von Stefan Luther
Der Artikel in der heutigen Tageszeitung (Seite 8) über die angeblich »einseitige Integration« von Migrantinnen und Migranten in Südtirol verfehlt aus meiner Sicht den Kern des Problems. Die These, Italienisch werde deshalb bevorzugt, weil Deutsch zu schwierig sei, ist schlicht nicht plausibel. Migration folgt in erster Linie pragmatischen Regeln — und eine der wichtigsten lautet: Menschen lernen jene Sprache, die in der jeweiligen Gesellschaft dominant ist und ihnen im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt und im Kontakt mit Behörden am meisten nützt.
Genau das passiert auch in Südtirol. Italienisch ist die Staatssprache, sie dominiert in vielen Bereichen der Verwaltung, in nationalen Institutionen und (immer öfter) im öffentlichen Leben. Wer neu ins Land kommt, orientiert sich daher rational an jener Sprache, die ihm die größten Chancen eröffnet. Das hat nichts mit der vermeintlichen »Schwierigkeit« des Deutschen zu tun.
Man kann diese Logik überall beobachten. In der Deutschschweiz etwa lernen viele Migrantinnen und Migranten im Alltag Schweizerdeutsch. Wer dort unterwegs ist, stellt dies sofort fest. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, daraus abzuleiten, Schweizerdeutsch sei eine »leichtere« Sprache als Standarddeutsch. Migranten im Bundesland Tirol lernen ebenfalls Deutsch, trotz der Dominanz des Tiroler Dialektes im Alltag. Oder sind die Migrantinnen und Migranten in der Schweiz und im Bundesland Tirol etwa sprachbegabter als unsere? Es ist schlicht die Sprache der Umgebung — also diejenige, die man braucht, um im Alltag zurechtzukommen. Und was lernen Zugewanderte in Istrien? Italienisch oder doch Kroatisch?
Die Schlussfolgerung ist klar: Migranten wählen ihre Integrationssprache nicht nach grammatischer Eleganz oder vermeintlicher Einfachheit. Sie wählen jene Sprache, die gesellschaftlich und institutionell die größte Reichweite hat. Und das ist in Südtirol eben das Italienische.
Umso erstaunlicher ist es, wenn gerade Vertreter einer Minderheit diese Realität mit dem Argument erklären, ihre eigene Sprache sei »zu schwierig«. Damit reproduziert man unfreiwillig (?) ein altes Stereotyp — und schwächt das Anliegen, Migrant:innen zur Integration in die deutschsprachige Gesellschaft zu bewegen.
Wenn man möchte, dass mehr Zugewanderte Deutsch lernen, muss man nicht über die Schwierigkeit der Sprache diskutieren. Entscheidend sind vielmehr Anreize, Sichtbarkeit und reale Verwendungsmöglichkeiten im Alltag.
Integration folgt der Logik des Alltags. Wer diese Logik ignoriert, erklärt ein strukturelles Phänomen sachlich nicht zutreffend zu einem sprachlichen Problem.

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