Tiroler Reisepass.

Jüngst bin ich auf einen österreich-ungarischen Reisepass gestoßen, der 1915 von der Bezirkshauptmannschaft in Brixen ausgestellt wurde. Nostalgie liegt mir zwar fern, trotzdem habe ich beschlossen, einige (zur Anonymisierung retuschierte) Seiten daraus ins Blog zu stellen. Der Grund: Der Reisepass, offenbar eine eigene Vorlage für Tirol, trug damals schon der Mehrsprachigkeit dieses Landes Rechnung. Wenn wir berücksichtigen, dass in einem heute in Südtirol ausgestellten Reisepass Deutsch und Italienisch nicht gleichwertig vertreten sind, kann das Fazit nur sein, dass wir in dieser Hinsicht trotz Größter Autonomie aller Zeiten (GröAZ) und Euregio noch nicht wieder so weit gekommen sind, wie wir vor rund 100 Jahren (!) schon einmal waren.

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Ausgefüllt war der hier abgebildete Pass nur in deutscher Sprache, was allerdings wohl auf das damals gültige Territorialprinzip und die Sprachverhältnisse in Brixen zurückzuführen ist. Genauso hätte man einen in Welschtirol ausgestellten Pass wohl auf Italienisch ausgefüllt.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4]

30 Replies to “Tiroler Reisepass.”

  1. Ergänzend dazu sollte angeführt werden, dass ein gewisser Alcide De Gasperi im Reichsrat zu Wien (das Parlament in der Monarchie) seine ital. Muttersprache verwenden durfte. Er hat sie – im Gegensatz zu seine ital. Landsleuten – nicht, weil er besser Deutsch als Italienisch sprach.
    Viele Abgeordneten haben oft nur aus reiner Provokation ihre Muttersprache verwendet. Protokolliert (Stenografischen Protokolle) wurden allerdings nur Reden in dt. Sprache. Bei den vielen Sprachen aus den unterschiedlichsten Kronländern wäre alles andere auch unmöglich gewesen.
    Auch interessant:
    Wurden Abstimmungen im Reichsrat abgehalten, wurden diese in allen Sprachen der Abgeordneten – also auch in Italienisch – angekündigt.
    Die Aufforderung abzustimmen, nur noch in Deutsch.
    Auch interessant:
    Unter den Abgeordneten befand sich auch ein gewisser Dr. Benes, von der
    “Tschechoslowakischen Nationalsozialistischen Partei”, er sprach nur Tschechisch, deshalb gibt es auch keine mitgeschriebenen Protokolle von ihm.

    Die gute alte Monarchie war nicht gut, aber bestimmt nicht schlechter als die heutige EU…
    Ich bin mir auch nicht sicher, ob es den “erlösten” ital. Ländern heute besser geht, als unter der bösen Knute der bösen Habsburger.

    LG und servus Tirol

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    1. Kleiner Nachtrag:

      Ich bin auch kein Nostalgiker, aber manchmal könnte man schon einer werden!
      In der schlechten(?) oder zumindest mehr oder weniger guten alten Donaumonarchie wurden sämtliche Gerichtsverhandlungen natürlich in der jeweiligen Landessprache abgehalten.
      In Welchtirol (Trentino) Italienisch, in Böhmen und Mähren (Tschechien) natürlich tschechisch, sofern die Angeklagten diese Sprache beherrschten bzw. wollten.
      Davon kann man in Südtirol mit der „besten“ Autonomie der Welt nur träumen!

      Selbstverständlich sprach die Exekutive in der jeweiligen Landessprache (z.B. Italienisch in Welschtirol, oder Tschechisch in Böhmen/Mähern). Nur die höheren Dienstgrade in Böhmen/Mähren z.B. wurden dazu verdonnert, Deutsch zu lernen, was aber kaum jemand tat und anscheinend auch toleriert wurde …
      Auch davon kann man in Südtirol mit der „besten“ Autonomie der Welt nur träumen!
      Und selbstverständlich hieß der Monte Giuseppe im Trentino nicht Seppl Spitze- und umgekehrt.
      Auch davon kann man in Südtirol mit der „besten“ Autonomie der Welt nur träumen!

