Immersion in Kanada: Chancen und Risiken.
Erfahrungen aus dem Mutterland des Schulmodells

Sprachimmersion in der Schule ist ein Konzept, das in Kanada entwickelt wurde, wo es bis heute fast ausschließlich als french immersion bzw. immersion en Français bekannt ist. Das ist kein Zufall, denn es ist (wie auch hier beschrieben wird) keineswegs dasselbe, ob man Kinder einer Mehrheits- in eine Minderheitensprache badet oder umgekehrt. Eine Englisch-Immersion für Frankophone an einer öffentlichen kanadischen Schule muss man mit der Lupe suchen.

Interessant ist, was dem einschlägigen, mit Quellen belegten WikipediaEintrag zu french immersion in Kanada zu entnehmen ist.

Vorteile:

  1. Eine Studie habe gezeigt, dass die Immersion die akademische Leistungsfähigkeit steigern könnte.1)
  2. Schülerinnen beteiligten sich an Immersionsprogrammen, um berufliche Fähigkeiten zu trainieren und um bessere Anstellungsmöglichkeiten zu erlangen.2)
  3. Immersionsschülerinnen hätten ein höheres Maß an mentaler Flexibilität, was eine Fähigkeit sei, unabhängiger von Wörtern zu denken und ein höheres Bewusstsein für die Bildung von Konzepten zu haben, sowie eine diversifiziertere Intelligenz, als Schülerinnen im regulären Programm.3)
  4. Die Daten zeigten auch, dass Immersionsschülerinnen einen sprachlichen Vorteil hätten, da sie in der Lage seien, zwei unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, die alternative Möglichkeiten böten, dieselbe Information zu betrachten.4)
  5. Verständnis und Respekt für unterschiedliche Kulturen seien bei Immersionsschülerinnen größer. Zudem erlebten sie eine größere Befriedigung beim Erlernen einer neuen Sprache.5)
  6. Immersionsschülerinnen hätten auch bessere Möglichkeiten, ihre eigene Kultur oder ihre eigene Nation zu verstehen. So fuße Kanadas Identität darauf, dass es zwei Amtssprachen — Englisch und Französisch — gibt. Immersionsschülerinnen hätten die Möglichkeit, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, was es bedeute, Kanadierin zu sein.6)

So weit, so wunderbar. Ähnlich wie die Tatsache, dass dieses Modell im Mutterland der Immersion — das zudem, anders als Italien, kein mononationaler Staat ist — fast ausschließlich den Sprecherinnen der englischen Mehrheitssprache angeboten wird, werden aber in Südtirol von Befürworterinnen der (paritätischen) Immersion meist die damit zusammenhängenden Nachteile bzw. Herausforderungen ausgeblendet. Die im Wikipedia-Eintrag unter anderem wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Zahlreiche Immersionsschülerinnen erreichten keine erstsprachenähnlichen Fähigkeiten in Französisch.7) Dies könne teilweise darauf zurückzuführen sein, dass sie sich teilweise weigerten, Französisch außerhalb des Klassenraums zu sprechen, was wiederum davon herrühren könnte, dass sich diese Schülerinnen nicht ausreichend vorbereitet oder mit Kenntnissen ausgestattet fühlten, die Sprache tatsächlich zu sprechen.8)
  2. Immersionsgrundschülerinnen hätten oft Schwierigkeiten, wenn sie in eine einsprachig englische Oberschule wechselten. Dies führe einem Bericht des Toronto Star zufolge häufig zu Problemen sowohl mit sprachlichen, als auch mit fachlichen Lücken in ihrem Lernen.9) Schülerinnen, die hingegen Zugang zu einer Oberschule mit Immersion hätten, könnten sich überfordert fühlen, wenn sie schwierige Inhalte in Mathematik und Naturwissenschaften in ihrer zweiten Sprache erlernen müssten. Auch Lehrkräfte könnten an solchen Schulen überfordert sein, wenn sie in diesem Kontext nur Französisch sprechen dürften; sie könnten sich unwohl fühlen, wenn in ihren Klassen Englisch benützt werde, um Wortschatz und komplexe Inhalte zu festigen.10) Manche Expertinnen empföhlen, in Schulämtern und Ministerien über den Gebrauch der englischen Sprache im Immersionskontext zu diskutieren, wenn es ums Erlernen komplexer Inhalte in Mathematik und Naturwissenschaften gehe.11)
  3. Es sei für Schulen in Kanada extrem schwierig, Lehrkräfte zu finden, die perfekt Französisch beherrschen und gleichzeitig Erfahrung und Nachweise für exzellente Lehrfähigkeiten in den unterschiedlichen Fächern haben, die sie zum Beispiel an Grundschulen unterrichten müssen. Ein Schulamt im Großraum Toronto habe 2017 berichtet, dass 80% der Direktorinnen kürzlich mitgeteilt hätten, es sei extrem schwierig, Französisch sprechende Lehrkräfte auf dem Niveau der Englisch sprechenden zu finden.9) […] Die Provinz Ontario habe geplant, ihre erste einsprachig französische Universität zu gründen, was das Personalproblem mildern könnte.12)
  4. Die Studie einer Doktorandin in Schulpolitik an der Universität Toronto habe die Problematik thematisiert, dass Immersionsklassen vielerorts zu einer Zweiklassenschule geführt hätten. Sie beschreibe ein System, wo die intelligenten, motivierten Kinder in die Französischklassen getrichtert würden, während alle anderen in den Englischklassen zurückgelassen würden, die als faktische Niedrigklassen gesehen werden könnten. Die Autorin habe eine an einer Schule in Vancouver durchgeführte Studie thematisiert, die im British Journal of Sociology of Education publiziert wurde, die zum Schluss kam, dass Immersionsprogramme als Cream-Skimming-Phänomen (Entrahmungsphänomen) wirkten, das weißen Eltern aus der Mittelschicht Zugang zu höherem sozialen Status und Prestige gebe.9)
  5. Ein Bericht des Canadian Council on Learning habe ein Scheitern vieler Schülerinnen beim Erlernen von Französisch festgestellt. Obschon die meisten kanadischen Schulkinder Englisch oder Französisch als Zweitsprache in der Schule lernten, führe dies oft nicht zu einer funktionalen Zweisprachigkeit. Die French Second Language Commission der zweisprachigen Provinz New Brunswick habe kürzlich berichtet, dass weniger als 1% der Schülerinnen, die 1994 in das Core-French-Programm eingeschrieben worden seien, bis 2007 das in der Provinz festgelegte Minimum erreicht hätten. Und weniger als 10% der Schülerinnen, die 1995 in die französische Frühimmersion eingeschrieben worden seien, hätten dieses Minimum bis 2007 erreicht.13)
  6. In 2008 sei die Französisch-Immersion in der Vancouver Sun 14) 15) dafür kritisiert worden, dass sie zu einem Weg für bessergestellte sozioökonomische Gruppen geworden sei, eine öffentlich finanzierte Elitebildung zu erhalten. Da niedrigere sozioökonomische Gruppen sowie Kinder mit Lern- und Verhaltensstörungen in Immersionsklassen weniger vertreten seien, habe sich eine Situation herausgebildet, in der ehrgeizige Familien Immersion mehr wegen des Streamings als wegen der Sprache wählten.
  7. Der Besuch von Immersionsklassen sei in Kanada für Migrantinnen schwierig geworden, weil Schulverwaltungen und Expertinnen der Schulämter argumentierten, dass bereits der Erwerb von Englisch als Zweitsprache eine große Herausforderung für die Schülerinnen sei.16) Die begrenzte Zugänglichkeit von Französisch-Immersionsprogrammen für die, die Englisch lernen, sei sehr ähnlich, wie bei Schülerinnen mit besonderen Erfordernissen. Als Ergebnis machten Medien Immigrantinnen für die abnehmende Zahl von Zweisprachigen in Kanada verwantwortlich, während die Zugewanderten nach Möglichkeiten suchten, zweisprachig zu werden.

