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Altromercato. (Altro?)

Die auf fairen Handel spezialisierte Firma Altromercato mit Sitz in Bozen wirbt seit einigen Tagen am Bahnhof Bozen. Einsprachig. Genauso wie alle übrigen Kampagnen der Firma und die Produktetikettierungen einsprachig sind.

Wie will man mir als Kunden glaubwürdig vermitteln, dass indigene Völker und Minderheiten vor Ort gerecht, fair und solidarisch behandelt werden, wenn der betreffende Betrieb nicht imstande ist, die mehrsprachige Realität in seinem Herkunftsland zu respektieren?

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14 replies on “Altromercato. (Altro?)”

Ich bin selbst Stammkunde bei Produkten des fairen Handels – die Glaubwürdigkeitsfrage, wie man es mit den Prinzipien des fairen Handels vor Ort nimmt, wenn man hier nicht einmal zu zwei(drei)sprachigen Etiketten in der Lage ist, steht im Raum. Ich hoffe der betroffene Betrieb gibt hier eine Stellungnahme ab und ändert seine Sprachpolitik schnellstmöglich.

@pe
Glaubst du nicht, dass du es in letzter Zeit etwas übertreibst? Ein private Firma kann doch die Sprache wählen, die sie wünscht! Und wenns englisch wäre, wie bei “life ist beautiful – drive safe”?
Die Zukunft muss doch genau das Gegenteil sein, “alle” verstehen “alle” Sprachen, und jeder kann dann seine Waren oder Dienstleistungen in “seiner” Sprache anbieten, oder wie stellst du dir das in naher – oder auch nicht – Zukunft vor?

@ jonny
natürlich ist pe ein erbsenklauber :-). und natürlich sollte das “alle verstehen alle” ein ziel sein.
in besagtem falle geht es aber meines erachtens um die von pe zitierte glaubwürdigkeit. altromercato steht doch für regionalisierung, für den respekt vor den kleinen einheiten innerhalb der großen, für die anerkennung von eigenheiten, für sensibilität gegenüber minderheiten. und daher denke ich, dass sie sehr wohl ein glaubwürdigkeitsproblem haben, wenn sie einerseits peinlichst genau bedacht sind, ethisch korrekt zu handeln und andererseits die realität dieses landes nicht goutieren. was für den einkauf und den produzenten gilt, sollte speziell bei altromercato auch für verkauf gelten.
interessanterweise gibt es die website im moment nur auf englisch. eine “leerer” italienisch und spanisch link ist vorhanden.

@jonny
bin zwar nicht angesprochen, aber vielleicht kann ich zur Antwort auch etwas beitragen:

1) Dass jeder private Betrieb im Falle von Lebensmitteln die Sprache bei der Etikettierung frei wählen kann stimmt nicht. Italienisch ist vorgeschrieben, der Rest ist freiwillig. Wenn die Sprachwahl tatsächlich frei wäre, hätten wir nicht die heutige Schieflage, dann gäbe es Produkte die zweisprachig, dreisprachig, mehrsprachig, Italienisch einsprachig bzw. Deutsch einsprachig beschriftet wären. Heute gibt es nur einsprachig italienische Etiketten (die übergroße Mehrheit), etliche zweisprachige Etiketten (D, I), einige wenige dreisprachige Etiketten (D, I, L) oder mehrsprachige Etiketten, wenn der Betrieb zufällig mehrere europäische Länder beliefert.
2) Es geht nicht nur um das reine Verstehen, sondern um Respekt. Wenn mich ein Betrieb in Südtirol, wo Deutsch und Italienisch und in Ladinien auch Ladinisch, offizielle Amtsprachen sind, nur auf Italienisch anspricht, dann mangelt es diesem Betrieb sowohl an den einfachsten Grundregeln des Marketings wie auch an Respekt und Sensibilität. Und die Messlatte bezüglich Respekt und Sensibilität liegt bei Betrieben wie altromercato höher als bei einer Autoreifenfirma. Falsch ist die Einsprachigkeit auch im Falle der Autoreifenfirma.

Den Antworten von hunter und niwo habe ich nicht viel hinzuzufügen. Außer, dass ich wie schon öfter dargelegt kein Freund neo- und marktliberaler Lösungen bin. Der Wirtschaftsdarwinismus regelt nichts von selbst, sondern bevorteilt grundsätzlich den Stärkeren. Denken wir nur daran, wie sich die Konzerne gegen übersichtliche Lebensmittelkennzeichnungen (z.B. nach dem Ampelsystem) zur Wehr setzen.

Wer sich aber für eine marktliberale Lösung ausspricht muss sich zunächst dafür einsetzen, dass die jetzt schon bestehenden (diskriminierenden) Vorschriften (s. Punkt 1 von niwo) wegfallen.