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      1. Lieber @hunter, es ist dann eine Provokation, wenn niemand die Sprache der Provokateure versteht, aber die Provokateure sehr wohl Deutsch! Aber das verstehen sie nicht.
        Wenn jemand im Reichsrat auf sein Recht beharrten hätte in seiner Muttersprache zu reden, was wäre das dann für Tohuwabohu im Reichstart geworden?
        Ich gehe dabei davon aus, dass nicht alle Abgeordneten im Reichsrat zu Wien 8 Sprachen beherrschten.
        Was hätte wohl unser lieber De Gasperi auf eine Rede oder auf eine Frage im Reichsrat geantwortet, die von Dr. Benes in tschechischer Sprache gehalten worden wäre?
        Aber das, lieber @ hunter, verstehen sie nicht.
        Meine Italienisch-Kenntnisse sind bescheiden, dennoch würde ich mich trauen, im Trentino Deutsch zu reden, schon alleine aus Respekt gegenüber meines Gesprächspartners, der möglicherweise ein noch schlechter Deutsch spricht als ich Italienisch.
        Wahrscheinlich würde ich meinen ital. Gesprächspartner höflich bitten, gemeinsam herauszufinden, welche Sprache für uns beide Sinn macht, damit wir nicht aneinander vorbeireden und ein vernünftiges Gespräch zustande kommt.
        Alterativ dazu müsste ich wohl aufgrund meiner schlechten it.-Kenntnisse schweigen und den Mund halten.
        Nicht jeder hat das Talent oder ganz einfach die Fähigkeiten, eine fremde Sprache zu erlernen. Im Zeitalter wo Toleranz von allen Seiten eingefordert wird, sollte man auch das tolerieren!
        Aber auch das, lieber @ hunter, das verstehen sie nicht.

        Ebenso kann ich nicht nachvollziehen, warum hier im Forum immer wieder die ital. Sprache verwendet wird, obwohl ALLE die dt. Sprache beherrschen. Somit sind alle aus der Diskussion ausgeschlossen, die nicht Italienisch verstehen. Vielleicht ist das ja auch gewollt.
        Wahrscheinlich sogar, was auch zu respektieren ist, denn schließlich leben wir in einem halbwegs freien Land, wo jeder in jeder beliebigen Sprache reden und schreiben kann was er will.
        Das war bis tief in die 60er Jahre hinein in ST nicht wirklich anzuraten, obwohl lt. Pariser Vertrag die dt Sprache mit der it. Sprache (anscheinend) gleichgestellt wurde…
        Lieber @ hunter, wahrscheinlich verstehen sie nicht einmal das…

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      2. faszinierend. obwohl wir uns nicht einmal kennen, hast du komplett ins schwarze getroffen. meine begriffsstutzigkeit ist nämlich in der tat legendär.

        kann mich noch gut an eine episode im leiferer gemeinderat erinnern. der kürzlich verschiedene theo perathoner hat dort nämlich darauf bestanden, deutsch zu sprechen, obwohl einige der ratsmitglieder dort kein deutsch verstehen. ich muss echt sagen, dass ich es nicht als provokation erachte, wenn jemand in einem südtiroler gemeinderat deutsch spricht.

        mir geht’s übrigens ähnlich wie dir. auch meine kenntnisse des italienischen sind einigermaßen enden wollend.

        brennerbasisdemokratie ist kein deutschsprachiger blog. es ist ein (süd)tiroler blog. und vor allem zur südtiroler realität gehören drei sprachen. ausschließend wäre, wenn hier nur auf deutsch kommuniziert werden würde. stell dir vor, es gibt nämlich auch in südtirol leute, die kein deutsch verstehen (nicht, dass ich das lobenswert fände, aber es ist faktum). und gerade diese menschen werden kaum einmal mit ideen a la bbd konfrontiert. ob wir sie erreichen, ist natürlich eine andere frage. aber wenn nur hin und wieder ein zwei unsere ideen lesen, ist das schon ein erfolg.

