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Liberalisierungen: Beispiel Einzelhandel.

St. Peter in Villnöß, ein Dorf wie viele in Südtirol, verfügt über einen kleinen Supermarkt, eine Bäckerei und einen kleinen Elektroladen, wo man zumindest eine Glühbirne bekommt. Im Nachbardorf St. Magdalena, am Fuße der Villnößer Geisler, bietet ein Betrieb in seinem Supermarkt sogar einen recht gut sortierten Getränkemarkt an. Selbst das 600 EinwohnerInnen zählende Teis, das auch zur Gemeinde Villnöß gehört, verfügt über einen Dorfladen wo man das Notwendigste bekommt. Eine Situation wie in vielen anderen Landgemeinden Südtirols.

Wird es in Südtirol in wenigen Jahren ähnlich aussehen, wie in bestimmten europäischen Ländern, wo Orte mit etlichen Tausend EinwohnerInnen über keinerlei Infrastruktur verfügen und die Funktion von reinen Schlaforten ausüben? Zum Einkaufen fährt man dort längst ins Kaufhaus auf der grünen Wiese.

Wenn es nach dem Liberalisierungsgesetz des neoliberal orientierten Ministerpräsidenten Monti geht, dann steht auch Südtirol eine Revolution bevor. Mit teils überalteten Rezepten aus der Blütezeit des Neoliberalismus — laut Prof. Tappeiner wird im Begleitwerk des Gesetzesvorschlages keine wissenschaftliche Studie zitiert — soll unter anderem der Bereich Einzelhandel auf den Kopf gestellt werden. In Gewerbegebieten darf demnach in Zukunft ziemlich hemmungslos Einzelhandel betrieben werden. Die Sonntagsruhe wird genauso abgeschafft, wie Warentabellen.

Die italienische Regierung erhofft sich durch die Liberalisierungen einen signifikanten Wirtschaftsaufschwung und für die BürgerInnen niedrigere Preise. Die neoliberalen Verheißungen treten zwar selten ein, dafür besteht für Südtirol die konkrete Gefahr von verödeten Ortskernen, automobil erschlossenen Einkaufszentren in architektonisch schäbigen Gewerbegebieten und wirtschaftliche Konzentrationsprozesse mit einhergehender Oligopolisierung des Angebotes. Die Preise sinken häufig nur in der ersten Phase von Liberalisierungen, nachdem sich einige Oligopole durchsetzen steigen die Preise wieder.
Arbeitsplätze in Landgemeinden werden vernichtet, die Lebensqualität und soziale Struktur von Landgemeinden verschlechtert sich. Keine sehr nachhaltigen Szenarien. Aber für Nachhaltigkeit haben die neoliberalen Heilsbringer meist wenig übrig.
Die Diskussion über die Vor- und Nachteile von Liberalisierungen ist die eine Sache — im Falle von Südtirol verschleiert diese Diskussion allerdings recht elegant, dass wir, wie in so vielen Bereichen, die Regeln von Rom diktiert bekommen. Italien richtet seine Wirtschaftsordnung neu aus und Südtirol kann im Rahmen der staatlichen Vorgaben bestenfalls korrigierend einwirken. Dies just in dem Moment, wo die stärkste Partei des Landes die Vollautonomie zum neuen Ziel erkoren hat.
Fakt ist, dass Südtirol in den allermeisten Bereichen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Zukunft nicht selbst steuern kann. Daran ändert auch die Klausur der Landesregierung wenig. Es bleibt ungewiss, ob es noch gelingen wird, den hemmungslosen laissez faire im Einzelhandel zu unterbinden. Schon jetzt sollen sich Dutzende Großbetriebe um Einzelhandelslizenzen in Gewerbegebieten bemühen.
Nach dem Durnwalder’schen Wildwuchs in der Raumordnungspolitik würde das zentralstaatliche Liberalisierungsdiktat die Zersiedelung von Südtirols Kulturlandschaften weiter beschleunigen und in vielen Bereichen eine nachhaltige und ökologisch vertretbare Entwicklung verunmöglichen.

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33 replies on “Liberalisierungen: Beispiel Einzelhandel.”

