»Wir verlieren hier das Weihnachtsgeschäft.«

»Grundsätzlich ist Südtirol ein schwieriges Land um Kino zu machen«, sagt Urban Huber gegenüber BBD. Er ist Kinobesitzer — und will nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Denn: »Ich habe schon genug Probleme«. Nach einer entspannten Lage im heimischen Kinobetrieb klingt das nicht.

Wie auch? Gerade sei den meisten Kinos in Südtirol ihr wichtiges Weihnachtsgeschäft weggebrochen: Sowohl »Heidi«, als auch »Der kleine Prinz« hätten — nach ihrer Ankündigung in den Kinoprogrammen — Hals über Kopf gecancelt werden müssen. Kommerzielle Filme gestatten es den Kinos, auch weniger lukrative alternative Streifen zu zeigen. »Meistens spielen wir Filme in deutscher Sprache«, sagt Urban. Doch damit fangen die Probleme an: Die italienischen Verleiher hätten oft auch die Rechte über die deutsche Fassung. »In manchen Fällen kann es passieren, dass derselbe Film in Deutschland einen anderen Verleiher hat, als in Italien. Die Deutschen glauben, sie haben die Rechte über den ganzen deutschsprachigen Raum, also auch für Südtirol. Die Italiener wiederum glauben, sie haben die Filmrechte über das gesamte italienische Territorium — und Südtirol gehört ja zu Italien.«

Immer wieder ergeben sich Urban Huber zufolge »Unstimmigkeiten«, weshalb er schon lange für das Schweizer Modell plädiere. »Die starten nämlich einfach nach Sprachfassung. Die italienische Version mit Italien, die deutsche mit Deutschland und die französische mit Frankreich.« Als vor einigen Jahren das Cineplexx in Bozen eröffnete, dachte man in Südtirol hoffnungsvoll, dass das Problem einer raschen Lösung zugeführt werden könnte. »Die verlieren ja auch viel Geld, wenn ein Film in Deutschland oder Österreich vor Italien erscheint.« Doch Besserung sei nach wie vor keine in Sicht, muss Huber gestehen.

»Der kleine Prinz« darf nun erst ab 1. Jänner, »Heidi« gar erst ab dem 14. gezeigt werden. »Diese Filme wären zu Weihnachten sehr wichtig gewesen«, im Jänner werden sie wohl nur noch einen Bruchteil der erwarteten Besucherzahlen bringen. Diesmal stellte sich heraus, dass es bei »Heidi« um einen Fehler des Produzenten ging. Angeblich hat er die Rechte versehentlich zweimal vergeben. »Dass sich der italienische Verleiher aufregt, wenn ein Film aus seinem Katalog durch einen ausländischen Verleih auf seinem Territorium ausgewertet wird, kann ich schon nachvollziehen,« gesteht Urban. Aber es sei »sehr verrückt… und für uns Kinobetreiber sehr schlecht«. Mit dem Schweizer System wäre auch sowas wohl nicht passiert.

Die »weltbeste« Südtiroler Autonomie jedenfalls, deren Hauptziel die gleichberechtigte Teilnahme aller Sprachgruppen am öffentlichen Leben sein sollte, scheitert offenbar seit Jahren daran, die Voraussetzungen für einen reibungslosen mehrsprachigen Kultur- und Kinobetrieb zu schaffen. Traurig.

Siehe auch: [1] [2] [3] [4] [5]

21 Replies to “»Wir verlieren hier das Weihnachtsgeschäft.«”

  1. Na bravo! Ich bin sprachlos …
    Anstatt dass in einem vereinigten Europa OHNE (!) Grenzen alles einfacher wird, wird es zunehmend schwieriger und unerträglicher.

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    1. Ich komme jedesmal – Entschuldigung für den Ausdruck – zum K…, wenn ich das Gelabere von Kompatscher, Achammer und Konsorten höre und lese, “es gibt in Europa keine Grenzen mehr und wir wollen keine neuen schaffen”. Für die EU sprechen der Euro und die abgeschafften Grenzkontrollen … das war’s dann aber auch schon.

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  2. Update: Angeblich wurde »Heidi« noch einmal verschoben. Wie mir der anonyme Interviewte inzwischen mitteilte, wird er in Südtirol möglicherweise gar nicht mehr gezeigt.

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    1. Questi sì che sono problemi… Che Natale sarà senza Heidi? E per colpa del perfido centralismo italico anche Il piccolo principe è a rischio!

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      1. http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=24710

        es geht einfach um dinge, die zum leben dazugehören. unmittelbar essentiell sind sie freilich nicht. aber wozu brauchen wir überhaupt kultur, sport? wozu ein bauerntheater, einen italienischen kulturverein. wäre auch kein großes problem, wenn es das alles nicht gäbe, oder?

        es sollte doch in einem vermeintlich grenzenlosen europa kein problem für einen kulturschaffenden sein einen deutschsprachigen film aufzuführen, oder?

