Weltoffene Einsprachigkeit.

Heute bin ich im Rahmen meiner Weihnachtseinkäufe in Bozen in das Geschäft einer schwedischen Bekleidungskette gegangen. An der Kassa äußerte ich einen Wunsch, der Verkäufer jedoch fragte mich höflich, ob ich nicht Italienisch sprechen könnte, er sei der deutschen Sprache nicht mächtig.

Dies ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert, immer häufiger kann ich mich in der Landeshauptstadt nur auf Italienisch verständigen. Da lobe ich mir den kleinen Tante-Emma-Laden in meinem Dorf. Die Besitzerin, eine ältere Frau, die wirklich Emma heißt, bemüht sich bei italienischsprachigen Kunden nach Kräften, ihr holpriges Italienisch einzusetzen. Beschämend für einen internationalen Bekleidungskonzern, der sich so gerne weltoffen und multikulturell gibt.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8]

38 Replies to “Weltoffene Einsprachigkeit.”

  1. Ja, das ist bei den großen Konzernen so. Ich habe auch zwei Mieterinnen, die für ein Elektronikgeschäft arbeiten. Sie sind vor 6 Monaten aus einer oberitalienischen Stadt hierher versetzt worden und fertig! Natürlich kein Wort Deutsch. Ich habe ihnen nahe gelegt, es zu lernen, sie wollen sich bemühen. Aber es ist klar, dass ohne Pflicht zur Zweisprachigkeit die Angestellten eines national oder international operierenden Geschäfts auch aus dem gesamten Staatsgebiet rekrutiert werden…

      1. Absicherung der heimischen Beschäftigungssituation? Wenn man hier schlichtweg KEINE Arbeitskräfte mehr findet!! Für einen mittelmässig ausgebildeten Vorarbeiter habe ich drei Jahre gesucht! Wenn unsere Wirtschaft in ST boomt, hängt das auch mit dem Einsatz von auswärtigen AK zusammen, aber gewaltig!

  2. Dieses Phänomen ist leider längst nicht mehr auf Bozen beschränkt. Ich kann dir auf Anhieb mindestens fünf Läden und Lokale in Brixen nennen, bei denen eine Bedienung auf Deutsch nicht (mehr) gewährleistet ist. Geschäfte, in denen man nicht auf Italienisch bedient wird, kenne ich keine — obwohl das Sprachgruppenverhältnis im Vergleich zur Landeshauptstadt umgekehrt ist. Auch in Gröden war/ist es mitunter nicht leicht, sich auf Deutsch bedienen zu lassen… geschweige denn auf Ladinisch.

  3. In den Geschäften außerhalb des Bozner Stadtzentrums hat das Deutsche denselben Stellenwert wie Niederländisch oder Dänisch, also eine reine Touristensprache. Bundesdeutsche Touristen werden erfahrungsgemäß entweder auf Englisch bedient oder es wird beim Bezahlen wortlos mit dem Zeigefinger auf das Kassendisplay verwiesen.
    Dass man jedoch höflich gefragt wird, Italienisch zu benützen, wie in deinem Fall, ist eher eine Ausnahme. Mir wurde selbst auf den Bozner Gemeindeämtern das Deutsche kategorisch verweigert. Eine anschließende Beschwerde hatte ein seitenlanges Mail zur Folge, in dem mir von einer Amtsleiterin vorgewurfen wurde, Dialekt gesprochen zu haben (was natürlich eine Unwahrheit ist), weshalb der Beamte nicht die Pflicht hätte, mir auf Deutsch zu antworten.
    Was ich damit sagen will; Italienisch ist in Bozen Standard, Deutsch eine Fleißaufgabe (v.a. für touristische Zwecke).

    1. Ich wurde kürzlich auch im Outlet am Brenner sehr freundlich gebeten, auf Italienisch zu sprechen. Leider konnte der Angestellte auch kein Englisch. Schließlich rief er seinen — orientalisch aussehenden — Kollegen, der wenigstens gebrochen Deutsch sprach. Sehr verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Outlet ja eigentlich eine »Falle« für deutsche und österreichische Touristen ist.

  4. Damit kein falscher Eindruck entsteht, eigentlich habe ich KEIN Problem Italienisch zu sprechen, vielmehr war es ein Test, um eine Schieflage aufzuzeigen. Kennt jemand EIN Geschäft in Bozen, wo nicht in Italienisch bedient wird? Ich nicht. Ich bin mir sicher, in der Innsbrucker Filiale hätte man wesentlich weniger Probleme in Italienisch bedient zu werden als in Deutsch in der Bozner Filiale.

