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Wir (ver)brauchen Zuwanderung!
Von der kolonialen Ausbeutung zum Brain-Drain

Nachdem ich einmal mehr über den Namen Warren Buffett im Zusammenhang mit Philanthropie gestolpert bin, Jean Ziegler unlängst in Südtirol weilte und pérvasion mich mit seinem Radikalvorschlag binnen 50 Jahren die Freizügigkeit des Personenverkehrs weltweit umzusetzen um die Ungerechtigkeit zu beseitigen begeisterte, möchte ich einen Widerspruch aufgreifen, der in der momentanen Migrations- und Integrationsdebatte anscheinend überhaupt nicht beleuchtet wird und dessen Präsenz so gut wie niemandem aufzufallen geschweige denn jemanden zu stören scheint.

Es sei mir erlaubt, zuvor jedoch ein wenig auszuholen:
Warren Buffett ist Investor. Durch das Verschieben von Geld und Aktienpaketen hat er 45 Milliarden Dollar angehäuft und gilt als drittreichster Mann der Welt. Buffett hat nichts Großartiges erfunden oder produziert. Er hatte einfach nur – wie man so schön sagt – ein gutes Näschen. Durch die ungeheuren Summen, die da verschoben wurden und immer noch werden, hatte sein Tun jedoch unweigerlich Einfluss auf die Lebenswirklichkeit zehntausender Menschen auf der ganzen Welt. Einige wenige wurden mit und durch Buffett unermesslich reich, während viele andere durch sein Handeln ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Heute wird der 80-Jährige als Philanthrop gefeiert, weil er angekündigt hat, 99 Prozent seines Vermögens wohltätigen Zwecken zukommen lassen zu wollen.

Irgendwie erinnert mich dieser Warren Buffett immer an – in Ermangelung eines besseren Ausdrucks – “den Westen”, die Industrienationen, an uns sozusagen, wenn es um die Bekämpfung der Armut und der Ungerechtigkeit in der Welt geht. In diesem Zusammenhang hat der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, folgenden mittlerweile berühmten Satz geprägt: “Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen”. Genau das denke ich mir wieder und wieder, wenn ich vom Gefeilsche um BIP-Abgabequoten auf so genannten Konferenzen zur Entwicklungsfinanzierung höre. Und genau das habe ich mir auch gedacht, als ich mehr hilflos als arrogant, den zig bettelnden Kindern in Kambodscha, Indien oder Vietnam einen Dollar Almosen verweigerte.

Solange die EU die hiesige Agrarwirtschaft mit hunderten Milliarden subventioniert und dadurch die vom Primärsektor geprägte Wirtschaft in den südlicher gelegenen Ländern ruiniert, solange durch unser Konsumverhalten die aufgrund der Beliebtheit der Hühnerbrüste überflüssigen Hühnerflügel und -schenkel zu Ramschpreisen auf afrikanischen Märkten landen und dadurch die dortigen Bauern mit ihrer frischen Ware gegenüber den verdorbenen Abfällen aus Europa das Nachsehen haben, solange im Namen US-amerikanischer Saatgutfirmen ganze Landstriche in Südamerika mit Monokulturen wie Soja, Futtermais und Ölpalmen ausgelaugt werden, während daneben Menschen verhungern, … (diese Liste ließe sich endlos weiterführen), solange ist die scheinbare Philanthropie des Westens, sind die Schuldenerlässe und die Entwicklungshilfe reiner Zynismus.

Dass man den Zynismus und schlussendlich die Menschenverachtung allerdings noch weiter treiben kann, zeigt die derzeit laufende und durch oben genannte Umstände begünstige massive Wanderbewegung, die auf sämtlichen Kanälen, in sämtlichen europäischen Staaten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit allabendlich diskutiert wird und wo sich Politiker wie Experten – einer um den anderen – mit fadenscheinigen Weisheiten hervortun. Und es dauert auch meist nicht lange, dann kommt jener Satz, auf den ich jedes Mal wieder gespannt warte und der mich ob seiner Unverfrorenheit jedes Mal wieder aufs Neue verblüfft: “Wir brauchen Zuwanderung”. Diesbezüglich sind sich ja zwischenzeitlich beinahe alle einig. Bis auf ein paar rechtsextremistische Wirrköpfe, die Zuwanderung prinzipiell aus niedrigsten – weil rassistischen und nationalistischen – Gründen ablehnen, tönt es von der Sozialdemokratie, über die Konservativen bis hin zu den Grünen: “Wir brauchen Zuwanderung”. Die einen wollen damit das Pensionssystem retten, die anderen sehen einen Fachkräftemangel der Wirtschaft bei den Höherqualifizierten und wieder andere stehen einfach nach wie vor auf “Mulitkulti”. Kaum einen scheint es zu stören, ja niemand will es bemerken, dass dieser Satz in bester europäischer Ausbeutertradition steht. Egoismus pur. Rücksichtslosigkeit par excellence. “Wir brauchen” – also holen wir es uns. Ob das dem Geholten auch zum Vorteil gereicht ist dabei einerlei.

Erinnern wir uns zurück, was Europa und später die USA bereits alles gebraucht haben. Im Selbstbedienungsladen Afrika holte man sich zugleich mit den billigen Arbeitskräften, weil Sklaven, auch gleich dessen Rohstoffe. Auch brauchten wir Siedlungsland, welches wir in Nord- und Südamerika sowie in Australien fanden und uns zu Eigen machten, obwohl eigentlich schon jemand anderer dort war. Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten wir dann Asien als schier endloses Reservoir an Humankapital. Erst machten die lieben Türken und Pakistaner die Drecksarbeit bei uns, dann brachten wir – weil’s einfacher ist und weniger Probleme bringt – die Drecksarbeit zu ihnen. Somit sparten wir uns die lästigen Umweltauflagen, die noch lästigere Integration und die stinkenden Abgase der Fabriken und hässlichen grauen Produktionshallen verschandelten fortan auch nicht mehr unser idyllisches Landschaftsbild. Nicht wenige brauchten eine Frau und holten sie sich in Thailand. Schließlich wird “unser Öl” im Nahen Osten noch mit Kriegsgewalt verteidigt und der Farmer in Brasilien gezwungen den Regenwald zu roden um unser Futtermittel und unseren Biotreibstoff anzubauen. Überspitzt ausgedrückt: Land, Arbeitskraft und Rohstoffe haben wir uns bereits genommen, jetzt holen wir uns auch noch das Hirn und die Gebärmutter.

