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Siegesdenkmal: Ein bisschen Selbstbetrug?

Normalerweise droht dem faschistischen Gebauten der Verlust durch Zerstörung, Wegnahme oder Verhüllung. Der Bozner Weg des dekonstruktiven Umgangs impliziert eine Form demokratisch-aufgeklärter Gelassenheit, die mit “Mut” annähernd beschrieben werden kann.

Hannes Obermair, Bozner Stadtarchivar und Historiker, in einem Interview* über das Siegesdenkmal, an dessen Umgestaltung er beteiligt war.

Könnte man die genannte »Gelassenheit« in einer Stadt, in der

eventuell auch annähernd mit »fehlendem Mut« beschreiben?

Ich denke, dass die Einordnung (Mut/Mutlosigkeit) nur im gesellschaftlichen und politischen Kontext erfolgen kann. Und immerhin war man zumindest der Meinung, den Eingriff im Vorfeld geheimhalten zu müssen, um ihn nicht an politischem Widerstand scheitern zu lassen — was nicht gerade für Courage spricht.

*) Salto in Zusammenarbeit mit der Fachabteilung Museen der Autonomen Provinz Bozen

Arch+Raum Cultura Faschismen Geschichte Medien Politik | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung Zitać | Andrea Bonazza Hannes Obermair | Salto | | | Deutsch

29 replies on “Siegesdenkmal: Ein bisschen Selbstbetrug?”

interessant in diesem zusammenhang (faschistische relikte wie mussolini und siegesdenkmal) finde ich, dass der anschlag in charlottesville ja von protesten gegen die entfernung eines denkmals des konföderierten-generals lee ausgegangen ist. während neonazis sich für den erhalt des denkmals einsetzten, protestierte die amerikanische antifa gegen den nazi-aufmarsch. ebenfalls ist interessant, dass der erste republikanische präsident lincoln die unionisten anführte, während lee und die anderen konföderierten der demokratischen partei nahe standen. und heute wird ein republikanischer präsident von den nazis gelobt, während die demokraten sich auf der antirassistischen gegenfront sehen.

Und auch interssant ist, dass bei uns die italienischen “Rassisten” und deutschen und italienischen “Linken” für den Erhalt dieses Schandmals sind.

Ich weiß jetzt zwar nicht, zu welcher Kategorie du mich zählen würdest, doch auch ich bin keineswegs der Meinung, dass dem Siegesdenkmal nur mit einer Schleifung »beizukommen« wäre. Eine bauliche oder künstlerische Intervention müsste m.E. aber eine ähnliche Aussagekraft haben, wie das Denkmal selbst. Der Ring ist eindeutig zu wenig, beim Relief am Gerichtsplatz bin ich schon wesentlich zuversichtlicher, dass das gelingt — mit dem Hannah-Arendt-Zitat.

Es ist interessant, welch wortreiches Lob die Grünen derzeit Hannes Obermair spenden: http://www.unsertirol24.com/2017/08/23/verlaesst-stadtarchivar-hannes-obermair-die-gemeinde-bozen/

Folgende Passage der grünen Pressemitteilung:

…als Vordenker und Promotor einer europäischen Erinnerungskultur in Bozen hat Obermair herausragendes öffentliches Engagement bewiesen. Dabei hat er sich mit großer Zivilcourage und strategischem Gespür auf
die Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Politik eingelassen und
meldet sich unerschrocken in öffentliche (sic) Debatten zu Wort.

bringt mich besonders zum Schmunzeln.

Besonders viel “Zivilcourage” braucht man nicht, wenn man die politische Linie der Bozner Stadtregierung, der Südtiroler Landesregierung und – leider auch – vieler italienischer Neofaschisten vertritt. Da kann man sich problemlos und “unerschrocken in öffentlichen Debatten zu Wort melden”.

Immerhin bin ich schon der Meinung, dass Obermair einen wichtigen und positiven Beitrag zur Südtiroler Erinnerungskultur geleistet hat — auch wenn mir gerade der Mut manchmal gefehlt hat.

