Spracherwerb am Arbeitsplatz.

Am Arbeitsplatz werden in Südtirol — genauso wie im Alltag — in der Regel mehrere Sprachen gesprochen; viele Südtiroler kommen erst durch den Beruf in direkten Kontakt mit Menschen, deren Muttersprache eine andere ist, als die eigene. Interessant ist diesbezüglich eine Studie* die von der Landesabteilung Arbeit veröffentlicht wurde. Unter anderem wurde erhoben, wer am Südtiroler Arbeitsmarkt welche Sprachen erlernt bzw. seine Sprachkenntnisse verbessert.

Rund 45% der Arbeitnehmer italienischer Muttersprache geben an, ihre Deutschkenntnisse verbessert zu haben. Dagegen haben 72% der deutschsprachigen Arbeitnehmer ihre Italienischkenntnisse am Arbeitsplatz verbessert. Die Ladiner vertiefen zu 49% ihre Italienisch- und zu 52% ihre Deutschkenntnisse.

Arbeitnehmer, die keine der drei Landessprachen zur Muttersprache haben (im weitesten Sinne Zuwanderer oder »neue Südtiroler«) lernen nur zu 39% Deutsch am Arbeitsplatz. Mehr als doppelt so viele (86%) lernen Italienisch. Das ist, gemeinsam mit den gesetzlichen Vorschriften, welche allein die Staatssprache fördern, und den Zahlen zur Schulsprache von Zuwandern, ein ernüchterndes Ergebnis für ein Land, wo die deutsche Sprache — wie man immer hört — angeblich eine erdrückende Position einnimmt. Vielmehr scheint an der öffentlichen Wahrnehmung vorbei genau das Gegenteil der Fall zu sein: Die nationalstaatliche Logik erfreut sich bester Gesundheit und hat massive Auswirkungen auf das Verhältnis der Sprachen in unserem Land.

Siehe auch: [1] [2]

*) »Sprachkompetenzen am Arbeitsmarkt«, Bozen 2009

22 Replies to “Spracherwerb am Arbeitsplatz.”

  1. Das deckt sich mit den persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen, die man im Laufe der Jahre sammeln konnte. Hier wird auch allzu deutlich, dass das Verhältnis Stadt-Land in Zukunft durch die neuen Südtiroler zu noch größeren Problemen führen wird. Wenn alles so bleibt wie es ist, müssen wir uns schon alleine rein mathematisch (N.B.: das ist keine Hetze, alle Zahlen und bisherigen Statistiken zum Spracherwerb von Zuwanderern belegen dies) damit befassen, dass die deutsche Sprache in Südtirol selbst zur Minderheitensprache werden wird.

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  2. Man muß bei diesem Thema auch berücksichtigen, daß viele Betriebe in Süditrol an der jeweiligen XXX-Italia hängen. ZB alle Autohäuser, Versicherungen usw. das bringt natürlich mit sich daß in diesen Betrieben vieles nur in italienisch zu Verfügung steht (auch bei deutschen Marken). Wir als Kunden sehen davon nur die italienischsprachigen Prospekte, Verträge oder Homepages. Die Mitarbeiter arbeiten dagegen mit ihren Computern, Testgeräten, Rundschreiben oder auch Sitzungen und Weiterbildungen ausschließlich auf italienisch. Das bringt natürlich einige Unternehmer auf die “gute” Idee Mitarbeiter aus anderen Provinzen einzustellen die damit auch die Betriebssprache italienisch einführen, nach dem Motto: siamo in Italia! Und sie kommen leider damit durch, da sie für einen reibungslosen Ablauf mit den Sitzen in Rom, Mailand oder Verona in den Augen der Chefs wichtig sind.