Und ich höre schon, wie es mir entgegenschallt: “Aber das kann man nicht vergleichen. Zuwanderung ist doch ein Austausch, das ist Symbiose!” Auf individueller Ebene mag das stimmen. Der amerikanische Computerkonzern profitiert vom indischen Softwareentwickler und dieser freut sich über den höheren Lohn, den er erhält und die tolle Lebensqualität, die er genießt. Aber auf gesellschaftlicher Ebene sieht die Bilanz ganz anders aus. Die führenden, ohnehin schon reichen Gesellschaften gewinnen, die Gesellschaft im Herkunftsland der Zuwanderer verliert. Das ist nicht symbiotisch sondern parasitär. Denn einmal abgesehen von zehntausenden bewaffneten “Friedens- und Freiheitsbringern” ist mir nicht bekannt, dass Scharen aus Europa und den USA in die Gegenrichtung nach Afghanistan, Pakistan oder den Irak ziehen. Europa und die Vereinigten Staaten sind für einen Brain-Drain verantwortlich, der die Entwicklung der betroffenen Länder bereits jetzt nachhaltig schädigt. Und den Aussagen der Politiker zufolge soll dieser Hirnschmalzabfluss nun auch noch gezielt gefördert werden.

Die “qualifizierte Zuwanderung” von Facharbeitern ist schlichtweg unlauterer Wettbewerb. Die Industrienationen gleichen die Defizite ihrer Bildungssysteme, welche nicht nach dem notwendigen Bedarf Absolventen ausspucken, dadurch aus, indem sie ihre “Strahlkraft” in Form ihres erstohlenen Wettbewerbsvorteils insofern ausnützen, als dass sie die Entwicklungsländer genau dort treffen, wo es wirklich weh tut. An Arbeitskräften für die Produktion, Land und Rohstoffen mangelt es diesen ja meist nicht, sehr wohl aber am Know-how. Und das wenige wird ihnen durch den Brain-Drain der “qualifizierten Zu- bzw. Abwanderung” genommen.

Das systemimmanente Versagen unseres Pensionssystems durch Zuwanderung abfedern zu wollen, ist hingegen nicht nur dumm, sondern im höchsten Maße unmoralisch. Eine Gesellschaft, die sich durch die natürliche Geburtenrate nicht mehr selbst reproduziert und trotz höherer Lebenserwartung das Pensionsantrittsalter nicht der selbigen anpasst, hat ein gesellschaftliches und systemisches Problem, für dessen Lösung Maßnahmen getroffen und nicht bloß Symptome bekämpft werden müssen. Da sich die Geburtenrate bei Zuwanderern, wenn sie in der zweiten Generation bei uns sind und ein dem durchschnittlichen Einheimischen ähnliches Bildungsniveau aufweisen, immer mehr jener der “westlichen” Bevölkerung anpasst, ergibt sich ein Teufelskreis und die immer wieder benötigten “frischen” Zuwanderer werden de facto zu Gebärmaschinen degradiert. Sobald die Integration nämlich einigermaßen glückt und die von allen geforderte Bildung auch bei den Zuwanderern greift (was sich ja alle wünschen), sinkt auch deren Geburtenrate und deren Motivation, die Drecksarbeit zu erledigen und das Spiel beginnt von vorne, mit einer neuen ungebildeten, unterprivilegierten Zuwandererschicht.

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38 replies on “Wir (ver)brauchen Zuwanderung!
Von der kolonialen Ausbeutung zum Brain-Drain

Laut ihrem Bericht leben wir im 21. Jahrhundert, und benehmen uns ungefähr so wie die Sklaventreiber vor mehrerer hundert Jahren, oder sogar noch schlimmer, wir nehmen uns jetzt nicht mehr “nur” Bodenschätze und billige Arbeitskräfte, nein, wir haben unser Ausbeuten sogar noch perfektioniert, wir versklaven “Intelligenzia” in grossem Stil! Und warum? Aus Angst unsere priviligierte Stellung auf dem blauen Planet zu verlieren?

“Proletarier aller Länder, vereinigt Euch, um gegen das Kapital zu kämpfen” kommt mir da in den Sinn, aber ioch glaube nicht mehr daran! kann mir jemand oder etwas wieder Hoffnung geben?

Ich bin einer Meinung mit Herrn Knoflach, dass die derzeitige Weltwirtschaftsordnung mit den hohen Subventionen für die Landwirtschaft, der Ausbeutung von billigen Arbeitskräften in Massenfabriken und der Aneignung von Rohstoffen durch Multis aus den Industrieländern zu Lasten der Entwicklungsländer geht.
Da muss sich etwas ändern. Zum Beispiel werden wir bereit sein müssen, einen “fairen” Preis für importierte Waren zu bezahlen, wie es die “Dritte-Welt-Läden” vormachen, auch wenn zum Teil massive Preiserhöhungen bei den Konsumwaren in der Bevölkerung nicht auf große Zustimmung stoßen werden. Aber man muss nun mal eingestehen, dass unserer Wohlstand zu einem guten Teil auf die Ausbeutung der Entwicklungsländer beruht.

Die Schlussfolgerung, die Herr Knoflach auf die Einwanderungspolitik überträgt, ist allerdings unvollständig und wird auch durch einige kürzlich erschienene Studien bezweifelt.

