The odd one out.

Auf der Webseite der Scottish Green Party liest man am Vorabend der Abstimmung in dicken fetten Lettern: „GREENS ACROSS EUROPE SHOW SUPPORT FOR YES VOTE“

Der grüne Parlamentsabgeordnete Patrick Harvie berichtet:

In recent weeks Scottish Greens have been receiving messages of support from colleagues around the world as we campaign for a Yes vote. Our friends see the chance we have of achieving a fairer, greener future for Scotland, but also the chance for the UK to renew itself as a result.

With a Yes vote we can make real progress on nuclear disarmament, we can prioritise equality and end austerity. We can strengthen the case of colleagues who want change elsewhere in these islands.

Greens have a reputation as outward-looking internationalists, and the show of support we’re seeing for Green Yes makes us even more determined to win independence for Scotland so our country can be a force for good in the world.

In Südtirol sieht man die Dinge naturgemäß etwas anders. Als Grünpolitiker und Vertreter eines Landes dessen Situation der schottischen nicht ganz unähnlich ist, wäre man eigentlich geradezu prädestiniert dafür, seine Solidarität und Unterstützung für die schottischen Brüder und Schwestern kundzutun.

Auf die Frage der Tageszeitung, wie er abstimmen würde, antwortet der grüne Landtagsabgeordnete Hans Heiss jedoch folgendermaßen:

Ich würde für ein klares ‚no‘ stimmen. Ich glaube, es ist jetzt attraktiv auf diese Welle von Schottlandbegeisterungen aufzuspringen, aber langfristig sind die Vorzüge einer Vereinigung zwischen Schottland und England größer.

Es bleibt Heiss natürlich unbenommen, eine andere Position als seine Parteikollegen aus Schottland zu vertreten. Eine Nein-Stimme ist völlig legitim. Dennoch verorte ich bei Heiss – und er möge mir widersprechen, wenn er das denn liest – einen typischen Südtiroler Beißreflex, der unmittelbar dann greift, sobald von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit die Rede ist. Einen derartigen Beißreflex würde man sich zwar eher von Konservativen, Neoliberalen und Turbokapitalisten erwarten, denn Selbstbestimmung, Bürgernähe, Nachhaltigkeit – kurz „Ökosozialdemokratie“, wie sie die SNP und eben auch die Scottish Green Party propagieren, sind eigentlich urlinke Themen und eher für vorhin genannte Gruppen ein rotes Tuch. Doch in Südtirol steht zumindest die politische Welt Kopf.

Unabhängigkeit ist dubios. Unabhängigkeit ist rechts. Unabhängigkeit ist böse. Differenziert wird da nicht mehr. Da können die Yes-Campaigner noch so sehr betonen, dass sie die Unabhängigkeit unter anderem auch deshalb anstreben damit

  • sie die Atomwaffen loswerden
  • sie nicht an ungerechtfertigten Kriegen beteiligt sind
  • sie den Zugang zur Universität weiterhin kostenlos halten können
  • sie erneuerbare Energiegewinnung forcieren können
  • sie sozial ausgerichtet bleiben
  • sie eine faire und für alle gleiche Gesundheitsversorgung gewährleisten können
  • sie das restriktive Zuwanderungsverfahren Großbritanniens auflockern können
  • sie nicht der Londoner Finanzlobby ausgeliefert sind

Die Vorzüge, von denen Hans Heiss da spricht und von denen ich nicht weiß, was sie sind, müssen schon gewaltig sein, um die obigen Punkte aufzuwiegen. Die lesen sich nämlich wie ein grünes Grundsatzprogramm.

Mir kommt vor, die alleinige Messlatte für politische Entwicklungen in bestimmten Südtiroler Kreisen ist, ob die Freiheitlichen bzw. die Süd-Tiroler Freiheit dafür oder dagegen sind. „Was? Die sind für die schottische Unabhängigkeit? Dann bin ich dagegen, weil ich bin weltoffen.“ Heiss drückt es ein wenig diplomatischer aber nicht weniger süffisant aus:

Es werden die Parteien der Süd-Tiroler Freiheit und der Freiheitlichen in Jubel ausbrechen. Es wird auch in einem Teil der SVP reges Interesse bestehen.

