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Autorinnen und Gastbeiträge

»Im Schlamassel der Erinnerung.«

von Beppi

In der letztwöchigen Donnerstag-Ausgabe der FAZ wurde über eine denkwürdige Begegnung in der Deutschen Nationalbibliothek von Frankfurt berichtet: Herta Müller diskutierte gemeinsam mit der gebürtige Wienerin, Shoa-Überlebenden und Wahlamerikanerin Ruth Klüger über die “Formen des Gedenkens”. Das Thema ist – zumal in Deutschland, wo “mit dem Tod der Zeitzeugen Erinnerung nur noch aus zweiter und dritter Hand stammt” – hochaktuell und für die zukünftige Praxis von Geschichtsaufarbeitung, auch für unser Südliches Tirol, von großem Interesse.

Hier trafen sich einerseits zwei Frauen, die unterschiedliche totalitäre Regime des 20. Jahrhunderts er- und überlebt hatten: Die jüdische Literaturwissenschaftlerin Klüger den Nazismus; die Banater Schwäbin und Schriftstellerin Müller die Ceaușescu-Diktatur. Andererseits stießen hier vermittels der Erzählungen der beiden Autorinnen zwei Arten der Vergangenheitsbewältigung aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die hochelaborierte, kanonisierte Erinnerungspolitik der Bundesrepublik, sodann das staatlich verordnete Vergessensprogramm ehemaliger Ostblockländer. Wie wichtig indes Erinnerung für das gesellschaftliche Selbst-Bewusstsein sei, machen die Beispiele Ungarn und Rumänien deutlich, die sich, so Müller, einer “Ikonographie des Glücks” verschrieben hätten – mit den allbekannten Folgen, v. a. im heutigen Ungarn. Soweit dürften uns diese Überlegungen sattsam bekannt sein, fordern doch “wir” Südtiroler (allenthalben in Anlehnung an das deutsche Vorbild) schon seit einigen Jahren eine umfassende, kritische Beschäftigung mit der Zeit des italienischen Faschismus – hier vornehmlich mit den architektonisch-toponymischen Hinterlassenschaften des Ventennio.

Höchst aufschlussreich erscheint nun aber die Kritik an der “Gedenkkultur” gegenüber der Shoa und dem Nationalsozialismus. Der Feuilletonleiter der FAS und Mitdiskutant Volker Weidermann etwa warnte davor, dass diese Gedenkkultur die Gefahr berge, “im Ritual erstarrt in ihr Gegenteil umzuschlagen und selbst zu einer Form des Verdrängens zu werden”. Deutschland habe sich “so gut eingefühlt in seine Erinnerungsformeln, dass sie gar nichts mehr bedeuten”. Dazu stießen die Bekundungen Ruth Klügers, die sich vehement gegen jene Perversion richte, aus der “eine Über-Identifizierung mit den Opfern entspringen kann”. Einer “Konvention des Opferstatus” erteilt sie eine Absage. Wohl geht es ihr um Aufarbeitung (so schildern die Erinnerungen «weiter leben» “nüchtern und schonungslos” ihre KZ-Erlebnisse), doch dürften “unsere Geschichten nicht auf Märtyrer-Sagen verengt werden”, denn: “wir waren keine Märtyrer”. Bezeichnend schließlich, und gleichsam das dem Erinnern innewohnende Dilemma auf den Punkt bringend ist jene Aussage einer Frau, die nach einer Lesung in Amerika an Klüger herangetreten war: “You know, I love the Holocaust”. Die Literaturwissenschaftlerin meint aber dazu: “Wir wollen den Leuten erzählen, was damals passiert ist. Aber wir wollen nicht, dass sie dabei eine allzu gute Zeit haben.

Wollten wir diese “neuartige” Kritik an der bundesrepublikanischen Aufarbeitungspraxis auf unsere Verhältnisse ummünzen, so sähen wir sofort, dass dies bedeutend schwieriger ist (im Gegensatz etwa zur Kritik an einer Nicht-Aufarbeitung) – auch, da direkte Vergleiche kaum legitim sind. Trotzdem entdeckte ich einige hilfreiche Anhaltspunkte, die für unsere besondere Situation hoffentlich dienstbar gemacht werden könnte:

