Perzeptive Schieflage.

In der heutigen Ausgabe der Tageszeitung Alto Adige ist ein Artikel über ein Millander Fitness-Studio erschienen, das seine Dienstleistungen angeblich nur einsprachig auf Deutsch anbietet. Ich will nicht auf diesen speziellen Fall eingehen, da ich ihn nicht überprüft habe — und auch niemandem das Recht absprechen mag, Unannehmlichkeiten aufzuzeigen.
Mich interessiert aber die Tatsache, dass diese Angelegenheit zu einem Zeitungsartikel geführt hat. Übrigens würde das von der Brennerbasisdemokratie vorgeschlagene Konsumentenschutzgesetz genau solche Fälle vermeiden helfen, sofern man beschlösse, auch ein kleines Fitness-Studio in den Geltungsbereich dieser Bestimmungen einzuschließen.

Alto Adige: Palestra monolingue.

Es fällt jedenfalls auf, dass sowohl gesellschaftlich, als auch mediatisch eine eindeutige perzeptive Schieflage besteht. Auf jede punktuelle Benachteiligung der italienischen Sprache wird extrem sensibel reagiert, während gleichzeitig wie selbstverständlich hingenommen wird, dass die deutsche und die ladinische Sprache auf diesem Gebiet gar keine rechtliche Absicherung genießen. Dies macht sich in der Realität auch sehr deutlich bemerkbar, wie eine zweiteilige empirische Erhebung der Brennerbasisdemokratie [1] [2] im Jahr 2007 ergeben hatte — um das leidige Thema der Packungsbeilagen und Produktetiketten mal (fast) unerwähnt zu lassen.

Trotzdem ist grundsätzlich positiv, dass die Problematik überhaupt (wenngleich verzerrt) wahrgenommen wird. Eine gewisse Ausgewogenheit in der Berichterstattung wäre freilich wünschenswert. Gemeinsam können wir dann dafür sorgen, dass auch dem Verbraucher — und leider sind wir immer öfter Verbraucher als Bürger — eindeutige Rechte garantiert werden.

4 Pingbacks/Trackbacks

  • Lex

    Dass eine Sprachruppe immer den Splitter im Auge der anderen sieht ist eine geschmacklose Folge der ethnischen Autonomie. Der Alto Adige würde nie auf die Idee kommen über die fehlende Zweisprachigkeit beim Staat zu berichten, welcher sehr wohl dazu verpflichtet wäre.

  • jonny

    Und wie wärs mit Deutsch lernen? Das wäre doch die erste Voraussetzung für ein “gemeinsames” Südtirol, oder?
    Aber solange die Zweisprachigkeit in diesem Land so ist, dass es bei jeder Landtagsssitzung eine Übersetzung braucht, weil diePolitiker nicht mal ausreichend zweisprachig sind. solange wird sich das auch nicht ändern! Denn ich weiss, wenn ich zum Tacconi Sport einkaufen gehe, MUSS ich italienisch sprechen, da man mich sonst nicht versteht!! Und was ist dann soschlimm daran, dass ein privater Unternehmer einsprachig arbeitet, das ist doch seine Entscheidung, ob er alle Südtiroler ansprechen will, oder nur eine Sprachrguppe in diesem Land?!?!

  • AlexK

    Vermutlich ein Faschingsscherz… oder wiedereinmal ein Scheitl um italienisch-Einsprachige einzustimmen? Anders ist so ein Artikel nicht zu erklären. Sollen es mal selbst ausprobieren, in Bozen, außerhalb der Altstadt, etwas kaufen zu wollen. Ein Volvo von Weltauto vielleicht oder eine Versicherung oder was auch immer. Nichteinmal bib oder bab bekommt man in vielen Fällen auf eine deutsch gestellte Frage zur Antwort.
    Wir deutsch-Südtiroler sind leider zu deppert und kaufen dann halt auf italienisch…

  • anonym

    Wenn man jedes mal, wenn in einem Geschäft nur Italienisch informiert oder auf Italienisch bedient wird, ein Artikel erscheinen würde, reichten Zeitungen nicht mehr aus und stattdessen müssten ganze Bücher gedruckt werden.

