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Klima: Wirtschaft oder Leben.
Quotation 673

[Wir müssen wissen,] dass vieles an Diskussionen und kleinen Ansätzen nicht mehr reicht, sondern dass es nur mehr geht, wenn wir eine ganz ganz radikale Veränderung unseres gesamten Gesellschaftssystems durchführen — und zwar in sehr, sehr schneller Zeit. Angesichts dessen passiert [bislang] in keinem Sektor auch nur annährend genug. Wenn ich höre, dass man [CO₂] kompensieren will… ja und!? Wir müssen global auf null kommen, nicht kompensieren, wir müssen vermeiden.

Da sind überall Denkfehler drin und diese Denkfehler resultieren aus dem panischen Versuch, an einem System festzuhalten, das nicht Fehler hat, sondern das per se das Problem ist — und das ist unsere freie Marktwirtschaft. Wenn die nicht sofort eingestellt wird, brauchen wir uns über andere Lösungen keine Sorgen mehr machen. Die Sorgen werden nicht größer, sie sind erledigt, das wird so über uns herfallen.

Klimaforscher Georg Kaser im Rahmen des Runden Tischs von Rai Südtirol zum Thema »Südtirol und die Klimakrise« am 4. Oktober

Transkription von mir

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/

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7 replies on “Klima: Wirtschaft oder Leben.
Quotation 673

Ungeachtet dessen, dass wir in einer sozialen Marktwirtschaft und nicht in einer komplett freien Marktwirtschaft leben und Kaser auch schuldig bleibt, was die systemische Alternative wäre, so erstaunt es mich doch immer, wenn das Argument “unbezahlbar” oder “wirtschaftsfeindlich” im Zusammenhang mit Klimaschutzmaßnahmen kommt. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Wenn wir keinen Umwelt- und Klimaschutz machen wird es – neben dem Kollateralschaden, dass die Lebensbedingungen gelinde gesagt unwirtlich werden – auch ökonomisch richtig teuer. Bereits jetzt nehmen die klimaveränderungsbedingten Naturkatastrophen Schadensausmaße an, deren finanzielle Größenordnung man zuvor niemals bereit gewesen wäre und bereit gewesen ist, in den Klimaschutz zu stecken. Man zahlt lieber ein Vielfaches danach – wenn es zu spät ist. Im Fachjargon nennt man eine solche Strategie dann Wirtschaftskompetenz.

Ungeachtet dessen, dass wir in einer sozialen Marktwirtschaft und nicht in einer komplett freien Marktwirtschaft leben

Naja, sie ist wohl immer noch viel zu frei, riesige Schäden bis hin zur Zerstörung unserer Lebensgrundlage anzurichten.

und Kaser auch schuldig bleibt, was die systemische Alternative wäre

Meiner Meinung nach ist das auch nicht unbedingt die Aufgabe eines Glaziologen bzw. Klimaforschers. Immerhin hat er aber mit dem Zukunftspakt, an dem er maßgeblich beteiligt ist, zumindest eine Fährte gelegt.

Ich denke schon, dass wer sich zu dem Thema äußert, auch Lösungsvorschläge oder zumindest -ansätze präsentieren sollte. Wer A sagt, sollte auch B hinzufügen.
Dabei muss B nicht immer in großen Dimensionen gemalt werden. Wo ich mich persönlich extrem ärgere und auch schon in Streit mit einem Vater geraten bin, ist wenn Kinder an Regentagen mit dem Auto zur Schule gebracht werden. In den Städten steht man hier mindestens gleich lang im Stau, als ob man das Kind per pedes zur Schule bringen würde, vielleicht sogar länger. Und ein Spaziergang mit einem großen Schirm, dass das arme Kindlein nicht nass wird, ist gut für die Gesundheit und fürs Klima sowieso.
Wie kann man das durchsetzen? Wie immer, muss der Gesetzgeber tätig werden und bitte nicht wie in Südtirol bei Volksreden und in den Medien bei jedem dritten Satz das Wort “Nachhaltigkeit” anfügen (ich kann’s fast nicht mehr hören) und dann genügt ein Polizeibeamter pro Schule, der kräftig Strafen, die nicht hoch genug sein können, bei Zuwiderhandlung austeilt.
Ich finde die Maßnahme simpel und leicht umsetzbar, auch in gesetzgeberischer Hinsicht.

