Und jetzt: Nazi-Benennungen weg!

Bis zum Jahr 2000 war das Bozner Realgymnasium nach Raimund von Klebelsberg, einem mit dem Nazi-Regime verstrickten Geologen aus Brixen benannt. Als Vorsitzender des DÖAV war er für den Ausschluss von Juden verantwortlich, als Rektor der Uni Innsbruck unter anderem für die Ächtung eines Medizinstudenten, nachdem (!) dieser als Mitglied der »Weißen Rose« bereits aufgeflogen und hingerichtet worden war.

Erst mehrere Jahre nachdem Leopold Steurer, der an jener Schule Geschichte lehrte, auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht hatte, wurde die Benennung im wiederholten Anlauf und unter entscheidender Mitwirkung der Schüler zurückgenommen.

Die neuliche Aufregung um ein antisemitisches Kaiserjägerdenkmal im Sarntal hat mich — kein Schaden kommt umsonst — jetzt aber wieder daran erinnert, dass es da doch noch andere Fälle gab, auf die Steurer hingewiesen hatte. Und tatsächlich, drei weitere Bildungseinrichtungen in Südtirol sind nach wie vor nach Persönlichkeiten benannt, deren dunkle oder braune Vergangenheit der Historiker ebenfalls schon vor Jahren aufgedeckt hatte:

• Nach Josef Wenter ist eine Meraner Mittelschule benannt. Der Schriftsteller war nicht nur NSDAP-Mitglied, sondern schrieb auch für das NS-Parteiorgan, den Völkischer Beobachter. Zudem war er am »Bekenntnisbuch österreichischer Dichter« beteiligt, mit dem diese den Anschluss an das Dritte Reich feierten.

• Eine Bozner Mittelschule trägt hingegen den Namen des ehemaligen SS-Leutnants Josef von Aufschnaiter, weil der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die deutschen Schulen in Südtirol eingesetzt hatte.

Bruder Willram (Pseudonym des Brunecker Schriftstellers Anton Müller) sind in seiner Heimatstadt ein öffentlicher Kindergarten und eine Straße gewidmet. Über die Blutbesessenheit des geistlichen Lyrikers schrieb schon Karl Kraus (Die Fackel Nr. 531-43):

Blut ist ihm ein »rotes Blühen«, […] Blut »betaut« ihm den Fels, daß »duftend« Edelweiß wächst, ihm wandern »ruhig die Sterne weiter«, wenn auch »lautlos brach ein Herz entzwei«. Er ruft: »Auf, zu starken deutschen Hieben!« »Drauf und dran mit lautem Halloh!« Er bittet den Herrn, zu »segnen […] daß selbst dem Teufel graust, wenn wir uns baden im Blute«. Den Teufel schon aber nicht dem Priester.

Zwar war Anton Müller kein Nazi, aber er gehörte — wie Steurer es formuliert — »während des Ersten Weltkriegs zu den schlimmsten Kriegsdichtern in Tirol […] und [predigte] den Geist des Militarismus, des Völkerhasses und des Rassismus […].«

Diese Benennungen sind umso unerträglicher, da sie Schulen und Kindergärten betreffen: Die Namensgeber ihrer Bildungsstätten werden den Kindern also direkt oder indirekt auch noch als Vorbilder vorgesetzt.

Selbst wenn all diese Menschen durchaus auch unabhängig von ihrer Nazi-Vergangenheit Verdienste vorweisen können, ist es eine unerhörte Scham und Schande, dass ihnen in unserem Land durch Widmungen Ehre erwiesen wird.

Die Brennerbasisdemokratie fordert daher eine sofortige Wiederaufnahme der öffentlichen Debatte, die endlich zur Zurücknahme dieser Bezeichnungen führen muss!

17 Replies to “Und jetzt: Nazi-Benennungen weg!”

  1. Ottimo articolo, complimenti davvero sopratutto per aver fatto “piazza pulita” a casa vostra. Molti italiani e NON nati un sudtirol auspicano da sempre che il coinvolgimento di parte della popolazione nei confronti del Nazismo sia discussa, venga sacrosantemente criticata ed elaborata. C’è troppo silenzio ancora su certe questioni da parte dell estabilishment politico locale di madrelingua tedesca.