    Und eins stimmt wirklich: statt woanders kaufen zu gehen, sind viele Südtiroler wirklich zu deppet und lassen sich noch verarschen (zu den sonsta uch noch vergleichweise hohen Preisen hier).

  • PV

    Wie wäre es mit einer empirischen Studie? Die BBD-Leser könnten ja zum Fotoapparat greifen und einsprachig werbende Geschäfte (aller Sprachgruppen, natürlich) bildlich festhalten und hier posten.

  • Lex

    Das hätte aber im Gegensatz zu den Erhebungen der BBD keinen statistischen Wert. Ich denke es wäre sinnvoller solche Studien zu wiederholen wo alle Geschäfte in einer Straße rezensiert werden. Daraus ergibt sich ein einigermaßen vollständiges Bild.

  • PV

    Der Markt regelt sich selbst. Wer auf die Bedürfnisse seiner Kunden nicht angemessen eingeht, der wird sie an einen Konkurrenten verlieren.
    Angebracht sind gesetzliche Regelungen der Mehrsprachigkeit nur im hoheitlichen Bereich.

  • Dass ich einen solchen Schwachsinn noch einmal lesen muss…

    – Wenn wir an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes glauben (ich nicht), dann brauchen wir zumindest gleiche Voraussetzungen für alle. Italien aber schützt wie fast alle Länder die eigene Sprache sehr wohl. Sie ist für Etikettierungen, Packungsbeilagen, Bank-Infoblätter und -verträge, Versicherungen (etc. etc.) vorgeschrieben. Dies führt in Südtirol mitunter dazu, dass Direktimporte aus dem deutschsprachigen Ausland italienisch nachetikettiert werden müssen. Ähnlichen Schutz genießt die deutsche Sprache jedoch nicht, geschweige denn die ladinische.

    – Südtirol wird aus rechtlichen, bürokratischen und steuerlichen Gründen bevorzugt aus Italien beliefert. Wir machen aber nur rund 1% der potenziellen Verbraucher des italienischen Marktes aus. Man kann sich ausrechnen, welche regulatorischen Auswirkungen das Konsumverhalten eines so kleinen — wenn auch überdurchschnittlich kaufkräftigen — Kundenanteils haben kann, selbst wenn wir annehmen, dass alle Südtiroler bewusst agieren.
    Katalonien hatte mit mehreren Millionen Einwohnern ein straffes Konsumentenschutzgesetz nötig — Südtirol aber braucht sowas wohl nicht!?

    – Es ist nicht annehmbar, dass wir den Konsumentenschutz gegen andere Faktoren ausspielen. Es wird immer Verbraucher geben, die sich einen kritischen Konsum finanziell nicht leisten können. Sie können dann u. U. gar nicht entscheiden, ob sie möglicherweise das einsprachig beschriftete, aber günstigere oder das zweisprachig etikettierte, aber teurere Produkt kaufen. Deshalb muss eine demokratische Gesellschaft durch den Konsumentenschutz gleiche Voraussetzungen für alle schaffen.

  • anonym

    @pérvasion
    da hast du vollkommen Recht!

    und ausserdem spielt hier auch was anderes rein: im Avanti in Bozen “durfte” ich einmal miterleben, wie eine italienische Kundin einen riesen Krach und Geschimpfe machte, weil die BETTWÄSCHE deutsch etikettiert war und nicht italienisch! Wohlgemerkt: Bettwäsche, nicht Medikamente oder Lebensmittel – Bettwäsche! Wahrscheinlich hat die Geschäftsführung mittlerweile alles italienisch etikettiert. Den Südtirolern käme sowas wohl nie in den Sinn, stattdessen schalten wir auf italienisch um wenn der Verkäufer sich weigert deutsch zu sprechen oder nehmen zum Einkaufen bald Wörtbücher mit, um die Etiketten zu entziffern. Blöd muss man eben sein – und wer glaubt der Klügere gibt immer nach, ist am Schluß der Dumme.