Hätte die Landesregierung nur ein Zehntel dieser neoliberalen Neuerungen eingeführt, würden vor allem Grüne und Linke — zu Recht — wütend protestieren. Da dieser Schwachsinn aus Rom kommt, wird er hingegen als gottgegeben hingenommen und kaum hinterfragt.

Wo sind die sozialen Kräfte unseres Landes, wenn es darum geht, derartige Fehlentwicklungen zu verurteilen? Sind sie gerade damit beschäftigt, neue Zuständigkeiten zu verhindern und den Zentralstaat als Heilsbringer darzustellen?

@pervasion:
contenance … mehr unbegründete Unterstellungen und falsche Schlussfolgerungen passen nicht in 4 Sätze, aber zu deiner Haltung gegenüber der “sozialen Kräften dieses Landes”, oder hab ich den subtext falsch verstanden?

Wo sind die sozialen Kräfte unseres Landes, wenn es darum geht, derartige Fehlentwicklungen zu verurteilen? Sind sie gerade damit beschäftigt, neue Zuständigkeiten zu verhindern und den Zentralstaat als Heilsbringer darzustellen?

Enrico Rossi, Governatore della Regione Toscana, ha impugnato il decreto liberalizzazioni di fronte alla Corte Costituzionale (vedi anche l’intervista a La Repubblica).

Il ragionamento di pérvasion andrebbe ribaltato. Al governo del Sudtirolo, infatti, non c’è un’alleanza progressista né un Presidente “illuminato” come Rossi. Abbiamo Durnwalder e SVP disposti a concedere al premier (come ieri) qualsiasi cosa, pur di poter accedere al solito “mercato delle vacche” in accoppiata con Lorenzo Dellai (che sta nell’API di Rutelli, cioè con Monti).

Non capisco proprio cosa s’intenda col presunto ostacolare l’allargamento di competenze o difendere lo Stato centrale: fermo restando che i Verdi potrebbero intervenire sul tema (a livello nazionale, per quanto valgano l’1,5%, l’hanno già  fanno – e sappiamo quanto sia per loro difficoltoso, senza rappresentanza parlamentare, avere voce in capitolo) non è forse una colpa del Landeshauptmann sottovalutare a tal punto l’argomento? E il PD, in maggioranza sia a Bolzano che a Roma, cosa dice?

La colpevolezza del governo sudtirolese nell’assistere quasi immobile a qualsiasi attacco all’autonomia (almeno hanno impugnato il »Salva-Italia« nelle parti in cui contrasta con l’Accordo di Milano) è evidente e viene criticato su questo blog un giorno sì e l’altro pure.

Non capisco proprio cosa s’intenda col presunto ostacolare l’allargamento di competenze o difendere lo Stato centrale

Era un’allusione forse un po’ gratuita all’intervento di Lobis nella discussione su Radio Holiday, dove ha espresso il suo orrore nei confronti di una polizia autonoma.

E il PD, in maggioranza sia a Bolzano che a Roma, cosa dice?

Nulla, ma infatti parlavo di »Grüne und Linke« (anche se, ormai, il PD di links ha ben poco). Sia i Verdi, sia il cosiddetto centrosinistra tacciono.

Übrigens: Vielleicht haben wir keinen »erleuchteten« Präsidenten, dafür aber trotzdem noch eine nahezu intakte Nahversorgung, wie es sie sonst (fast) nirgendwo mehr gibt — und die drohen wir jetzt zu verlieren. Laut einer Arge-Alp-Studie ist Südtirol das einzige Mitgliedsland*, welches mehr als drei Lebensmittelläden pro 1.000 Einwohner hat. Nord- und Osttirol liegen in der Kategorie 1-1,5 Lebensmittelgeschäfte pro 1.000 Einwohner, das Trentino bei 1,5-3 pro 1.000 Einwohner.
Außerdem gibt es hierzulande 10,5 Einzelhandelsgeschäfte je 1.000 Einwohner, in Österreich sind es nur noch 6,5.
Gemeinden ohne Nahversorgung gibt es in Südtirol fast keine, sehr oft gibt es selbst in den Fraktionen noch einen Gemischtwarenladen.