Dass Hannes Obermair “auf Linie” mit italienischen Neofaschisten sei, ist lachhaft. Freilich könnte mehr passieren und mitunter mutiger agiert werden. Aber die Sachzwänge sind oft sehr stark und da ist eine Salamitaktik oft nicht die schlechteste Herangehensweise. Diesbezüglich hat Obermair – der zudem ein sehr guter Wissenschaftler ist – einige sehr wichtige Schritte in die richtige Richtung gesetzt. Das sollte man anerkennen.

Nein.

– Das Kellermuseum, das behauptet ein “Dokumentationszentrum” zu sein, erklärt lang und breit, wer was wie entworfen bzw gebaut hat.
– Wer wann warum gegen das Denkmal war, bleibt offen. Das wäre aber viel wichtiger, als detailliert zu erklären, welche Bildhauer welche Kehrleiste geschaffen hat. So scheitert die geplante Entschärfung des Denkmals auf voller Linie und wird vielmehr zur Zelebrierung des mutmaßlichen architektonischen Werts des Faschistenbaus.
– Der mutige Rechtswanwalt Kinsele, der während des Faschismus (!) Unterschriften gegen das Denkmal sammelte, wird nur am Rande erwähnt. Ein strategischer Fehler von Obermair und seinen drei Historikerkameraden.
Bozen bräuchte dringend eine Kinsele-Straße, da der Rechtsanwalt das bewies, was heute Obermair so locker in den Mund nimmt: das Wörtchen “Mut”.
– Die Gedenksäule an die “Atesini”, die in den spanischen, ostafrikanischen und libyschen Angriffskriegen gefallen sind, steht weiterhin vor dem Eingang des Kellermuseums. Ohne berühmte Erklärungstäfelchen, entfernen traut man sich ja erst recht nicht. Nochmal: (fehlender) Mut.
– Das vermeintliche Dokumentationszentrum will Faschismus und Nationalsozialismus aufarbeiten. Der Faschotempel hätte fürs erste Ziel herhalten können. Den Nationalsozialismus hat man noch schnell dazukleben müssen, damit das Kellermuseum sich ja nicht “gegen die Italiener richtet”. Wiederum ein Beispiel fehlenden Mutes und übrigens auch fehlender Aufarbeitung des Faschismus, wenn man über diesen nicht sprechen kann, ohne schnell noch “das andere” menschenverachtende System fast schon bei den Haaren herbeizerren zu müssen.
– Das Kellergewölbe wird von Obermair und Co. weiterhin als “Krypta” bezeichnet. Ein Fehler, der Historikern nicht passieren darf.
– Die Kernfrage “Was war denn eigentlich so schlimm am Faschismus?” bleibt weitgehend unbeantwortet. Ein peinliches Fiasko der vier Historiker. Zum Glück haben die Regierungsparteien das Projekt so in den Himmel gelobt, dass dieses Versagen einfach kaschiert und schöngeredet wurde.
– Anschläge aufs Denkmal nach 1945: warum? Wird nicht erklärt
– Demos gegen das Denkmal: warum? Ebenso nicht erklärt.
– Kranzniederlegungen durch das Militär bis 1996 (!) und dann noch einmal 2008 (!!!) werden nicht erklärt.
– SIegesfeiern einiger italienischer “tifosi” vor dem Denkmal mit Mussolini-Devotionalien und erhobenem rechten Arm: warum? Wird nicht erklärt.
– Kranzniederlegungen von italienischen Rechtsradikalen – auch nach der angeblichen Entschärfung und Historisierung: werden nicht erklärt und beweisen erneut auf peinliche Weise, dass Entschärfung und Historisierung nicht funktioniert haben.

Wer ein echtes Dokumentationszentrum sehen möchte, schaue sich das Zentrum am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg an. Da hätten Obermair und die anderen drei Historiker viel lernen und abschauen können.

Doch, bleibt es. Geh ins Kellermuseum und schau Dir die Videoaufnahmen zur Schützendemo (samt nationalistischer Gegendemo mit Spuckattacken, Drohungen und Beschimpfungen) an.
Wo wird erklärt, was die Demoteilnehmer genau wollten und warum?