  • PV

    ad KSchG:

    Die EG hat gegen den Trend zu Liberalisierungen iSd Binnenmarktes eine umfassende Konsumentenschutz-RL erlassen, die die Mitgliedsstaaten, bei sonstigen mannigfaltigen Sanktionen, im nationalen Recht umzusetzen haben. Der Zweck des Konsumentenschutzgesetzes liegt in erster Linie darin dem Konsumenten (dem durch diese RL eine generelle Ahnungslosigkeit und Unmündigkeit unterstellt wird) gegenüber dem Unternehmer ein Instrument in die Hand zu geben um sein Recht durchzusetzen. Es finden sich (in sämtlichen Mitgliedstaaten) Transparenzbestimmungen, Verbote missbräuchlicher AGB, missbräuchlicher (z.b versteckte oder unverständliche) Bestimmungen usw.
    Im konkreten Einzelfall kann also auch die Sprachproblematik im Rahmen dieser bereits existierenden Regelungen relevant sein. Eine eigene Regelung fände ich in Zeiten vernünftiger Liberalisierungen für unzeitgemäß.
    In Zeiten der Niederlassungsfreiheiten, Dienstleistungsfreiheiten usw., wo es zu einem großen Austausch von Staatsbürgern zwischen Mitgliedsstaaten kommt, in Zeiten des globalisierten übernationalen Wirtschaftens und Handels, der Zuwanderung und der multikulturellen Gesellschaften, liegt es mittlerweile einfach in der Hand des Einzelnen sich für den Markt zu wappnen. Der Gesetzgeber kann nicht alle Partikularinteressen berücksichtigen. Sprachbestimmungen in der Südtiroler-Privatautonomie (die konsequenterweise mindestens auch Ladinisch und Englisch berücksichtigen müssten) würden neben Kosten auch die Dynamik der Wirtschaft hemmen. Wenn jemand also in seiner Sprache bedient/ beraten werden will, dann soll er darauf bestehen oder sich nach Alternativen umsehen (der Unternehmer wird mittelfristig umdenken). Gibt es keine Alternativen und der Konsument erleidet dadurch Nachteile, so bleiben immernoch die bereits existierenden allgemeinen Konsumentenschutzbestimmungen, die ja auch in solchen Fällen u.U. Anwendung finden können.

  • niwo

    @PV

    Der Gesetzgeber kann nicht alle Partikularinteressen berücksichtigen.

    Die verbrieften Rechte von 75% (ca 70% D- und 5% L-sprachige SüdtirolerInnen) der Bevölkerung Südtirols als Partikularinteressen zu bezeichnen ist wohl eher als Faschingsscherz zu sehen?

    Sprachbestimmungen in der Südtiroler-Privatautonomie

    Was heißt denn hier Privatautonomie. Das hat mit privat überhaupt nichts zu tun. Die Autonomie ist für Südtirol eine Art Verfassung. Ebenso gut könntest du von der Privatverfassung Italiens oder Deutschlands reden. Verfassungen sind bekanntlich Teil des öffentlichen Rechts. Und Verfassungen (in Südtirol das Autonomiestatut) sind von allen Akteuren zu respektieren.

    liegt es mittlerweile einfach in der Hand des Einzelnen sich für den Markt zu wappnen.

    Oh nein, es ist nicht der Job jedes Einzelnen sich über alle Details eines Produktes zu informieren. Ein im neoliberalen Kontext schwacher Staat, der den entfesselten globalisierten Konzernen Narrenfreiheit einräumt, hat uns ja erst viele Probleme kreiert. Konzerne und Firmen haben sprachgesetzliche Vorgaben ebenso zu respektieren, wie ökologische oder andere verbraucherrechtliche Bestimmungen. Aber dagegen wehren sich bestimmte Branchen ja wie der Teufel gegen das Weihwasser. Beispiele: Einfärbung der Lebensmittelverpackungen nach Kalorien, Bezeichnungen über die Genmanipulationen, Ökoauflagen im allgemeinen usw.

    Um bestimmte Entscheidungen treffen zu können, braucht es transparente und leicht zugängliche Informationen. Der grenzenlos-freie Markt wird genau das Gegenteil wollen.
    Der freie Markt funktioniert nur wenn ein starker Staat klare Spielregeln definiert. Heute hapert es mit den Spielregeln.

    würden neben Kosten auch die Dynamik der Wirtschaft hemmen.

