Verkehrte Welt.

Der pazifistische Linkspolitiker oder der durchschnittliche Linksintellektuelle in Europa hegt meist eine gewisse Distanz bis Apathie zum Militarismus oder sieht das Militär zumindest nur als irgendwann vielleicht überwindbare Notwendigkeit an. Und je höher der Bildungsgrad, desto skeptischer steht man für gewöhnlich uniformiertem Gleichschritt gegenüber. Martialisches Machogehabe und Chauvinismus sind einem suspekt. Normalerweise. Denn das Alpini-Treffen in Bozen im vergangenen Jahr schuf eine verkehrte Welt.

„Auf die Alpini war der aufgeklärte [sic] italienische Südtiroler höchstens heimlich stolz, seit der Bozner Adunata durfte man auf deutsch- wie italienischsprachiger Seite ganz offen seine Sympathien erklären,“ beobachtet Christine Helfer auf Salto.bz. Wie wahr! Vor wenigen Tagen ging die Adunata 2013 in Piacenza zu Ende. Dort schmückte sich der Landeshauptmannstellvertreter der „Mitte-links“-Partei PD, Christian Tommasini, für eine Photo-Op mit Alpinihut und der grüne (!?) Kammerabgeordnete Florian Kronbichler ließ sich von den Gebirgsjägern auszeichnen, da er – noch als Journalist – „mit intellektueller Redlichkeit den tieferen Sinn des Alpini-Festes herausgearbeitet habe.“ Das heißt übersetzt: „Er hat kritiklos und wohlwollend im Sinne der Alpini berichtet.“ Wer weiß; vielleicht geben schon bald Grünpolitiker „Gummi-Gummi“ beim GTI-Treffen in Reifnitz am Wörthersee und fungieren PD-Exponenten als Juroren beim Wettmarschieren der Schützen. Alles scheint möglich angesichts obiger Kuriositäten.

alpini

Hans Heiss hat in seinem bemerkenswerten Vortrag „Zweierlei Federn“ anlässlich der Adunata in Bozen Schützen und Alpini verglichen und dabei den wirklich „tieferen Sinn des Alpini-Festes“ herausgearbeitet. Eine Gleichsetzung von Alpini und Schützen ist zwar nicht zielführend, ein Vergleich zwischen den beiden „Einheiten“ kann bisweilen aber durchaus erhellend sein. Die Gleichsetzung ist deswegen nicht legitim, da die Alpini nach wie vor Teil der offiziellen Streitkräfte eines demokratischen Staates sind und somit sogar eine höhere moralische Verpflichtung allen gegenüber haben als die Schützen, die ein Privatverein sind. Letztere dürfen sich ideologisch positionieren und die Grenzen der Meinungsfreiheit ausloten. Streitkräfte dürfen das nicht. Dessen ungeachtet sind Heiss’ Ausführungen enorm treffsicher und zugleich entlarvend was Selbstbild und Geschichtsverständnis der Alpini betrifft.

Die Alpini verkörpern genau jenes Gesellschaftsbild (martialisch, patriarchal, hierarchisch), das in einem tirolerischen Kontext von oben erwähnten „Alpini-Sympathisanten“ zumeist als rückwärtsgewandt und ewiggestrig bezeichnet wird. Hans Heiss stellt fest, dass „Schützen und Alpini […] mit ihren Aufmärschen bewusst und wirkungsvoll Territorien [besetzen], mehr noch – sie überschreiten absichtsvoll symbolische Grenzen, um mittels massiver Präsenz Fülle und Macht zu demonstrieren. […] Alpini-Adunate und Auftritte der Schützen marschieren […] den Weg zurück: In ihrer Formation wächst nicht die persönliche Verantwortung, hier wird nicht an die Fähigkeit zu individuellem Bürgersinn und Bürgermut appelliert, sondern die Gewissheit vermittelt, dass in der Unterordnung […] ein Gutteil allen Heils liegt.“ Für eine zweifelhafte Appeasement-Haltung werden also ansonsten wie eine Monstranz vorangetragene Grundsätze über Bord geworfen. Südtiroler Intelligenzija und die linke Reichshälfte marschieren im Gleichschritt und stimmen in die Alpini-Huldigung mit ein. Als Rechtfertigung dient meist der Sager: „Die Alpini tun auch viel Gutes und haben sich in Bozen ordentlich aufgeführt.“ Die Selbstverständlichkeit wird einfach zur herausragenden Tugend erhoben. „Ist es wirklich eine staunenswerte Großtat, wenn eine aus Steuermitteln finanzierte Truppeneinheit, eine mit öffentlichen Mitteln reich dotierte Vereinigung wie ANA eine anerkennenswerte, aber auch pflichtgemäße Leistung vollführt?“ fragt sich daher auch Hans Heiss.

