Case Szenario für einen Betrieb bzw. Abteilung.

Zur Agentur selbst spare ich mir jegliche Bemerkungen, sondern hoffe nur dass diese baldmöglichst in Konkurs geht und von der Bildfläche verschwindet, den momentan richtet sie so mehr Schaden an, als wie sie nützt.

Noch eine kurze Anregung; Wie man nicht von sich selbst auf andere schließen sollte, so sollte man auch nicht von Bozen auf die anderen Städte/Gebiete in Südtirol schließen. Dies muss vor allem der Politik und den Boznern selbst mal klar werden.

An Maria:
Ich selbst kenne die lokale IT-Branche im Bereich der Software-Entwicklung sehr gut. Ich kann Firmenübergreifend behaupten, dass am Standort Südtirol ständig gute Leute gesucht werden und auch dringend benötigt werden. Italienisch ist selten gefordert, nicht Mal als ein “nice to have” (Englisch gilt als Voraussetzung und Italienisch können normal eh bereits genug andere Mitarbeiter). Natürlich liegt dies vor allem daran, dass sich die Märkte weltweit erstrecken und Italien als solcher nur ein minimaler Bruchteil davon ist (der zudem eher schwach ist).

Sollte es dich interessieren, lasse ich BBD einige Kontaktdaten zukommen, wo du dich für ein Bewerbungsgespräch melden kannst (von welchen ich aus erster Hand weis, dass Leute im Bereich IT-Software-Entwicklung gesucht werden).

Passend dazu übrigens das Titelthema der aktuellen ff:

Arbeit im Überfluss — Warum Südtirol verzweifelt nach Arbeitskräften sucht. Aber keine findet.

(Ich habe die Ausgabe noch nicht gelesen.)

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