    Den obigen Satz könntest du für alle Auflagen verwenden. Öko-Auflagen, Sicherheitsbestimmungen, Gesundheitsbestimmungen usw.
    Externe Kosten müssen von den Verursachern getragen werden. Es ist ja das Ziel einen Akteur zu hemmen, wenn er die Spielregeln nicht respektiert. Externe Kosten sind ja, wie du sicherlich weißt, eine Verzerrung des freien Wettbewerbs, von dem du ja so schwärmst. Erst durch einen starken Staat, der unter anderem externe Kosten (Umweltschäden, Gesundheitsschäden, sprachliche Auflagen usw.) den Verursachern aufbrummt (was heute meist nicht passiert), garantiert für einen freien Markt.

  • PV

    Es liegt ein terminologisches Missverständnis vor. Unter Privatautonomie versteht man in diesem Zusammenhang schlicht die grundsätzliche Freiheit im wirtschaftlichen Handeln zwischen Privaten (also zwischen gleichrangigen Rechtssubjekten; die ja im Rahmen privatwirtschaftlichen Handelns auch nicht an die Grundrechte gebunden sind – diese Gelten nur im Verhältnis zwischen dem Staat und dem Rechtsunterworfenen).
    Ich habe oben betont, dass gesetzliche Sprachregelungen im hoheitlichen Bereich völlig berechtigt und notwendig sind. Im privatwirtschaftlichen Bereich mEn aber nicht. Man sollte in Zeiten umfassender Informationstechnologie und allgemeiner mehrjähriger Schulpflicht von mündigen Bürgern Eigeninitiative verlangen können.
    Euere Forderungen sind in ihrer letzten Konsequenz nicht praktikabel. Soll der Erhalt einer Gewerbeberechtigung an den Nachweis bestandener Sprachprüfungen (welcher Sprachen?) aller Angestellten gekoppelt sein?
    Dass es besonders sensible Materien gibt (Medikamente usw.) für die Besonderes gelten muss, steht für mich außer Streit. Man sollte den Konsumenten ihre Macht (gegenüber den kleinen Unternehmen hier bei uns; außerdem gibt es das Kartellrecht, Bankwesenrecht usw.) im Rahmen des freien Marktes begreiflich machen. Die Unternehmer richten sich dann schon nach den Bedürfnissen der Kunden.

  • Sandro

    Mehrsprachiger Sportler ein gelungenes Beispiel:
    Dario Cologna erreingt Olympiagold

    Dario Cologna wurde im März 1986 in Santa Maria im Münstertal/Val Müstair geboren. Dort wuchs er nicht weit von der Südtiroler Grenze entfernt auf, denn beide Eltern stammen aus dem benachbarten Südtirol und Trentino. Der Vater stammt aus Castelfondo ins Nonstal und die Mutter aus Stilfs. Er spricht Romanisch, Deutsch, Italienisch und Englisch. Auch in seiner sportlichen Laufbahn verbindet den Schweizer einiges mit dem Nachbarland, bis 2003 spielte er Fußball beim FC Taufers, dem damaligen Heimatort seines Vaters, und als Zwölfjähriger bestritt er einige Radrennen mit dem Junior Bike Team Laas. Außerdem versuchte er sich als Kind mit dem alpinen Skisport.

    Steckbrief
    Name: Dario Alonzo Cologna
    Geburtstag 11.03.1986
    Skiclub: CS Val Müstair
    Hobbys: Fussball
    Lieblingsessen: Italienische Küche
    Musik: Ils Lumpaz, Verschiedenes
    Literatur: momentan Der Idiot

  • Danke Sandro! Ich hatte auch vor Dario Cologna zu erwähnen, da er den idealen Sportler im BBD-Sinn verkörpert und zudem ein höchst sympathischer Kerl ist. In kein Team passt er besser als ins schweizerische, wenigstens solange es keine Südtiroler Mannschaft gibt. 😉

  • anonym

    …wenigstens solange es keine Südtiroler Mannschaft gibt.

    und die wirds auch nicht geben, solange Durnwalder & Co. an der Macht sind, denn die Herren sind ja der Meinung sowas “geht nicht” (obwohl es andere Regionen gibt wo das sehr wohl geht!).

