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Geschützte Spezies.

Vorwahlzeit ist Bescherungszeit im Land der Raser und Lenker: Der Landeshauptmann hat nun verkündet, er wolle die vom Aussterben bedrohte (?) Spezies der Straßenrowdies unter Schutz stellen. Mit den zu vielen Radargeräten im Land müsse aufgeräumt werden, denn schließlich gebe es in Südtirol schon mehr Verkehrskontrollen, als in anderen Regionen Italiens.

Was Durnwalder nicht sagt (oder nicht weiß) ist, dass:

  1. die geradezu erstickende Polizeidichte in Südtirol (Kolonialismus lässt grüßen) leider nicht eine gute Fahrmoral bewirkt hat;
  2. die Zahl der Kontrollen nichts über deren Effizienz aussagt; erfahrungsgemäß wird eher lasch kontrolliert, ein Großteil der Inspektionen beschränkt sich auf KfZ- und Führerschein¹;
  3. die Polizei sehr häufig selbst mit nicht gerade gutem Beispiel voranbrettert²;
  4. die Gesetze in Italien derart »garantistisch« sind, dass ohnehin nur noch radikalste Raser belangt werden (siehe!);
  5. die Radargeräte geradezu peinlich angekündigt werden müssen³ (siehe) – als ob man Schwarzfahrern mitteilen würde, in welchen Bussen um welche Uhrzeit Ticketkontrollen durchgeführt werden; wer da noch erwischt wird, muss wahrlich dumm sein;
  6. Fahrer, die sich an die Regeln halten, durch Radaranlagen nicht beeinträchtigt werden (keine Schikane!);
  7. in Italien viel weniger Radarkontrollen als in Deutschland, Frankreich oder Spanien durchgeführt werden;
  8. in anderen Regionen Italiens etwa noch das Fahren ohne Gurt gang und gäbe ist; warum nimmt sich Durnwalder hier den Stiefelstaat zum Vorbild, wo man sich doch sonst so gern davon abhebt?
  9. laut einer Statistik (2005) des ADAC auf eine Million Einwohner in Deutschland 65, in der EU 82, in Italien aber 97 Unfalltote kommen;
  10. Raser nicht nur sich selbst, sondern auch andere gefährden und außerdem ein schlechtes Beispiel geben;
  11. man vor Wahlen keine Menschenleben verschenkt!

Siehe auch:

1) Ich selbst besitze meinen Führerschein seit 1996 – und bis dato wurde ich lediglich so kontrolliert; siehe auch: la Repubblica: Blog motori.
2) Heute selbst bin ich auf der MEBO von einer schlendernden – also sicher nicht im Einsatz befindlichen – Streife der Finanzpolizei überholt worden, weil die Herren durch eine 90km/h-Strecke mit rd. 110km/h einfach weitergebrettert sind; seit ich mich peinlich an Beschränkungen halte, passiert mir das immer wieder;
3) Bspw. Radargerät in Forst/Algund: Schild »Radarkontrolle«, Display mit Geschwindigkeitsmessung, Beschränkungsschild mit Messung und Blinkanlage und dann erst Radargerät;
4) EU-15.
Comparatio Mobilität Politik Polizei Umfrage+Statistik | Landtagswahl 2008 | Luis Durnwalder | la Repubblica | Südtirol/o | SVP | Deutsch

16 replies on “Geschützte Spezies.”

Guter Beitrag, pervasion! Hat ja sonst kaum jemand Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Radargeräte haben noch keine Opfer gefordert, Raser hingegen hunderte, allein in Südtirol in den letzten 10 Jahren! Undzwar nicht nur Tote, sondern auch eine Heer von Behinderten, die unter erwscherten Umständen weiterleben.

vielleicht ist dazu noch zu sagen, dass gewisse gemeinden im vinschgau, welche über einen mobilen radar verfügen, ihre polizei mit äusserster vorliebe ausserorts an solchen plätzen postieren, wo 70er oder 90er schilder in der nähe stehen und der radar die reichweite ca. 10 meter vor diese schilder hat, denn ca. 80% der leute beschleunigt einfach bevor sie das schild effektiv passiert haben, beim abbremsen umgekehrt – das nennt man 100%ige abzocke und sonst gar nix, da bei den schildern immer eine auslaufstrecke mit einkalkuliert ist – also überhaupt gar keine gefährdung erkenntlich ist.