Ein weiteres, noch viel gravierenderes Manko der Alpini ist jedoch ihr anachronistisches Geschichtsverständnis. Wie der Teufel das Weihwasser scheuen für gewöhnlich Intellektuelle und Linkspolitiker zu Recht Organisationen, die auch nur im Verdacht von Geschichtsrevisionismus oder Nazi-Faschismus-Apologie stehen. Das Ulrichsbergtreffen wäre für Kronbichler, Tommasini und Co. wohl ein Tabu. Bei den Alpini wird eine Ausnahme gemacht.

Freilich sind die Alpini von heute nicht für die furchtbaren Verbrechen verantwortlich, die ihre Vorgänger begangen haben. Als offizieller Teil der Streitkräfte wären die Alpini jedoch zu einer modernen Erinnerungskultur und Geschichtsaufarbeitung – im Sinne der historischen, nicht der individuellen Verantwortung – verpflichtet. Diese ist aber nicht einmal in Ansätzen vorhanden. Stattdessen suhlt man sich im Opfermythos und negiert jedwede historische Schuld. „Der Blick auf eigene, oft genug sinnlose und durch falsche Unterordnung bewirkte Opfer müsste eigentlich dazu veranlassen, Traditionen in kritischer Schärfe zu durchleuchten. Das Gegenteil ist der Fall: Geschichte und Tradition entfalten eine legitimierende, ja sogar lähmende Macht, die alle Zweifel aus dem Weg räumt. Und in der Fixierung auf den eigenen Opferstatus verschwinden die eigene Verantwortung und Täterschaft“, bestätigt Hans Heiss den befremdlichen Umgang der Alpini mit ihrer Vergangenheit. Eine derartige Verweigerung müsste für gewöhnlich genügen, um Distanz zu halten oder wenigstens politischen und gesellschaftlichen Druck aufzubauen, aufdass die Alpini sich ihrer Verantwortung stellen. Stattdessen regiert nach wie vor das anachronistische und in einem europäischen Kontext befremdliche Geschichtsverständnis. Journalisten wie Kronbichler werden zu „Mittätern“. Sie üben sich im Ausbreiten des Mantels des Schweigens und im Verharmlosen. „Die Beteiligung von Alpinitruppen an kolonialen Expansionskriegen in Übersee […] wird bagatellisiert und flüchtig übergangen. Die aktive Teilnahme von Alpinisoldaten an den Mordbrennereien deutscher Gebirgsjäger in Griechenland, ihre systematische Vernichtung von Dörfern in Widerstandsgebieten […] ist dem Vergessen anheim gefallen. Die brutale Kälte eines Alpini-Generals wie Gastone Gambara, der am Balkan als Lagerkommandant zu traurigem Ruhm gelangt ist, bleibt unerwähnt. Und dass die Alpini in der Russlandkampagne […] energisch an Repression und Judenmord beteiligt waren, schwindet hinter ihrem Opferstatus“, fasst Heiss die unaufgearbeiteten Kriegsverbrechen zusammen. Kritiker und Mahner werden dann auch leicht zu Spielverderbern und Spaßbremsen, die eine gute Party nicht zu schätzen wissen.

Es ist abstoßend und beklemmend, wie im Zusammenhang mit den Alpini doppelte Standards angelegt werden. Das Ausblenden des zweifelhaften Umgangs mit der Vergangenheit, die Verklärung martialisch zur Schau getragener Männlichkeit in Oktoberfestatmosphäre und die Erhöhung der Selbstverständlichkeit zum herausragenden Merkmal sind Taktiken, die nicht in ein vereintes, demokratisches und gleichberechtigtes Europa passen. Die „Alpiniphilie“ ist kein Beispiel für „convivenza“ sondern eine bedenkliche Abkehr von modernen, weltoffenen Prinzipien zum Zwecke der Anbiederung.

20 Replies to “Verkehrte Welt.”

  1. Die italienischen Gebirgsjäger sind Teil der italienischen Streitkräfte. Unsere Großväter und Urgroßväter haben gegen sie gekämpft. Wenngleich wir heute gottlob in Frieden leben, sind und bleiben sie in Südtirol immer ein Fremdkörper.

    Die verkehrte Welt lässt sich hingegen relativ leicht erklären:

    1. Die italienischen Linken wie etwa Tomasini sind (im Gegensatz zu den meisten deutschen/österreichischen Linken) fast durchwegs Nationalisten (wie auch in Frankreich). In Südtirol klammert sich zudem auch der Italo-Linke verkrampft an alles, was irgendwie “italienische Identität” symbolisiert und sei es auch noch so ein Ausdruck von Faschismus / Nationalismus / Militarismus (siehe Siegesdenkmal usw.).