  • PV

    @Pé

    Dass ich einen solchen Schwachsinn noch einmal lesen muss…

    Btw, Deine etatistischen Ansichten werden nicht überzeugender nur weil Du andere Meinungen als „Schwachsinn“ zu delegitimieren suchst.
    Ich hoffe nicht, dass der gestrige Ausraster von Gadilu im „Alpini-Thread“ schon Auswirkungen auf das sonst sehr angenehme Diskussionsklima in diesem Blog hat.

  • Ich versuche grundsätzlich, persönliche Beleidigungen zu vermeiden. Dass ich deinen neoliberalen Ansatz als Schwachsinn bezeichne, fällt aber nicht darunter. Dazu stehe ich.

    Übrigens war das keine platte Delegitimierung — ich habe sie schließlich mit Argumenten untermauert, auf die du allerdings nicht eingegangen bist. Was hast du bspw. dazu zu sagen, dass die italienische Sprache vom Gesetzgeber auch über den Konsumentenschutz sehr wohl massiv gestärkt wird? Erst kürzlich mussten Tausende von 3D-Brillen u.a. deshalb aus den italienischen Kinos genommen werden, weil darauf der Hinweis, sie dürften nicht als Sonnenbrillen gebraucht werden, nur auf Englisch angebracht war. Ein ähnlicher Schutz für die deutsche oder die ladinische Sprache ist bis dato unvorstellbar, während die beiden offiziellen Sprachen Kataloniens (Spanisch und Katalanisch) mittlerweile annähernd gleichberechtigt sind.

    Während in Italien also die schon von sich aus stärkere Staatssprache gesetzlich gefördert und garantiert wird, sollen sich deiner Auffassung nach kleine Minderheitensprachen (auch wenn sie wie im Fall des Deutschen auf ein sprachliches/kulturelles Hinterland zurückgreifen können) einzig über das Konsumverhalten der Menschen halten — dass das völlig unmöglich ist, ist evident: Der Schwächere benötigt mindestens den gleichen Schutz wie der Stärkere.

    PS: Ja, ich bin als Linker sicherlich ein Etatist, doch man muss m. E. nicht zwangsläufig ein Etatist sein, um den Konsumentenschutz und die Marktreglementierung zu den Kernbereichen staatlicher Zuständigkeit zu zählen.

  • PV

    Ich glaube, dass hier mehrere Ebenen vermischt werden.

    ad. Südtirol – Das Verhalten von Konsumenten wird sehr wohl das Verhalten der lokalen Unternehmer beeinflussen. Ein gutes Beispiel ist z.b. der von Dir gepostete Alto-Adige-Artikel. Die Italienerin fühlt sich benachteiligt, sie macht ihren Unmut publik. Das Unternehmen kommt in die Defensive und versucht zu beschwichtigen – es will keine potentiellen Kunden verlieren. Wieso verhält sich das Unternehmen defensiv? Mit Volkstums-, Sprachpolitik hat das nichts zu tun, sondern mit marktwirtschaftlichen Denken. Einsprachigkeit in der Privatwirtschaft mit gesetzlichen Sanktionen zu bedrohen ist überzogen, denn es liegt ja im Interesse des Unternehmers, dass die Kommunikation mit seinen Kunden funktioniert. Anderenfalls treffen ihn wirtschaftliche Sanktionen, durch den mündigen Konsumenten. Ich bin der Meinung, dass Prosperität wichtiger für das Funktionieren von sozialen Gefügen ist als gesetzliche Regelungen. Jeder Kunde sollte seine Muttersprache mit freundlicher Bestimmtheit und Selbstverständlichkeit verwenden. Mit Touristen aus Deutschland bzw. Italien scheinen sich unsere lokalen Unternehmer auch verständigen zu können/ wollen.