*) Mitglieder sind Bayern, Graubünden, Salzburg, St. Gallen, Südtirol, Nord-/Osttirol, Tessin, Trentino und Vorarlberg, darüberhinaus wurden auch Baden-Württemberg und die Lombardei berücksichtigt.

Ich denke wir sollten versuchen mit allen mitteln diese Situation zu verteidigen. Lokaler Einzelhandel und nahe Lebensmittelgeschäfte gehören für mich zur guten Lebensqualität die wir momentan in Südtirol haben. Diesen Zustand werden wir aber nur halten können wenn diese mittelständigen Betriebe Ihre Wettbewerbsvorteile gegen die großen Ketten erkennen und ausspielen werden.

Vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel, niwo.

Eine Frage würde ich ökonomischer Laie noch stellen wollen: Glaubst du, dass die von dir prognostizierten Entwicklungen auch in besonders abgelegenen Talschaften Einzug halten werden? Z.B. dort, wo sich die Anfahrt in die nächste Gewerbezone aus zeitlichen und wirtschaftlichen Motiven (Benzinpreis) nicht lohnt? Ich denke da z. B. an das Hinterpasseier, das ähnlich gute, oder sogar bessere Verhältnisse in punkto Warenangebot aufweist wie das Villnösstal. Würden sich die neuen Einkaufszentren (hier wäre an das Gewerbegebiet Schweinsteg nahe St. Martin, oder — realistischer — an Meran zu denken) nicht etwas schwer gegen die schon lange etablierten, auch durch persönliche Bindungen gefestigten Dorfgeschäfte durchsetzen können?

@Beppi
Schwer zu sagen, wie die Auswirkungen sein werden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass einwohnerstarke, periphere Ortschaften (Sarnthein, Hauptorte des Passeiertales, Sand in Taufers) den negativen Auswirkungen der Liberalisierungen zumindest einigermaßen widerstehen können. Auf der anderen Seite werden diese Kahlschlag-Liberalisierungen nicht nur Druck auf Landgemeinden ausüben, sondern auch auf die Innenstädte unserer Landeshauptstadt und der Gemeinden mit Mittelpunktfunktion (Bruneck, Meran, Schlanders, Sterzing usw.). Die Ortskerne selbst dieser Orte werden morgen möglicherweise massiv mit Einzelhandelsbetrieben in den Gewerbegebieten der eigenen Gemeinde konkurrieren müssen. Die Innenstädte werden kein vollständiges Warenangebot mehr anbieten und sich auf Nischen wie z.B ein touristisches Angebot konzentrieren.
@pérvasion
Super Dokument, das du da zugänglich machst. Die Lektüre dieser Schlussfolgerungen verdeutlichen einerseits was in Südtirol auf dem Spiel steht und lassen auf der anderen Seite zusätzlich massive Verwunderung über die Passivität der Sozialpartner in dieser Angelegenheit aufkommen. Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass bestimmte, auch sozial engagierte Kreise, sich nicht artikulieren, wenn uns etwas von Rom serviert wird. In diesem Sinne kann ich pervasion nur zustimmen. Ich möchte wissen, wie bestimmte Gruppen reagieren würden, wenn nur ein Bruchteil dieser Liberalisierungsmaßnahmen von der Südtiroler Landesregierung beschlossen worden werden.

Einige Auszüge aus einem interessanten Dokument, das ich zu diesem Thema im Internet gefunden habe — es wird damit auch klar, was mit den ungezügelten Liberalisierungen auf dem Spiel steht:

Die Situation im Südtiroler Einzelhandel ist italien- und europaweit einzigartig: Es besteht noch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen kleinen, mittleren und größeren Einzelhandelsbetrieben.

[…]

Der Einzelhandel wird in Südtirol in den Ortszentren und in den bewohnten Gebieten und nicht wie in anderen Regionen im landwirtschaftlichen Grün sowie – mit einigen klar definierten Ausnahmen – in den Gewerbegebieten ausgeübt. Das garantieren die derzeitigen Bestimmungen der Raumordnung. Die Raumordnung sorgt dafür, dass keine Zersiedelung stattfindet.
In Europa gibt es viel zu viel Fläche im Einzelhandel – es gibt kein Wachstum mehr bei den Umsätzen, es wird nur mehr Umsatz verlagert.