  1. Mittlerweile hat sich also in Deutschland eine Tendenz entwickelt, die die dortige Gedenkkultur als zunehmend ritualisiert, deswegen bedeutungsleer und folglich kontraproduktiv kritisiert. In Südtirol sind wir dagegen weit davon entfernt, auch nur von einer (gemeinsamen) Gedenkkultur sprechen zu können, ganz zu schweigen vom fortgeschrittenen Grad offiziös-formalisierter Erinnerungspraktiken (die wir an diesem Punkt vergleichbar beanstanden könnten). Vielmehr pflegt jede Sprachgruppe für sich eine eigene Gedenkkultur, die ihrerseits wiederum diffus und keinesfalls homogen auftritt. Zu tun haben wir es insgesamt also mit dichotomen Geschichtsbilder und -gewichtungen (man denke nur an so unterschiedliche Rituale wie die Kranzniederlegung vor dem Siegesdenkmal, dem Alpinidenkmal in Bruneck, vor den Beinhäusern; andererseits an die Sepp-Kerschbaumer-Gedenkfeier in St. Pauls, das Toten- und “Heldengedenken” bei den Kriegergräbern in den Dörfern zu Allerheiligen, mitunter an die Andreas-Hofer-Feiern). Gesetzt, wir messen dem gemeinsamen Geschichtsbild einen hohen Wert für ein “besseres Zusammenleben” bei, dann müsste man schlussfolgern, dass wir noch ganz am Anfang mit unseren Bemühungen stehen.
  2. Aber es muss hier auch die provokante Frage gestellt werden dürfen, ob für unsere Situation das bisher wahrgenommene Vorbild Deutschland überhaupt so gut taugt, und ob durch eine unreflektiert-einseitige Rezeption bzw. Übernahme des kompromisslosen Aufarbeitungsdiktums wir nicht mehr an- als ausrichten. Um dies auszuführen: Die deutsche Rechte unserer Provinz bedient bekanntlich – am lautesten und hörbarsten – gerne besagtes Diktum gegen den italienischen Faschismus in seinen vergangenen, und insbesondere in seinen gegenwärtigen Ausprägungen. Mit allem Recht, möchte man attestieren. Ab und an beschleicht einen aber das Gefühl, dass es hier weniger um konstruktive Forderungen geht (etwa: Aufarbeitung zum Zwecke der Meliorisierung der gesellschaftlichen Kohäsion), sondern um Rhetorik, um einen unselbstkritischen Populismus, der möglicherweise auf Wählerstimmen abzielt, in seiner teils aggressiven Tonlage aber jedenfalls auf liberale, “offene” Italiener höchst abschreckend wirkt. “Unselbstkritisch” sage ich übrigens deswegen, da sich diese Parteien und Gruppen so wenig um die eigene, belastete Vergangenheit kümmern (d. i.: die der eigenen Sprachgruppe), wie sie die der Anderen ein zuviel an Aufmerksamkeit zukommen lassen. Ja man könnte im Vorwurf noch weitergehen, und anmerken: Ihr habt eure Kritik ähnlich formalisiert, sie zu Slogans vereinfacht, euch in “Erinnerungsformeln” eingefühlt ohne mehr, oder besser: ohne überhaupt zu wissen, was sie denn bedeuten – denn auf einen adäquaten Wissensspeicher der Aufarbeitung verfügt ihr gar nicht. Von den inhaltlichen Leistungen Deutschlands (die ebendort jetzt wieder angemahnt werden) habt ihr also nur die äußere Form, den sprachlichen Ausdruck: “nie wieder Faschismus!”, übernommen (und setzt diesen stillschweigend mit der anderen Sprachgruppe gleich). Das eigentliche, dahinterstehende Aufklärungs-Ideal habt ihr dabei aber gründlich missverstanden.
  3. Wir können also zusammenfassend feststellen, dass diese laute Form der Aufarbeitungs- und Gedenkforderung für unsere Belange enorm kontraproduktiv ist: Wenn selbst eine so um Ausgleich und Tiefe bemühte Plattform wie den gängigen Gegenbildern nicht entkommt, sobald sie mit Verve auf die zahlreichen Fälle von faschistischer Wiederbetätigung hinweist, ein Italiener sich dann aber – ohne Unterschied – ähnlich “gegängelt” fühlt; fast so, als ob die Kritik unterschiedslos von den Rechten käme. Und das Ganze geschieht wohlgemerkt, ohne dass auch nur der so mühsam erarbeitete -Geisteshintergrund und dessen kolossale Trennlinien zu jener “patriotischen” Haltung hinreichend beachtet werden würde. Das ist das Dilemma, das uns größte Hindernisse bescheidet, und das wir zuvörderst zu beseitigen trachten sollten, bevor wir in der Lage sind, auf (und generell) hörbare Ermahnungen auszusprechen.