Ich möchte mich dem ersten Absatz des Kommentators Domprobst anschließen. Wer eine derartig radikale Maßnahme fordert wie die Einstellung der freien Marktwirtschaft, die ja eine soziale Marktwirtschaft ist, muss sagen, was die Alternative wäre. Wenn ich für die Unabhängigkeit bin und man mich fragt, wie diese Unabhängigkeit Südtirols aussehen sollte, kann ich auch nicht einfach nichts sagen oder nur: “Boh…ich bin kein Politologe”. Ich finde es überhaupt befremdlich und erschreckend, dass hier ein Wissenschaftler (sic!) einfach so die Aufgabe der freien Marktwirtschaft fordert.
Die Lösung für den Klimawandel sehe ich ohnehin nicht in Panikmache und radikalen Lösungsvorschlägen, sondern in technischen Fortschritt, politischen Kompromissen, persönlichen Umdenken und sachlichen Argumenten.

Ich denke, dass die Analogie mit der Unabhängigkeit so nicht passt. Das was mit dem Klima passiert ist, auf die Sezession umgelegt, wennschon vergleichbar mit gröbsten Menschenrechtsverletzungen zu Lasten der deutschen und ladinischen Bevölkerung. In einem solchen Kontext wäre es durchaus nachvollziehbar, wenn eine Minderheitenforscherin die Forderung erheben würde: »Südtirol muss weg von Italien, egal wie. Was danach kommt werden wir schon sehen, müssen andere bzw. die Bevölkerung entscheiden. So kann es aber definitiv nicht weitergehen.«

Wenn wir den allermeisten Wissenschafterinnen glauben, und das tue ich, befinden wir uns bereits in einer äußerst dramatischen, bald unumkehrbahren Notlage. Weshalb ich es einem Glaziologen absolut zugestehe, die Meinung zu vertreten, dass wir eine Abkehr von der freien Marktwirtschaft — wenngleich in ihrer etwas sozialeren Ausprägung — brauchen, ohne mir eine konkrete Alternativlösung zu nennen. Das ist jetzt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir alle haben.

Ich fürchte auch, dass technischer Fortschritt, politische Kompromisse und persönliches Umdenken nicht mehr reichen.

@Simon, diese Meinung kann ich nicht teilen, sie grenzt an Anarchie. Dass das Zukunftskonzept nicht vollends ausgearbeitet sein kann, ist klar. Aber in groben Zügen sollten die Alternativen doch aufgezeigt werden, dies gilt für Sezession und Klimawandel beiderseits.
Gerade die mangelnde Perspektive lässt beim Thema Sezession manche Leute im Unklaren was nach einer Hau-Ruck-Aktion im Sinne von “Einfach mal weg, dann schauen wir…” auf sie zukommt. Ich wage sogar zu behaupten, dass politische Kräfte, die dies bis dato so postulierten, auch an diesen mangelnden Perspektiven gescheitert sind.
Analog verhält es sich beim Klimawandel; das gesamte westliche Wirtschaftssystem, ob sozial oder frei, von heute auf morgen radikal auf den Kopf stellen zu wollen, schafft Unsicherheit. Und Unsicherheit lässt die Beteiligten zögern.
Deshalb plädiere ich für ein bottom-up-System, bei welchem schrittweise hin der Weg zu einer klimaverträglicheren Gesellschaft gesucht wird und ich plädiere nochmals im Kleinen zu beginnen. Es ist hart, aber wer weiß wieviel Wasser für das Anfertigen von Textilien, v.a. in Billigproduktionsländern, ver(sch)wendet wird, könnte beginnen Schritt für Schritt den eigenen Textilkonsum zu überdenken und – wie früher – Löcher in Socken zu stopfen anstatt sie neu zu kaufen. Und als Winterjacke tut’s auch noch die alte.
Diese konkreten Lösungsansätze fehlen meistens vollends bei den Wissenschaftlern, die eine Radikalumkehr fordern. Dabei kann jeder – ohne groß hierfür in den Medien zu erscheinen – seinen Beitrag leisten, indem er bei sich zu Hause beginnt dem Konsumwahn, in welchem wir seit der Nachkriegszeit leben, einzuschränken und sukzessive gen Null tendieren zu lassen.

@Simon, diese Meinung kann ich nicht teilen, sie grenzt an Anarchie.

Du meinst wahrscheinlich Anomie.

Gerade die mangelnde Perspektive lässt beim Thema Sezession manche Leute im Unklaren was nach einer Hau-Ruck-Aktion im Sinne von “Einfach mal weg, dann schauen wir…” auf sie zukommt.

Ganz genau. In meinem obigen Beispiel habe ich aber herausgestrichen, was diese Situation meiner Meinung nach von der des Klimanotstands unterscheidet.

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