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  3. Diese Zahlen sind tatsächlich alarmierend. Ich persönlich glaube aber, dass sobald wir ein bis zwei urbane Zentren ausblenden, sich eine gänzlich andere Situation oder zumindest eine annähernde Balance auftun würde, wie schon Steffl angedeutet hat.
    In diesem Zusammenhang fällt mir die Geschichte eines Bekannten ein, einem “Han-Südtiroler” (mit Mandarin als Muttersprache), der vor über zehn Jahren von Neapel nach Meran (!) gekommen war. In Meran fand er dann eine sprachliche Situation vor, die ihn vollkommen überfordert hatte (obwohl weit weniger krass als in anderen Teilen des Landes). Binnen kürzester Zeit verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach Bozen, wo er bis heute glücklich leibt und lebt. Bozen ist zu einer Oase der sprachlichen Bequemlichkeit für MigrantInnen aber auch für italienischsprachige MitbürgerInnen aufgestiegen (bzw. ist eine solche immer schon gewesen). Ich habe hier schon die bizarrsten Situationen beobachtet, wie z.B. einen bundesdeutschen Touristen, der im renommiertesten und geschichtsträchtigsten Hotel der Stadt seine Bestellung auf Englisch aufgeben musste. Ur-Bozner Alltag eben.
    Nachdem der Landeshauptstadt die Sonderrolle zufällt, in absoluten Zahlen sowohl die meisten italienischen als auch deutschsprachigen Einwohner aufzuweisen, kann man sich die aufkeimende Brisanz jetzt schon ausmalen. Vielleicht erleben wir letzten Endes noch eine Stadtflucht auf der einen Seite und einen steten Zufluss demgegenüber.

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  4. Das ist eine Verallgemeinerung, die man so nicht stehen lassen kann. Es gibt in Bozen, gerade in öffentlichen Lokalen, sehr wohl Zuwanderer, die der deutschen Sprache mächtig sind, so z.B. die chinesischen Betreiber der Guntschna Bar (Fagenstraße), im Kebap-Laden am Pastoralzentrum oder die Betreiber des Skampini vor der Eisdiele Eccetera. Meinen Beobachtungen zufolge wenden sich auch deutschsprachige Südtiroler so gut wie ausschließlich auf Italienisch an sie. Was meinst du wohl, welche Schlüsse diese Personen daraus ziehen und was sich in ihren Communities herumspricht? Dass Deutschkenntnisse nötig sind, um in Südtirol zu arbeiten?

    Andererseits gibt es in allen chinesischen Restaurants zusammen, die es in Brixen gab und gibt, meiner Erfahrung nach nur eine einzige Bedienung, die des Deutschen mächtig ist (weil sie hier geboren ist und anders als ihre Geschwister die deutsche Schule besucht hat). Das Problem ist also beileibe nicht auf Bozen beschränkt.

    Und nicht zuletzt gibt es dann noch dümmliche Empfehlungen von offizieller Seite, welche die Tragweite des Problems verkennen und einfach auf den geringsten Widerstand setzen, anstatt die Mehrsprachigkeit der Südtiroler Gesellschaft vor Augen zu behalten.

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  5. Oje, wo ist mein Kommentar geblieben?!

    Also nochmal:
    Stimme Steffl zu. Deutsch wird wahrscheinlich in wenigen Jahrzehnten die Sprache der Minderheit in Südtirol sein.

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  6. Kebap-Laden am Pastoralzentrum

    Ah, certo! Ci lavora un mio amico: una volta dobbiamo andarci a mangiare un bel panino! :prost: Per quel che riguarda loro, vengono dalla Turchia, sono curdi e prima di stare a Bolzano hanno lavorato in Germania. Sono l’esempio di come sia irrispettoso fare di ogni erba un fascio: lavorano sodo, sono gentili e si son fatti molti amici e clienti tra “locali” di ogni età, estrazione sociale e lingua!

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  7. sono gentili e si son fatti molti amici e clienti tra “locali” di ogni età, estrazione sociale e lingua!

    Zustimmung – es gibt dort die besten Felafel, die ich in Südtirol jemals gegessen habe.

    Allerdings kann man auch in diesem Lokal häufig feststellen, dass viele SüdtirolerInnen dt. Muttersprache die Angestellten automatisch auf Italienisch ansprechen, obwohl diese teils über exzellente Deutschkenntnisse verfügen. So wird Deutsch (das Ladinische sowieso) mittelfristig tatsächlich als Folkloresprache enden.

