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Toponomastikkommission (II): Name ≠ Sprache.

In einem rechtlich zweisprachigen Gebiet, wo also zwei Sprachen mit gleicher Rechtsstellung nebeneinander stehen, ist es eigentlich klar, dass jede der beiden Sprachen Örtlichkeiten in ihrem Sprachsystem benennt — welcher Herkunft diese beiden Namen sind, ob sie einander ähnlich oder unähnlich sind, ob sie eine weit zurückreichende Geschichte auf ihrer Seite haben oder rezente Prägungen sind, ist demgegenüber zweitrangig.

[…]

In der Diskussion wird oft darauf verwiesen, dass es in Europa ja auch Regionen gibt, wo nur die Namenformen der Regionalsprache amtlich sind, nicht jedoch die Formen der jeweiligen Nationalsprache. Konkret: In Spanien sind in Katalonien nur die katalanischen, in Galizien [Galicien, Anm.] nur die galizischen [galicischen] Namenformen amtlich, und man strebt das teilweise auch im Baskenland an. Die Situation ist aber anders als in Südtirol: In Südtirol ist gerade auf der Landesebene deutsch [sic] und italie­nisch [sic] gleichberechtigt und gleich offiziell, während in Katalonien und Galizien [sic] auf Regionalebene die Regionalsprache, also Katalanisch und Galizisch [sic], ein Alleinstellungsmerkmal beansprucht – das Spanische ist offiziell nur als Sprache des Gesamtstaates anerkannt. So sind alle katalanischen Regionalgesetze nur katalanisch, nicht spanisch, veröffentlicht, und der staatliche Schulunterricht ist inzwischen einsprachig katalanisch, mit Spanisch als Fach wie Englisch oder Deutsch. Das ist mit der Situation in Südtirol ja nicht zu vergleichen, wo beide Landessprachen gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Univ. Prof. Dr. Johannes Kramer (Leiter der Fächergruppe Romanistik an der Universität Trier, hat bereits desöfteren mit dem von E. Tolomei gegründeten und von C. A. Mastrelli geleiteten ‘Istituto di Studi per l’A. Adige’ in Florenz zusammengearbeitet). Aus den Protokollen des Sonderausschusses Ortsnamensgebung im Südtiroler Landtag, wo Kramer als Experte eingeladen war.

1. Die sogenannten Regionalsprachen sind in Katalonien und noch deutlicher in Galicien und dem Baskenland kein Alleinstellungsmerkmal. Kastilisch (Spanisch) ist neben Katalanisch, Galicisch oder Baskisch sehr wohl auch laut jeweiligem Autonomiestatut (und nicht »nur« aufgrund staatlicher Gesetze) Amtssprache.

2. In Katalonien ist Kastilisch (Spanisch) nicht ein Fach wie Englisch oder Deutsch, sondern Teil der asymmetrischen katalanischen Immersion, die hier bereits beschrieben wurde.

3. Im Baskenland sind die Amtssprachen Baskisch und Kastilisch (Spanisch) völlig gleichberechtigt, auch das Schulsystem gleicht mit nach Sprachen getrennten Modellen jenem in Südtirol. Trotzdem sind nur sehr wenige Ortsnamen zweinamig (die Städtenamen Gasteiz-Vitoria, Donostia-San Sebastian und Bilbo-Bilbao). Das meiste andere wurde zugunsten der baskischen Versionen abgeschafft.

4. Das Argument, in zweisprachigen Gebieten seien Ortsnamen grundsätzlich zu übersetzen, entkräftet auch Egon Kühebacher (ehem. Lehrbeauftragter der Universität Innsbruck und ehem. Experte des Südtiroler Landesarchivs) — ebenfalls als Experte eingeladen — in seiner folgenden Stellungnahme:

Noch etwas zum Schluss, wodurch ich mich nun von meinen Vorrednern stark unterscheide. Es wurde gesagt, wo zwei amtliche Sprachen sind, braucht es auch zwei gleichberechtigte verschiedene Namen. Ich habe es immer so gelernt und es von anderen Kollegen auch mitbekommen, dass die geographischen Namen mit der gesprochenen Sprache ihres Gebietes überhaupt nichts zu tun haben müssen, [außer] zum Beispiel in der ehemaligen deutschen Sprachinsel Zarz in Oberkrain, im heutigen Slowenien, wo das deutsche Sprachleben schon um 1920 total ausgestorben ist. Es wird schon längst seit zwei Generationen nur slowenisch gesprochen, aber die gesamte geographische Nomenklatur ist noch deutsch. Die Berge, die Höfe, die Hofgruppen, die Felder haben deutsche Namen und nichts anderes, ebenso etwa in den 7 Gemeinden, in denen das deutsche Sprachleben längst erloschen ist und die Namen der Felder, der Häuser usw. deutsch geblieben sind. Im Aostatal gibt es genauso wie in Südtirol amtliche Zweisprachigkeit, aber amtliche französische Einnamigkeit, obwohl heute das Patuà¡ [falsche Transkription, müsste Patois heißen, Anm.] nur mehr von wenigen, vielleicht von 10 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird.