handkehrum vor unsrem haus, mitten in der ortschaft, in einer 30er zone, fahrt so manch lobotomiebehandelter autolenker ganz fröhlich und selbstverständlich 50-70, 2 unserer katzen hat man auch schon überfahren – aber ich hätte nie bemerkt dass jemals innerorts die geschwindigkeit gemessen wurde – und es ist nur eine frage der zeit bis es einen menschen treffen wird.

ich gebe zu, ich bin auf der schnellfahrerseite, allerdings ist für mich schnellfahren in einer ortschaft absolutes tabu und werde sehr sehr aggressiv wenn ich sehe dass jemand durch eine ortschaft rast.
ich fahre oft auf 90er strecken 100 – 120, aber dazu muss ich ganz offen sagen: es gibt dermassen schlechte fahrer, die mit 70 die grössere gefahr darstellen als ich mit 120 (ich fahre über 35’000km im jahr und hatte noch nie einen unfall und bin schon über 300’000km gefahren). ich habe mittlerweile schon unzählige ausweichmanöver machen müssen wegen halb auf meiner spur kommenden sonntagsfahrern oder betrunkenen, die höchstens 70 gefahren sind aber nicht mal mit der lächerlichen geschwindigkeit die spur halten können. solche möchtegernautofahrer und alkoholisierte sind eindeutig die grössere gefahr – treffen sich 2 von denen gibts tote.

im grossen und ganzen: die radar’s sind zu 100% zum abzocken da.

zum rest:

ja, die italienische polizei ist ein denkbar schlechtes vorbild… geblinkt wird aus prinzip nicht, weder beim überholen noch beim abbiegen. unter gewissen umständen kann das gefährlich sein. aber der umstand dass da uniformierte drin sitzen hält mich nicht davon ab zu hupen und den arm italienisch in ihre richtung zu schwingen. siamo in italia, no?
ich habe schon öfters die polizei, sei es in der schweiz (sogar bei nebel) wie in österreich wie in italien auf autobahn und landstrasse überholt… sie fahren immer ca. 10kmh unter dem limit und solang man nur 10kmh über dem limit überholt regt sich kein polizist auf, was ich als korrekt empfinde. es kam sogar schon vor dass sie rechts geblinkt haben um mich „vorbeizuwinken“.

ungebildetere und unfähigere autofahrer als in südtirol hab ich selten erlebt
* sehr viele schalten das fernlicht ein bevor sie einen beim entegegenfahren passiert haben, so richtig mit absicht „iaz blend i di nou richti“ – wäre mir die zeit für solche fekalienfresser nicht zu schade, ich würde umkehren und sie aus dem verkehr ziehen.
* gas geben wenn man überholt wird ist volkssport, besonders wenn da einer mit schweizer kennzeichen vorbei möchte, aber zum glück können sich die meisten südtiroler kein so starkes auto leisten, sodass ich mit meinem v6 leicht vorbeikomme (leicht sarkastich gemeint)
* dass man in den zähen verkehr zb in ortschaften reingelassen wird oder fussgänger über den zebrastreifen gehen lässt ist die totale seltenheit, während das in DE, AT und CH standard ist.
* spur halten ist optional, das muss nicht sein, der entgegenkommende wirds schon richten.
* nachmacher: manche leuten können keinen meter weit denken und glauben, alles was schweizer kennzeichen hat muss schweizer und somit ortsunkundig sein. wenn ich in eine kurve zügig reinfahre oder eine schlaftablettenkolonne überhole, heisst das nicht automatisch dass das jeder kann, aber trotzdem versuchen viele es nachzumachen und geraten dann teilweise ins schleudern in kurven (wollen distanz zu mir aufholen und vergessen das fahren selbst) oder in prekäre gegenverkehrs-situationen (zb aus der schlaftablettenkolonne ausscheren und ohne jeden schwung mit schwachem motor noch alle überholen wollen). dann fühl ich mich ein klein wenig schuldig, aber andererseits sind sie vollkommen selber schuld. ich lass mich auch nicht provozieren, ich fahre wie ich fahren kann und schluss.