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  8. Kebap-Laden am Pastoralzentrum

    Kann ich bestätigen, aber die meisten deutschen Südtiroler sprechen sie immer auf italienisch an, wie Niwo passend schreibt, das ist meine persönliche Beobachtung. Es gibt dort einen hervorragenden Kebab zu essen, hab ich selbst öfters probiert.
    Es gibt auch in der Museumstraße z.B. eine Bar wo eine Chinesin arbeitet, die deutsch spricht. Jedoch ist es wie bei uns in Südtirol eben üblich, dass sie meistens von allen auf ital. angesprochen wird. Aufgrund dieser Erfahrungen meinerseits und den Statistiken zu den Zuwanderern in den Städten Südtirols, kam ich zu dem Schluss, dass deutsch einfach zur Minderheitensprache werden muss, sollte sich am Ist-Zustand nichts ändern. Ich als deutschsprachiger Südtiroler kann nur sagen, dass ich mir diesen Zustand weder für mich noch für meine Kinder wünsche.
    Denn überlegen wir mal, was wäre denn die Altenative zur Selbstbestimmung bzw. wie will man verhindern, dass deutsch durch die Zuwanderung nicht zur Minderheitensprache in Südtirol wird? Schließlich glaube ich kaum, dass der Staat es verhindern will, dass die deutsche Sprache irgendwann zur Minderheitensprache in Südtirol wird.
    Und was bringt es uns als Minderheit innerhalb dieses Staates, wie wir es nun mal sind, wenn in unseren Dörfern drei “Kasper” (so wird man das dann darstellen) deutsch sprechen und in allen größeren Ortschaften Südtirols langfristig nur mehr italienisch Lingua Franca ist? Das muss mir einer erklären.

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  9. Kein konkreter Anlass, aber man kann es nicht oft genug wiederholen: Die von BBD vorgeschlagene Lösung ist nicht die Umkehrung dieser Logik — Deutsch rein, Italienisch raus — sondern ein dezidiert mehrsprachiges Land. Frischluft!

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  10. Natürlich wollte ich oben nicht aussagen, dass etwa vonseiten der MigrantInnen keine Lernbereitschaft oder überhaupt keine Motivation zum Deutscherwerb vorhanden wäre. Ich persönlich kenne auch zwei Kurden, die bei ihrer Ankunft in Südtirol ausschließlich des Deutschen mächtig waren.

    Aber: Besonders in Bozen und anderen Städten stellt sich vielen Zuwanderern gar nicht die Frage nach dem Deutscherwerb. Das erklärt sich ganz einfach aus der sprachlichen Zusammensetzung der Stadtbevölkerung und die daraus folgende Entwertung der dt. Sprache dort (Stichwort “Folkloresprache”), die zu einem beträchtlichen Anteil auch selbst verschuldet ist. Und dies gilt ja nicht nur für Zuwanderer aus z.B. China oder Nordafrika, sondern gleichermaßen für Zuzüge aus Italien, ganz nach dem billigen Motto “wo ich mich wohler fühle, da lass ich mich nieder.”
    Eine umgekehrte, ähnlich einseitige Tendenz dürfte wohl auf dem “Land” vorherrschen. Das kann ich jetzt weder bestätigen noch entkräften, wäre aber gleichermaßen unvorteilhaft. Jedenfalls ist ein Grundproblem bei der Zuwanderung (von woher auch immer) die Nationalstaatenlogik. MigrantInnen werden ja nur unzureichend auf die hiesige Situation hingewiesen. Ob das Realitätsverdrängung ist (wie beim Gesetzgeber in Rom), oder schlicht nur Fahrlässigkeit seitens der Lokalpolitik, oder eine Mischung aus beidem, ist halt die Frage.