Jeder Name hat nicht eine Wortbedeutung. Wörter kann man übersetzen, Wörter und ihre Bedeutung können mit gleichbedeutenden Wörtern einer anderen Sprache [–] oft  nicht genau [–] wiedergegeben werden, aber Namen bezeichnen, identifizieren, sie sind mit dem Bezeichneten unlösbar verbunden und sind grundsätzlich nicht übersetzbar. Ich kann das Wort „Mühlbach“ mit einem Bach, der Mühlen treibt, übersetzen, aber ich kann nicht den Name[n] „Mühlbach“ übersetzen, denn dieser bedeutet etwas ganz anderes. Er bedeutet nicht mehr einen Bach, der Mühlen treibt, sondern eine Ortschaft am Eingang des Pustertales mit einem gewissen Kirchturm usw. Das bedeutet er. Es ist genau gleich wie bei den Personennamen, wenn ich den Herrn Müller grüße, dann denke ich nicht an einen Müller, der aus Getreide Mehl macht, obwohl ein Vorfahre von diesem Herrn Müller wirklich ein Müller war, aber heute bedeutet für mich Müller nur mehr der Angehörige der Familie Müller. Der Name hat keine Wortbedeutung.

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11 replies on “Toponomastikkommission (II): Name ≠ Sprache.”

könnte jemand bitte im landtag anrufen und denen sagen, dass das was einige „experten“ da so von sich gegeben haben, schlichtweg falsch ist.

Diese „Experten“ werden doch mit Absicht von der derzeitigen Mehrheitspartei eingeladen, um ein Gefälligkeitsgutachten im Interesse der Realpolitik abzugeben und der Svp somit einen Teil der Verantwortung für die – bereits im Vorfeld gefasste – Entscheidung (alles muss zwingend „zweisprachig“ sein) abzunehmen, man kann sich ja im Anschluss praktischerweise auf die Expertenmeinungen berufen.

Ähnlich auch bei den Gutachten zur Geheimhaltung der SEL-Verträge (hielten keiner richterlichen Überprüfung stand), zur Geschäftsordnung, etc.

wissenschaftlich eigenwillige interpretationen sind eine sache, behauptungen, die leicht zu falsifizieren sind, als „fakten“ zu präsentieren, eine andere.

Ich könnte jetzt wieder mit meinem Beispiel Calimera (LE) kommen und hoffe, die Mitdiskutanten damit nicht schon zu langweilen.

Was den letzten Absatz betrifft: Es gibt einen Kulturkreis, in dem Namen schon übersetzt werden, nämlich die ehemalige Sowjetunion, konkret Russland, Belarus und die Ukraine. Dort werden nicht nur Orts-, sondern auch Personennamen übersetzt, was aufgrund der Ähnlichkeit der Sprachen nicht besonders schwer ist. Für einen Westeuropäer ist das gewöhnungsbedürftig und speziell für Südtirol ist dieses Modell wahrscheinlich nicht sinnvoll anwendbar.

Interessant — zum Zwecke der Widerlegung Kramers — ist auch die Situation im País Valencià , der Region València, die ebenfalls zweisprachig Kastilisch/Katalanisch (die Valencianer nennen es Valencianisch) ist. Dort wählt sich die Bevölkerung schon seit mehreren Legislaturperioden (ziemlich unverständlicherweise) Regierungen unter der Führung der spanisch-zentralistischen Partei PP. Trotzdem ist dort die Toponomastik Gemeindesache, und trotzdem haben im Laufe der letzten Jahre viele davon beschlossen, den kastilischen Ortsnamen abzuschaffen. Prominentestes Beispiel ist wohl die durch ihren Fußballclub international bekannte Stadt Villarreal (lies: Bijarreà l), die heute nur noch katalanisch (valencianisch) Vila-real (lies: Vila reà l) heißt. Es gibt aber durchaus weniger bekannte Ortschaften, wo der Unterschied zwischen den Ortsnamen größer ist (wobei es in Südtirol ja nicht um die Größe des Unterschieds geht: auch Percha muss etwa unbedingt auf Italienisch Perca heißen). In der Region València entspricht also, wie in Aoste, die amtliche Zweisprachigkeit nicht einer amtlichen Zweinamigkeit, es gibt ungeachtet der Sprach(gruppen)verhältnisse Gemeinden mit kastilischem, mit doppeltem und mit ausschließlich katalanischem Ortsnamen.

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