Sandra Kegel, “Im Schlamassel der Erinnerung”. Herta Müller und Ruth Klüger diskutieren in Frankfurt über Formen des Gedenkens”, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 17. November 2011, S. 31; die als Zitate gekennzeichneten Textteile im Beitrag sind dem Artikel entnommen.
Sollten hier keine derartigen Intentionen vorliegen, so bleibt immer noch die Problematik, dass dies so wirkt. Ich gehe hier – offensichtlich – von der Vorstellung aus, dass die spezifische antifaschistische Haltung der deutsch- und auch ladinischsprachigen Südtiroler aus Deutschland u. Österreich “importiert” wurde: Schließlich partizipieren wir an diesem kulturellen Hinterland in nicht unerheblichem Maße (über Medien transportierte Diskurse, Tabus, Werte: man denke nur an Guido Knopp). Dies alles ist aus bekannten Gründen (Mattioli etc. docet) bei den meisten Italienern Südtirols nicht vorzufinden, man kann es deswegen nicht voraussetzen, sondern muss es – so unerträglich und entmutigend dies klingen mag – sich erst gesamtgesellschaftlich erarbeiten!

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22 replies on “»Im Schlamassel der Erinnerung.«”

Danke für deine hervorragende, sehr präzise Diagnose, lieber Beppi.

Die Befürchtung, die bundesdeutsche Aufarbeitung könnte zu einem wirkungslosen Fetisch werden, ist ein durchaus sehr ernstzunehmendes Problem — sie darf uns aber kein Alibi sein, denn es handelt sich m.E. gewissermaßen um ein »Luxusproblem«.

Von einer gemeinsamen Geschichtsauffassung sind wir tatsächlich noch weit entfernt, und dass der Antifaschismus der Rechten sehr häufig nichts anderes ist, als »unselbstkritischer Populismus« ist nicht abzustreiten.

All dies stellt eindeutig eine schwere Hypothek auch für BBD und unser Engagement dar. Welche Schlussfolgerungen sollten wir jedoch deiner Meinung nach daraus ziehen? Sollten wir wirklich auf unsere aufklärerische Rolle verzichten, solange die Hindernisse nicht aus dem Weg geräumt sind? Sollten wir wirklich zu inakzeptablen Fakten schweigen? Oder sollten wir vielmehr auch weiterhin beherzt versuchen, so gut wie möglich die »Haare« in allen ethnischen Suppen zu suchen? Es ist ein wahrlich schwieriges Dilemma.

Um mein langatmiges Geschreibsel für interessierte Leser mit wenig Zeit etwas zusammenzufassen:
“Aufrichtige” Geschichtsaufarbeitung und Gedenkkultur, so die Kernaussage des Beitrages, vertragen sich mit Populismus, verkürzten Schlagwörtern und politischer Kampfrhetorik nicht. Vor allen anderen Dingen sollte dieses Diktum auf unser Land angewandt werden, wo das eigentlich aufklärerische, und das die selbstkritischen Reflexe einer Gesellschaft stimulierende Antidot der historischen Erinnerung missbraucht wird.

Als kontraproduktiv muss dieser “Missbrauch” auch deswegen bewertet werden, da wir in unseren italienischen Mitbürgern meistenteils Mentalitäten vorfinden, denen eine “Kultur der Aufarbeitung” überhaupt sehr fremd ist. Sie von den Notwendigkeiten dieser Kultur zu überzeugen, und vielleicht für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen, schaffen wir aber nur mit Mäßigung im Ton.

Der FAZ-Artikel, von dem die Rede ist, kann übrigens hier nachgelesen werden.

Lieber pérvasion, danke und nicht der Rede wert — es ist auch etwas zu lang geraten. Nein tatsächlich, über inakzeptable Fakten zu schweigen sollte auch keinesfalls die Konsequenz sein, die ich mir wünschen würde (im Gegenteil, der besondere “Charme” des Blogs ist m. E. gerade diese demokratische, unermüdliche Watch-Funktion). Ich fände es nur sehr bedauerlich, wenn man mit den sog. “patriotischen Parteien” in einen Topf geschmissen werden würde.

Nicht so sehr das bisherige Engagement aufzugeben ist also, denke ich, das “Gebot der Stunde”, sondern die Frage, wie wir es (leicht) modifizieren könnten, um besser gehört zu werden? Vielleicht mehr Artikel in italienischer Sprache verfassen? Mehr Bezug auf die Aktionen besagter Parteien herstellen? Bei jeder Kritik unsererseits irgendwie vorausschicken, wie wir es genau meinen, um uns abzugrenzen (?).
Man muss sich immer vorstellen, dass es zwischen BBD und der Südtiroler Rechten niemand anderen gibt, der die zahlreichen Missstände des italienischen Neofaschismus benennt und ankreidet (BBD freilich beschränkt sich nicht nur darauf). Das vermindert die Verwechslungsgefahr nicht gerade. Noch einmal: Die belastende Hypothek des rechten Engagements für unsere Sache ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Die Appeasement-Haltung zahlreicher Südtiroler bezüglich Kritik an Wiederbetätigung geht nicht zuletzt auf Berührungsängste mit dem Thema zurück (da von “Rechts” besetzt).