Dabei sind es doch gerade die Freiheitlichen, die den Protagonisten der Unabhängigkeit in Schottland ideologisch ferner wie weiß Gott nur was stehen. Und umgekehrt sind die vehementesten Verfechter der Union die erklärten Erzfeinde der grünen Idee.

Sympathisch ist sie jedenfalls nicht, die Botschaft aus dem grünen Südtiroler Eck. Arrogant klingt sie, zumal man die grünen Kollegen nicht einmal erwähnt. Zumindest ist es undiplomatisch ohne jegliche Referenz an die Gesinnungsgenossen die gegenteilige Meinung öffentlich zu vertreten. Oder wie würde Heiss reagieren, wenn der Chef der schottischen Grünen lauthals kundtut: “In Südtirol würde ich SVP wählen.” Freunde macht man sich so keine. Man kann seine Solidarität auch zum Ausdruck bringen, wenn man anderer Meinung ist. Bleibt nur zu hoffen, dass der Rest der Welt feinfühliger agiert, sollte Südtirol einmal internationale Unterstützung benötigen. Optimistisch bin ich da jedoch nicht. Zu arrogant und unsolidarisch, zu sehr nach innen und auf sich selbst gerichtet, zu undifferenziert und undiplomatisch waren dazu die Stellungnahmen heimischer Politiker in den vergangenen Jahren. Heiss ist da leider keine Ausnahme.

29 Replies to “The odd one out.”

  1. Hans Heiss legt sogar noch nach:

    Die sprachlich originellste Begründung für ein Nein liefert dagegen der Grüne Hans Heiss: Siegt das Ja, so würden Südtirols rentengeschädigte Deutschpatrioten wieder Feuer unterm Morgenrock spüren und auch in der SVP würde sich ein Selbstbestimmungsflügel bilden“, so seine Befürchtung.

    http://www.salto.bz/article/18092014/tag-der-entscheidung

    Unglaublich eigentlich, dass ein so besonnener Geist, derart ignorant und arrogant – besonders seinen grünen Parteifreunden in Schottland gegenüber – sein kann.

    1. Sicher genüsslich arrogant, weniger ignorant, würde ich meinen ….u bei dieser letzten Aussage vor allem gegenüber der lokalen Rechten, nicht den schottischen Grünen gegenüber…

      1. arrogant ob der selbstzentriertheit – als ob es darum ginge, was die abstimmung in südtirol bewirkt
        ignorant ob des beißreflexes – der keine differenzierte betrachtung der positionen in schottland zulässt, sondern heiss dem status-quo-fetischismus anheimfallen lässt

      2. Ich glaube, es ging ja darum, was die Abstimmung für Südtirol bedeutet. Was das Differenzen anbelangt, rennst du bei mir offene Türen ein. Davon dürft’s fast immer gern a bissl mehr sein.

  2. Laut heutiger FF sagt Heiss aber, dass er im Falle Südtirols als Privatperson für Österreich abstimmen würde! Wie geht das alles zusammen?

      1. Südtirol ist eben nicht vergleichbar mit Schottland. Interessant zudem dass alle separatistischen Strömingen in den reichen Teilen der Länder zu finden sind.
        Im Prinzip ist das die gleiche Solidarität die Deutschland gegenüber Grichenland zeigt.

      2. vergleichbarkeit ist relativ. einerseits wird immer gesagt, die südtirolautonomie sei ein modell für andere, andererseits wäre südtirol dann mit schottland nicht vergleichbar.

        siehe http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=20777

        genau. der südsudan ist ja soviel reicher als der sudan. und grönland ist reicher als dänemark. und tibet ist reicher als china usw. usw.

        das mit de und gr versteh ich nicht.

      3. Das erklärt er nicht, es wird nur gesagt dass er im Falle einer Abstimmung für die Rückkehr zu Österreich stimmen würde.