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  11. Auch diese Studie ist aufschlussreich. Demnach hängt die Einschätzung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit recht deutlich von der “Sprachgruppenzugehörigkeit” ab. Interessantes Detail: Italienischsprachige SüdtirolerInnen, die sich selbst schlechte Deutschkenntnisse attestieren, haben eine deutlich negativere Selbsteinschätzung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit als deutschsprachige SüdtirolerInnen, die ihre Italienischkenntnisse als schlecht bezeichnen.

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  12. @Werner:
    Beh… è la scoperta dell’acqua calda. Ed è dovuta ad alcuni fattori:
    1- la peculiare percezione di questo problema da parte del gruppo italiano. Fin da piccolo sentivo dirmi in giro:”impara il tedesco, sennò qui non mangi, perchè loro hanno in mano tutto”… ovviamente non l’ho imparato finchè non ho trovato una giustificazione di cui potesse importarmi qualcosa. Ma il punto è proprio questo: viene visto come una necessità ed è anche forse per questo che tanti genitori che non sanno dire una parola e magari bazzicano coi partiti nazionalisti fanno le crociate per l’immersione scolastica…
    2- Con le regole di oggi molti non avrebbero effettivamente titolo per ricoprire il posto che hanno. Una volta le maglie dell’obbligo di bilinguismo erano molto più elastiche ed i diretti interessati lo sanno bene: persino gli insegnanti di Conservatorio prima di una certa data potevano diventare di ruolo senza sapere una parola di tedesco…

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  13. Eine umgekehrte, ähnlich einseitige Tendenz dürfte wohl auf dem “Land” vorherrschen.

    Mal davon abgesehen, dass sich die große Mehrzahl der Migranten in den Städten niederlässt, stimmt das nicht: Auf dem Land sind Zuwanderer zwar sicher in einem höheren Maße zweisprachig, als in der Stadt, sonst sprechen sie aber auch eher Italienisch, als Deutsch.

    Aus verschiedenen Gründen:

    · Weil sie aufgrund ihrer Aufenthaltsgenehmigungen stets mit staatlichen Institutionen in Kontakt sind, die Nicht-EU-Ausländern gegenüber nicht zur Zweisprachigkeit verpflichtet sind;

    · Weil sie vor ihrer Ankunft Italienisch gepaukt haben (sie sind ja »nach Italien« gezogen…);

    · Weil sie von Südtirolern (auch deutscher Muttersprache) mit Vorliebe auf Italienisch angesprochen werden;

    · Weil man in Südtirol grundsätzlich recht gut ohne Deutsch-, aber fast unmöglich ohne Italienischkenntnisse durchkommt;

    · Weil sie für eine Daueraufenthaltsgenehmigung oder die Annahme der Staatsbürgerschaft nur Italienischkenntnisse nachweisen müssen.

    Das nenne ich »nationalstaatliche Logik«.

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  14. Episode im oviesse in der Raingasse in Bozen vom 15.03.2013.
    Es fällt auf, dass viele MitarbeiterInnen in dieser Geschäftsstelle praktisch über nicht einmal elementarste Deutschkenntnisse verfügen. Hab mich heute kurz mit einer Mitarbeiterin unterhalten, die aus Apulien ist und seit kurzer Zeit hier in Bozen lebt. Meine Frage, ob sie nun Deutschkurse besuche, verneinte sie. Dies könne sie sich nicht leisten. Die Frage, ob denn diese Kurse nicht der Arbeitgeber finanziere, verneinte sie ebenfalls.
    Der Kette oviesse ist es also völlig egal, ob ihre MitarbeiterInnen in Südtirol über Deutschkenntnisse verfügen oder nicht.

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  15. … solche “Stichproben” mache ich auch immer wieder. – Man kommt dabei nicht aus dem Staunen!
    So sieht “Insieme” aus, aber ohne mich. Ich bin damit aufgewachsen, dass man stets in der Sprache des Kunden bzw. Gastes verkehrt. Das ist freilich meist eine Einbahn, heute noch!
    Als Gast und Kunde suche ich mir einfach aus wo man mir durch Sprachentgegenkommen Respekt und Höflichkeit erweist!

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