Der folgende Text ist eine kurze Zusammenfassung von
http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2010/09/war-for-talents-fluch-oder-segen-fuer-entwicklungslaender/

Hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus ärmeren Regionen können in Industriestaaten ihre Fähigkeiten in bare Münze umwandeln. Doch schon das Vorhandensein der Abwanderungsoption macht Bildung attraktiver und es wird mehr in die Ausbildung investiert, womit das Bildungsniveau in den Entwicklungsländern steigt. Da nicht alle Bessergebildeten auswandern (Liebe, Familie, trotzdem einigermaßen attraktive Berufschancen im Entwicklungsland), kann es zum so genannten “Brain Gain” kommen, allerdings nur wenn dieser Effekt den Verlust durch die Auswanderung überkompensiert.

OK, dann eine zweite Ebene ist die der Studierenden. Viele Länder öffnen ihre Hochschule immer stärker für ausländische Studierende, u. a. für solche aus Entwicklungsländern. Dieser Wettbewerb um die Talente muss aber nicht unbedingt zulasten der Entwicklungsländer gehen.
Warum? Wenn es eine höhere Verbleibsquote ausländischer Studierender in den Gastländern gibt, dann lohnt es sich für die Gastländer auch entsprechend, in deren Ausbildungsqualität zu investieren (z. B. gibt es in Großbritannien spezielle Tutorienprogramme für ausländische Studierende).
Da gibt es nun eine Qualitäts-Quantitäts-Abwägung: durch die höhere Verbleibsquote im Gastland kehren weniger junge talentierte Menschen in das Heimatland zurück (Quantitätseffekt), auf der anderen Seite geht eine höhere Verbleibsquote mit einer höheren Ausbildungsqualität bei den (wenig gewordenen) Rückkehrern einher, da das Gastland eben größere Anreize hat in diese zu investieren (Qualitätseffekt).
Und dieser Qualitätseffekt kann in der Tat dominieren. Und je stärker der Wettbewerb um ausländische Studierende, umso mehr verbessert sich die Situation der Entwicklungsländer.

Fazit: das Thema muss von verschiedenen Seiten beleuchtet werden.

Größtenteils kann ich den Ausführungen von Harald zustimmen, allerdings ist mir der Ansatz zu “puristisch”. Für mich kann man diese “unlauteren” Wanderungsbewegungen niemals ganz unterbinden, es würde auch keinen Sinn machen. Es ist nicht lange her, da sind auch viele Südtiroler ins Ausland gegangen, heute noch finden viele Akademiker keine adäquaten Job in unserem Land, ähnlich verhält es sich bei Studierenden aus ärmeren Länder. Viele kehren aber früher oder später zurück und versuchen gerade in ihrem Land was aufzubauen. Es ist nicht in erster Linie Schuld des Westens, wenn wir Hochqualifizierte abschöpfen, vielmehr ist dir rechtliche und wirtschaftliche Lage in den Heimatlädnern ausschlaggebend für die Rückkehrwilligkeit. Beipielsweise kehren seit 1-2 Jahren mehr Türken wieder in ihre Heimatländer zurück, als von dort auswandern. Die Rückkehrer sind nicht nur Rentner, sondern auch viele hochqualifizierte und motivierte junge Menschen, die in der Türkei etwas aufbauen wollen. Hier profitiert die Türkei klar von den Reformen und die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land.
Gerade die USA hat sich in den letzten Jahrzehnten schamlos weltweit die Hochqualifizierten abgeschöpft, auch weil im eigenen Land das Schulwesen nicht genug Ingenieure und Wissenschaftler hervorbringt. Zusammen mit einer hegemonialen Aussenpolitik würde ich auch Harald zustimmen, dass die USA die übrige Welt (auch aus Europa sind viele abgewandert) ausgenutzt hat. Bei uns in Europa würde ich das nicht so extrem sehen. Entscheidend ist nicht, ob wir die Besten aus anderen Ländern bei uns studieren und arbeiten lassen, sondern dass in den Herkunftsländern die rechtliche und ökonomische Situation derart gestaltet ist, dass es attraktiv ist dort zu bleiben. Daran sollen wir arbeiten, auch indem wir Handelsschranken beseitigen bzw. wettbewerbsverzerrende Subventionen (Landwirtschaft) abbauen. Dies sollten die ersten Schritte sein.

@ jonny

aber ich glaube nicht mehr daran

die banane aus der karibik kostet weniger als der apfel aus dem vinschgau. eine colafabrik in indien entzieht dem boden soviel grundwasser, dass die umliegenden bauern ihre felder nicht mehr bewässern können, ja nicht einmal deren familien genügend wasser zum trinken haben. giftiger elektroschrott wird mit schiffen aus europa nach nigeria verfrachtet, wo er dann “fachgerecht” entsorgt wird. öltanker fahren unter liberianischer oder panamaischer flagge, damit sie sich die auflagen ersparen …

http://www.workingmansdeath.at
http://www.letsmakemoney.at
http://www.we-feed-the-world.at
http://www.darwinsnightmare.com

@ phoenixblob
mein aufsatz ist bewusst sehr überspitzt formuliert. natürlich gibt es auch das phänomen des brain-gains. freilich kann zuwanderung auch befruchtend sein. und selbstverständlich tangieren meine ausführungen grundrechte wie jenes auf asyl in keiner hinsicht.

mir ging es jedoch mehr darum zu zeigen, dass “der westen” auf der einen seite milliarden für entwicklungshilfe ausgibt, auf der anderen seite jedoch skrupellos und nach dem motto “koste es, was es wolle” vorgeht, wenn es um die erhaltung des eigenen lebensstandards (wohlgemerkt nicht des lebens) geht. “wir brauchen zuwanderung” wird nicht gesagt, weil wir den entwicklungsländern langfristig einen brain-gain verschaffen wollen. wir würden es auch sagen, wenn damit ausschließlich negative effekte für die betroffenen länder einhergingen. quintessenz: es geht nicht darum, ihnen mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen!!!

@ succus
wie in meiner antwort auf phoenixblob bereits gesagt. gänzliches unterbinden von zuwanderung ist nicht gemeint.