also in sachen verkehr passt südtirol doch perfekt zu italien, was beschwert ihr euch ;-)

Gratulationen pervasion, für diesen Beitrag, der einige Dinge auf den Punkt bringt. Durnwalders Vorstoss ist ja mehr als unverständlich. Aber die Autopartei SVP entdeckt im Vorfeld der Landtagswahlen die Stammtischklientel Raser und Säufer.
Was in Südtirol fehlt ist eine seriöse und wissenschaftliche Diskussion über Sicherheit und Unsicherheit im Straßenverkehr. Dabei würden einige recht unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen. Beispielsweise, dass zwar in vielen europäischen Ländern und möglicherweise auch in Südtirol, zwar in den letzten Jahren zum Teil die Verkehrstoten leicht gesunken sind, aber nicht die Unfallzahlen insgesamt und auch nicht die Schwerstverletzten. In Ländern in denen die Unfallstatistiken seriöser analysiert werden, als in Südtirol, hat man sehr wohl festgestellt, dass das leichte Absinken der Todesrate unter anderem auf die verbesserte Akutmedizin zurückzuführen ist (jemand der früher bei einem Verkehrsunfall starb, überlebt heute – als Schwerverletzter mit zum Teil irreversiblen Folgen für den Rest des Lebens). Weiters wurde festgestellt, dass die technische Offensive der Autoindustrie (ABS, Airbag usw) sehr wohl der Sicherheit der Autoinsassen nützt, nicht aber FussgeherInnen und RadfahrerInnen. Die Opferzahlen der FussgeherInnen und RadfahrerInnen ist in den letzten Jahren sogar ansteigend. Aber der Zusammenhang zwischen Raserei und Fussgeher- und Radfahrersicherheit scheint unserem LH wohl nicht klar zu sein.
Professor Knoflacher schreibt in einem lesenswerten Interview: http://www.zeit.de/2007/38/Interv_-Knoflacher
auch darüber, dass der Fussgeher 7000 Jahre lang die gesamte Straße benutzen durfte – seit 50 Jahren werden FussgeherInnen an den Rand gedrückt. An den Rand gedrückt einerseits ganz legal durch eine verfehlte Verkehrs- und Urbanistikpolitik und illegal durch Raserei und rücksichtsloses Verhalten – in Südtirol wieder legal gedeckt durch LH und leider auch Verbraucherschutzzentrale oder Chefredakteur der FF.
Weitere interessante Links zum Thema:
1) Vision Zero: http://www.vcd.org/visionzero.html
2) Shared space Prinzip, ein interessanter Ansatz aus den Niederlanden http://www.zeit.de/zeit-wissen/2005/05/Verkehrsberuhigung_NEU.xml

DANN WÄRE VIELLEICHT AUCH ZU ERWÄHNEN DASS DAS VERKEHRSAUFKOMMEN JEDES JAHR WESENTLICH STEIGT UND SOMIT DIE ABSOLUTEN ZAHLEN, WENN SIE GLEICH BLEIBEN, EINEN RÜCKGANG DARSTELLEN!!!

ich liebe solch schwachsinnig einseitige statistiken, sie zeigen das geistige niveau deren anhänger…
genauso wie „frauen fahren besser“: frauen fahren 35% der gefahrenen strecke und verursachen 40% der unfälle. aber: schwere unfälle durch raserei werden nach wie vor grösstenteils von männern verursacht!!

Oh ja, die Statistiken. Aber wenn wir mal das ich fahre besser als du, er, sie, es mal weglassen, kommen wir vielleicht auf einen gemeinsamen Nenner.

Richtig ist, dass viele Radarstationen an Orten aufgestellt werden, wo es eindeutig um Finanzaufbesserung geht und nicht um Fahrsicherheit.

Richtig ist auch, daß Innerorts nicht soviel kontrolliert wird. Hängt aber von der Gemeinde ab. In Lana stehen alle fixen Radarstationen durchaus an sinnvollen Stellen und auch vorher kontrollierte die Gemeindepolizei mit den mobilen Radargeräten nur Innerorts an sensiblen Stellen.