stimme mit meinen “vorrednern” überein. es besteht die gefahr, dass aufarbeitung zu einer inhaltslosen floskeldrescherei verkommt, es ist auch richtig, dass dies aber ein “luxusproblem” deutschlands ist und gleichzeitig stimmt die feststellung, dass südtirol meilenweit von einem derartigen problem entfernt ist, da ja die nötigen parameter, für ein derartiges problem nicht gegeben sind.

schlüsse:
es wäre falsch, nicht den weg der ehrlichen aufarbeitung zu beschreiten. man muss an einem gewissen punkt lediglich eine adäquate lösung finden, die eine ritualisierung verhindert.

es wäre auch falsch, die eigene überzeugung zu relativieren, von der man aber glaubt, dass sie richtig ist, nur weil sie eventuell kontraproduktive effekte auch haben könnte.

Schließlich partizipieren wir an diesem kulturellen Hinterland in nicht unerheblichem Maße (über Medien transportierte Diskurse, Tabus, Werte: man denke nur an Guido Knopp). Dies alles ist aus bekannten Gründen (Mattioli etc. docet) bei den meisten Italienern Südtirols nicht vorzufinden,

Vielleicht mehr Artikel in italienischer Sprache verfassen? Mehr Bezug auf die Aktionen besagter Parteien herstellen? Bei jeder Kritik unsererseits irgendwie vorausschicken, wie wir es genau meinen, um uns abzugrenzen (?).

In Sudtirolo quanti sono i forum effettivamente bilingui come questo?
Che tra l’altro secondo me si regge sostanzialmente sul fatto che lo è pérvasion, l’amministratore, al quale sempre a mio avviso non dovrebbe essere tolta la libera scelta della lingua in cui scrivere né imposto una sorta di politicamente corretto, per cui a ogni critica dei retaggi “fascisti” italiani dovrebbe accompagnarsi una presa di distanza dalle posizioni della destra tedesca, pena la perdita della spontaneità  del tutto.

dass es zwischen BBD und der Südtiroler Rechten niemand anderen gibt, der die zahlreichen Missstände des italienischen Neofaschismus benennt und ankreidet (BBD freilich beschränkt sich nicht nur darauf).

Zwischen BBD und der Südtiroler Linken ebenso nicht ;)

@gadilu: Und zu welchen Schlüssen seid ihr gekommen?

al quale sempre a mio avviso non dovrebbe essere tolta la libera scelta della lingua in cui scrivere né imposto una sorta di politicamente corretto, per cui a ogni critica dei retaggi ”fascisti” italiani dovrebbe accompagnarsi una presa di distanza dalle posizioni della destra tedesca, pena la perdita della spontaneità  del tutto

Ja tuscan, du hast recht. Was ich an Vorschlägen bringe erfordert ein ziemliches Maß an Mehraufwand. Man kann von pérvasion aber nicht noch mehr “verlangen”, als er eh schon leistet. Vielleicht ist es für’s Erste wirklich am praktikabelsten, so weiterzumachen wie bisher. Vielleicht kommt uns ja noch eine schöne Idee im Laufe der Zeit…

Interessanter Fall:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799789,00.html

Eine Glocke (nicht ein Siegesdenkmal) mit Nazi-Symbolik hätte, auf einen Friedhof verfrachtet (nicht mitten in der Stadt), mittels erklärender Tafeln zum Mahnmal werden sollen. Schleswig Holsteins Ministerpräsident Carstensen (CDU) ist strikt dagegen und verfügt die sofortige Entfernung. Und das, obschon die Glocke hier keine ansässige Minderheit als Provokation empfindet.

Und das, obschon die Glocke hier keine ansässige Minderheit als Provokation empfindet.

Der springende Punkt ist doch nicht dass eine Gruppe ein Relikt als Provokation empfindet sondern dass eine Gruppe meint es wäre ihre Identität.

Der springende Punkt ist doch nicht, dass eine Gruppe ein Relikt als Provokation empfindet, sondern dass eine Gruppe meint, es wäre ihre Identität.