    2. Die Südtiroler Grünen sind fast alle italophil bis zum geht nicht mehr. Ihr südirolpolitisches Ziel ist die friedliche italienische Assimilierung der österreichischen Volksgruppe. Bei Kronbichler steigert sich das ins Pathologische bis zum deutschen Selbsthass und zum unkritischen Umarmen alles Italienischen, sei es auch noch so absurd. Meiner Meinung ein Fall für den Psychologen.

    Kurioserweise gibt es diese Spezies fast nur in der Altersgruppe von Kronbichler. Das hat wohl mit den besonderen historischen Umständen zu tun und mit der Tatsache, dass er in einem Dorf aufgewachsen ist. In seiner Jugend gab es diese besondere Konstellation: eine rückständige, autoritäre, abgeschlossene dörfliche Gesellschaft, oft durchdrungen von katholischer Bigotterie und kaum aufgearbeitetem Nationalsozialismus. Damals verkörperte das Italienische in Südtirol im Gegensatz zu heute auch die Moderne, höhere Bildung, Urbanität etc. Manche haben den Vater-Sohn-Konflikt dann eben so ausgetragen, dass sie extrem in die andere Richtung gegangen sind und besonders italophil wurden. Wie gesagt, ein Fall für den Psychologen.

    Aus der Sicht eines normalen Grünen aus Innsbruck, Wien oder Berlin ist das Ganze natürlich absolut schräg und nicht nachvollziehbar.

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    1. @ robert
      du wirst mit deiner einschätzung nicht ganz unrecht haben (wobei das mit den großvätern eine frage der aufarbeitung ist und italophil auch etwas positives sein kann – solange man dinge wie die obigen nicht ausblendet). und dann muss man auch noch sagen, dass hans heiss ein grüner ist. und er ist in seinen worten dann doch recht klar und eindeutig.

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      1. @Harald Knoflach
        Hans Heiss ist zwar auch aus dieser Generation, wurde aber anders sozialisiert, stammt aus großbürgerlich-städtischen Milieu und ist auch sonst alles andere als ein richtiger Grüner, sondern wohl eher ein Liberaler (siehe seine “Rechtfertigung” auf seiner Internetseite “Warum ich lieber bei den Grünen bin”). Die typischen Grünen in Südtirol sind in der Altersgruppe von Kronbichler. Jugend gibt’s beid er grünen Partei kaum, denn die ist entweder gleich bei italienischen Parteien oder sonst tendenziell im Umfeld von Schützen / Südtiroler Freiheit etc.

        “Italophilie” ist an sich ist schon legitim. Ebenso eine friedliche Assimilation zu Italienern. In Südtirol bedeutet das für die österreichische Volksgruppe aber auch “Aufgeben der eigenen Wurzeln” und einen schleichenden Verlust der eigenen Sprache und Kultur. Für mich ist das der falsche Weg und ich lehne ihn dezidiert ab. Deshalb auch die Südtiroler Grünen, die das propagieren.

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    2. Das hat wohl mit den besonderen historischen Umständen zu tun und mit der Tatsache, dass er in einem Dorf aufgewachsen ist. In seiner Jugend gab es diese besondere Konstellation: eine rückständige, autoritäre, abgeschlossene dörfliche Gesellschaft, oft durchdrungen von katholischer Bigotterie und kaum aufgearbeitetem Nationalsozialismus. Damals verkörperte das Italienische in Südtirol im Gegensatz zu heute auch die Moderne, höhere Bildung, Urbanität etc. Manche haben den Vater-Sohn-Konflikt dann eben so ausgetragen, dass sie extrem in die andere Richtung gegangen sind und besonders italophil wurden.

      Questa sarà anche psicanalisi da grandi magazzini, un tot al kg… però secondo me un fondo di verità c’è…

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  2. Gratulationen für diesen ausgezeichneten Artikel.
    Unbestätigten und wohl auch nur schwerlich beweisbaren Gerüchten zufolge sollen einige Medien für die ausufernde Appeasement-Berichterstattung beim Alpinitreffen im vorigen Jahr sogar bezahlt (oder anderwertig vergütet) worden sein. Im Sinne der Staatsräson und Markierung des Territoriums würde dies durchaus Sinn machen.

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    1. Immerhin hatte Durnwalder damals die Medien sogar öffentlich zu »wohlwollender Berichterstattung« (!) gegenüber den Alpini aufgerufen. Das ist wohl einmalig.

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  3. Der Artikel ist genauso gut wie das Bild dazu scheußlich ist. Wenn das jetzt kein Kompliment ist … !

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