    1. Während man in IBK in beinahe jedem Restaurant/Geschäft auch in italienisch bedient wird, stoßt man in Bozen, Meran und Brixen was das Deutsche betrifft immer öfter auf taube Ohren. Wenn das mal nicht die beste Autonomie der Welt ist.

    2. Kennt jemand EIN Geschäft in Bozen, wo nicht in Italienisch bedient wird?

      Kennt jemand eine Almhütte oder eine Schutzhütte auf der nicht auf Italienisch bedient wird?
      In Südtirol wird ja häufig das Bild von der ach wie weltoffenen Landeshauptstadt Bozen (capitale mondiale del plurilinguismo) gesprochen und von den ewiggestrigen Landgemeinden, die man allerdings nicht als Landgemeinden bezeichnet, sondern als Peripherie, also als Anhängsel der Landeshauptstadt. Während in Bozen von einer flächendeckenden Zwei (Mehr)sprachigkeit nicht zu sprechen ist, ist dies, zumindest meine Erfahrung, in den Landgemeinden, ja selbst auf sämtlichen von mir in den letzten Jahren besuchten Almhütten problemlos möglich.

    3. Wenn wir öfter auf unsere Sprache bestehen würden (obwohl wir KEIN Problem haben Italienisch zu reden) könnten wir das erreichen, was unsere Landespolitik nicht erreichen will.

      1. Ja, stimmt. Ich bin auch der Meinung, wir müssen da unsere Mitbürger mehr fordern. Wir müssen ihnen auch die Chance geben, Deutsch zu sprechen.

      2. @succus
        Welche Art von Sprache kann es dem anderssprachigen Mitbürger erlauben seine deutsch-österreichisch Kenntnisse zu verbessern
        A) Dialekt
        B) Umgangssprache

  5. Eine Antwort könnte sein daß zweisprachiges Personal, lieber besser bezahlte Jobs annimmt anstatt in Geschäften 365 Tage im Jahr ausgebeutet zu werden? Das ist natürlich nur eine Vermutung, bleibt die traurige Feststellung daß 100 Jahre Zusammenleben sich in den Sprachenaustausch sich non nicht ausgewirkt haben.

    Sergio

    1. Deine Vermutung ist meiner Meinung nach nicht abwegig. Deshalb könnte eine etwaige Zweisprachigkeitspflicht auch zu Lohnerhöhungen und besseren Arbeitsbedingungen führen — da sonst das entsprechende Personal nicht mitspielt.

  6. Hand auf’s Herz. Das beschriebene Problem ist struktureller Natur, systemimmanent. Uns’re Welt ist im Arsch. Kultur – und damit auch Sprache – ist letztenendes nur eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Wenn du dich nach deinem “Tante-Emma-Laden” sehnst dann ist das nichts weiter als das Festhalten ein einer anachronistischen Struktur, die in unserem System allenfalls geduldet wird und vielleicht noch in einem touristischen Kontext überlebensfähig ist, als Persiflage von dem, was einmal war, aber nie wieder sein wird. Natürlich “beschämend” für einen “internationalen Bekleidungskonzern”, aber anscheinend warst du auch dort shoppen, hast deine 30 – 300 Euronen darin verschwendet eben diesen Umstand zu fördern. Keine Sorge, das ist nicht verwerflich. Die Leute wollen gef**** werden. Am liebsten von h*****. Egal in welchem Bereich: Bekleidungsindustrie, Informationstechnologie, Architektur, you name it … Jeder, der in irgendeiner weise spezialisiert ist kennt das. Kulturelle Leistungen, wie sie ein “Tante-Emma-Laden” vollbringt vergütet keine Sau. Wenn’s auch nur um ein paar Prozent billiger geht schreien alle “JUHUUU!” … wie Lemminge, mit Vollgas in den Abgrund. Und meist denke ich, meine Lebenszeit ist eigentlich zu kurz mich um derartigen Bullshit zu kümmern… bis du merkst dieser Schwachsinn begenet dir überall, egal, was du machst und als einzige Lösung des Problems bleibt in Bildung zu investieren, zu sensibilisieren, kritisches, vergleichendes Denken zu fördern. Und vor allem … sich selbst dabei nicht zu wichtig zu nehmen.