[…]

Der Einzelhandel in Dörfern und Städten sorgt für lebendige und attraktive Ortszentren. Frequenz schaffen nicht nur die Geschäfte an sich, sondern auch die vielen, kleineren und größeren Initiativen, die zum Großteil von den Handelstreibenden organisiert werden (Ortsmarketinginitiativen wie z.B. über 20 Weihnachtsaktionen und –märkte, etwa 30 lange Einkaufsabende mit Rahmenprogramm in den Sommermonaten). Davon profitieren alle und nicht nur die Handelstreibenden. In Südtirol gibt es noch Städte und Dörfer mit sozialer Begegnung.

[…]

Dadurch, dass der Einzelhandel in bewohnten Gebieten ausgeübt wird, findet er dort statt, wo die Menschen leben und arbeiten. Das bedeutet Nähe zum Menschen und somit Lebensqualität. Vor allem für die älteren und weniger mobilen Menschen (z.B. Mütter mit Kleinkindern) ist die Nähe entscheidend und wertvoll.

[…]

Die Versorgung (Einzelhandelsbetriebe je 1000 Einwohner) liegt mit 11,6 über der Marke des deutschsprachigen Raumes (Österreich 6,5 und Deutschland 4,4). Die Versorgung ist in jeder Südtiroler Gemeinde garantiert, in Tirol hingegen gibt es 58 Gemeinden [von insgesamt 279, Anm.] ohne jegliche Nahversorgung. Bereits in 12 Prozent der Alpendörfer der Arge-Alp-Länder gibt es bereits keinerlei Einkaufsmöglichkeiten mehr.

[…]

Dadurch, dass der Einzelhandel in Südtirol kapillar in allen Gemeinden und Bezirken ausgeübt wird, schaffen die knapp 7000 Einzelhandelsbetriebe qualifizierte Arbeitsplätze und Lehrstellenplätze direkt vor Ort.

[…]

Ketten, wie z.B. Aldi, geben nur zwei Prozent des Umsatzes für Personal aus, im traditionellen Fachgeschäft sind es 28 Prozent.

[…]

In unseren Nachbarregionen (z.B. Tirol, Trentino, Veneto), wo Einkaufszentren außerhalb der Ortszentren entstanden sind und entstehen, sind ganze Dörfer und Stadtzentren z.T. ausgestorben, Geschäftslokale stehen leer und Gastbetriebe schließen. Es findet kein Leben mehr statt, die Orte sind nicht mehr attraktiv, die Immobilien verlieren an Wert, und es wird nicht mehr in diese investiert, es wird nicht mehr renoviert. Leerstände oder Verödung der Ortskerne und Wohngebiete sind die Folgen. Bereits heute stehen z.B. in Deutschland fast zehn Prozent der Ladenlokale in den Stadtzentren leer. In der Stadt Salzburg stehen 195
Geschäfte leer, das Angebot schrumpft, worunter auch der Tourismus leidet.

[…]

Die Anzahl der österreichischen Lebensmitteleinzelhändler [hat sich] in den letzten 45 Jahren von 25.000 Betrieben auf knapp 7000 Betriebe reduziert. Diese Regionen oder Städte müssen hohe Geldsummen investieren, um die ausgestorbenen Zentren wieder zu revitalisieren.

[…]

Von Umsätzen der Discounter bleiben nur fünf Prozent im regionalen Wirtschaftskreislauf, im traditionellen Einzelhandel sind es 40 Prozent.

Quelle: Promemoria von Mauro Stoffella, hds (2006)

Unterstreichungen von mir.

mit der liberalisierung im einzelhandel gibt man den bürgern das recht dort einzukaufen wo sie wollen. die geschäfte in den kleinen orten bestehen heute gerade deswegen weil es den bürgern nicht erlaubt wird auf bessere alternativen zurückzugreifen. sie unterliegen einem ungerechtfertigtem zwang.

und wenn die liberalisierung morgen greift, werden nur die geschäfte aussterben die von den bürgern nicht mehr frequentiert werden, da sie aus freiem willem irgendwo anders einkaufen können.