Die Ankündigung der Geräte finde ich nicht schlecht. Manch verstecktes Gerät gibt eher den Anschein, daß man Kasse machen will. In Österreich stehen die auch sehr offensichtlich herum und eigentlich alle halten sich dann an die Geschwindigkeit. Dass danach wieder beschleunigt wird ist ein anderes Thema.

Über die Fahrermoral läßt sich wahrlich streiten. Es ist besser als in anderen Orten (ich meine südlicher), aber trotzdem ist da einiges zu tun. Ich erinnere mich an ein Interview mit dem Polizeichef vor einigen Jahren, der bestätigte daß die Südtiroler wegen der Bergstraßen recht gute Autofahrer wären, sie aber auch deshalb eher übermütig seien.

– Wenn man sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen hält, gibt man der Finanzaufbesserung keine Chance. Und bei den neuen Bestimmungen muss man ja richtig blechen wollen!

– Gegen eine Landeskommission, die in ganz Südtirol gefährliche Stellen ausfindig macht, und dort die Aufstellung von Radargeräten empfiehlt, hätte ich gar nichts. Hier will das Land aber nicht geeignete Orte für Kontrollen suchen, sondern die im internationalen Vergleich bereits dünn gesäten Anlagen teilweise entfernen lassen.

– Du sagst: »In Österreich stehen die auch sehr offensichtlich herum und eigentlich alle halten sich dann an die Geschwindigkeit. Dass danach wieder beschleunigt wird ist ein anderes Thema.« Nein: Das ist das Thema. Bei manchen Anlagen kann es durchaus sinnvoll sein, eine Ankündigung anzubringen. In den meisten Fällen sollte man davon jedoch absehen – denn sonst weiß jeder, dass er nur da geblitzt werden kann, wo ihn auch ein fettes Schild darauf vorbereitet. Dann wird er nur an diesen Stellen abbremsen, um anschließend wieder ungestraft zu beschleunigen…

Ich geb dir vollkommen recht, aber es ist auch so, dass besonders Gemeinden ihre Radarfallen zur Zeit an Orten aufstellen die eben nicht gefährlich sind und die Geschwindigkeitsbegrenzungen extra heruntersetzen (Tramin und Dorf Tirol sind da ein schönes Beispiel). Diese gehören woanders hin.

Ich bin aber für die Kennzeichnung besonders bei Stellen an denen es enorm wichtig ist, dass jeder (auch nicht Ortsansässige) langsam fährt. Egal ob er es einsieht oder nicht. Wenn man bei einer Schule ein Radargerät anbringt und darauf hinweist hat man das Ziel erreicht, dass die Schüler sicherer sind. Resultate sind da schon auch wichtig, nicht nur Grundsatzdiskussionen.

Dann sind wir einverstanden: Radargeräte gehören nicht in ihrer Anzahl reduziert, sondern noch sinnvoller eingesetzt. Das heißt aber nicht, dass sie ausschließlich an sensiblen Stellen aufgestellt werden dürfen.

An besonders gefährlichen Orten kann dagegen, genau wie du schreibst, eine Ankündigung positiv sein. Wenn aber alle Anlagen angekündigt werden müssen, dann bewirkt dies, dass Autofahrer sich nur noch punktuell an die vorgeschriebene Geschwindigkeit halten.

dazu möcht ich mal einige Punkte los werden:
1. nicht jeder, der die erlaubte Geschwindigkeit übertritt, ist gleich ein Raser
2. Verkehrschilder scheinen mittlerweile das „Maß“ zu sein, Einschätzungen der Autofahrer werden grundsätzlich den Blechschildern untergeordnet.
3. wer sorgt endlich dafür, dass man die vorgeschriebene Geschwindigkeit auch wirklich fahren kann? meist liegt die effektive Geschwindigkeit um ca. 20 – 30 km/h drunter.

Heute habe ich auf Ö3 gehört, dass am letztjährigen Osterwochenende 300.000 Österreicher geblitzt wurden. An einem Wochenende! Und hier bei uns wird wegen der paar Kontrollen der Polizeistaat ausgerufen…

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