Es ist nicht in erster Linie Schuld des Westens, wenn wir Hochqualifizierte abschöpfen, vielmehr ist dir rechtliche und wirtschaftliche Lage in den Heimatlädnern ausschlaggebend für die Rückkehrwilligkeit.

ich glaube nämlich schon, dass unsere wirtschaftspolitik zu einem nicht unerheblichen teil schuld an der situation in diesen “heimatländern” ist. fakt ist auch, dass hochqualifizierte rückkehrer – speziell in afrika – dann wiederum für westliche großkonzerne arbeiten. fakt ist ebenso, dass aufgrund der hierarchischen strukturen in vielen entwicklungsländern vielfach mitglieder der korruptionsanfälligen elite die “hochqualifizierten” sind und deren macht auf den verbindungen zu den westlichen konzernen und regierungen fußt. bestes beispiel ist saudi arabien. um nichts weniger ein “schurkenstaat” als iran oder syrien. nur haben die dortigen machthaber und unternehmer die richtigen freunde.

Du bringst es auf den Punkt. Sicherlich beeinflusst unsere Wirtschaftspolitik massiv die Entwicklung dieser Länder. Gleichzeitig gibt es in vielen Ländern nicht den Willen, eine menschenfreundliche und nachhaltige Wirtschaftspolitik zu betreiben. An allem sind wir nicht schuld, das wäre zu bequem. An dieser Stelle müsste man eigentlich eine Diskussion über die Faktoren einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik nachdenken, was allerdings den Rahmen hier sprengen würde. Tatsache ist, es gibt sehr viele, angefangen beim Klima, Kultur, Religion usw. Einen für mich faszinierenden Blick auf die Entwicklung und Scheitern von Gesellschaften hat Jared Diamond in seinem Buch “Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen” aufgezeigt. Sehr lesenswert!

@ succus
bin deiner meinung. “der westen” kann nicht verantwortlich dafür sein, dass politiker in nigeria korrupt sind. der westen hätte jedoch die macht, sich auszusuchen, mit wem er kooperieren möchte. da diese konsequenz jedoch mit “bequemlichkeitseinschränkungen” einher gehen würde, wird es nicht gemacht.

in saudi-arabien werden auch frauen gesteinigt. (Im November 2006 wurde in Saudi-Arabien eine Witwe von einem Gericht in der Stadt Hail im Norden Saudi-Arabiens zum Tod durch Steinigung verurteilt. Die Frau hatte sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes ein Kind zur Welt gebracht. aus: http://europenews.dk/de/node/3838). doch kann ich mich nicht erinnern, dass dies je einen ähnlichen aufschrei verursacht hat, wie im jüngsten fall im iran. wie gesagt, die richtigen freunde. außenministerin clinton wird sich hüten, saudi-arabien offziell zu verurteilen.

das problem ist, dass unterschiedliche maßstäbe angelegt werden und man dadurch unglaubwürdig wird.

wenngleich umweltfrevel in entwicklungsländern unheimliche ausmaße annehmen, haben wir sogar auf diesem gebiet ein glaubwürdigkeitsproblem. denn die co2-belastung und der dadurch verursachte treibhauseffekt liegt zu einem großen teil in der verantwortung des westens (hat aber einfluss auf die lebensqualität auf der ganzen welt). die erde würde leicht 8 milliarden afrikaner vertragen. wenn aber alle 8 milliarden so leben würden, wie wir europäer oder amerikaner wäre der planet wohl schon längst kollabiert. oder wenn allein china jene dichte an pkw haben würde wie die westliche welt. es ist in unserer position dann schwierig jemandem weiszumachen, dass er auf die umwelt schauen soll bzw. die pkw-zahl unter kontrolle halten muss.

die banane aus der karibik kostet weniger als der apfel aus dem vinschgau. eine colafabrik in indien entzieht dem boden soviel grundwasser, dass die umliegenden bauern ihre felder nicht mehr bewässern können, ja nicht einmal deren familien genügend wasser zum trinken haben. giftiger elektroschrott wird mit schiffen aus europa nach nigeria verfrachtet, wo er dann ”fachgerecht” entsorgt wird. öltanker fahren unter liberianischer oder panamaischer flagge, damit sie sich die auflagen ersparen …

Und das soll mir Hoffnung geben auf eine bessere und gerechtere Welt?

wenngleich umweltfrevel in entwicklungsländern unheimliche ausmaße annehmen, haben wir sogar auf diesem gebiet ein glaubwürdigkeitsproblem.

Das würde ich auch sagen, denn wieviele dieser Umweltfrevel sind denn hausgemacht und wieviele vom Westen importiert. ohne dass die Völker auch nur einen Cent davon haben, siehe Ölkatastrofe im Nigerdelta, Ölboom in Angola, usw.
Die westlichen Frimen und ein paar geschmierte Regierungsbeamte verdienen sich blöd, und das Volk kann dann mit dem Dreck überleben.

Ach und noch was, solange es “Warren Buffets” in unserer modernen Welt gibt, die mit “Geldverschieben” so viel Geld verdienen können, rechtlich ganz egal und von allen bewundert, statt aus ethischen Gründen verurteilt, wird sich ganz sicher nichts ändern!!

Wie schwierig es ist, die richtige Entwicklungspolitik zu finden, sieht man auch am Beispiel Äthiopien. Trotz korrupter Politiker wird weiterhin Geld reingepumpt, obwohl das Land sich bestens selbst ernähren könnte. Würde aber keine Entwicklungshilfe geleistet, würden wieder einmal die Ärmsten der Armen am meisten gestraft. Die Chinesen haben ihre eigene Auffassung von Entwicklungshilfe, sie scheren sich nicht um korrupte Regierungen, sondern pachten Land und bauen im Gegenzug Infrastruktur auf. Was letztlich besser ist, darüber müsste man noch diskutieren. Unser westlicher Blick und Maßstäbe sind manchmal nicht besser als die moderne Kolonialisierungspolitik der Chinesen. Wie oft in der Politik: Keiner macht es richtig, aber allein von gutgemeinten Ideen oder Ideologien wird niemand satt.
http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-10/Aethiopien-Missbrauch-Entwicklungshilfe

@succus
Einen für mich faszinierenden Blick auf die Entwicklung und Scheitern von Gesellschaften hat Jared Diamond in seinem Buch ”Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen” aufgezeigt. Sehr lesenswert!