Siehe auch:

1) Barik, H.C., and M. Swain (1978). Evaluation of a French immersion program: The Ottawa study through grade five. Canadian Journal of Behaviour Science, 10(3), S. 201.
2) Makropoulos, J. (2009). Gaining access to late French-immersion programs: Class-based perspectives of Canadian students in an Ottawa high school. Bilingual Research Journal, 32, S. 327.
3) Lazaruk, W. (2007). Linguistic, academic, and cognitive benefits of French immersion. The Canadian Modern Language Review, 63(5), S. 617.
4) Lazaruk, W. (2007). Linguistic, academic, and cognitive benefits of French immersion. The Canadian Modern Language Review, 63(5), S. 621.
5) Lazaruk, W. (2007). Linguistic, academic, and cognitive benefits of French immersion. The Canadian Modern Language Review, 63(5), S. 622.
6) Nagy, P., & Klaiman, R. (1988). Attitudes to and impact of French immersion. Canadian Journal of Education, 13(2), S. 275.
7) Roy, S. (2010). Not truly, not entirely…’Pas comme les Francophones’. Canadian Journal of Education, 33(3), S. 550
8) Macintyre, P., Burns, C., & Jessome, A. (2011). Ambivalence of communicating in a second language: A qualitative study of French immersion students’ willingness to communicate. The Modern Language Journal, 95(1), S. 94.
9) Maharaj, Sachin (9. November 2017). “Breaking the spell of French immersion”. – Toronto Star.
10) Culligan, K (2015). “Student and Teacher Perceptions of First Language Use in Secondary French Immersion Mathematics Classrooms”. Alberta Journal of Educational Research. 61 (1): 15.
11) Turnbull, Cormier, Bourque, M, M, J. “The First Language in Science Class: A Quasi-Experimental Study in Late French Immersion”. Modern Language Journal. 95: 195.
12) Gordon, Andrea (20. November 2017). “GTA board to decide fate of French immersion amid ‘staffing crisis. – Toronto Star.
13) “Parlez-vous français? The advantages of bilingualism in Canada”. Canadian Council on Learning. 2008. S. 6.
14) Gardner, D. The Vancouver Sun, 26. Juli 2008
15) “French immersion is education for the elite”. canada.com. 26. Juli 2008.
16) Canadian Council on Learning. “Lessons in learning: French-Immersion education in Canada”. Canadian Council on Learning.

Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Recht Scola Service Public Wissenschaft | CLIL/Immersion | | | Canada | | Deutsch