Einige Erwägungen zur Süd-Tiroler Freiheit.

von Fabio Rigali

Im Leben eines jungen Südtiroler Selbstbestimmungsbefürworters passiert es immer wieder, in einer Art Reductio ad Hitlerum (Beispiel: Hitler sagt x, du sagst x, du bist Hitler), mit den Positionen der Süd-Tiroler Freiheit (fortan STF) verglichen zu werden. Dabei geht es meistens darum, dass die eigene politische Meinung mit der vermeintlicher “Bösewichte” wie Frau Klotz u.a. gleichgesetzt wird, nur um klar zu beweisen, dass man auch nicht besser ist. Trägt man gern eine Tracht oder gehört man zu irgendeinem Traditionsverein, dann scheint das ganze noch zusätzlich an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Mag diese Taktik der politischen Argumentation im ersten Augenblick auch nicht unklug scheinen, muss man aber bald gestehen, dass deren Anwendbarkeit meistens mit sehr groben Vereinfachungen der jeweiligen Positionen verbunden ist. Auch die voreingenommene Meinung, dass die STF der Teufel der Südtiroler Politik sei, zeugt im Grunde von nichts als Oberflächlichkeit. Umgekehrt kann auch passieren, dass man, wenn man eine konstruktive Kritik aufwirft, sofort als Gegner empfunden wird: Diese Logik lehne ich ebenso ab, denn dadurch wird eine Vertiefung der Diskussion über die Selbstbestimmung schlichtweg unmöglich.
Ich bin politisch nicht aktiv, aber aufmerksam und teile gern meine Meinung mit anderen: Deshalb habe ich in der Vergangenheit gelegentlich Initiativen der STF gutgeheißen und habe sogar meine Symphatie für einige Persönlichkeiten der Bewegung nicht versteckt; nichtsdestotrotz sehe ich einen klaren Unterschied zwischen meiner Vision und ihrer. Aus diesem Grund habe ich mich verpflichtet gefühlt, mich einmal gründlich mit den Positionen der STF zu konfrontieren: Ich habe ihr Programm online gefunden und kommentiert. Das gesamte Programm ist in 11 Punkte gegliedert, wobei ich mich jetzt aber nur auf die ersten zwei, namentlich “Selbstbestimmung” und “Heimat” konzentriere. Erstens, weil es die umstrittensten und die prägendsten für die Bewegung sind. Zweitens, weil es scheint, dass man zu nicht unwichtigeren Themen wie Umwelt oder Chanchegleichheit in Südtirol eher einer Meinung ist.

1. Selbstbestimmung
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist in Artikel 1 der Menschenrechtspakte verankert und somit Ausdruck der Freiheit, den ein Volk beanspruchen kann. Die Teilung Tirols und die damit verbundene Annexion Südtirols durch Italien erfolgten gegen die Prinzipien der Vernunft und Rechtschaffenheit, vor allem aber gegen den Willen des Volkes. Seit jener Zeit hat Südtirol immer wieder um seine Existenz bangen müssen und kann sich auch heute noch nicht der Bewahrung der sprachlich- kulturellen Identität sicher sein. Als Minderheit in einem fremden Staat kann auch die Autonomie unser Volk nicht dauerhaft vor Assimilierung und gezielter Italienisierung bewahren. Die Durchführung der Volksabstimmung über die politische Zukunft Südtirols ist daher das einzig gerechte Mittel zur Lösung des Südtirolproblems.

Im Großen und Ganzen, finde ich, haben sie nicht unrecht. Dabei fügen sie aber, wahrscheinlich unbewusst, auch eines der besten Argumente gegen die Angliederung an Österreich an: Wenn bereits die eigene Erfahrung gezeigt hat, dass man sich als Minderheit in einem Nationalstaat auf Dauer nicht bewahren kann, wie kann man es wagen, den Ladinern und den Italienern im Lande eine Zukunft als Minderheit in Österreich vorzuschlagen? Ist der Selbstmord einer oder mehrerer Sprachgruppen als Lösung “fair”? Dazu sollte die STF selbst eine überzeugende Antwort finden…

2. Heimat – Recht auf die Muttersprache: Die Muttersprache ist das wichtigste Element der kulturellen Identität, das Recht auf deren Gebrauch daher unverzichtbar. Allzu oft wird man in Südtirol mit einer Staatsmacht konfrontiert, die nicht deutsch sprechen kann oder will. Die Bestimmungen des Autonomiestatutes sind jedoch eindeutig. Strengere Kontrollen der Sprachkenntnisse bei Vergabe öffentlicher Posten und restriktive Maßnahmen und Sanktionen bei Missachtung dieses Rechtes sind daher dringend nötig. Das Recht auf Gebrauch der Muttersprache ist keine Provokation, sondern muss Selbstverständlichkeit sein. Dasselbe Recht muss auch für die ladinische Volksgruppe gelten.