Mit vielem von dem was du beanstandest bin ich vollkommen einverstanden. Wie schon gesagt ist auch mir der Eingriff zu wenig sichtbar-kritisch-mutig (wobei ich mir von der Historisierung des Mussolinireliefs mehr erwarte).

Trotzdem bin ich — wie Harald — der Meinung, dass es mit Obermair insgesamt in die richtige Richtung gegangen ist. Und: Ich bin mir (auch angesichts der politischen Situation) ziemlich sicher, dass nichts besseres nachkommt.

Während sich grüne Bewegungen weltweit von faschistischem Gedankengut distanzieren, flehen Süd-Tirols Grüne jene Person, die sich rühmt, das Siegesdenkmal gesellschaftsfähig gemacht zu haben, in kreuzkriecherischster Haltung an, sie möge doch bitte nicht kündigen. Diese Attitüde der Verherrlichung des Nationalstaates mit schon einer beinahe Verachtung der Tiroler Urbevölkerung zeigt auf, welche Mission die Verdi-Grünen-Vërc verfolgen: die Assimilation der Tiroler. Geradezu schizophren ist die Tatsache, dass Personen wie Obermair, die in foppaesker Manier Kulturverbrechen relativieren und sich für deren Fortbestand aussprechen, in ihrem Tun bestärkt werden, während auf der anderen Seite Toleranz für die neuen Humanressourcen gepredigt wird – mit der Aufforderung, man möge doch aus Respekt die Kreuze in den öffentlichen Räumen abhängen.

http://www.suedtiroler-freiheit.com/zum-abgang-von-obermair-reisende-soll-man-nicht-aufhalten/

Oh Mann, trägt dieser Herr dick auf. Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Vom Vertreter einer Partei, die auf Europaebene mit den Grünen eine Fraktion bildet. Die STF scheint mir langsam schon ein wenig die Relationen zu verlieren und in jüngster Vergangenheit irgendwo falsch abgebogen zu sein. Schade eigentlich.

…als Vordenker und Promotor einer europäischen Erinnerungskultur in Bozen hat Obermair herausragendes öffentliches Engagement bewiesen. Dabei hat er sich mit großer Zivilcourage und strategischem Gespür auf die Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Politik eingelassen und meldet sich unerschrocken in öffentliche (sic) Debatten zu Wort.

Oh Mann, tragen die Südtiroler Grünen dick auf. Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Von Vertretern einer Partei, die auf Europaebene mit der STF eine Fraktion bildet und so gerne behauptet, kompromisslos antifaschistisch zu sein. Die Südtiroler Grünen scheinen mir langsam schon ein wenig die Relationen zu
verlieren und in jüngster Vergangenheit irgendwo falsch abgebogen zu sein.
Schade eigentlich.

hab ich was anderes behauptet?
finde nur nicht, dass man immer in die extreme gehen muss. entweder voll gut oder total daneben. freund oder feind. das nervt an der politischen debatte. diese absolutierung der eigenen meinung und jeder, der nur einen zentimeter davon abweicht, ist komplett daneben. das gilt sowohl für links wie für rechts. für grün wie für blau.
man muss obermair nicht in den himmel loben. ihn für seine arbeit jedoch in die nähe eines faschismusverharmlosers zu rücken ist an absurdität kaum zu überbieten.
obermair hat schritt für schritt akzente in die richtige richtung gesetzt und erodiert dadurch manchen widerstand. ich finde diese salamitaktik gut. ich denke mit einer anderen taktik hätten wir bezüglich siegesdenkmal und mussolini-relief nach wie vor den status quo von 2008.

Der ersten Hälfte Deines Kommentars stimme ich voll zu.
Die Akzente wurden jedoch durch dass misslungene “Dokumentationszentrum” genau in die falsche Richtung gesetzt.
Die Casapoundler jubilieren, weil sie “ihr” blankpoliertes Denkmal noch besser anbeten können und sonstige Nationalisten können so wie eh und je Kränze niederlegen und nach Fußballspielen mit gewissen Grüßen oder Fahnen davor herumstolzieren.

