Das Gedenken an den ersten Weltkrieg in den Händen neofaschistischer Organisationen.

Erst wenige Tage ist es her, dass sich die Südtiroler Landesregierung und zahlreiche BürgermeisterInnen im Lande geweigert hatten, den italienischen Eintritt in den ersten Weltkrieg vorschriftsgemäß durch Aushängen der Staatsflagge zu zelebrieren. Wie wichtig dieser kleine Verweigerungsakt aus symbolischer Sicht war, zeigt sich immer deutlicher, je mehr Mosaiksteine man zusammenfügt.

Aber der Reihe nach: Durch die Recherche über die Zusammenarbeit öffentlicher und halböffentlicher Institutionen — darunter eine italienische Botschaft, die Autonome Provinz Trient und das Italienische Rote Kreuz — mit neofaschistischen und gewaltbereiten Organisationen bei der Durchführung pseudosolidarischer Projekte bin ich auf die Vereinigung L’Uomo Libero aus Arco gestoßen. L’Uomo Libero, deren Motto nicht zufällig ein Ezra-Pound-Zitat ist, bewegt sich im Dunstkreis der »Faschisten des dritten Jahrtausends« von CasaPound.L'Uomo Libero.

Zum Gedenken an den ersten Weltkrieg hat L’Uomo Libero die Gründung des Projekts »TaPum – Sui Sentieri della Grande Guerra« angeregt, zu dessen Mitgliedern außer den Neofaschisten selbst auch die Vereinigung Accompagnatori di Territorio del Trentino und die staatliche Forschungseinrichtung Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR) gehören.

Vorsitzender von TaPum und L’Uomo Libero in Personalunion ist Walter Pilo, ein Herr, der zum Beispiel den Ausschluss der »Faschisten des dritten Jahrtausends« vom Bozner Christkindlmarkt der Solidarität scharfzüngig kritisiert hatte.

Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn auf den Seiten von TaPum der erste Weltkrieg verherrlicht und auch Südtirol ganz selbstverständlich zu den terre irredente gezählt wird:

Fu la prima grande esperienza collettiva degli italiani, un momento di forte unione che rafforzò l’identità nazionale di tutta la popolazione e non soltanto di chi stava al fronte (furono 5 milioni gli uomini chiamati alle armi, di cui oltre 650.000 morti e circa un milione feriti). Durante il conflitto, a seguito delle alterne vicende belliche, i confini originari tra Italia e Austria-Ungheria subirono continue variazioni, che spesso non coincidevano con l’idea di ‚Italia geografica’, in particolare per le cosiddette ‚terre irredente’ (Trentino, Alto Adige, Trieste e Istria).

Und doch ist es bestürzend, dass derartiger Geschichtsrevisionismus von einer öffentlichen Forschungseinrichtung wie dem CNR mitgetragen wird.

Hauptbestandteil des Projektes von TaPum war übrigens (im Jahr 2014) eine doppelte »Expedition« von Bormio nach Duino und von Trient nach Triest entlang dem ehemaligen Frontverlauf. Durchgeführt wurden die Expeditionen gemeinsam mit der Associazione Nazionale Alpini (ANA), laut Angaben der Projektverantwortlichen war auch das offizielle Militär daran beteiligt.

In Südtirol war Walter Pilo (L’Uomo Libero) bei einer staatsweiten Veranstaltung der ANA am Ritten anwesend, um TaPum vorzustellen. Die neofaschistische Unterwanderung ist voll im Gange.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

13 Antworten auf „Das Gedenken an den ersten Weltkrieg in den Händen neofaschistischer Organisationen.“

  1. Bin gerade in Venetien Strandurlaub. In den Fußgängerzonen sind überall Casapound-Plakate tapeziert, v.a. auf Telefonzellen usw. Niemand entfernt diese aber oder scheint sich daran zu stoßen. Sie sehen so aus:

    http://portogruaro.veneto.it/index.php/2013-10-16-16-23-41/portogruaro/1264-portogruaro-manifesti-casapound-per-celebrare-l-entrata-in-guerra-dell-italia

    Überhaupt hat man im Veneto das Gefühl, Rassismus sei sehr sehr weit verbreitet. Und wir Südtiroler sind dort auch nicht immer gerade beliebt. Nichtsdestotrotz eine tolle Urlaubsregion für Familien.

    1. Leider bemerke ich auch hier im Blog ein gewisses Achselzucken bezüglich dieses Themas… in meinen Augen eine gefährliche Unterschätzung einer sehr ernstzunehmenden Entwicklung. Ich frage mich, ob es vor 100 Jahren auch so ähnlich (wenngleich natürlich gewaltsamer) angefangen hatte.

      1. Diese Frage ist mehr als gerechtfertigt. Ich stelle mir die Frage sehr häufig, ob man durch mehr Zivilcourage bestimmten Entwicklungen vor 80 Jahren, vor 90 Jahren eine andere Richtung hätte verleihen können.
        Nun, die Geschichte läßt sich nicht mehr ändern. Aber die Geschichte im Sinne des europäischen Geistes aufarbeiten und daraus Lehren ziehen, sollte man schon. Der obige Artikel dokumentiert sehr gut, dass beides in bestimmten Kreisen, die sich sogar in skandalöser Weise mit halböffentlichen und öffentlchen Institutionen überlappen, nicht der Fall ist. Ganz im Gegenteil, da werden Geister aus der Vergangenheit beschwört und salonfähig gemacht. Hier gilt es Kante zu zeigen.

  2. Gratulationen zu diesen Recherchen. Mal sehen, ob es eine längst notwendige Reaktion, vor allem öffentlicher Institutionen gibt oder ob wir die nächste Runde im „Tolerieren“ von faschistischen und rechtsextremistischen Umtrieben mit häufigen Grauzonen zu öffentlichen Institutionen, akzpetieren.

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