Wollen wir das Wagnis eingehen, und versuchen zu egründen, wie und ob überhaupt es zu dieser Identitätsbildung kam?
Ich versuch’s mal:
1) In der Zeit des Ventennios sind die Ursprünge der Präsenz der Italiener in Südtirol zu verorten. Schon allein deswegen mögen viele aus Traditionsgründen positive Gefühle damit verbinden.
2) Im Nachkriegs-Südtirol wurden die Kräfte für die autonomiepolitischen Grabenkämpfe und ethnischen Scharmützel um das zweite Statut verwandt. An lokalspezifischer “Aufarbeitung” war gar nicht zu denken (übrigens auch auf Tiroler Seite).
3) “International” war man die längste Weile vor allem mit den reichsdeutschen Verbrechen beschäftigt. Bis Ende der 80er Jahre hielt sich die Mär von der “italiani brava gente” in der (außer)italienischen Geschichtswissenschaft. Wenn man sich dann die Wortgefechte zwischen Magnago und Minniti in alten Landtagsprotokollen durchliest (bezeichnend jene Krisensitzung unmittelbar nach der Feuernacht), dann erkennt man sofort, wer sich überhaupt für seine “Ethnie” zu rechtfertigen hatte.
4) Von Restitalien können wir keinen Impuls erwarten. Von den Südtiroler Italienern aber auch keinen, solange sie sich in der Defensive fühlen. Jene Befunde mögen stimmen, die lokale philofaschistische Neigungen teils auch als Ausdruck eklatanter Schwäche erkennen.
5) Trotzdem kann ich mir schwer vorstellen, dass die Relikte wirklich zur Kernidentität der italienischen Sprachgruppe gehören. Die Monumente werden verteidigt, da v.a. von jemand anderen deren Entfernung gefordert wird; da man mit diesen Bauwerken eine Tradition verbindet (die angeblich einzige “italienische” Hinterlassenschaft in unserem Gebiet); da man die Entstehungszeit nicht als aufarbeitungswürdigen Totalitarismus identifiziert; da man sich in seinen Existenzrechten bedroht fühlt, wenn architektonisch-ethnische “Claims” vermeintlich zum eigenen Ungunsten neu abgesteckt werden.

Die in den Monumenten festgehaltenen und nach außen transportierten ideologischen Inhalte sind — “authentisch” gelesen — bloß für eine kleine Minderheit von Wichtigkeit. Ich würde behaupten, dass die große Mehrheit sich, wenn überhaupt, dann nur mit einzelnen, zurechtgestutzt interpretierten Elementen identifiziert (alles in Richtung: das Land ist italienisch, wir haben deswegen ein Bleiberecht etc.). Problematisch für die Gruppe ist diese Identifizierung deshalb nicht, da das Bewusstsein für die Aufarbeitung fehlt.

Messerscharf können wir aus meinen Thesen schließen, dass die für uns unerhörte Verteidigung von faschistischen Baudenkmälern wohl etwas nachlassen wird, wenn die italienische Sprachgruppe — in deren Wahrnehmung — nicht mehr die zweite Geige spielt, sondern sich hier zu Hause fühlen kann.

@ beppi

wir haben hier also ein kleines henne-ei-problem. emotionale verbundenheit zu besagten denkmälern und mangelndes heimatgefühl scheinen sich gegenseitig zu bedingen. wie also rauskommen aus dieser spirale?

@ hunter:
Schön zusammengefasst. Auf deine Frage würde ich auch gerne eine Antwort wissen. Ich würde mal spekulieren, dass man viel unbefangener über derlei Themen reden kann, wenn die Bereitschaft signalisiert wird, dass man als Gesprächspartner auf gleicher Ebene steht (bis jetzt glauben viele ja nicht daran). Vielleicht könnte man einfach einmal daran gehen, den Italienern mehr praktische Kompetenzen zu geben, ein, zwei mehr Landesratposten z.B.? Also den Juniorpartner ein bisschen emanzipieren (immer im Rahmen der ethnischen Autonomie freilich, d.h. mit aller gebotenen Behutsamkeit). Und das Ideologische auf später vertagen?

Zur Untermauerung meiner Thesen:

Man vergleiche die Äußerungen der Südtiroler Freiheit zur so genannten “befana fascista”, sodann vergleiche man die Meldungen in den Medien (hier, aber auch da und dort — nebst Kommentaren) und beachte schließich die Reaktionen darauf (hier und z.B. hier).

Schluss: Der Begriff “Faschismus” wird durch derlei grenzdebil-inflationäre Anschuldigungen sinnentleert. Sind denn ernsthafte Diskussionen über unsere Anliegen überhaupt noch möglich, wenn sie so populistisch, seicht und regelrecht lächerlich in den Äther hinausposaunt werden? Einen Bärendienst, den uns da die STF wieder einmal geleistet hat.

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