Toponomastik — nüchtern betrachtet.

von Harald Knoflach/Aglio/Garlic

Politiker und Kommentatoren aller Couleurs echauffieren sich darüber, dass pünktlich zum Sommerbeginn die Toponomastikdiskussion wieder aufflammt. Eine Lösung ist trotz entsprechenden Landesgesetzes nicht absehbar. Der Ball liegt mittlerweile wieder bei und in Rom. Solange die Toponomastikfrage eine ethnische bleibt, werden entweder Lösungen vorgeschlagen, die von der jeweils »anderen Ethnie« niemals akzeptiert werden können oder es kommt schlussendlich doch zu einem faulen Kompromiss, der keinen logisch nachvollziehbaren Kriterien folgt. Beides sind nicht gerade vielversprechende Aussichten. Daher wollen wir die Frage der Toponomastik einmal nicht von einem ethnischen Standpunkt aus betrachten (im Ursprung ist es nämlich gar keine ethnische Frage).

Wir müssen zunächst aufhören, von deutschen und italienischen Ortsnamen (von »ladinischen« redet leider ohnehin fast nie jemand) zu sprechen. Viele »deutsche« Orts- und Flurnamen in Südtirol sind nicht »deutsch«. Sie sind ladinisch bzw. rätoromanisch oder gar keltisch (von Kastelbell bis Naturns und tausende weitere). Zudem müssen wir Offizialität von Gebrauch und Endonyme von Exonymen unterscheiden.

Ein paar Beispiele zum besseren Verständnis:

Die größte Stadt Bayerns ist München. Von Italienischsprachigen wird sie »Monaco«, von Englischsprachigen »Munich« und von Dialektsprechern »Minga« genannt. Offiziell ist nur das endonyme München. In Gebrauch sind also viele Bezeichnungen, doch niemand fordert, Exonyme wie »Monaco« oder »Munich« auf die Ortstafel oder das offizielle Briefpapier der Stadt zu schreiben.

Die größte Stadt der Lombardei heißt Milano. Wir deutschsprachigen sagen »Mailand« dazu. Wir haben Landkarten, auf denen Mailand steht und finden sogar dorthin, obwohl auf keinem Hinweisschild in Italien »Mailand« zu lesen ist, sondern richtigerweise nur Milano.

Prozentuell leben in Milano mehr Deutschsprachige als Italienischsprachige in Martell (dort sind es nämlich genau 0,00 Prozent). Dennoch genießt in Martell die demnach exonyme Bezeichnung »Martello« Offizialität. Der einzige Grund, warum in Milano nicht »Mailand« am Ortsschild steht (was es natürlich auch nicht soll) und in Martell aber sehr wohl »Martello«, liegt in der Logik des Nationalstaates, die meines Erachtens eine falsche ist und die Namensfrage erst zu einer ethnischen macht.

In der ganzen Toponomastik-Diskussion geht es um nichts anderes als die Offizialität der Namen. Es wird nichts verboten oder ausgelöscht, denn den (exonymen) Gebrauch kann ich nicht vorschreiben oder beeinflussen. Exonyme wie endonyme Namen können sich auch ohne Offizialität in Gebrauch halten, wie meine Beispiele zu München und Milano belegen. Ahornach zum Beispiel wird von den meisten Einheimischen seit jeher »Fochina« genannt, und Latzfons heißt »Flatzpis«.

Offizialität sollten jedoch nicht zuletzt nach UNO-Richtlinien (aber auch nach den Gesetzen der Logik) nur endonyme Bezeichnungen haben. Daher hat man auch beispielsweise in Australien, Grönland, Südafrika, Katalonien und anderen Orten vielen exonymen Bezeichnungen die Offizialität entzogen. Ayers Rock heißt nach über 200 Jahren wieder Uluru, Godthà¥b heißt Nuuk und Pietersburg heißt Polokwane.

Ab wann eine Bezeichnung als endonym und nicht exonym gilt, ist Auslegungssache. (Meist spricht man — bzw. die UNO — ab einem Bevölkerungsanteil von 10 Prozent, der eine Bezeichnung verwendet, von endonym). Es ist meines Erachtens also überhaupt nicht einzusehen, warum das ladinische La Val zwei (!) offizelle (!) exonyme (!) Bezeichnungen braucht. In La Val leben nämlich nur 1,53 Prozent Deutschsprachige, die »Wengen« verwenden und 0,81 Prozent Italienischsprachige, die »La Valle« sagen. Offiziell sollte nur La Val sein. Das hindert aber niemanden daran, »Wengen« oder »La Valle« zu sagen, und diese Namen auch auf eine Landkarte zu schreiben.