    Schoenen Artikel!, bin wirklich froh dass deutsche Sudtirolern di Mut haben um diese Problemen zu diskutieren! Nach meiner Meinung wollen immer mehrere suedtirolern (beide muttersprache) die wahrheit ueber diese traurige Zeiten wissen; die Alpenvorland Zeit ist noch eine Hoelle fuer die lokale Kultur…ist vielleicht mehr Kultur als Tradition-Heimat-Vaterland wichtig?

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  2. Wichtiger Beitrag pèrvasion. Was für die faschistischen Relikte gilt, sollte selbstverständlich auch für nationalsozialistische Überbleibsel gelten. Vergangenheitsaufbereitung ist niemals ein abgeschlossener Prozess, es gilt, wachsam zu sein und sich der Vergangenheit in einem offenen Prozess zu stellen. Bravo!

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  3. Ormai da anni sono numerosi gli storici sudtirolesi che ricostruiscono — oggettivamente e criticamente — le implicazioni col nazionalsocialismo e il collaborazionismo.

    A titolo di esempio, lo stesso quotidiano di lingua tedesca «Dolomiten», dopo anni di colpevole e «attivo» disinteressamento e di relativizzazioni, sta pubblicando e tematizzando regolarmente gli esiti di tali ricostruzioni.

    Finché però sopravvivono denominazioni come quelle denunciate da Leopold Steurer (e da me riproposte in questo articolo) il lavoro di elaborazione evidentemente non è ancora sufficiente (se mai potrà esserlo).

    In ogni caso non mi interessa fare piazza pulita «a casa nostra» o in casa «altrui». L’elaborazione storica dev’essere un processo condiviso nel quale affermare valori democratici, condannando il totalitarismo nazi-fascista — perciò le distinzioni «etniche» in questo contesto sono perfettamente superflue.

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  4. Während sich ein Großteil der deutschen und ladinischen Südtiroler im kritischen Umgang mit Nazismus und Faschismus jeglicher Art einig ist, kommen täglich neue Sensationsnachrichten aus Italien. Der Ministerpräsident eines EU-Landes, nämlich der aus Italien – wo wir nun mal nolens volens dabei sind – macht sich über die jüdische Glaubensgemeinschaft und die Vizepräsidentin der ital. Kammer lustig. Es ist ein Skandal, aber es geschieht nix. So wie mit den Faschismusprotzbauten in Südtirol oder diesen nazistisch belastenden Namen in diesem Artikel von BBD. Da sind etwa faschistische Beinhäuser mit herangekarrten gefallenen ital. und sogar österr. Soldaten an den Grenzen zu Nord-und Osttirol, in ganz Europa sieht man nix vergleichbares. Aber dass sich Italien für etwas schämen würde wäre mir nicht bekannt, deshalb ist es diesem Land auch egal wenn bei solchen Verhaltensweisen die ganze normale demokratische Welt den Kopf schüttelt. Italien ist weit weg von europäischen Demokratien und westlichen Gepflogenheiten. Deshalb wird es in Italien auch m.E nach niemals die Einsicht geben, dass erfundene faschistische Namen nicht als persönliches Kulturgut gesehen werden (wie es beispielsweise mit “Vetta d’Italia” von links bis rechts bei den ital. Parteien ist), sondern als eine Beleidigung für die Ursprungsbevölkerung eines Landes.
    Diese Artikel hier von pérvasion sind ganz wichtig, um auf Missstände hinzuweisen, die eigentlich entfernt gehörten. Aber eine Frage muss hier erlaubt sein, da ich nicht so bewandert bin auf diesem Gebiet: haben sich Historiker wie Steurer usw. auch kritisch über Siegesdenkmal, Beinhäuser und ital. Faschismusbauten in Südtirol geäußert? Wenn ja, ist dies in Büchern und sonstigen Publikationen dokumentiert?

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  5. Ganz grundsätzlich und unbeschadet der Beantwortung von Steffls Fragen möchte ich festhalten, dass meiner Auffassung nach ein Historiker, der sich mit dem Nationalsozialismus befasst, nicht zwangsläufig auch mit dem Faschismus befassen muss und umgekehrt — außer natürlich aufgrund der vielfältigen Verstrickungen der beiden Regimes miteinander.