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    2. Viele Abgeordneten haben oft nur aus reiner Provokation ihre Muttersprache verwendet.

      Wenn das als Provokation aufgefasst wurde, sagt das mindestens genauso viel über den Provozierten aus, wie über den Provokateur.

      Protokolliert (Stenografischen Protokolle) wurden allerdings nur Reden in dt. Sprache. Bei den vielen Sprachen aus den unterschiedlichsten Kronländern wäre alles andere auch unmöglich gewesen.

      Naja unmöglich wäre es wohl nicht gewesen, die heutige EU macht es vor.

      Wurden Abstimmungen im Reichsrat abgehalten, wurden diese in allen Sprachen der Abgeordneten – also auch in Italienisch – angekündigt.
      Die Aufforderung abzustimmen, nur noch in Deutsch.

      Verbesserungswürdig. Aber für einen Staat vor über 100 Jahren trotzdem keine allzu schlechte Leistung.

      Die gute alte Monarchie war nicht gut, aber bestimmt nicht schlechter als die heutige EU…

      Das kann man jetzt wohl auf zweierlei Weise verstehen.

      In der schlechten(?) oder zumindest mehr oder weniger guten alten Donaumonarchie wurden sämtliche Gerichtsverhandlungen natürlich in der jeweiligen Landessprache abgehalten.
      In Welchtirol (Trentino) Italienisch, in Böhmen und Mähren (Tschechien) natürlich tschechisch, sofern die Angeklagten diese Sprache beherrschten bzw. wollten.
      Davon kann man in Südtirol mit der „besten“ Autonomie der Welt nur träumen!

      Da gibt es heute viel Grund zur Unzufriedenheit. Wie gut das damals funktionierte, kann ich allerdings auch nicht beurteilen.

      Nur die höheren Dienstgrade in Böhmen/Mähren z.B. wurden dazu verdonnert, Deutsch zu lernen, was aber kaum jemand tat und anscheinend auch toleriert wurde …
      Auch davon kann man in Südtirol mit der „besten“ Autonomie der Welt nur träumen!

      Wovon träumen? Nicht die Sprachen der anderen lernen zu müssen?

      Und selbstverständlich hieß der Monte Giuseppe im Trentino nicht Seppl Spitze- und umgekehrt.

      Meines Wissens wurden zumindest in den letzten Jahren der Monarchie sehr wohl auch Ortsnamen im Trentino übersetzt, allerdings mit geringer Vehemenz und ohne Anspruch, die historischen Namen zu ersetzen.

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      1. Zitat: “Naja unmöglich wäre es wohl nicht gewesen, die heutige EU macht es vor.”

        Naja, der Wiener Reichsrat ist seit 100 Jahren Geschichte. Ich weiß jetzt nicht, ob im Schweizer Parlament die Abgeordneten im Jahre 2014 in ihrer Muttersprache reden dürfen (das ist jetzt wirklich eine Wissenslücke) Im Wiener Reichsrat vor über 100 Jahren durften sie es…
        Ich weiß nicht einmal, ob es irgendein Parlament auf der Welt gibt, wo Minderheiten im Parlament ihre Muttersprache verwenden dürfen.
        Hoppala, da fällt mir gerade ein: JA, es ist das österr. Parlament in Wien, wie das eine Abgeordnete der Grünen immer wieder bestätigt hat. Mir fällt jetzt nicht der Name ein, aber sie hat sehr gut Kroatisch gesprochen.
        Auf Bitte der Nationalratpräsidenten hat sie dann aber immer auf Deutsch umgeschwungen, sonst hätte sie niemand verstanden …
        Ich bin mir nicht sicher, ob der mündige, geduldige, tolerante und vor allem sparsame Wähler verstanden hätte, wenn extra wegen der Fr. Abgeordneten ein Dolmetscher (Frau oder Mann) hätte angeheuert werden müssen.