Die Situation ist somit nicht nur gleich wie 2008 und vorher (einzig die Militärparaden fehlen), sondern noch sogar noch verschlechtert worden: nun ist es politisch noch schwerer, die Entfernung des Denkmals oder sogar nur der Inschriften zu fordern. Obermair und Co haben die Situation verschlimmbessert.

Höchstwahrscheinlich nicht böswillig.
Es hat nur der Mut gefehlt.

Ich denke, dass die Einordnung (Mut/Mutlosigkeit) nur im gesellschaftlichen und politischen Kontext erfolgen kann.

Dieser Meinung bin ich auch. Gerade deshalb wundert mich dein drastisches Urteil der Mutlosigkeit bei der (begonnenen) Historisierung des Siegesdenkmals.

In diesem Zusammenhang bin ich in der aktuellen Zeit auf einen interessanter Artikel zur gesellschaftlichen Relevanz der Geisteswissenschaften gestoßen: http://www.zeit.de/2017/35/geisteswissenschaften-universitaeten-akademiker-studenten
Daniel Hornuff von der Karlsruher Hochschule für Gestaltung plädiert darin für Selbstbewusstsein und meint, dass sich Geisteswissenschaften gesellschaftlich einbringen sollen.

Intellektuelle Distanz, Methodenvielfalt und der Verzicht auf letztgültige Erkenntnisse sind Bausteine, aus denen sich das geisteswissenschaftliche Arbeiten zusammenfügt. Zugleich sind es Möglichkeiten, die den Geisteswissenschaften politische Brisanz verleihen. Das geisteswissenschaftliche Denken ist in sich selbst antidogmatisch. Es rechnet damit, dass die gebildete Erkenntnis schon im nächsten Satz widerlegt werden könnte.

Und weiter:

Sobald sich Geisteswissenschaften jenseits der Universitäten einbringen und beispielsweise in den Medien Stellung beziehen, sind sie Akteure eines gesellschaftlichen Gefüges. In diesem müssen sie ihre Verlautbarungen neu beweisen. Sie können und dürfen sich nicht darauf verlassen, über einen Erkenntnisvorsprung zu verfügen, der ihnen eine intellektuelle Führungsrolle garantieren würde. Im Gegenteil: Agieren Geisteswissenschaftler öffentlich, sind sie auch herausgefordert, die Wirksamkeit ihres geisteswissenschaftlichen Denkens unter den Bedingungen dieser Öffentlichkeit zu belegen.

Dabei geht es (Hornuff) übrigens gerade nicht um “Mut zur Wahrheit”, sondern er meint:

Die Wahrheit ist eine Ideologie, die die Geisteswissenschaften zu unterlaufen haben.

Auf das Siegesdenkmal zurückkommend, haben wir es mit einer Öffentlichkeit zu tun, die teils diametral entgegengesetzte “Wahrheiten” vertritt. Die Herausforderung für die (Geschichts)WissenschaftlerInnen bestand und besteht also darin, als einer von mehreren Akteuren in den gesellschaftlichen Diskurs einzusteigen, diesen argumentativ zu beleben und dessen Weiterentwicklung zu fördern. Ich habe den Eindruck, dass das passiert (ist).

wunderbare zitate. danke.
meine red. wir haben uns von den juristen in sämtlichen lebenslagen die deutungshoheit nehmen lassen. und so wie das antidogmatische wesensmerkmal der geistes- und bisweilen auch der sozialwissenschaften ist, so zeichnen sich die rechtswissenschaften und deren vertreter durch das gegenteil aus. bezeichnend ist, dass beim konvent fünf juristen als experten und kein politologe beigezogen wurden. für die weiterentwicklung generell eine katastrophe (siehe präambel).

Dieser Meinung bin ich auch. Gerade deshalb wundert mich dein drastisches Urteil der Mutlosigkeit bei der (begonnenen) Historisierung des Siegesdenkmals.

Gäbe es einen breiten Konsens für die Schleifung, könnte man die Erhaltung vielleicht als mutig betrachten. Angesichts der breiten Zustimmung zur Beibehaltung und dem sonstigen politisch-sozialen Kontext finde ich den derzeitigen Stand der Historisierung aber alles andere als mutig. Es sieht für mich eher danach aus, als wollte man den Neofaschistinnen entgegenkommen.