In einer Demokratie sollte es gestattet sein, sich für ein Gesellschaftsmodell zu entscheiden und es umzusetzen. Jenes, das sich die Südtiroler ausgesucht haben, sieht unter anderem eine gute Nahversorgung, mehr Arbeitsplätze und dafür vielleicht etwas höhere Preise vor. Werden demnächst Einkaufszentren in die Gewerbegebiete gestellt, kostet vielleicht (!) zunächst die Ware etwas weniger, dafür zahlen wir — über den Umweg der sozialen Fangnetze — möglicherweise schon bald wesentlich mehr für Arbeitslosengeld und andere Ausgleichsmaßnahmen.

Gleichzeitig wird die übrige lokale Wirtschaft geschwächt, weil die Zugangshürden zu den Regalen internationaler Ketten ungleich höher sind.

Entscheidet die Mehrheit der Bürger mehr oder weniger freiwillig*, statt direkt vor Ort im nächstgelegenen Einkaufstempel zu shoppen, und müssen Dorfläden schließen, geht dies zu Lasten jener, die weniger mobil sind: Senioren, Kinder und alle, die kein Auto haben.

*) natürlich will jeder billig einkaufen, wenn die versteckten (sozialen) Kosten von der Allgemeinheit getragen werden und nicht im Verkaufspreis enthalten sind

weil es den bürgern nicht erlaubt wird auf bessere alternativen zurückzugreifen. sie unterliegen einem ungerechtfertigtem zwang.

Mir wäre nicht bekannt, dass es irgendwo einen Zwang gäbe in einem kleinen Geschäft einkaufen zu müssen. Alternativen dazu gibt es heute auch schon.

und wenn die liberalisierung morgen greift, werden nur die geschäfte aussterben die von den bürgern nicht mehr frequentiert werden, da sie aus freiem willem irgendwo anders einkaufen können.

Die Bürger werden dann aus ganz freiem Willen mit dem Auto im Gewerbegebiet einkaufen.

Mal was davon gehört, dass Marktwirtschaft nur mit klaren Spielregeln funktioniert?
Das Finanzsystem ist ja ziemlich liberalisiert worden. Da können die Bürger ihr Geld ja auch völlig frei anlegen, wo sie wollen. Evtl. Verluste blecht dann der Steuerzahler. Tolle liberale Welt.
Laut deiner Argumentation könnten wir Umweltstandards und Sicherheitsstandards auch liberalisieren. Die “freien” Bürger werden eh nur die Produkte kaufen, die bestimmte Standards respektieren. :kopf:

Noch zwei Sätze zum Thema Marktwirtschaft und Rahmenbedingungen: Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn es klare Regeln gibt. Regeln z.B in Form von klarer Rechtsstaatlichkeit (wo sich im besten Falle nicht immer derjenige mit den bestbezahlten Anwälten durchsetzt), in Form einer klaren Raumordnung, in Form von klaren, nachvollziehbaren Konsumentenschutzgesetzen usw. Diese Regeln sind auch für potentiell neue UnternehmerInnen wichtig, da ansonsten die Einstiegshürden zu hoch sind. Allerdings müssen die Regeln auch mit Hausverstand gemacht werden, ansonsten wird der Bürger tatsächlich erstickt.
Zur Durchsetzung der Regeln braucht es einen Staat, der mit den starken Akteuren aus der freien Wirtschaft auf Augenhöhe diskutiert.
Nicht umsonst funktioniert dies z.B. in Schweden relativ gut. Dort gibt es einerseits höchste sozialstaatliche Standards, andererseits aber auch eine hoch wettbewerbsfähige Wirtschaft, da viele Dinge sehr liberal angegangen werden. Dies funktioniert aber nur, wenn es einen Staat gibt, der in der Lage ist vernünftige Spielregeln zu definieren und diese auch zu garantieren. Schweden hat dem eigenen Bankensystem vor etlichen Jahren einige klare Spielregeln aufgezwungen. Dies ist nur gelungen, da der schwedische Staat auch über (gut bezahlte) Finanzexperten verfügt, die mit der Bankenwelt auf Augenhöhe diskutiert haben.
Bei Staaten, die nicht mal in der Lage sind einen Zivilprozess in weniger als 8 Jahren abzuwickeln, scheint mir die Balance zwischen vernünftigen Regeln und freier Wirtschaft etwas aus dem Lot geraten zu sein.

wenn die versteckten (sozialen) Kosten von der Allgemeinheit getragen werden und nicht im Verkaufspreis enthalten sind

Dies sind die sogenannten “externen Kosten”, also Kosten, die nicht von denjenigen getragen werden, die sie verursachen. Die neoliberale Welt ist eine Weltmeisterin im Privatisieren von Gewinnen und Sozialisieren von Verlusten.