    ad. Nationale Ebene – Ich kann das Argument nicht nachvollziehen. Nur weil auf nationaler Ebene in diesen Gebieten staatlich überreguliert wird, soll man das auch auf regionaler Ebene (zusätzlich) machen?

    ad. Informationspflicht in Packungsbeilagen – Dass sensible Produkte wie Medikamente (wo ja auch Informationspflichten von Apothekern und Ärzten bestehen) besonders behandelt werden müssen um sämtlichen theoretischen Risiken vorzubeugen, habe ich schon geschrieben.
    Aber schon alleine wegen möglicher Produkthaftungen und Schadenersatzforderungen sind Informationsbeilagen (von Produkten aus der ganzen Welt) mittlerweile so dick wie Telefonbücher und in unzähligen Sprachen geschrieben.

  • Ok, du willst es nicht verstehen.

  • PV

    Ok, du willst es nicht verstehen.

    Ich bin halt nicht der Hellste. Also könntest Du mir einen Link zum von der BBD vorgeschlagenen Konsumentenschutzgesetz geben? Was soll Zwei(?)sprachig sein?
    Das gesamte Angebot (worum es angeblich im Ms. Sporty-Fall ging) oder Informationsbeilagen (worum es in Deinem Brillenbeispiel ging)?
    Soll ein Bäcker im hintersten Ahrntal seine Waren mehrsprachig anbieten bei sonstiger Strafe?
    Ich bin gerne bereit die Diskussion zu beenden. Verzeih mir aber die Feststellung, dass mir die Bemerkung, dass auf nationaler Ebene oder in Spanien irgendwo rigide Sprachregelungen (angeblich) in die Privatautonomie von Unternehmern greifen und man deshalb selbiges bei uns bräuchte, als Argument zu wenig substantiiert ist.

  • Lex

    Diese Vorschriften gibt es überall in ganz Europa. In Ländern wie Belgien und Schweiz sind sie auf Mehrsprachigkeit ausgelegt, in den meisten Nationalstaaten auf Einsprachigkeit. Dort machen diese Vorschriften alle Minderheitensprachen platt. Dein amputierter laissez faire funktioniert nur in der Theorie PV.

  • jonny

    Wenn man in der Privatwirtschaft einen Schuldigen sucht oder braucht, dass ist dieser Schuldige doch allein der durchschnittliche Südtiroler, denn wenn ein deutscher Südtiroler in ein italienisches Geschäft geht, wird in der Sprache des Geschäftes gesprochen, geht aber ein italienischsprachiger Südtiroler in ein deutsches Geschäft wird in der Sprache des Kunden gesprochen, und das kann und muss nicht ein Gesetz ändern, dazu braucht es unsere Gesellschaft, aber will die das überhaupt?

  • Ich bin halt nicht der Hellste.

    Damit hat das nichts zu tun. Ich habe ja »du willst es nicht verstehen« geschrieben.

    Was soll Zwei(?)sprachig sein?

    Nötig ist zumindest die Gleichberechtigung der Landessprachen. Zur Zeit ist nur die italienische Sprache vorgeschrieben und das führt zu einem Ungleichgewicht bzw. zu lächerlichen, konsumentenfeindlichen Lösungen wie die Nachetikettierung [siehe]. Auf dem Gebiet der Etikettierung wären für mich zwei Dinge vorstellbar: Entweder sind alle Landessprachen zwingend vorgeschrieben oder aber es ist gestattet, wahlweise nur eine (D/I/L) zu benutzen.

    Per Gesetz müssten aber auf jeden Fall Versicherer, Banken, Hersteller sensibler Produktgruppen (Medikamente, Gifte etc.) sowie Geschäfte ab einer gewissen Verkaufsfläche zur Zwei-/Dreisprachigkeit verpflichtet werden.

    Soll ein Bäcker im hintersten Ahrntal seine Waren mehrsprachig anbieten bei sonstiger Strafe?

