Nur noch ‘Buongiorno’ oder auch ‘Grüß Gott’?

Der Südtiroler Handels- und Dienstleistungsverband (hds), auch als Kaufleutevereinigung bekannt, hat vor einigen Tagen in mehreren Zentren des Landes eine Kampagne gestartet, die zum Einkaufen vor Ort anregen und somit den Einzelhandel unterstützen soll.

hds-Kampagne.
Foto: hds.

Die Effektivität und — angesichts des sprachlichen Mischmaschs — auch die Verständlichkeit der Werbemaßnahme als solche sei dahingestellt. Vor allem Touristen, die nicht beider größeren Landessprachen mächtig sind, sowie Einheimische, die kein Englisch verstehen, dürften bisweilen etwas ratlos vor den Säulen stehen.

Was mir jedoch viel wichtiger erscheint: Hier werden mitunter Werte beschworen und »verkauft«, die auf heimische Nahversorger immer seltener zutreffen. Wenn ich eine Botschaft wie »Grüss [sic] Gott statt no name« lese, dann aber — selbst in kleineren Zentren unseres Landes — immer häufiger an einem »Grüß Gott« im Laden scheitere, weil inzwischen nur noch »Buongiorno« lingua franca ist, wundert es mich keineswegs, dass die Menschen auf Einkaufszentren ausweichen.

Einkaufszentren im Lande punkten zwar häufig auch nicht mit Mehrsprachigkeit, aber persönliche Beratung gehört ohnehin nicht zu den Stärken großer Kaufhäuser. In Innsbruck oder Lienz, wohin viele zum Shoppen ausweichen, werden deutschsprachige SüdtirolerInnen hingegen in der eigenen Muttersprache bedient — und auch Produktbeschriftungen und Handbücher sind i.d.R. auf Deutsch verfügbar.

Foto: hds.
Foto: hds.

Wollten die Südtiroler Kaufleute mit Kundennähe punkten, müssten sie der mehrsprachigen Realität dieses Landes engagierter Rechnung tragen, als durch sprachliches Mischmasch in einer Kampagne.

Da könnte es zum Beispiel sinnvoll sein:

  • Mitgliedsbetriebe kontinuierlich für die Mehrsprachigkeit zu sensibilisieren, möglicherweise auch Sprachkurse und weitere einschlägige Fortbildungsmaßnahmen anzubieten;
  • Zulieferer, aber auch Franchisegeber, verstärkt auf die besondere Situation in diesem Land hinzuweisen, um sie zur Bereitstellung von mehrsprachigem Werbe- und Ausstellungsmaterial sowie deutschen Beschreibungen, Beschriftungen und Anleitungen zu bewegen;
  • politischen Druck zugunsten einer tatsächlichen rechtlichen Gleichstellung der Sprachen im Konsumentenschutz (nach katalanischem Vorbild) auszuüben.

Imagekampagnen allein können all dies nicht leisten. Im Gegenteil: Ist die Diskrepanz zwischen einer Kampagne und der Realität zu groß — weil man etwa bei einem »Grüß Gott« immer häufiger gefragt wird, ob man nicht Italienisch oder gar Englisch beherrsche — kann der Schuss auch schnell nach hinten losgehen.

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