Für Liberale, die sich innerhalb des Minderheitenrahmens in Südtirol bewegen müssen, ergibt sich jetzt freilich ein Gewissenskonflikt. Grundsätzlich sollte die Freiheit des Einzelnen über allem stehen und der Einfluss der Politik zurückgedrängt werden. Das beinhaltet natürlich die Freiheit der Niederlassung, der Entscheidung (diese verlangt zwingend ein breites Angebot), der Dienstleistung usw.
Andererseits hat schon einer der Großväter des Liberalismus, Friedrich August von Hayek, rekurrierend auf Locke, Kant und andere festgehalten, dass die Freiheit des Einzelnen auch ihre vorgegebenen Grenzen haben muss. Diese übergesetzlichen Schranken werden von anständigen Liberalen als nicht in Gesetzesform gegossene Regulierungen verstanden. Diese Grenzen sind nach innen die Moral und nach außen die Sitte und die Tradition.
Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die kleine Dorfgemeinschaft mit ihrer Architektur, der Brauchtumspflege und der Solidarität zwischen den Bewohnern, paradigmatisch für unser Land steht, dann bedeutet der Schutz der traditionellen Dorfgemeinschaften gleichzeitig Schutz der spezifischen Besonderheiten der Minderheit in Südtirol. Wenn die Folgen so eintreten wie in den Studien dargelegt, untergräbt die Liberalisierung also mittelfristig den Minderheitenschutz, da es zu Landflucht und Schwächung der ländlichen Kultur kommt. Da ich persönlich in diesem Fall davon ausgehe, dass die egoistische “homo-oeconomicus-Mentalität” mittlerweile auch bei uns die oben genannten übergesetzlichen Korrektive in den Hintergrund gedrängt hat, bleibt nur die gesetzliche Regulierung.

Durnwalder spricht jetzt schon davon, dass »die Vollbeschäftigung wackelt«. Selbstverständlich ist das noch nicht auf die Liberalisierungen, sondern auf die Krise zurückzuführen — aber je weniger Möglichkeiten wir haben werden, selbst zu gestalten (und demnach gegenzusteuern), desto ausgesetzter sind wir den Kräften des kriselnden Marktes. Mich wundert — um auf meinen ersten Kommentar zurückzukommen — warum die Südtiroler Gewerkschaften zwar gegen die 5-Tage-Woche mobilmachen, nicht aber gegen die Entwicklungen im Handelssektor.

untergräbt die Liberalisierung also mittelfristig den Minderheitenschutz, da es zu Landflucht und Schwächung der ländlichen Kultur kommt

die landflucht ist etwas was wir nur mittelfristig verzögern können. Dessen müssen wir uns bewusst sein. (Hayek hat mehrere Artikel dazu geschrieben).
ausserdem würde Hayek sich im grabe umdrehen wenn er die paar absätze lesen müsste. was das alles mit minderheitenschutz zu tun hat ist mir schleierhaft; denn wenn wir das verbot in gewerbegebieten einkaufen zu können als minderheitenschutz auffassen, dann könnten wir in unserem rechtssystem so einiges anstellen …

über kurz oder lang wird auch eine quersubventionierung des ländlichen raums durch den weit produktiveren urbanen raum nicht tragbar sein, da urbane räume, welche keine quersubventionierung vornehmen eine last weniger zu tragen haben und ihren bürgern deswegen mehr leistungen zu geringeren kosten bieten können.

die einzige überlebenschance, die ich (langfristig) für sehr kleine ländliche gebiete bzw. dörfer sehe ist der tourismus. wie wir in südtirol beobachten können wachsen diese gebiete sogar.