Das Volk ist der Souverän, der Mensch entscheidet, ob er z.B. bei Mediaworld einen italienischen Computer kaufen will. Wenn da der Geschäftsführer merkt, dass innerhalb einer Woche 20 Südtiroler den Computer nicht gekauft haben, weil er nur italienisch ist, dann wird auch das Geschäft umdenken, und wenn mir “altromercato” zu italienisch ist, dann muss ich halt beim “Biokistl” einkaufen.
Wenn etwas nicht geregelt ist, dann regelt es der Markt, und der Markt sind nunmal wir!

1. Der Markt allein regelt nichts, er setzt vor und oktroyiert auf.

2. Selbst wenn man marktgläubig ist: Damit der Markt etwas regeln kann, muss er zunächst frei sein, und das ist er nicht.

3. Meine Kritik an altromercato müsstest gerade du als marktgläubiger Zeitgenosse begrüßen, denn sie ist ja gerade ein Versuch der Einflussnahme durch einen Konsumenten.

4. Nicht durch das Konsumverhalten, sondern durch die Gesetzgebung äußert sich die Volkssouveränität.

1. Die Nachfrage bestimmt (theoretisch) den Markt und regelt ihn.

2. Ich suche mir genau aus, wo ich was kaufe. Ok, dazu braucht es viel Zeit und Geduld, und etwas mehr Bares, aber für mich rechnet sich das allemal.

3. Ich wünschte mir nur, dass man mehr auf die Produkte schaut, ihre Herkunft, Herstellung, usw., und weniger auf die Sprache, in der sie angeboten werden, ansonsten hast du recht.

4. Bei Punkt 1 war ich theoretisch, hier bist du es!

@jonny

Wenn da der Geschäftsführer merkt, dass innerhalb einer Woche 20 Südtiroler den Computer nicht gekauft haben, weil er nur italienisch ist, dann wird auch das Geschäft umdenken, und wenn mir ”altromercato” zu italienisch ist, dann muss ich halt beim ”Biokistl” einkaufen.

Das ist doch reine Theorie. Tatsache ist, dass sich die übergroße Mehrheit der SüdtirolerInnen an diese Schieflage gewöhnt hat. Wie pérvasion richtig anmerkt ändert der Markt in gewissen Bereichen überhaupt nichts – er wählt lediglich den Weg des geringsten Widerstandes. Wo glaubst Du wären wir im Bereich der sozialen und ökologischen Standards, wenn wir in neoliberaler Manier an die unsichtbare Hand (Adam Smith) des Marktes vertrauen würden? Wir hätten Manchester Kapitalismus Zustände.
Schieflagen werden durch Gesetze geändert und was die Etikettierungen anbelangt benötigen wir in Südtirol schnellstmöglich ein Gesetz, das deutsche und ladinische Etiketten und Beschreibungen zwingend vorschreibt. Sollte sich dabei herausstellen, dass wir in diesem Bereich gar nicht die Zuständigkeiten für ein Gesetz haben, müssen wir eben feststellen, dass unsere Vorzeigeautonomie so toll auch nicht ist.

Ein Betrieb wie altromercato muss in jedem Falle ohne Wenn und Aber auf diese Schieflage reagieren. Wer hier in Südtirol die sprachliche Vielfalt ignoriert, übersieht in den Ländern, wo die Produkte eingekauft werden möglicherweise auch bestimmte Dinge, die der Konsument von Weltladen-Produkten aber gerade respektiert haben möchte.

Jonny, bei deinem dritten Punkt wird das Problem ja offensichtlich. Ich will die Sprache (ein Konsumentenrecht) nicht gegen andere Eigenschaften abwägen müssen. Ich will nicht die schlechtere Versicherung abschließen, weil ich den Vertrag zweisprachig haben möchte, und ich will nicht das weniger faire Produkt, nur weil ich darauf bestehe, dass die Verpackung auch in meiner Sprache etikettiert ist. Deshalb muss ein Konsumentenschutzgesetz her, das die Gleichberechtigung der Sprachen — also eine homogene Ausgangslage für nicht verhandelbare und nicht dem freien Markt zu überlassende Verbraucherrechte — herstellt. Wie in jedem normalen Land.

Solange dieses Gesetz nicht da ist, werde ich die Hersteller auf meinen Ärger (über ihren Mangel an Respekt) hinweisen.

Jonny: Dann versuche einmal, die von pervasion erwähnte Ampelkennzeichnung durch das Konsumverhalten zu erwirken! Ich wünsche viel Spaß!

@pitt
Du denkst falsch, nicht ich muss das erwirken, sondern WIR, es ist dann auch egal, ob mit Konsumentendruck oder per Gesetz, wichtig ist das WIR!!

Keine 10 Millionen Kunden werden einen Betrieb allein durch ihr Kaufverhalten dazu bringen, eine rote Ampel auf seinen Produkten anzubringen. Dazu sind Verbraucherschutzgesetze erforderlich. Ist das so schwer zu verstehen?

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