    Bei kleineren Läden wie den eben genannten könnte ich mir (aufgrund der oben erwähnten »Flächenregelung«) durchaus vorstellen, dass sie von sprachlichen Verpflichtungen ausgenommen werden. Allerdings ist dann wenigstens eine Gleichberechtigung der Sprachen herzustellen, die es im Augenblick nicht gibt: Dein Bäcker im hintersten Ahrntal ist heute sehr wohl (bei Strafe!) dazu gezwungen all seine Zutatenlisten, Etiketten etc. auf Italienisch zu halten! Der Metzger in Bozen muss aber gleichzeitig gar nichts auf Deutsch machen.

    Verzeih mir aber die Feststellung, dass mir die Bemerkung, dass auf nationaler Ebene oder in Spanien irgendwo rigide Sprachregelungen (angeblich) in die Privatautonomie von Unternehmern greifen und man deshalb selbiges bei uns bräuchte, als Argument zu wenig substantiiert ist.

    Das katalanische ist nur ein m. E. vorbildliches, nachahmenswertes Beispiel. Die Regelung auf nationaler italienischer Ebene sollte dich aber schon interessieren, solange wir zu Italien gehören und auf diesem Gebiet auch keine eigene Zuständigkeit wahrnehmen — denn die nationale Gesetzgebung betrifft uns auch, und sie stellt eine Schieflage zugunsten einer Sprache (der italienischen) her.

    Noch einmal: Link zur katalanischen Lösung.

  • dauergast

    @PV Wie stellst du dir vor, dass in Südtirol die Kunden durch aktives und kritisches Konsumverhalten den Konsumentenschutz verbessern? In einem ländlichen Gebiet wo in den Dörfern oft nur ein Laden und eine Bank sind kann ich mir gar nicht aussuchen wo ich einkaufe und wo ich mein Konto öffne. Wenn im Dorfladen und in der Dorfbank die deutsche Sprache nicht berücksichtigt wird haben die meisten keine Wahl. Aber auch wo es eine größere Auswahl gibt sind die Unterschiede zwischen den Geschäften meistens sehr klein.
    Oder wenn meine Versicherung die Verträge nur auf Italienisch hat kann ich mich zwar an eine andere Agentur wenden, aber auch dort werden die Unterlagen nicht auf Deutsch sein, weil das vom Gesetz gar nicht vorgesehen ist. Wir brauchen also dringend ein Konsumentenschutzgesetz wie es die BBD vorschlägt.

    @jonny: Ich kenne viele Menschen die lieber in Innsbruck einkaufen weil sie in ihrer Sprache beraten werden möchten. 99% sind aber nicht so idealistisch dass sie in ein Bozner Geschäft gehen und Druck ausüben damit man mit ihnen auf Deutsch redet. Sie wollen nur in Ruhe unbeschwert einkaufen. Nach der neoliberalen Theorie von PV könnte man meinen dass die Kaufleute automatisch nachbessern weil die den Abfluss nach Innsbruck vermeiden wollen. Falsch! Wie mir ein Bozner Kaufmann gesagt hat kommen jetzt immer mehr Kunden aus Verona und Trient zum gemütlichen Shopping nach Bozen und das sind viel mehr als sprachbewusste Südtiroler. So geht aber für die Bozner und die Südtiroler ein großes Stück zweisprachige Lebensqualität verloren wenn es nicht bald neue Regelungen gibt.

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  • Ein aktuelles AA-Triptychon: [1] [2] [3]

  • Beppi

    Vom neuen Direktor merkt man herzlich wenig.

  • hunter

    grundsätzlich macht es die sache ja wohl nicht besser, wenn es auch viele doktoren gibt, die nicht deutsch können. schieflage hin oder her.

    die kommentare auf die artikel sind hingegen zum teil sehr traurig.

  • Natürlich macht es das nicht besser. Wie ich aber unter dem letzten der verlinkten Artikel auf der AA-Homepage kommentiert habe, dient diese Art der Berichterstattung nur am Rande der Aufklärung. Dadurch, dass stets ausschließlich mangelnde Italienischkenntnisse beanstandet werden und die Thematik nicht in den realen Kontext gestellt wird (vgl. Statistik), verstärkt der AA lediglich den (falschen) Eindruck der Italiener, diesbezüglich benachteiligt zu sein — und beschädigt hierdurch die (ohnehin schon labile) Kohäsion.