@ b.-

wenn man die ganzen bereiche als abgeschlossene systeme betrachtet, mögen deine beobachtungen schon stimmen. nur sind sie das zum glück nicht.

dass die “urbane lebensweise” viele “kollateralschäden” in form von kosten (hauptsächlich umwelttechnischer natur) verursacht, die dann wiederum von allen getragen werden, rechtfertigt eine “quersubventionierung” für den ländlichen raum, die keine solche ist.

und eine gesellschaft hat doch wohl das recht, vorausgesetzt sie erkennt diese zusammenhänge, sich regeln aufzuerlegen. deinen neoliberalen logiken zufolge könnten wir – wie schon von anderen erwähnt – auch die umweltstandards, arbeitsschutzregelungen, sozialversicherungen abschaffen. wie kommen denn die gesunden dazu, für die kranken zu zahlen?

ich für meinen teil trage mit meinen steuern gern dazu bei, dass der ländliche raum “quersubventioniert” wird. hayek würde sich vielleicht im grabe umdrehen, wie viele andere, ob deiner aussagen, die mich persönlich sehr erschrecken.

vielleicht solltest du einmal längere zeit in den usa verbringen. entweder du kommst geheilt zurück, oder das ist tatsächlich die art, wie du leben möchtest. dann würde ich für dich einen “ortswechsel” in erwägung ziehen.

@B.-

Der Neoliberalismus, den du hier huldigst, ist zum Glück in grossen Teilen Europa’s schon gescheitert, bevor er noch Schlimmeres anrichten konnte. Spätestens seit das von Hayek so ungeliebte Wort “sozial” als “soziale Marktwirtschaft” oder “Sozialstaat” in unser aller Leben angekommen ist, müsste man eigentlich erkennen, dass viele von Hayeks Ideen falsch sind.

über kurz oder lang wird auch eine quersubventionierung des ländlichen raums durch den weit produktiveren urbanen raum nicht tragbar sein, da urbane räume, welche keine quersubventionierung vornehmen eine last weniger zu tragen haben und ihren bürgern deswegen mehr leistungen zu geringeren kosten bieten können.

Das ist einfach nur kurzsichtig, falsch und, Entschuldigung für den Ausdruck, dumm gedacht.

Sonst kann ich nur hunter zustimmen

@B.-
Du liest Hayek “Artikel”, wirst aber von diesen drei Absätzen überfordert? Ich habe die in “die Verfassung der Freiheit” herausgearbeiteten Grenzen des Liberalismus pointiert dargestellt. Insbesondere ab wann Hayek gesetzliche Regelungen für gerechtfertigt hält. In der Folge habe ich dargelegt wieso unsere Situation strenge Maßstäbe verlangt: Eine ethnische Minderheit muss sich nach innen als solche verstehen und nach außen als solche erkennbar sein. Die Marginalisierung der ländlichen Kultur führt zu einer abnehmenden Sichtbarkeit der Minderheit. Damit mittelfristig zu einem Verlust des bisherigen Selbstverständnisses. Man muss sich nur einmal die Situation in den größeren Städten vor Augen führen.

dass die ”urbane lebensweise” viele ”kollateralschäden” in form von kosten (hauptsächlich umwelttechnischer natur) verursacht, die dann wiederum von allen getragen werden, rechtfertigt eine ”quersubventionierung” für den ländlichen raum, die keine solche ist.

diese aussage beruht auf der annahme, dass das leben im urbanen raum negative externalitäten produziert, während das leben auf dem land positive externalitäten erzeugt. für diese annahme sehe ich generell keine anhaltspunkte: warum sollte ein stadtmensch beispielsweise die umwelt mehr belasten als jemand der auf dem land lebt. in vielerlei hinsicht ist das gegenteil der fall: der stadtmensch braucht kein auto, heizt mit gas anstatt mit öl, benötigt pro kopf weniger öffentliche beleuchtung etc.

und eine gesellschaft hat doch wohl das recht, vorausgesetzt sie erkennt diese zusammenhänge, sich regeln aufzuerlegen.