Dein Buch steht immer noch bei mir im Regal – in der Tat sehr lesenswert. Mir schwant nichts Gutes bei unserer Lebensweise.

Brauchen wir wirklich Zuwanderung?

In Österreich leben heute 8.4, in der Schweiz 7.5, in Deutschland 82 und in Südtirol 0.5 Millionen Menschen – mehr als jemals zuvor auf der Fläche, auf der heute dieser Staaten bestehen (mal abgesehen davon das Südtirol kein Stadt ist) gelebt haben. Für mich stellt sich die Frage wie viele Menschen können wir in Europa überhaupt aufnehmen? Wenn zum Beispiel die Zuwanderung in der Schweiz so weiter geht gibt es in absehbarer Zeit 12 Millionen!!!!!! Einwohner in diesem kleinen gebirgigen Land.

Qualifizierte Zuwanderer sind an den meisten Europäischen Ländern nicht interessiert (bis auf Ausnahmen wie Norwegen oder die Schweiz). Unqualifizierte Arbeiter die weder unsere Sprache sprechen noch sonst eine anspruchsvolle Arbeit verrichten können sind im Endeffekt nur eine Belastung für unser Sozialsystem und beschleunigen nur dessen Klaps – auch man es nicht wahrhaben will.

Mein drittes Argument wird sicher als rassistisch und Ausländerfeindlich abgetan – aber es ist nun mal eine Tatsache dass, das zusammenleben zu verschiedener Völker nicht funktioniert – siehe Jugoslawien, Österreich-Ungarn, UdSSR, … – selbst sehr ähnliche Volker haben oft ihre Schwierigkeit, z.B. englische und französische Kandier, Wallonen und Flamen oder Tiroler und Italiener.

Da viele Europäische Länder Heute schon einen sehr hohen Zuwandereranteil haben (Ö, D – 15 bis 20 % / CH – 30 bis 35 % / Lux – über 50 % ) und Andere aufgrund ihrer sehr lockeren Einbürgerungspolitik (z.B. Niederlande, Belgien, Schweden, Frankreich oder UK) heute nicht mal mehr wissen wie viele Zuwanderer in ihrem Land leben ist auch hier meiner Meinung nach die Grenze längst Erreicht. Die Probleme in den Städten mit vielen Ausländern (Wien, Zürich, Berlin, Bozen, London, Paris, …) sind heute schon gravierend, aber viele linke Träumer wollen sie nach wie vor nicht sehen.

Zuwanderung schafft mehr Probleme als sie löst (wenn sie überhaupt welche löst), außerdem kann eine weltweite Niederlassungsfreiheit nicht funktionieren, den das kleine Europa hätte kaum Platz für die Milliarden Asiaten und Afrikaner die hier leben wollen.

Wir brauchen keine Zuwanderung in diesem Ausmaß, das ist meine Meinung und ich denke auch die Meinung der großen Mehrheit der Europäer.

Selbst Massenzuwanderung, wie wir sie in Europa erleben, kann unter Umständen tatsächlich funktionieren.
Hauptsächlich müsste dazu der Sozialstaat derart zurückgefahren werden, dass die Menschen zur Eigeninitiative motiviert werden. Dann wird Integration schon aus monetären Gründen für jeden Zuwanderer selbst zur Notwendigkeit.

@ voeger
es ist genau diese art von argumentation, die ich mit meinem artikel nicht heraufbeschwören wollte, denn sie ist genauso oberflächlich wie jene der “linken träumer”, die du kritisierst.

ich bin nämlich der meinung, dass sämtliche momentan kursierenden vorschläge zum thema migration, seien sie linker oder rechter natur, der komplexität des phänomens nicht gerecht werden. symptom und effekt statt ursache und wirkung scheint im moment die devise zu sein.

deine argumentation läuft darauf hinaus, den “kampf” auf dem rücken armer menschen auszutragen. aber menschen dürfen nie als “problem” angesehen werden. es sind systeme und handlungen, die probleme verursachen. “grenzen dicht” löst gar nichts. es bekämpft ein symptom während es im hintergrund probleme sogar noch verschärft.

schade, dass du meinen aufsatz nicht in dieser hinsicht interpretiert und verstanden hast.

@ PV:

Mit den Maßnahmen kann das Pendel aber auch in die kriminelle Richtung schlagen, nichtsdestotrotz finde ich es einer der wirkungsvollsten Maßnahmen Einwanderer schnell zu integrieren…

Harald Knoflach

Du sagst ich habe Deine Ansätze falsch interpretiert – aber das Problem ist das es eben nur Ansätze sind.

Niemand der Zuwanderung will hat wirklich eine Antwort auf meine Fragen.

Wie will man diese Menschen integrieren?

Wie will man langfristig ein friedliches zusammenleben von Menschen mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen gewährleisten?

Wo sollen diese Menschen leben? (wir haben nicht diese fast unendliche Fläche wie Kanada oder die USA)

Denn wenn die multikulturelle Gesellschaft da ist und wir nur noch eine Minderheit im eigenen Land sind ist es zu spät darüber nachzudenken.

Im übrigen sollte in einer Demokratie die Mehrheit entscheiden – und die Mehrheit will nun mal keine solche Zuwanderung wie sie zur Zeit passiert.

@voeger
du sprichst mir aus der Seele. Die Frage die man sich zuallerst stellen müsste ist tatsächlich, ob wir denn wirklich noch weitere Zuwanderung brauchen? Und deine Argumente sind allesamt stichhaltig, freut mich daß mal ein anderer sowas sagt, bei mir hätts sofort wieder “verbale Prügel” gesetzt.

@ PV
das klingt verdammt nach roger köppel (dem chefredakteur der schweizerischen “weltwoche”). der vorschlag macht mir angst. er hieße nämlich, dass wir (europa) unser system aufgrund eines “externen” einflusses verändern und amerikanische gesellschaftsverhältnisse akzeptieren würden.