        Lieber Hr. pérvasion, das verschwenderische Brüssler Parlament nennen sie aber nicht wirklich nachahmenswert, oder etwa doch?

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      2. Bezüglich Ortsnamensgebrauch im Trentino: Von den staatlichen Behörden, der Statthalterei in Innsbruck und dem Capitanato = Bezirkshauptmannschaft vor Ort wurden in Italienischtirol (mit Ausnahme der deutschen Gemeinden im Fleimstal und Nonsberg, im Fersental und in Lusern) nur die italienischen Bezeichnungen geduldet. Sogar 1916 -während der Militärdiktatur – weigerten sich diese, den von den Militärs vehement geforderten Gebrauch der deutschen Ortsnamen nachzukommen. 1917 als Kaiser Karl fest im Sattel saß, musste auch das Militär klein beigeben.

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      3. Danke… interessant! In Italien ist es hingegen bis heute das Militär, das die offizielle (!) Landeskarte herausgibt. Darauf sind die »deutschen« und »ladinischen« Ortsnamen erst gar nicht verzeichnet… nicht vor, nicht nach und nicht neben den »italienischen«. Und das im 21. Jahrhundert!

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      4. Über den Sprachgebrauch im damaligen ItalienischTirol bestehen vielfach unklare Vorstellungen. Hier einige Details – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
        Schule:
        Primarschulbereich nur Italienisch, obwohl viele Trentiner Arbeitsmigranten dringend auf Deutschkenntnisse angewiesen waren. Die Trentiner Parteien, aber auch die österreichische Schulverwaltung, waren strikt gegen die Aufweichung dieses Prinzips. Man behalf sich mit außerschulischen Deutschkursen, die vom Staat bezahlt wurden und wo sich manch Volksschulehrer mit Deutschkenntnissen ein willkommenes Zubrot verdiente.
        In den Sekundarschulen (vor allem den Gymnasien) wurde Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, da Deutschkenntnisse für den Unibesuch und die höhere Beamtenlaufbahn unabdinglich waren.
        Eine Ausnahme bildete die Festungsstadt Trient. Dort gab es eine Grundschule und ein Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache, die vorwiegend von Beamten und Militärsprößlingen besucht wurden. Private Schulvereine waren jedoch nicht an das sprachliche Territorialprinzip gebunden.
        Gemeinden:
        Amtssprache, Straßennamen usw. nur Italienisch. Das ging sogar soweit, dass die Stadt Trient (mit ca. 12 % deutschsprachiger Bevölkerung) einen deutschsprachigen Text auf einem Grabstein verbot…sie musste allerdings vor Gericht klein beigeben..
        Gerichte- und Bezirkshauptmannschaften:
        Amtssprache italienisch, ebenso Gendarmerie und Polizei. Der schriftliche Verkehr der höheren Beamten mit den Zentralstellen erfolgte jedoch vielfach auf Deutsch.
        Militär:
        Befehlssprache der k.u.k. Armee war grundsätzlich deutsch. In den Regimentern mit vielen Trentinern wurde auch Italienisch verwendet.

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  2. Wie singen die Ärzte:
    Hipp hipp hurra, alles ist super alles ist wunderbar/
    Hipp hipp hurra, alles ist besser, als es damals war…

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  3. Ups da habe ich geschrieben:

    Meine Italienisch-Kenntnisse sind bescheiden, dennoch würde ich mich trauen, im Trentino Deutsch zu reden, schon alleine aus ..

    das soll natürlich heißen:
    …dennoch würde ich mich NICHT trauen, im Trentino Deutsch zu reden…

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  4. Nochmals zum Zitat vom Simon:

    Naja unmöglich wäre es wohl nicht gewesen, die heutige EU macht es vor.

    Nein, lieber Simon, die EU macht es nicht vor.