      4. Interessant zudem dass alle separatistischen Strömingen in den reichen Teilen der Länder zu finden sind.

        • Bis vor kurzem hieß es in Südtirol noch, das Land sei ohne Italien nicht überlebensfähig… jetzt wird hingegen mangelnde Solidarität unterstellt. Für eins von beidem sollte man sich halt entscheiden.
        • Schottland ist meines Wissens gar nicht der reichere Teil des Vereinigten Königreichs… oder? Jedenfalls heißt es auch dort dauernd, es wäre nicht überlebensfähig.
  3. die grünen aus england und wales unterstützen die schottische unabhängigkeit, die südtiroler nicht. das ist bizarr.

    The Green Party of England and Wales (GPEW) has joined Green Parties from across Europe today in backing a day of action in support of Green Yes, the Scottish Green Party’s campaign for a Yes vote in the referendum.

    http://greenparty.org.uk/news/2014/09/16/greenyessupport-greens-across-europe-show-support-for-yes-vote/

  4. Vertreter eines Landes dessen Situation der schottischen nicht ganz unähnlich ist…

    In realtà si tratta proprio della stessa situazione. Chi volesse trovare qualche differenza sprofonderebbe nel ridicolo… 😉

    1. Non si tratta di situazioni sovrapponibili al 100%, ma nemmeno di situazioni che non hanno affatto punti in comune. Vedere o non vedere somiglianze e come interpretarle credo sia una questione di prospettiva nella più candida delle ipotesi. O di opportunità politica, in un mondo disincantato.
      Credo che Heiss indirettamente le somiglianze le veda, perchè ha a cuore la vittoria del “no” e le giustifica con una argomentazione che potrebbe essere la stessa che se gli avessero chiesto cosa ne pensa dell’autodeterminazione del Sudtirolo. Io in politica tendo a non vedere il caso, ma strategia.

      1. Già. Tu pensa che qualche tuo collega piumato è andato in Scozia per assistere dal vivo all’evento. In caso di vittoria penso seguirà una cospicua ubriacatura in qualche pub. E allora, almeno in quel caso, le due situazioni sono effettivamente sovrapponibili.

    1. Scheinbar haben die Mainstreammedien in Schottland die Leute zuletzt massiv unter Druck gesetzt um für ein Nein zu stimmen. Ich hoffe die Schotten gewinnen trotzdem und haben sich nicht einschüchtern lassen!

      1. Tolle Wahlnacht, leider im BBC kein Anschnitt von Europa.
        Aber jetzt wir UK sozusagen zu einem föderalen Staat umgebaut ist auch was

  5. Die schottischen Grünen sind für ein “Indyref2” – also eine weitere Abstimmung über die Unabhängigkeit, da sich durch den BREXIT die Vorzeichen völlig geändert hätten.

    http://www.thenational.scot/news/15023335.Indyref2_can_be_won_with_a_radical_agenda_say_Greens/

    Independence supporters must build a strong case if we’re to convince everyone who voted Yes to do so again, as well as the many No voters who don’t want Scotland to be dragged along with the UK’s self-destructive Brexit process. The diversity of political views on the pro-independence side, as is shown by today’s convention, is a strength and we should make the most of it.

    It’s hard to look around at the way things have turned out and not feel insecurity. But we mustn’t forget that it was the political mainstream which brought us to this situation and the political mainstream which gave us an economy that doesn’t represent us. Let us never forget that there is so much we can do to shift the tide away from fear. We can rekindle the belief in the ability to change the world for the better.

    Wäre auch interessant zu erfahren, wie die Südtiroler Grünen zu einem etwaigen neuen Referendum stehen. Vor zweieinhalb Jahren hatte Heiss ja noch treffsicher verkündet:

    Ich würde für ein klares ‚no‘ stimmen. Ich glaube, es ist jetzt attraktiv auf diese Welle von Schottlandbegeisterungen aufzuspringen, aber langfristig sind die Vorzüge einer Vereinigung zwischen Schottland und England größer.

    Wo sind denn nach dem BREXIT diese Vorzüge für die Schotten (die gegen den BREXIT gestimmt haben), die so groß sind, dass sie alles anderen Gründe für die Unabhängigkeit (die EU-Mitgliedschaft, die progressive Agenda der SNP usw.) aufwiegen?

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