@ voeger
bitte lies dir meine ausführungen nochmal genau durch, denn sie sind sehr konkret und ich habe sehr wohl eine antwort auf deine fragen. danach hören wir uns nochmal, denn deiner stellungnahme entnehme ich, dass du total missverstanden hast, was ich geschrieben habe.

wenn ich dich hingegen richtig verstehe, diagnostizierst du: es kommen zu viele zuwanderer. sie lassen sich nicht integrieren. also müssen wir dicht machen, bevor wir eine minderheit im eigenen land sind.

mein lösungsvorschlag packt das problem hingegen an der wurzel:
dass menschen in scharen ihre heimat, in der alles gewohnt ist, verlassen, ist unnatürlich. ein gewisses maß an bewegung hat es zugegebenermaßen immer gegeben. menschen sind aus neugier, abenteuerlust, verfolgung und anderen gründen zu neuen ufern aufgebrochen. das ist normal. aber die quasi-entvölkerung ganzer regionen ist nicht normal. es braucht einiges, dass menschen sagen: hier haben wir keine zukunft. wir gehen. deshalb geht es darum, die gründe zu beseitigen, warum diese massenbewegungen stattfinden und nicht das symptom zu bekämpfen.

grenzen dicht machen, die menschen in den entwicklungsländern und deren arbeitskraft aber weiterhin ausnützen und ihnen die rohstoffe stehlen verstärkt das problem nur und irgendwann kommt der big bang. oder um es frei nach volker pispers zu sagen: “wir wundern uns, dass wir bomben unter den arsch gelegt kriegen? wann fangen wir uns an zu wundern, warum es so wenige sind!”

die filme “let’s make money” und “we feed the world” geben einen guten einblick in die materie, die ich in meinem aufsatz beschreibe.

@voeger

Schau dir mal die Menschheitsgeschichte an, die ist geprägt von Zu- und Abwanderungen, Vermischungen von Kulturen, Sprachen usw. Wir haben meist einen zu statischen Blick auf die Geschichte, was gerade abläuft ist für mich völlig normal und wird mit einem gewissen zeitlichen Abstand auch so von Historikern intepretiert werden. Ungleichgewichte tendieren nicht nur in der Physik zum Ausgleich, die Ausbreitung und Eroberung von Territorien in der Menschheitsgeschichte war eine wesentliche Triebkraft für die Entstehung von Zivilisationen. Auch wenn es uns nicht passt, Überbevölkerung und Armut auf der einen Seite, Reichtum und Bevölkerungsrückgang auf der anderen Seite führen unweigerlich zu Ausgleichsprozessen. Ob es uns gefällt oder nicht.

@voeger

Qualifizierte Zuwanderer sind an den meisten Europäischen (sic) Ländern nicht interessiert (bis auf Ausnahmen wie Norwegen oder die Schweiz). Unqualifizierte Arbeiter die weder unsere Sprache sprechen noch sonst (sic) eine anspruchsvolle Arbeit verrichten können sind im Endeffekt nur eine Belastung für unser Sozialsystem und beschleunigen nur dessen Klaps (sic) – auch man (sic) es nicht wahrhaben will.

Siehe hier.

@ anonym/voeger

teifl eini, iatz glab i’s nocher!
ein letztes mal zum mitschreiben. wenn ich eine massenhafte migration eindämmen möchte, dann muss ich die gründe bekämpfen, warum diese wanderbewegung passiert. ich kann mich nicht hinstellen und versuchen, die massen aufzuhalten. das geht nicht. ich steh dann ungefähr so auf verlorenem posten, wie die polizei beim unglück auf der loveparade.

das ist doch nicht so schwer zu verstehen: wenn aufgrund eines feuers in einem dorf in eine massenpanik ausbricht und die leute versuchen, in ein anderes dorf zu flüchten, dann würdet ihr euch – nach eurer logik – in eurem dorf verbarrikadieren. mir erscheint es hingegen logischer und auf lange sicht für beide seiten gewinnbringender, das feuer zu löschen.

@ Knoflach

Es muss nicht darauf hinauslaufen, dass man auf amerikanische Verhältnisse rekurriert. Es reicht, dass übertriebene Auswüchse, die den sozialstaatlichen Gedanken pervertieren, korrigiert werden.

Tatsächlich führt der großartige Roger Köppel diesen Gedanken z.b. in folgenden Sendungen – vielleicht manchmal etwas zu pointiert, aber immerhin – aus:

http://www.youtube.com/watch?v=o0mOIfy6Ve0

daserste.ndr.de/annewill/videos/annewill2375.html

@ anonym/voeger

damit’s ein bissi griffiger wird, hier ein paar vorschläge, die mir spontan einfallen, wie man zuwanderung eindämmen kann (kommt uns auf dauer sogar billiger, als unsere grenzen mit ungeheurem aufwand zu sichern und uns vor terrorismus zu schützen. irgendwann ist nämlich noch jede festung gefallen):
– agrarsubventionen mehr oder weniger abschaffen
– kostenwahrheit im transport herstellen (verursacherprinzip)
– fischfang mit schleppnetzen verbieten
– verbot von hybrid und terminator saatgut (patent auf leben)
– körperschaftssteuer harmonisieren
– weltbank und iwf endlich reformieren (subvention, kreditvergabe, handelsbeschränkungen …)
– bankgeheimnis abschaffen

@ PV
stimme ich nicht zu. köppel ist ja indirekt ein repräsentant jener neoliberalen (oder neokons) kreise, die uns die ganze sauce eingebrockt haben. er ist ein unterstützer blochers, welcher – wenn ich recht informiert bin – ein bilderbergler ist.

daher finde ich es pervers, wenn ein exponent einer philosophie, die den europäischen sozialstaat in die schwierige lage gebracht hat, in der er sich heute befindet, sich für ein “rückfahren” desselben ausspricht, um jene probleme zu bekämpfen, die seine eigene philosophie verursacht hat.