    Bei 8 verschiedenen Sprachen im Reichsrat in Wien, hätten rein theoretisch 8 Dolmetscher ausgereicht, die alle Reden (und Zwischenrufe) übersetzen.
    Aber im Parlament wird sehr viel und sehr gerne geredet, womit wohl ein Vielfaches von den 8 hätte eingestellt werden müssen, denn der Job eines Dolmetschers ist nicht nur sehr schwer, sondern vor allem sehr verantwortlich.
    Wenn schon jeder seine eigene Muttersprache verwenden dufte, warum dann nicht auch seinen eigenen Dialekt?
    Der Dialekt der Vorarlberger ist nicht nur in Wien kaum verständlich…Das war wohl auch der Grund, warum der Hr. Günther Platter (heute LH von Tirol) als er noch Minister und einfacher Abgeordneter in Wien war, seinen markanten kehligen Unterländer Dialekt ablegte, denn der ist nicht nur unschön, sondern für die Wiener auch nicht gerade verständlich.
    In allen österr. Länderparlamenten und natürlich auch im Wiener Nationalrat, werden seit einigen Jahren sämtliche Reden auch in die Taubstummensprache übersetzt. Ich war selbst mehrmals Zeuge sowohl in Innsbruck als auch in Wien.
    Rein theoretisch hätten da auch wieder nur 8 Übersetzter in die Gebärdensprache ausgereicht.
    Zusammen hätten- rein theoretisch natürlich- nur 16 Übersetzer ausgereicht. Rein theoretisch, wohlgemerkt! In Wirklichkeit aber ein Vielfaches davon.
    Also hätten mind. 16 Dolmetscher immer im Parlament /Reichsrat immer anwesend sein müssen.
    Bedenken wir, dass die Nachrichtentechnik damals noch in den Kinderschuhen stand (Sprachboxen, Mikrofone und Kopfhörer gab es damals noch keine)
    Hätte Dr. Benes spätestens nach 3 Sätzen seine Rede unterbrechen müssen, damit die 8 Dolmetscher seine 3 Sätze in 8 verschiedene Sprachen übersetzen konnten – heute noch zusätzlich von 8 Übersetzern in die Taubstummensprache. Auch die Zwischenrufen, die ja auch alle fein säuberlich von den Stenografen protokolliert werden.
    Spätestens hier müsste wohl jeder eingestehen, der Wiener Reichsrat (bzw. das heutige Parlament) hätte sich selbst ad absurdum geführt. Er wäre absolut handlungsunfähig gewesen. Für Träumer der bbd natürlich nicht…

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    1. Ich wollte eh schon schreiben, dass du das einzige brauchbare Argument — nämlich jenes, dass der damalige Stand der Technik eine vollständige Übersetzung erschwerte — vergessen hattest. Jetzt hast du es nachgereicht. Alles andere sind jedoch genau jene klassischen Argumente, die heute in Nationalstaaten gegen Minderheiten bemüht werden.