Agieren Geisteswissenschaftler öffentlich, sind sie auch herausgefordert, die Wirksamkeit ihres geisteswissenschaftlichen Denkens unter den Bedingungen dieser Öffentlichkeit zu belegen.

Bist du der Meinung, dass dies im konkreten Fall (auf ausreichende Weise) geschieht?

Die Frage ist, bei wem genau du mangelnden Mut verortest, bei den WissenschaftlerInnen, bei der Verwaltung, bei den politischen EntscheidungsträgerInnen, bei den BürgerInnen?

Zwar nicht beim Siegesdenkmal, aber beim umgebenden Platz hat die Bozner Stadtregierung 2001 einen mutigen Schritt gesetzt. Allerdings auf eine Art und zu einem Zeitpunkt, die postwendend zur Revision geführt haben. In Anlehnung an die klassische Dreiteilung in der Qualitätsdebatte (Prozess, Struktur, Ergebnis), war der „Prozessmut“ gegeben, allerdings hatte er negative Auswirkungen auf die Ergebnisqualität. In diesem Sinne finde ich das, was mit dem Siegesdenkmal bisher geschehen ist, durchaus mutig und mit Sicherheit keine Anbiederung an die NeofaschistInnen. Du gehst ja auch nicht davon aus, dass all jene, die keine Schleifung wollen oder damals für die Rückbenennung in Siegesplatz waren, NeofaschistInnen sind. Es geht vielmehr darum, für eine breite(re) Masse anschlussfähige Wege zu beschreiten, damit das, was bisher gemacht worden ist, schrittweise weitergeführt werden kann.

Um auf deine abschließende Frage zu antworten: Ich finde es wichtig, dass WissenschaftlerInnen sich als WissenschaftlerInnen in den öffentlichen Diskurs einbringen und nicht als AktivistInnen (natürlich können sie als BürgerInnen auch letzteres sein, aber das ist eine andere Rolle). Nicht weil Aktivismus verwerflich oder weniger wichtig wäre, sondern weil ich es als wesentlich erachte, dass der öffentliche Diskurs von unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsbeständen und gern auch Überzeugungen gespeist wird.
Worin sonst sollte der Mehrwert (im Sinne von zusätzlich, nicht von höhergestellt) bestehen, wenn WissenschaftlerInnen nicht mit dem, was sie dem Dafürhalten Hornuffs und vieler anderer nach konstitutiv ausmacht (Intellektuelle Distanz, Methodenvielfalt und der Verzicht auf letztgültige Erkenntnisse), in den öffentlichen Diskurs eintreten? Sie sind dabei gefordert, zu argumentieren und sich einer Sprache zu bedienen, die verständlich ist. Sie sind aber nicht gefordert, Differenzierung aufzugeben.
Mir ist es wichtig, hier nicht falsch verstanden zu werden, ich finde Aktivismus wesentlich für unsere Gesellschaften. Und Aktivismus muss parteiisch und plakativ sein. Das regt Widerstand und – im besten Falle – öffentlichen Diskurs an. Wissenschaft hat im genannten Sinne die Aufgabe, sich nicht zu verschanzen, sondern in den Diskurs einzusteigen, aber eben als Wissenschaft. Und ja, ich finde, im Großen und Ganzen, dass sie das in diesem Falle macht.

Was ich nicht explizit geschrieben habe, aber trotzdem meine: Natürlich kann (und soll) keine scharfe Trennlinie zwischen Wissenschaft und Aktivismus gezogen werden und zwischen den beiden „Extremen“ gibt es selbstverständlich noch eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten, sich öffentlich zu äußern oder tätig zu sein.
Es ging mir hier lediglich um eine (unausgefeilte) idealtypische Unterscheidung.

Die Frage ist, bei wem genau du mangelnden Mut verortest, bei den WissenschaftlerInnen, bei der Verwaltung, bei den politischen
EntscheidungsträgerInnen, bei den BürgerInnen?