@ Knoflach
” agrarsubventionen mehr oder weniger abschaffen
– kostenwahrheit im transport herstellen (verursacherprinzip)
– fischfang mit schleppnetzen verbieten
– verbot von hybrid und terminator saatgut (patent auf leben)
– körperschaftssteuer harmonisieren
– weltbank und iwf endlich reformieren (subvention, kreditvergabe, handelsbeschränkungen …)
– bankgeheimnis abschaffen”

Inwiefern würden diese Vorschläge zu einer vernünftigen Regulierung der Massenzuwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen aus fremden Unterschichten führen?

Harald Knoflach

Die Probleme der so genannten “dritten Welt” (ich mag den Ausdruck nicht) zu lösen um die Massenzuwanderung nach Europa zu stoppen ist eine nette Idee, aber ich glaube nicht das es möglich ist!

Z.B. die Agrarsubventionen in Europa zu streichen würde zum Zusammenbruch der Landwirtschaft führen. Die Bauern arbeiten heute schon zu einem Stundenlohn zu dem fast kein anderer Arbeiter in einem westlichen Industrieland arbeiten würde. Ich weis von was ich rede da meine Eltern einen Bauernhof im Innviertel betreiben. Dieser Hof wird wie viele Andere, wenn meine Eltern in Pension gehen, nicht weiterbetrieben werden – da weder ich noch meine beiden Brüder ihm unter den derzeitigen Bedienungen weiterführen wollen.

Die großen Probleme der “dritten Welt” wie Naturkatastrophen, Konflikte zwischen den einzelnen Völker, ungerechte Verteilung zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen,… sind nicht so einfach zu lösen – ich wüste nicht wie.

Die Grenzen dicht zu machen ist vielleicht eine schlechte Idee – aber ich wüste auch keine bessere!

@ voeger

natürlich ist es schwierig. aber wenn wir langfristig denken würden, müssten schritte in diese richtung getätigt werden. denn ich bin überzeugt, dass abschottung das pulverfass irgendwann explodieren lässt.

ad agrarsubventionen: daher hab ich auch geschrieben “mehr oder weniger”. um ausgleichszahlungen in gewissen bereichen werden wir nicht umhinkommen. aber wenn ich höre, dass red bull 9,5 millionen euro agrarförderung von der eu bekommt oder wenn riesige industrielle tomatenanbaubetriebe in südspanien millionen bekommen und mit ihren produkten den afrikanischen markt überschwemmen und zerstören, dann ist es schon legitim, diese subventionspolitik zu überdenken.

alles was ich vorgeschlagen habe hängt natürlich miteinander zusammen. d.h. wenn die subventionen abgeschafft, gleichzeitig aber auch kostenwahrheit im transport hergestellt werden würde, dann täte das zu einer regionalisierung der märkte führen. dies wiederum würde auch den preis, den die bauern für ihre produkte erzielen können, erhöhen. und so weiter und so fort. das maßnahmenbündel, von dem ich geschrieben habe, ist nicht ganz undurchdacht. in kombination würde das schon alles sinn machen.

Diejenigen, die — indem wir sie ausbeuten — hinter unsrer schönen, verlogenen Kulisse dafür sorgen, dass wir weit über unseren Verhältnissen leben können, sollen bitte nicht den Anspruch erheben, nach vorn auf die Bühne zu kommen und mitzuspielen. Wir würden das als Schmarotzertum empfinden.

@ PV

“Inwiefern würden diese Vorschläge zu einer vernünftigen Regulierung der Massenzuwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen aus fremden Unterschichten führen?”

das ist natürlich recht komplex und so in ein paar zeilen nicht zu erklären. aber ich versuch’s sehr vereinfachend darzustellen, um dir eine idee zu geben:

– agrarsubventionen mehr oder weniger abschaffen

in entwicklungsländern arbeiten 60 bis 90 prozent der bevölkerung im primären wirtschaftssektor (urproduktion). in österreich beträgt der anteil der erwerbstätigen in diesem sektor beispielsweise 0,8 (!!!) prozent. durch die milliarden(export)subventionen der eu und auch der usa wird es möglich, dass westliche agrarprodukte auf märkten in den entwicklungsländern ein drittel von dem kosten, was dort einheimische produkte kosten. du kannst dir vorstellen, wievielen menschen das die lebensgrundlage zerstört und dass ihnen wenig anderes übrig bleibt, als auszuwandern.

– kostenwahrheit im transport herstellen (verursacherprinzip)

speziell lebensmittel von weit her sind bei uns viel zu billig. das ist nur möglich, da der transport zum beispiel bei tomaten aus spanien nur knapp ein prozent des verkaufspreises ausmacht. daher lohnt es sich auch, lebensmittel zum waschen, schälen und dergleichen, quer durch europa zu karren. würde es kostenwahrheit geben, könnten erstens regionale produkte auch preislich konkurrenzfähig bleiben und zweitens würde sich das exportieren in arme länder nicht mehr so sehr rechnen.

– fischfang mit schleppnetzen verbieten

diese art von fischfang zerstört die lebensgrundlage tausender menschen, einziger verwendungszweck für die boot der ehemaligen fischer ist es, sie an schlepper zu verkaufen, die wiederum tausende flüchtlinge in abenteuerlichen fahrten übers mehr nach europa bringen.

– verbot von hybrid und terminator saatgut (patent auf leben)

weltweit sind hundertausende bauern in den entwicklungsländern in abhängigkeit von saatgutfirmen wie monsanto, die die bauern in einen teufelskreis hineinmanövriert haben und quasi erpressen. den bauern wird versprochen, dass ihnen die ernte zu einem fixpreis abgenommen wird. bedingung ist aber, dass sie deren terminator oder hybridsamen verwenden, die pflanzen produzieren, die sich nicht weitervermehren lassen und die gegen bestimmte pestizide resistent sind. die bauern müssen erstens also jedes jahr saatgut kaufen (das natürlich immer teurer wird), sind auf das pestizid der meist gleichen firma angewiesen und produzieren nicht für den gebrauch der menschen vor ort, sondern für die bedürfnisse der fleischsüchtigen industrieländer (futtermittel). die monokulturen laugen die böden aus. die menschen leiden hunger, obwohl sie hektarweise futtermais und ähnliches ernten. was glaubst du, was diese menschen noch in ihren ländern hält?

