Das Wort zum Sonntag.

Die Milchehe ist besiegelt. Ab 2014 werden Stubaier und Wipptaler Bauern ihre Milch – rund sieben Millionen Kilogramm – an den Milchhof Sterzing liefern. Ein Freudentag für alle Euregianer. Wie tönte Landeshauptmann Luis Durnwalder unlängst noch so schön auf dem Forum Alpbach anlässlich des Tiroltages im Zeichen der Euregio: “Erstens sind wir von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit innerhalb der Euregio überzeugt und freuen uns daher, uns in diesem Rahmen gemeinsam präsentieren und somit die Euregio auch mit konkreten Inhalten füllen zu können. Zweitens ist es in Zeiten, in denen die Budgets knapper werden, im Interesse der Bevölkerung und der Politik, dass über die Herausforderungen dieses Gebiets gemeinsam diskutiert und nach Lösungen gesucht wird.” Wer hätte damals ahnen können, dass manche sich erdreisten, diesen Sonntagsreden auch konkrete Taten folgen zu lassen. Da hört sich für den Landeshauptmann der Spaß jedenfalls auf. Mit der neuen gemeinsamen Euregio-Landkarte, die Durnwalder im Februar dieses Jahres präsentierte, wäre dem Anspruch der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit doch wohl genüge getan gewesen. Aber nein. Jetzt – Zitat Durnwalder – “verwässern” die Stubaier und Wipptaler das schöne Südtiroler Qualitätssiegel mit ihrer Milch, pardon … ihrem Wasser. Dabei haben die Nordtiroler Bauern und der Südtiroler Milchhof doch genau das getan, was Durnwalder forderte: grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die Euregio mit konkretem Inhalt gefüllt und die Herausforderungen des Gebiets gemeinsam angegangen. Der Milchhof Sterzing hat zu wenig Milch – besonders auch Biomilch – um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Die nur wenige Kilometer entfernt wirtschaftenden Bauern haben genug davon. Die wirtschaftliche Notwendigkeit des Milchzukaufs anerkennt auch Durnwalder im Dolomiten-Interview: “Mir ist viel lieber, wenn die Sterzinger ihre Milch aus Nordtirol importieren als etwa aus Sachsen oder sie von sonst irgendwo zukaufen.” Euphorie angesichts dieser konkreten Belebung der Euregio hört sich für mich jedoch anders an. Das klingt mehr nach “naja, wenn’s unbedingt sein muss” statt nach der geforderten, aktiv gesuchten – und in diesem Falle auch gefundenen – Zusammenarbeit. Ähnlich euregio-freundlich argumentiert der Obmann des Sennereiverbandes, Joachim Reinalter: “Wir hoffen natürlich, dass die Südtiroler Milch auch weiterhin einen Wert hat und dass die Zusammenarbeit mit Sterzing trotzdem funktionieren kann.” Vielsagende Wortwahl beider Herren. Die Sache ist also so ernst, dass man die Nordtiroler Bauern indirekt gleich zweimal pauschal beleidigen muss, um die Südtiroler Qualität zu schützen. Es ist aber auch wirklich beunruhigend, wenn sieben Millionen Kilo Milch – darunter 700.000 Kilogramm Biomilch – aus dem rund 15 Kilometer entfernten nördlichen Wipptal nach Sterzing “importiert” werden. Das ist ja fast schon China. (Warum eigentlich “importiert”? Innerhalb des Binnenmarktes gibt es keinen Im- und Export und Grenzen gibt es ja bekanntlich auch keine mehr). Die Bedrohung der Südtiroler Qualitätsmilch aus dem Norden lässt Durnwalder dann auch sogleich das “Wir” und “Die da draußen” betonen: “Die Nordtiroler Bauern sollten keine Mitglieder des Sterzinger Milchhofes werden, sondern nur eine Liefergemeinschaft. Wennschon müssten zuerst die heimischen Bauern Mitglieder werden.” Nordtirols ehemaliger Landeshauptmann Wendelin Weingartner sieht die Sache etwas anders und strapaziert in diesem Zusammenhang in einem Kommentar in der Sonntagszeitung Zett das Beispiel Speck. “Sein Grundprodukt ist das Schweinefleisch. Für die großen Speckproduktionen in Südtirol kommt es aus anderen Ländern, meist aus dem Norden. In Südtirol selbst gäbe es ja viel zu wenige Schweine. Das Schicksal eines Schlegels entscheidet sich dann in Innsbruck: Wird er nach Westen transportiert, wird daraus echter Nordtiroler Speck. Wird er hingegen nach Süden transportiert, wird daraus echter Südtiroler Speck. Er bekommt dann das Qualitätszeichen ‚Südtirol’ und die EU-Ursprungsbezeichnung ‚ggA’”. Warum sollte dann nicht Nordtiroler Milch zu Südtiroler Joghurt verarbeitet werden? Es geht also nicht um rechtliche Probleme wegen eines Qualitätszeichens, sondern um den politischen Willen. Und wenn es einen Etikettenschwindel gibt, dann ist der bei holländischem Massenmastschwein im original Südtiroler Speck doch viel eklatanter als bei unter gleichen Produktionsbedingungen erzeugter Milch aus dem gleichen Tal, durch das eine nicht existierende Grenze innerhalb einer Euregio verläuft. Doch wie sagte Durnwalder so treffend im Dezember 2010: “Die Euregio wird von manchen als nutzloses Gebilde gesehen.” Er hat damals nur nicht dazu gesagt, dass er sich selbst damit meint.

Siehe auch:

Grenze Politik Wirtschaft+Finanzen | | | Zett | | Euregio SVP |

16 replies on “Das Wort zum Sonntag.”