Wir können uns gern darüber unterhalten, inwieweit man beim aktuellen Stand der »Historisierung« von Mut sprechen kann. Ich habe das Museum ja als einen »guten Anfang« bezeichnet und zu dieser Auffassung stehe ich nach wie vor.

Das Problem ist aber, dass Obermair — wie mir scheint — nicht die »Bearbeitung« selbst als mutig bezeichnet, sondern die Tatsache, dass durch die gelassene Haltung der involvierten Akteure eine drohende »Zerstörung, Wegnahme oder Verhüllung« verhindert wurde.

Um auf deine abschließende Frage zu antworten: Ich finde es wichtig, dass WissenschaftlerInnen sich als WissenschaftlerInnen in den öffentlichen Diskurs einbringen und nicht als AktivistInnen […]

Einverstanden. Trotzdem ist mir unklar, ob und wie/wodurch »die Geisteswissenschaftler« hier »die Wirksamkeit ihres geisteswissenschaftlichen Denkens unter den Bedingungen dieser Öffentlichkeit zu belegen« imstande waren.

Das Problem ist aber, dass Obermair — wie mir scheint — nicht die »Bearbeitung« selbst als mutig bezeichnet, sondern die Tatsache, dass durch die gelassene Haltung der involvierten Akteure eine drohende »Zerstörung, Wegnahme oder Verhüllung« verhindert wurde.

Wenn man die Obermair gestellte Frage und die gesamte Antwort durchliest, dann scheint mir, dass er versucht darzulegen, was das EMF mit „Mut“ gemeint haben könnte. Es geht also gar nicht darum, was er meint. Aber bringt’s uns wirklich weiter, durch das Brennglas auf diese drei Zeilen zu schauen? Mutig (im Sinne meines vorhergehenden Kommentars und im hiesigen Kontext) war es, das heiße Eisen Siegesdenkmal anzugehen, nicht auf Maximalpositionen zu beharren, sondern sich in die Ebenen der konkreten Aushandlung und Gestaltung zu begeben. Ebenen in denen zwischen Schleifung und Erhalt als Symbol der „Italianità“ alles anzutreffen ist. Und natürlich sollte auf diesem Weg auch weitergemacht werden und der Leuchtring nicht der Entschärfung letzter Schluss sein. Mein ich halt. Was wäre denn in deinem Sinne (mit Blick auf das Ergebnis) mutig gewesen?

Einverstanden. Trotzdem ist mir unklar, ob und wie/wodurch »die Geisteswissenschaftler« hier »die Wirksamkeit ihres geisteswissenschaftlichen Denkens unter den Bedingungen dieser Öffentlichkeit zu belegen« imstande waren.

Für mich bedeutet diese Aussage, dass WissenschaftlerInnen sich nicht ausschließlich in einem selbstbezogenen Kreis unter ihresgleichen im hierfür üblichen Rahmen (Fachpublikationen, wissenschaftliche Kongresse) äußern, sondern dass sie sich in die darüber hinausgehende breite (wirkliche?) Öffentlichkeit einbringen und den Austausch mit und in ihr betreiben („Bedingungen der Öffentlichkeit“). Der (vorläufige) Beleg für die Wirksamkeit ist die relativ breite (selbstverständlich nicht vollkommene) Akzeptanz für das Tun der HistorikerInnen in der Bevölkerung.

Im Übrigen wäre es natürlich sinnvoll und wünschenswert, wenn die Bevölkerung in die Weiterentwicklung des Historisierungsprozesses einbezogen und der öffentliche Dialog so erweitert werden würde!

Diese Art Selbstverständnis meinte ich…

Historiker*innen sind keine Richter*innen, und sie sollten sich auch in der öffentlichen Debatte der Relativität ihrer Position immer bewusst sein. Gerade weil der Historiker durch seine Forschung zur Versachlichung der Diskussion beitragen möchte, muss ihm alles daran liegen, seine Position auf eine Weise zu vertreten, dass sie annehmbar ist. Arroganz, Belehrung, Präpotenz oder hierarchisches Denken schaden dem selbstgestellten Anliegen.

https://www.salto.bz/de/article/15102017/public-historian

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