Ob die Muttersprache wirklich das wesentlichste unter den Elementen der kulturellen Identität ist, obwohl dies selbstverständlich scheint, sollte vielleicht besser jeder für sich selbst und durch die eigene Erfahrung entscheiden. Ob man sich dem eigenen Nachbarn kulturell näher fühlt als einem Sizilianer oder einem Preußen sollte sich jeder zumindest einmal fragen. Ich fühle mich persönlich nicht besser und gar nicht so anders als ein Palermitaner, der Italienisch spricht wie ich, fühle mich aber z.B. meinen Musi-Kollegen noch ähnlicher: Gemeinsam haben wir Lebensvorstellungen, Gewohnheiten, Lebensstil, Heimat, Bräuche und ja, auch Werte. Ob man Dante oder Goethe in der Schule gelernt hat und so weiter, hat meiner Erfahrung nach nie eine bedeutende Rolle im Gemeinschaftsleben gespielt.
Ganz abgesehen davon ist es aber lobenswert, wenn man sich für das Recht auf Muttersprache einsetzt. Vielleicht wäre es sogar besser, sich allgemein und nicht ausschließlich für die zwei genannten Volksgruppen einzusetzen, obwohl es leider wahr ist, dass in der Praxis viel seltener vorkommt, dass ein Beamter nicht gut Italienisch beherrscht.

– Toponomastik: In Südtirol sind noch immer allein die größtenteils erfundenen pseudoitalienischen Ortsnamen amtlich gültig, welche zum Zwecke der Italienisierung eingeführt wurden. Durch diesen Frevel wird nicht nur die geschichtsfälschende Absicht des Faschismus fortgeführt, sondern die nachkommenden Generationen auch ihres historischen Erbes beraubt. Dieser unwürdige Zustand ist weder kulturell noch politisch vertretbar und widerspricht auch internationalen Empfehlungen, die sich für die alleinige Verwendung der historischen Namen aussprechen. Die erfundenen Falschnamen müssen daher umgehend abgeschafft und die historisch gewachsenen Orts- und Flurnamen wieder eingeführt werden.

Die STF hat hier ins Schwarze getroffen. Als offizielle Bezeichnungen sollten lediglich die historischen Ortsnamen dienen: Wo mehrere überliefert sind, soll man alle verwenden (Bolzano-Bozen-Bulsan); wo nur eine Bezeichnung überliefert ist, soll die notwendige Zweisprachigkeit durch funktionelle Übersetzungen (in der Form: Pfandler Alm-Malga Pfandler ) erreicht werden.

– Faschistische Relikte: Mehr als 60 Jahre nach Ende des Faschismus findet man in Südtirol noch immer in fast jeder Gemeinde Relikte aus dieser Zeit. Das Siegesdenkmal in Bozen, das Mussolinirelief am Gerichtsplatz, die Beinhäuser und Alpini- Denkmäler sind einige Beispiele. Diese Relikte dürfen bis heute nicht einmal dokumentiert werden und können daher auch nicht als Mahnmale interpretiert werden. Sie erfüllen noch immer ihren propagandistischen Zweck und stellen eine Beleidigung für die Südtiroler dar. Die Entfernung dieser faschistischen Relikte, sowie umfassende Aufarbeitung der Geschichte ist längst fällig. Auch die Wiedergutmachung des faschistischen Unrechts, welches durch die Enteignung von privaten Grundstücken erfolgte, ist anzustreben.

Damit bin ich ebenfalls einverstanden und noch dazu sage ich, dass Relikte, die den Faschismus verherrlichen nicht nur eine Beleidigung für die Südtiroler sind, sondern auch für jene Italiener (und das waren doch sehr viele) die unter dem Duce gelitten haben — und für ihre Nachkommenschaft. Eine substantielle Entschärfung ist notwendig, wobei dies in einzelnen Fällen nicht unbedingt die Verschrottung des ganzen Gebäudes erfordert, aber sicher die Entfernung der faschistischen Symbolik.

– Italienisierung stoppen: Trotz Autonomie läuft Südtirol Gefahr, assimiliert und zu einer normalen italienischen Provinz zu werden. Besonders der Schule kommt die Aufgabe zu, den Kindern das Wissen über die eigene Geschichte und Tradition zu vermitteln. Die Kinder dürfen nicht in der “Siamo-in-Italia”- Mentalität erzogen werden. Ausländerkinder sollen nicht in italienische Schulen abgeschoben, sondern es soll ihnen die Eingliederung in die deutsche Sprachgemeinschaft ermöglicht werden. Sportwettkämpfe vermitteln nicht nur Leistungen, sondern auch Emotionen. Die Südtiroler Athleten sollen nicht für den italienischen Staat antreten und die eigene Identität verleugnen müssen. Fahnen und Hymnen wecken Emotionen, die wir zur Stärkung unserer Identität nützen sollten. Langfristig sollen unsere Athleten für Südtirol oder ein Gesamttiroler Team antreten können.