  • hunter

    @ pervasion

    d’accord. lustig ist auch, dass ja immer die “fachkompetenz” in den vordergrund gerückt wird – hauptsächlich auf italienischer seite, da viele der ärzte, die die lücken füllen, einsprachige italiener sind. wenn es nun einmal umgekehrt ist, wird betont, dass die zweisprachigkeit natürlich das oberste gebot sein muss.

  • niwo

    Na ja, der AA hat wohl wieder eines seiner Lieblingsthemen gefunden. Mir sind interessanterweise im Sanitätsbereich immer nur Leute aufgefallen, die über mangelnde oder nicht existente Deutschkenntnisse verfügen. Die Sitaution nun medial umzudrehen ist wohl ein starkes Stück, aber wie gesagt der AA ist wohl genetisch darauf programmiert.
    Die armen genialen Mediziner, die blöderweise nur nicht Deutsch können, ansonsten aber allesamt den Nobelpreis in Medizin verdienen würden. Komisch, dass ausländische Ärzte, die in Skandinavien arbeiten oder osteuropäische Ärzte, die in Mitteleuropa arbeiten, relativ schnell über entsprechende Kenntnisse der Landessprache verfügen.

  • sanitäter

    Lassen wir einmal das Thema der Beipackzettel sein, obwohl ich im Alto Adige noch nie einen “aufgeregten” Artikel davon gelesen habe.

    Ich kann mich an einen Fall im Krankenhaus Bruneck erinnern, wo vor mehreren Monaten eine diensthabende Ärztin kein Deutsch verstand. Die Patientin schrieb einen Leserbrief an die ff, auf den das Land lapidar antwortete, dass Ärzte mit gewissen Verträgen nicht zweisprachig sein müssen. Punkt. Jetzt wo es einmal einen Italiener betrifft macht der Landeshauptmann den Vorfall sogar zur Chefsache. Ich will jetzt nicht sagen, dass man solchen Problemen nicht nachgehen soll, aber auch hier gibt es eine Art “Schieflage”, wobei sich die meisten Deutschsprachigen schon damit abgefunden haben, dass sie ihr Recht auf Muttersprache nicht durchsetzen.

  • Heute wurde im AA dieser mein Leserbrief veröffentlicht, leider unter dem ärgerlichen (weil irreführenden) Titel Ma non dimenticate che i tedeschi «soffrono» di più:

    Ottimo l’impegno del vostro quotidiano a favore del bilinguismo, ad esempio negli ospedali. Impegno che non rischierebbe di apparire demagogico e sarebbe più utile alla coesione sociale se fosse di carattere «universale»: secondo il barometro linguistico dell’ASTAT il 64,6% dei cittadini di lingua ladina, il 48,7% di quelli di lingua tedesca e («solo») il 9% di quelli di lingua italiana si sono visti confrontare con problemi simili nel corso di un anno. Per non parlare dei foglietti illustrativi dei farmaci, che da anni dovebbero essere, per legge, bilingui. Mettendo le notizie nel contesto sociale e «numerico» reale, senza nulla togliere alla gravità del caso specifico, si eviterebbe di diffondere l’inutile sensazione di svantaggiamento di un solo gruppo linguistico, e a mettere a fuoco un problema che in questa nostra terra plurilingue riguarda tutti quanti. Ad ogni modo spero che i tempi in cui un quotidiano «italiano» si voglia occupare esclusivamente dei problemi «italiani» siano definitivamente passati.

  • Mit meinem Leserbrief wollte ich vor einer völlig verzerrten Wahrnehmung warnen, wie sie ein weiterer Leserbriefschreiber in einer heute in derselben Tageszeitung veröffentlichten Stellungnahme verrät:

    Sono solo medici tedeschi quelli non bilingui…

    Il problema vero di cui nessuno parla è che mentre si assumono a man salva medici tedeschi che non sanno l’italiano, non sono noti casi inversi di assunzione di medici italiani che non sappiano il tedesco. A voi sembra casuale?

    Claudio Antonucci, Merano

    Völlige (vorsätzliche?) Verdrehung der Realität.

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