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  5. Nur so zur Information, damit man sich ein kleines Bild über den Reichsrat in Wien machen kann.
    Der Reichsrat in Wien:
    ● Acht Nationen, elf verschiedene Muttersprachen, 17 Kronländer, mehr als 30 Parteien und Gruppierungen, zuletzt 516 Abgeordnete – so präsentierte sich das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates. Es war dies das erste multinationale Parlament der Welt.
    Im Abgeordnetenhaus wurden Reden auf hohem intellektuellem Niveau gehalten. Gleichzeitig war das parlamentarische Leben aber von Nationalitätenkonflikten geprägt.
    ● Geschäftsordnung des Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrate:
    Die Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses machte wirksames parlamentarisches Arbeiten oft unmöglich. ● Jeder Abgeordnete konnte (wie im Europäischen Parlament) in seiner Muttersprache reden, es gab jedoch keine Dolmetscher und die Redezeit war nicht begrenzt. Für das Protokoll mitstenografiert wurden nur deutsche Äußerungen.
    Von Abgeordneten, die Abstimmungen verhindern bzw. verzögern wollten, wurden stundenlange Reden gehalten; teilweise sagten sie Gedichte auf, die nur Abgeordnete der gleichen Muttersprache verstanden. Auch das Lärmen mit Ratschen und Tschinellen und Handgreiflichkeiten unter den Abgeordneten waren nicht selten. Bei dieser Obstruktion taten sich insbesondere tschechische Abgeordnete hervor.
    Über die Sitzungen beider Häuser des Reichsrats wurden stenografische Protokolle geführt, die gedruckt vorliegen. Da damals Simultanübersetzungen nicht verfügbar waren und anderssprachige Stenografen nicht bereitgehalten wurden, konnten nur in deutscher Sprache abgegebene Debattenbeiträge protokolliert werden. Wenn tschechische Abgeordnete aus Protest dagegen, dass der Reichsrat auch für die Länder der Böhmischen Krone zuständig war, gelegentlich Reden auf Tschechisch hielten, wurden diese daher nicht erfasst.

    ● Die Parteienlandschaft im Reichsrat:
    Alldeutsch, Alttschechisch, Altruthenisch, Christlichsozial, Deutsche Agrarier, Deutschfortschrittlich, Deutschradikal, Deutsche Volkspartei, Freisozial, Italienischklerikale Partei (10 Abgeordnete), Italienischliberale Partei (4 Abgeordnete), Jüdischdemokratische Partei (1 Abgeordneter), Jungtschechen, Kroatisch, Parteilos, Polnischkonservativ, Polnischnationale Demokraten, Polnische Volkspartei, Polnisches Zentrum, Radikale Russen, Rumänen, Ruthenischnationale Demokraten, Selbstständiger Sozialist, Selbstständiger Tscheche, Serbe, Slowenischklerikal, Slowenischliberal, Sozialdemokratisch, Sozialpolitiker, Tschechische Agrarier, Tschechisch. Fortschrittlich, Tschechischklerikal, Tschechische Nationalsozialistische Partei (11 Abgeordnete), Zionisten (4 Abgeordnet)

    (Die ersten Nazis kamen also nicht aus Deutschland, sondern aus Tschechien und sie waren Vorbild der alten Ur-Nazis in Deutschland, aus der Hitlers NSDAP hervorging …Die tschechische Version der Nazi-Partei gibt sie weider seit 1989, wenn auch in gemäßigter Form.)

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  6. Eines kann man mit ruhigen Gewissen behaupten:

    Das Parlament der Donaumonarchie in Wien, war seiner Zeit um 100 Jahre voraus.
    Und wenn man bedenkt, das vor 100 Jahren Gerichtsverhandlungen im heutigen Trentino ausschließlich in ital. Sprache abgewickelt wurden, und im heutigen dreisprachigen Südtirol, ebenfalls ausschließlich nur in Italienisch, dann darf man ruhig behaupten, die Minderheiten wurden in der österr. Donaumonarchie mit Sicherheit nicht schlechter behandelt, als in dem anscheinend so toleranten und fortschrittlichen Europa im Jahre 2014
    Was das heutige Südtirol betrifft, mit Sicherheit sogar unvergleichlich besser!
    Nicht unbedingt schmeichelhaft für die Kulturnation Italien, die von sich behauptet, nicht nur Sprache, sondern auch Kultur nach Südtirol gebracht zu haben. (Aufschrift Siegesdenkmal)
    Die (ital) Sprache haben sie nach Südtirol gebracht, aber welche Kultur??

    Seit 1946 (Pariser Verträge) sollte die dt. mit der ital. Sprache gleichgestellt sein. Nur die Italiener verweigern beharrlich was sie Vertraglich vor langer Zeit hoch und heilig zugesichert haben.
    Ist das die Kultur, mit der uns die Italiener beglückt haben, und worauf sie so stolz sind?
    Wer Verträge nicht einhält, seine Vertragspartner permanent belügt und betrügt, der besitzt einen Charakter, der nicht in die “weltbeste Autonomie” passt!
    Und wer das alles duldet, auch nicht!!