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      2. Schierhangl, was soll der Blödsinn? Hier geht es nicht um »Heidi«, den Filmtitel kannst du beliebig austauschen. Wenn wir uns im Jahr 2015 vor einem Provokateur wie Sandro rechtfertigen müssen, weil wir etwas völlig Normales fordern, dann ist diese Autonomie definitiv am Ende.

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      3. @Karl-Heinz und Schierhangl
        Erstens hat der Film “Heidi” nix mit dem Kernthema, nämlich der Schwächen der Autonomie auch im kulturellen (hier beim Kino) Bereich. Und zweitens ist ein Artikel im “Freitag”, den ich auch ab und zu lese, nicht die absolute Wahrheit. Hier wird ja geradezu so getan, als wenn alles was nach Natur und heiler Welt riecht, rechtsnational und völkisch ist. Dabei sei an die Hippiebewegung und die 68-er erinnert (und heutige linke Strömungen), die die Natur und die Gemeinschaft in der Kommune als Idealvorstellung kultivierten. Ich erinnere an einen Link im OT-Corner, bitte als Weihnachtsgeschenk weiterempfehlen, ich les es grad und es ist ein Kultroman der 68er und nichts völkisches. Es geht aber im Prinzip um dasselbe Thema wie beim Artikel über “Heidi”. Es kommt eben immer drauf an, von wem und wie es interpretiert wird.

        ‚Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit‘ von Jean Liedloff

        http://www.amazon.de/Suche-nach-verlorenen-Gl%C3%BCck-Gl%C3%BCcksf%C3%A4higkeit/dp/3406585876/ref=pd_sim_14_1?ie=UTF8&dpID=51MIrUbVeNL&dpSrc=sims&preST=_AC_UL160_SR105%2C160_&refRID=1M3Z2VBXZ9PZHDWKSN8J

        Im Dschungel Venezuelas trifft eine junge Amerikanerin auf die Yequana-Indianer. Fasziniert vom offenkundigen Glück dieser „Wilden“, bleibt sie insgesamt zweieinhalb Jahre bei dem Stamm und versucht, die Ursachen dieses glücklichen und harmonischen Zusammenlebens herauszufinden. Sie entdeckt dessen Wurzeln im Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern und zeigt, wie dort noch ein bei uns längst verschüttetes Wissen um die ursprünglichen Bedürfnisse von Kleinkindern existiert, das wir erst neu zu entdecken haben.

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      4. Wahnsinn mit was für “politisch korrekten” Denkverboten das kapitalistische System mittlerweile arbeitet. Der nächste Schritt wird sein, dass derjenige als Nazi oder Hinterwäldler bezeichnet wird, der behauptet, dass es eine schöne Sache ist, wenn eine Frau ein Kind bekommt. “1984” ist schon in greifbare Nähe gerückt, “Krieg ist Frieden”, “Freiheit ist Sklaverei”.

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      1. Danke für den Link. Sehr hilfreich. Durch Rückständigkeit vor Schlimmerem verschont.
        Wieder mal typisch wie ein “Sprachproblem” die sicht auf die Inhalte verschleiert…..

        Was ist eigentlich mit Filmen in englischer Sprache? Es ist unbedingt notwendig auch hier eine Anlehnung an die Starts in anderen EU-Ländern nicht zu verpassen.

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      2. Du glaubst also, wir sind so unmündig, dass uns (gewollte oder ungewollte) Zensur vor einem Film wie »Heidi« verschonen muss? Sollen wir uns ganz abschotten?

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      3. Mal ganz davon abgesehen, dass man den Film offenbar auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren kann:

        Einen ungewöhnlichen Heimatfilm haben Regisseur Alain Gsponer und Drehbuchautorin Petra Volpe gemacht – einen Heimatfilm für Kinder, der Heimat undogmatisch, unpatriotisch und kein bisschen agrarpolitisch da ansiedelt, wo es angeblich schon Plinius der Ältere getan hat: Home is where your heart is.

        Spiegel Online.

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  3. Stimme in der Sache den wutbürgern hier im Forum zu. Es kann nicht sein, dass es aufgrund von bürokratischen oder sonstigen Hürden zu Verzögerungen des Kinobetriebs kommt. Allzuleicht kann man dies mit Absicht interpretieren.
    Als Lösung schlage ich eine Anlehnung an das von Ulrich Huber vorgeschlagene Schweizer Modell vor.
    Und zwar Kinostarts gleichzeitig zu österreichischem Kino (Betreiber cineplexx ist eh von Österreich oder nicht?), rechtliche Basis nach österreichischem Recht, Versteuerung natürlich in Südtirol. Könnte Vorzeigemodell für “Kondominiumssystem” werden?????

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    1. Ja, könnte es, wird es aber leider nie, weil die Südtiroler politisch einigermaßen gleichgültig und in hohem Maße angepasst agieren. Gegen den Strom wird es in Südtirol nie geben, weder von links noch von rechts. Deshalb auch keine Selbstbestimmung.

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