In wirtschaftlichen Belangen hat es durchaus Methode dass sich Südtirol von Nortirol abgrenzt. Die Dachmarke “Qualität Südtirol” steht ja explizit für dieses Vorgehen.

Werben nicht auch Südtiroler Urlaubsregionen u.a. auch deshalb mit italienischem Namen um sich von Nordtirol marketingtechnisch abzugrenzen?

Marketingfuzzis nennen das Marktsegmentierung, oder Differenzierungsstrategie.
Eines ist klar, es geht hier um Geld und nicht um die Euregio.

Warum sollte dann nicht Nordtiroler Milch zu Südtiroler Joghurt verarbeitet werden? Es geht also nicht um rechtliche Probleme wegen eines Qualitätszeichens, sondern um den politischen Willen.

Eben doch. Jedes Produkt das unter Qualität Südtirol läuft hat seine eigenen Richtlinien. Bei der Milch ist die Herkunft der Milch festgeschrieben, beim Speck nicht.
Milch

Die gesamte Rohmilch, die zur Herstellung der Milch und Milchprodukte mit dem Qualitätszeichen “Qualität mit Herkunftsangabe” verwendet wird, muss aus dem Land oder der Region, die auf dem Qualitätszeichen für die Herkunft steht, stammen, in den dortigen Produktions- oder Handelsbetrieben erzeugt, verarbeitet, abgepackt und von dort aus in den Verkehr gebracht werden. Ein Zukauf aus anderen Provinzen oder Ländern ist nicht zulässig.

Beim Speck ist lediglich das Hersstellungsverfahren geschützt.

Die geschützte geographische Angabe “Südtiroler Markenspeck g.g.A.” bzw. “Südtiroler Speck g.g.A.” (in deutscher Sprache) oder “Speck Alto Adige iGP” (in italienischer Sprache) ist dem Produkt vorbehalten, das den in dieser Herstellungsspezifikation festgelegten Bedingungen und Anforderungen entspricht.

@ m.gruber

daher schreib ich ja. es geht um den politischen willen. die regeln für das milch-qualitätssiegel hat ja nicht der liebe gott uns menschen gesandt sondern sie wurden von der politik so gemacht. und wenn der politische wille da und das bekenntnis zur euregio nicht bloß eines der lippen ist, dann ist die möglichkeit gegeben.

Das ist doch total absurd! Speck mit Schweinefleisch aus den Niederlanden ist ein “reinrassiger” Südtiroler, aber das Joghurt mit Milch, die aus praktisch direkt benachbarten Tälern stammt wird zum “brutto bastardo”? Bitte um Nachsicht für meine drastische Wortwahl, aber da kann das Temperament schon mal mit einem durchgehen …

Wart nur, jetzt kommt m.gruber und erklärt dir, dass es zwar gleich heißt (Wipptal), aber nicht das gleiche Tal ist. Denn da fließen zwei unterschiedliche Flüsse, die nicht in das selbe Meer münden. Ähnliches gilt auch für das Pustertal. Tolomei hat Ordnung geschaffen und das Südtiroler Wipptal in (Oberes) Eisacktal umbenannt. ;)

Tut zwar nichts zur Sache, aber i-Tüpfelchen-Reiterei muss sein.

stimmt. das war mir während des verfassens bewusst, dass da am brenner eine wasserscheide ist :-)

Da es sich bei Milch auch um eine Flüssigkeit handelt, ist nun wohl die Stichhaltigkeit der Argumente Grubers erwiesen.

Andererseits: Gäbe es Parmiggiano Reggiano in Deutschlands und Österreichs Supermärkten in dieser Menge, würde nicht die Milch für dessen Herstellung … nein, das kann doch nicht … ?

Ich heiße dieses Vorgehen ja nicht gut. Ich sage nur, dass das Methode hat und Südtirol sich seit Jahren von Nordtirol marketingtechnisch abgrenzt. Bei der Euregio auf die Wirtschaft zu setzen ist ein Trugschluss. Zudem merke ich an, dass dem Sterzinger Milchhof die Euregio ebenso egal ist wie Durnwalder.

ist es nicht genau das, was ich in meinem artikel ankreide?

Ja. Deshalb verstehe ich auch die Aufregung hier nicht.

Der einzige Punkt wo ich widersprochen habe ist der, wo du Milch und Speck in einen Topf wirfst und sagst, wenn das Qualitätssiegel beim Speck so gehandhabt wird geht das auch bei der Milch. Es fehle nur am politischen Willen. Darauf hab ich dann die Problematik bei der Milch herausgearbeitet und auf rechtliche Bestimmungen verwiesen.

Wie gesagt: ich versteh die Aufregung nicht.

http://www.ff-online.com/ausgaben/22-364/sterzinger-tirol-milch/

da fällt mir ein: im schnalstal gibt es bauern, die ihre schafe über den similaun ins benachbarte (sic) venter tal/ötztal auf die weide treiben. die schafe fressen dann also nordtiroler gras und verbringen einen großteil ihrer zeit im “ausland”. sind das dann noch südtiroler schafe und sind die produkte, die aus diesen schafen gewonnen werden (wolle, fleisch, milch …), südtiroler produkte, die das qualitätssiegel tragen dürfen?

Das Wort am Sonntag ertönt immer dann besonders laut, wenn der Ruf nach Unabhängigkeit stärker wird.
Freilich, wenn dann (Nord)Tiroler Milch in (Süd)Tirol verarbeitet wird, dann beginnen schon die grenzenlosen Probleme.
Deshalb benötigen wir auch einen eigenen Flughafen und eine eigene Medical School.

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