    1. Entschuldigung — wer sehnt sich da nach dem T-E-Laden? Succus hat lediglich einen strikt auf die Sprachfähigkeiten bezogenen Vergleich gezogen. Klar kauft fast jeder mal bei H&M (ups… jetzt ist es mir rausgerutscht) ein, wir haben aber derzeit bezüglich des Konsumentenschutzes keine Wahl. Gesetzlich vorgeschrieben ist laut italienischem Recht nur die italienische Sprache. Es geht eben nicht um Kultur, sondern um gesetzliche Rahmenbedingungen; der fatale Fehler der in Südtirol gemacht wird, ist ja genau der, dass Kultur (einschließlich der Ortsnamen) an Konzerne delegiert wird…

      1. Da sind die Südtiroler schon selbst Schuld, die jede Kranzkuh zu Geld machen….von wegen böse Konzerne…..

        Und wieder diese Opferhaltung (Kopfschüttel)…..

      2. Opferhaltung? Kannst du lesen? Klar sind wir SüdtirolerInnen selber schuld, wenn sie solch sensible Bereiche dem Gutdünken des »Marktes« überlassen!

    2. @pervasion
      /Polemik off

      Es geht … um gesetzliche Rahmenbedingungen…

      Das muss wohl das Fazit sein, sowohl hinsichtlich des Sprachgebrauchs, als auch in Bezug auf bestimmte Mindeststandards der angebotenen Ware der Konzerne (=Oligarchen) und anderen Wirtschaftsteilnehmer. Es kann nicht sein, dass “Öko”-Elite welche sich nachhaltige Produkte leisten kann durch Nischenprodukte abgespeist wird und der Rest der Bevölkerung Billigware bezieht, für deren Qualität jeder einzelne verantwortlich ist.

      Bezügl. Sprachgebrauch und Kultur muss neben einer Verwendung der Begrifflichkeit, wie es im “Toponomastikstreit” tageintagaus gefordert wird, vor allem der Erwerb von Sprache gefördert werden. So sieht moderne Integrationspolitik aus, oder nicht?

  7. … als Kunde/Gast betrachte ich es als Höflichkeitsmindeststandard in meiner Muttersprache bedient zu werden! – In meinem bisherigen Leben stand ich vom Volksschulalter an im elterlichen Betrieb für Auskünfte, später für den fachlichen Umgang SELBSTVERSTÄNDLICH stets in der Sprache des Kunden zur Verfügung!
    – Und heute? – Sind wir auch ein bisschen schuld weil wir lieber italienisch sprechen als Standarddeutsch?

  8. Ähnliche Situation heute im Hallenbad Cascade in Sand in Taufers: Ein Bademeister spricht mich bezüglich einer Verhaltensregel im Schwimmbad auf Italienisch an. Neugierig frage ich auf Italienisch, ob er nicht Deutsch könne, schließlich bin ich doch der Kunde. Kurze und knappe Antwort “No”. Wohlgemerkt, in einer öffentlichen Struktur mit öffentlichen Geldern mitfinanziert. Ich werde wohl mittlerweile zu hohe Ansprüche stellen.

    1. Auch in der Bar der Cascade hat man mich (vor rund einem Jahr, bei meinem einzigen Besuch dort) nur auf Italienisch bedient. Eben nicht etwa in Bozen, sondern in dem Tal, das in den Märchen von PD & Co. als Heimat hinterwäldlerischer Zweisprachigkeitsverweigerer (im Sinne von: Italienisch-Verweigerer) beschrieben wird. Deutsch ist, obschon es noch von einer breiten Bevölkerungsmehrheit gesprochen wird, inzwischen eine rezessive Sprache in Südtirol — und die Einforderung einschlägiger Rechte gilt als »out«.

      »In« ist nur, von angeblicher »Verdeutschung« zu schwafeln — damit schafft man es in die »kosmopolitischen« Gazetten.

  9. Do you speak English or Italian?

    Antwort auf meine Frage (in Deutsch) heute im Benetton-Geschäft unter den Bozner Lauben nach der Größe eines Hemdes.

    1. … daraus spricht Dummheit und gleichzeitig unverminderte Herablassung gegenüber uns Tirolern/Südtirolern, die wir uns das auch immer gefallen lassen …

  10. Willkommen im 21. JH.:
    Der Markt dirigiert die gesellschaftlichen Zustände und führt die Kronjuwelen “Proporz” und “Zugehörigkeit” ad absurdum. Und wie M.Gruber beispielhaft darstellt macht die Mehrheit dabei jubelnd mit.

    1. Das ist Konsumentenschutz und hat mit Proporz und Zugehörigkeit nix zu tun. Die Südtirolautonomie hat bezüglich des Konsumentenschutzes im Bereich der Mehrsprachigkeit versagt.

      1. Thema für Autonomiekonvent?
        Ist die Autonomie/Politik noch in der Lage überhaupt derartige Belange zu regeln?
        Wenn ja wohl nur durch Förderungen im Bereich von Spracherwerb.

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