Man könnte nun einwenden: »Aber wenn wir nun ganz Südtirol hernehmen, dann sind ‚Wengen’ und ‚La Valle’ sehr wohl Endonyme.« Ich glaube erstens, dass die Namensfrage von den unmittelbar Betroffenen geklärt werden muss — also den jeweiligen Einwohnern einer Fraktion, einer Gemeinde usw., da es sich ja um Flur-, Fraktions- bzw. Gemeindenamen handelt. Dabei ist es übrigens auch völlig irrelevant, wie groß und »bedeutend« die jeweiligen Örtlichkeiten sind. Die Unterscheidung zwischen Makro- und Mikrotoponomastik, wie sie das Landesgesetz vorsieht, läuft komplett an diesem Verständnis vorbei. Besagte Bewohner können dann auch entscheiden, ob sie einem Exonym Offizialität verleihen möchten, oder nicht. Der Landesname (Südtirol, Sudtirol, Alto Adige, Sudtirolo oder wie auch immer) wiederum ist dann natürlich Sache der ganzen Landesbevölkerung. Im Grunde wäre diese Herangehensweise eine Ermächtigung der Bürgerschaft. Alles andere hingegen ist Bevormundung. Wenn ich einen Hof habe, dann haben doch auch meine Nachbarn — egal wie gut ich mich mit ihnen verstehe — kein Mitspracherecht (außer ich gestehe es ihnen zu), wie ich meinen Hof zu nennen habe. Das entscheide ich mit meiner Familie. Den Nachbarn bleibt es jedoch unbenommen, meinen Hof zu nennen, wie sie möchten. Auf meinem Türschild wird jedoch der von mir gewählte Name stehen. Ähnlich verhält es sich meines Erachtens bei Fluren, Fraktionen und Gemeinden.

Und zweitens (wenn obiger Einwand gerechtfertigt wäre) müssten wir das dann aber auch konsequent durchziehen. Wie absurd das ist, möchte ich am Beispiel Siegesplatz vs. Friedensplatz erläutern:

Wenn »ganz Südtirol« (bzw. mittlerweile »ganz Italien«, denn es ist ja jetzt Sache der italienischen Regierung) und nicht bloß das Ahrntal über den Namen des Klockerkarkopfes befinden darf, dann hätte auch ganz Südtirol über den Platznamen in Bozen abstimmen müssen. (Auch wenn mir das zu erwartende Ergebnis dann besser gefallen hätte, wäre das Blödsinn). Weiters könnte der Siegesplatz nach der Vetta-d’Italia-Logik auch ruhig auf Deutsch »Friedensplatz« und auf Italienisch »Piazza della Vittoria« heißen. Wäre zwar schön, fände ich jedoch irgendwie komisch. Es entspräche aber genau jener Logik, wie wir sie zurzeit bei der Toponomastik anwenden.

Die Arroganz der offiziellen (!) Bezeichnung »Mt. Everest« zeigt, warum wir Offizialität unbedingt anhand der Unterscheidung zwischen Endonym und Exonym vergeben sollten. Der höchste Berg der Welt hat seit Jahrhunderten zwei endonyme Bezeichnungen. Zwei deshalb, weil er ob seiner Unüberwindbarkeit zwei Völker voneinander trennt und diese dem Berg von ihrer jeweiligen Seite aus einen anderen Namen gaben: auf Tibetisch Qomolungma und auf Nepali Sagarmatha. Dann kamen die Engländer und nannten den Berg »offiziell« Mt. Everest (nach einem Vermessungstechniker). Dieser Sir Everest wollte diese Ehre gar nicht, da er festgestellt hatte, dass der Berg bereits einen (vom zweiten wusste er damals noch nicht) Namen trug. Er wollte die endonyme Bezeichnung verwenden und keine exonyme aufoktroyieren. Er wurde aber nicht gehört. Dennoch sollten wir uns an ihm ein Beispiel nehmen. Mit »Rückgängigmachung der Geschichte« hat das überhaupt nichts zu tun und mit (mangelnder) Zwei- bzw. Dreisprachigkeit schon gar nicht.