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  7. eines fällt mir schon auf:
    mit jeder Wahl wird es besser, jünger, aufgeschlossener, einfach lebenswerter.
    Und dann kommen wir 100 Jahre später darauf, dass das alles gar nicht stimmt.
    Habe ich da etwas versäumt?

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    1. Naja, man sollte jetzt aufgrund dieses einen Beispiels nicht verallgemeinern. Natürlich hat es in 100 Jahren große soziale, politische, rechtliche (und natürlich technische) Errungenschaften gegeben. Allerdings waren die Nationalstaaten, auch im Vergleich zu einem alles andere als perfekten Vielvölkerstaat, ein großer Rückschritt — dessen Auswirkungen wir bis heute erdulden. Trotz Autonomie.

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      1. Ich bin kein Nostalgiker, und habe auch nie behauptet, dass die der Donaumonarchie ein perfekter Vielvölkerstaat war, wo alles eitle Wonne war. Ganz sicher war er das nicht!

        Aber wenn ich mir das heutige Südtirol anschaue, verdammt nochmal, dann erleben wir tagtäglich einen Rückschritt in das Jahr vor 1907 in der Donaumonarchie!

        Italien war vor dem 1. WK auch ein Vielvölkerstaat. Ich bin jetzt nicht informiert, aber die Demokratie bzw. Behandlung der Minderheiten hatte mit Sicherheit nicht den (relativ) hohen Standard wie in der Donaumonarchie.

        Italien war auch noch nach dem 1. WK ein Vielvölkerstaat. Auch da tappe ich etwas im Dunklen, aber die Demokratie bzw. Behandlung der Minderheiten hatte mit Sicherheit nicht den (relativ) hohen Standard wie in der zerschlagenen Donaumonarchie.

        Italien war nach dem 2. WK zwar keine Kolonien mehr, aber ein Vielvölkerstaat war es immer noch. Und die Behandlung der Minderheiten hatte mit Sicherheit nicht den (relativ) hohen Standard wie in der zerschlagenen Donaumonarchie.
        Toleranz gegenüber den Minderheiten war und ist in Italien nicht unbedingt ausgeprägt.
        Bis in die 1960er Jahren dürften nicht einmal die Tiroler Fahne in ST gehisst werden. Amtssprache war ausschließlich Italienisch, wie auch der Exekutive- und das ca. 20 Jahre nach den Pariser Verträgen und ca. 50 Jahre nach der Zerschlagung der Donaumonarchie!

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      2. da bin ich mir leider nicht so sicher.
        Natürlich hat es Entwicklungen gegeben, die sehr wohl zu begrüßen sind.
        Allerdings bei der Politik (jetzt im speziellen für Südtirol) oder im Sozialbereich würde ich dies zumindest in Frage stellen, man beachte die auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich.
        So lange man in einer aufgeschlossenen Gesellschaft für die ältere Generation nicht so viel Geld übrig hat, dass der arme Teil auch wirklich menschengerecht leben kann und gleichzeitig unerhörte Pensions-Vorschuss -Zahlungen an gewiefte Politiker ausgibt, ist von Fortschritt zumindest auf dem menschlichen Gebiet nicht viel los, oder?

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  8. Eine kleine Korrektur:
    Das sollte natürlich heißen:
    Italien war auch noch nach dem 1. WK ein Vielvölkerstaat. Da tappe ich nicht mehr so sehr im Dunklen, und die Demokratie bzw. Behandlung der Minderheiten hatte (spätestens nach 1922) mit Sicherheit (!!) nicht den (relativ) hohen Standard wie in der zerschlagenen Donaumonarchie!
    Italien hatte nach dem 2. WK zwar keine Kolonien mehr, aber ein Vielvölkerstaat war es immer noch. Und die Behandlung der Minderheiten…siehe oben…

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