Da habe ich leider immer noch den Eindruck, dass die Verbreitung der italienischen Kultur als etwas höchst Schändliches für Südtirol betrachtet wird, etwa nach der Maxime “weniger ist mehr”. Ich kann mich mit diesem Punkt beim besten Willen nicht einverstanden erklären. Ich schätze beide Kulturen gleich hoch und glaube man sollte jedem die Möglichkeit bieten, sie besser kennenzulernen. Also sollte man auch den italienischen Schülern die Tiroler Geschichte und Traditionen vermitteln und das ist ein seit Jahren bekanntes Problem: Man lernt in den italienischen Schulen sehr wenig bis gar nichts über die eigene Heimat, so habe ich selbst in Bozen mehrmals gehört, dass Andreas Hofer ein Bumser war. Peinlicher geht es kaum und doch ist das die Realität! Nicht einzig die italienische Schule ist aber daran schuld: Auch Traditionsvereine, die vielfach ihren Nachwuchs in den deutschen Schulen suchen, werben in den italienischen gar nicht und auch die Aufnahme italienischer Mitglieder wird manchmal noch fast mehr mit Verdacht als mit Freude begrüßt.
Die “Siamo in Italia” Mentalität brauchen wir in Südtirol definitiv nicht, aber gerade auch beim Sport wäre ein bisschen mehr “Fair-Play” von allen Seiten gefragt. Man ist nicht automatisch ein Nationalist nur weil man zu Italien, Österreich oder Deutschland hält; die ganzen italo- oder deutschnationalen Provokationen, die man regelmäßig dabei aufführt, die könnte man sich aber oft ersparen.

– Gemeinsame Heimat Tirol: Nord-, Ost- und Südtirol bilden nicht nur eine geschichtliche, sondern auch eine kulturelle Einheit. Dieser Einheitsgedanke ist zu fördern, und die Landesteile sollen einander näher gebracht werden. Bereits heute ließen sich in vielen Bereichen der Wirtschaft, Politik und Kultur Gemeinsamkeiten nutzen. Konkurrenzdenken der einzelnen Landesteile sollte dem “Wir-Gefühl” Platz machen. Als kleine Region in einem wachsenden Europa kann Tirol nur gemeinsam seine Interessen durchsetzen.

Da kommt wieder der “weniger ist mehr” Gedanke in den Vordergrund: Man denkt immer wieder an ein Tirol ohne Trentino. Dabei redet man von “nicht nur geschichtlicher sondern auch kultureller Einheit” und meint es habe eine solche Einheit mit dem Trentino nie gegeben. Mann sollte aber zwei Tatsachen berücksichtigen: Die heutige Sprachgrenze entspricht nur einer Kristallisierung der sprachlichen Situation der Vergangenheit. Im Trentino gab es sehr lang das friedliche Nebeneinander der italienischen und deutschen Kultur auch viel südlicher als Salurn; vor langer Zeit war es ein Continuum von abwechselnden sprachlichen Mehr- und Minderheiten in den Dörfern zwischen Trient und Bozen. Kirchlich war es noch anders: Das Bistum Trient reichte vor 1964 bis ins Passeier und dies führte zu einem regen Ausstausch.
Zweite Tatsache: Man ist heute sehr unbarmherzig mit den Identitätsproblemen der Trientiner; besonders aufgrund des Irredentismus einiger bürgerlichen Kreise und einiger stark umstrittener Figuren wie Degasperi, Battisti und Tolomei, aber nicht nur. So behauptet man manchmal, sie sollen endlich mal selber entscheiden wohin sie gehören. Man müsste aber gleichzeitig berücksichtigen, dass was den Faschisten in Südtirol wegen der Sprache nicht gelungen ist, im Trentino vollkommen geklappt hat: Man hat die Trientiner von der Schule aus, als Tiroler “entnationalisisert” und in der “siamo in Italia” Mentalität erzogen. Die Folgen waren so tiefgreifend, dass sie selbst bis in die letzten Jahrzehnte mit der eigenen Vergangenheit nicht vorurteilsfrei umgehen konnten: Ich glaube so etwas sollte seinem Nächsten niemand wünschen. Gerade deshalb und aufgrund der eigenen Geschichte, kann man vonseiten der Süd-Tiroler Patrioten in und ausserhalb der STF, ein bisschen mehr Verständnis und Feingefühl gegenüber den Identitätsproblemen der Welsch-Tiroler verlangen.

Das wars. Ich hoffe in Zukunft wird mir niemand mehr vorwerfen gleich wie oder auch gegen STF zu sein: Ich denke nur mal anders.

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