was ich sage ist, dass die gesellschaft unproduktive wirtschafts- und lebensformen nur mittelfristig aufrechterhalten kann, aber nicht ewig.
die gruppen/gesellschaften mit den effizientesten regeln und institutionen werden durch vermehrung und insbesondere durch zuwanderung stärker wachsen und die unproduktiveren gruppen/gesellschaften marginalisieren. (das ist, weil wir gerade bei Hayek sind, auch zentraler inhalt seiner theorie zur kulturellen evolution)

wieder zurück zur urbanisierung: die urbanisierung ist ein bereits seit jahrhunderten anhaltender trend der darauf zurückzuführen ist, dass der urbane raum aus vielen gründen produktivere arbeit ermöglicht als der ländliche raum.

in vielerlei hinsicht ist das gegenteil der fall: der stadtmensch braucht kein auto, heizt mit gas anstatt mit öl, benötigt pro kopf weniger öffentliche beleuchtung etc.

……und der subventionierte Landbewohner zahlt wie alle anderen Steuerzahler 18 Milliarden, damit der Stadtmensch in London 20 Minuten schneller durch sie Stadt kommt.

was ich sage ist, dass die gesellschaft unproduktive wirtschafts- und lebensformen nur mittelfristig aufrechterhalten kann, aber nicht ewig.

Na dann sollte man doch in den Städten die Tiere halten. die von Stadtmensch verzehrt wird, man kann doch Gemüsehochhäuser bauen, wo Stadtmensch sein Gemüse direkt holen kann, usw. Und bitte billig, denn das Essen muss gut und gesund sein, darf aber nur wenig kosten.
Solange Stadtmensch sein Essen von Landmensch so billig bekommt, dass Landmensch vom Ertrag nicht leben kann, sind alle Subventionen an Landmensch gerechtfertigt. Solange Gemüse- und Tierhaltungshochhäuser nicht gebaut sind, würde Stadrmensch verhungern ohne Landmensch!!

Ecco cosa dice — su Twitter — uno «di sinistra»* circa le liberalizzazioni:

Quella cosa sulla Germania e la Grecia, poi, non l’ho capita…

*) Antonio Frena è segretario del PD in Sudtirolo.

Interessant in diesem Zusammenhang eine Aussage von Stefan Pan, dem Präsidenten des Südtiroler Unternehmerverbandes, der an die Südtiroler Landesregierung appelliert, nichts gegen die geplanten Liberalisierungen im Bereich des Einzelhandels zu unternehmen.
Auf der anderen Seite hat sich der Südtiroler Unternehmerverband in der Vergangenheit immer wieder darüber beschwert, dass es in Südtirols Gewerbegebieten zu wenig Bauland für Industrie- und Gewerbebetriebe gibt. Wenn das produzierende Gewerbe dort in Zukunft auch mit Einzelhandelsbetrieben um Bauland konkurrieren muss, dann wird das wenige Land, das wir zur Verfügung haben, noch knapper. Wenn Herr Pan in letzter Zeit auch davon spricht, dass es in der derzeitigen Krise um eine Wertediskussion geht, sollte er auch den Wert einer intakten Raumordnung anerkennen. Zersiedelte Tallandschaften, die aussehen, wie ein Autobahnzubringer in der Poebene, bringen unsere Wirtschaft mit Sicherheit nicht weiter.

@ frena

das ist alles so 20. jahrhundert. mich erstaunt, wie leute glauben können, progressiv zu sein, indem sie “lösungen” propagieren, die längst überholt sind, da die gegenwärtige krise ja bewiesen hat, dass sie nicht funktionieren. und jetzt sollen das ganze nochmal von vorne losgehen, mit noch einem größeren knall am ende?!?! gibt’s die dummheit gerade irgendwo im ausverkauf?

indem sie ”lösungen” propagieren, die längst überholt sind, da die gegenwärtige krise ja bewiesen hat, dass sie nicht funktionieren. und jetzt sollen das ganze nochmal von vorne losgehen, mit noch einem größeren knall am ende?!?! gibt’s die dummheit gerade irgendwo im ausverkauf?

Die Krise wird zu einem wesentlichen Teil mit denselben Methoden bekämpft die sie ausgelöst haben. (ein Stichwort: Flutung der Märkte mit günstigem Geld indem die Zentralbanken die Notenpressen anwerfen). Grad so wie wenn die Feuerwehr mit Benzin den Brand bekämpfen würde.

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