– körperschaftssteuer harmonisieren

eine harmonisierung wurde den standortwettlauf (wer macht’s billiger, mit weniger auflagen usw.) wenigstens zum teil einbremsen. dazu bräuchte es natürlich noch eine starke aufsichtsbehörde, die die produktionsabläufe der großkonzerne überprüft. insgesamt könnte das aber zu einer verbesserung der situation auf dem sekundären sektor beitragen und vielen menschen eine lebensgrundlage verschaffen.

– weltbank und iwf endlich reformieren (subvention, kreditvergabe, handelsbeschränkungen …)

zu komplex um es hier auszuführen. nur ein beispiel: die kreditvergabe durch obige organisationen an entwicklungsländer ist meist mit strengen strukturreformauflagen verbunden. diese auflagen orientieren sich an den standards in den industrienationen und werden der gesellschaftsstruktur im entwicklungsland nicht gerecht. um die immer größer werdenden zinsen zahlen zu können, greifen die regierungen in den entwicklungsländern zu fatalen mitteln, deren auswirkungen sie noch zu spüren bekommen werden. beispielsweise enteignen quadratkilometerweise land und verkaufen bzw. verpachten es an ausländische investoren. bauern werden vertrieben. stattdessen wird weizen für indien, china, europa oder die usa angebaut. die zinslast frist in manchen ländern einen großteil des staatshaushaltes.

– bankgeheimnis abschaffen

ein hauptproblem der entwicklungsländer sind neben den raubzügen der industrieländer die eigenen eliten im land, die mit den ausbeutern kooperieren. durch die zusammenarbeit mit dem “westen” schaffen es diese eliten, jegliche reform- oder demokratisierungsbewegung im keim zu ersticken. eine abschaffung des bankgeheimnisses würde so manchem despoten seine “herrschaft” erschweren.

Ich glaube nicht, dass durch diese Maßnahmen jene Zuwanderung, die – beobachtet man die durch Sarrazin angestoßenen Debatte – als problematisch empfunden wird verringert würde.
Es schon begreiflich, dass etwa Türken, die aufgrund von internationalen Abkommen unter bestimmten Umständen einen rechtlichen Anspruch darauf haben nach Deutschland oder Österreich zu ziehen dies auch machen. Schon deswegen, weil der Sozialstaat hier ein größerers Einkommen in Form von Arbeitslosenunterstützungen garantiert als die Zuwanderer in der Türkei durch Arbeit in das Verdienen bringen würden.
Die oben genannten Maßnahmen würden in erster Linie die heimischen Volkswirtschaften schädigen und Arbeitsplätze gefährden.

@PV

bezüglich der türken gebe ich dir recht. die türkischen strukturen in deutschland sind schon derart gut ausgebaut, dass man als türke in deutschland wie in der türkei leben kann. gepaart mit den wirtschaftlichen und sozialen voraussetzungen ist das dann natürlich anziehend. nur glaube ich auch, dass die türken auf lange sicht nicht das “problem” (wie gesagt, menschen sind keine probleme) sind. das dicke ende kommt nämlich noch, wenn wir so weiter machen.

was man aber auch sagen muss ist, dass auswanderer im allgemeinen einer art retardierung unterliegen. wer schon mal im raum istanbul war, weiß was ich meine. die gesellschaft dort ist nämlich den auswanderern was die gesellschaftliche entwicklung betrifft um jahre wenn nicht jahrzehnte voraus. das ist aber kein alleinig türkisches phänomen. zum beispiel gibt es in südamerika viele tiroler auswandererdörfer (pozuo, dreizehnlinden, dorf tirol usw.). auch dort ist diese retardierung erkennbar. die anaphabetenrate unter den “tirolern” in südamerika ist beispielsweise überdurchschnittlich hoch.

“Die oben genannten Maßnahmen würden in erster Linie die heimischen Volkswirtschaften schädigen und Arbeitsplätze gefährden.”
das mag schon sein. aber langfristig gibt es keine alternative – sowohl aus moralischer als auch aus wirtschaftlicher sicht. es ist nun mal ein faktum, dass wir weit über unsere verhältnisse leben und dies auch noch auf kosten anderer tun, die das vielfach sogar mit dem leben bezahlen. was heißt denn die “heimischen volkswirtschaften schädigen”? Dass wir nur mehr zweimal statt dreimal im jahr in den urlaub fahren können und der hd-fernseher erst nächstes jahr gekauft werden kann? dass das wirtschaftswachstum unter einem prozent bleibt? (bleibt noch die frage: wie clever ist ein system, dass nur funktioniert, wenn es konstant wächst und in dem ein “nullwachstum” schon eine wirtschaftliche katastrophe darstellt?) ich weiß nicht ob und wie ausgiebig du schon in ländern wie brasilien, vietnam, indien, kambodscha, indonesien, china und dergleichen unterwegs warst. ich für meinen teil hab monatelang, tag für tag mit eigenen augen gesehen, was unser verhalten anrichten kann. (und dabei war ich noch nicht einmal in afrika). es hat mich erschreckt und beschämt zugleich. und daher ist ein argument wie “heimische volkswirtschaft schädigen” für mich ein hohn. es ist so als ob ein bankräuber sagen würde “was soll das heißen, ich soll das geld zurückgeben? dann kann ich mir ja meine villa und meinen porsche nicht mehr leisten!”.

Man kann hier alles schreiben, aber nur eines ist sicher: 5 Milliarden arme Menschen wollen so leben wie 2 Milliarden reiche Menschen, und das kann unsere Erde nicht aushalten!! Also müssen wir “Reichen” entweder einige Schritte zurückschalten, um den “Armen” das Überleben zu sichern; oder wir lassen sie in unserem Egoismus weiterverhungern wie bisher, bis der grosse Knall kommt!

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