    Vielmehr sollten der öffentliche Diskurs und die daraus folgenden Ergebnisse eine gewisse Ausgewogenheit erkennen lassen.

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  6. Solche und ähnliche Fälle zeigen wir wichtig und überfällig eine schonungslose und neutrale Aufarbeitung der Geschichte des 20 Jahrhunderts in unserem Lande wäre. Aber in einem Land in dem man sogar mitn den materiellen Hinterlassenschaften der Diktaturen so nachsichtig umgeht, ist das wohl Wunschdenken. Von anderen Hinterlassenschaften wie den Ortsnamen.
    Wäre die Politik hier wirklich konsequent und möchte die Glaubwürdigkeit bewahren, müsste sie natürlich gegen alle Relikte beider Diktaturen vorgehen – auch gegen solche Namen.
    Ich wundere mich ohnehin wie nachlässig manche Verwaltungen in diesem Bereich sind. Gab es nicht erst vor wenigen Jahren den Fall, daß eine Gemeinde (ich glaube Montan) einen sehr bekannten Ehrenbürger diese Ehre wieder nahm – 60 Jahre nach Kriegsende? Und auch Namen von Strassen und Plätze gehörten überprüft. Schon um derartige Peinlichkeiten zu vermeiden könnte man den Lebenlauf von Personen überprüfen, BEVOR man etwas nach ihnen benennt.

    @peravsion
    Ohne nun diesen Josef von Aufschnaiter verteidigen zu wollen, ich kenne seine Geschichte nicht, sein Name ist mir natürlich bekannt. War er Mitglied der Allgemeine SS oder nur der Waffen-SS? Und hat er etwas verbrochen? Das wäre meines Erachtens in dem Fall nämlich schon wichtig.

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  7. War er Mitglied der Allgemeine SS oder nur der Waffen-SS? Und hat er etwas verbrochen?

    Diese Fragen kann ich dir leider nicht beantworten, da ich nicht mehr Informationen über ihn gefunden habe. Allerdings bin ich der Meinung, dass ein Angehöriger der SS — also einer verbrecherischen Organisation — kein Vorbild für unsere Schulkinder sein kann, unabhängig davon, was er konkret verbrochen hat. Für die Unbescholtenheit gilt der Grundsatz »in dubio pro reo«, für eine Ehrung in Form einer solchen Benennung muss aber der umgekehrte Grundsatz gelten, nämlich dass kein Schatten eines Zweifels vorliegen darf.

    Stell dir vor ein Schulkind jüdischen Glaubens oder aus einer Nomadenfamilie erfährt, dass der Herr, nach dem seine Schule benannt ist, es im Zweifelsfall in ein KZ geschickt hätte! Ich finde sowas unerträglich.

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  8. Da hast du natürlich recht und genau deswegen frage ich, weil Mitglied der Allgemeinen SS (eine Verbrecherorganisation) wurde man nur durch Antrag.
    Mitglied der Waffen-SS konnte ab 43 auch jeder taugliche Mann werden, auch wider Willen. Davon betroffen waren auch viele Südtiroler. Den Rang eines Leutnants bekamen viele automatisch, welche studiert hatten (Dr. Titel). Somit konnte es auch passieren daß man sich in dieser Rolle ohne eigenes zutun befand. Und die Waffen-SS war kämpfende Truppe, als Ganzes nicht als Verbrecherische Organisation verurteilt sondern der Wehrmacht gleichgestellt. Ja, mir sind aber die Verbrechen der WSS bekannt, deswegen fragte ich auch danach ob er verwickelt war und sich etwas zu Schulden hat kommen lassen.
    Mit derselben Sorgfalt mit der man nämlich solche Benennungen verhindern sollte, sollte man natürlich auch ungerechtfertigte Beschuldigungen vermeiden. (Unschuldsprinzip)
    Ich erinnere nur nebebei daran daß unserer aktueller Papst Mitglied der HJ war, selbstverständlich gegen seine Überzeugung und Willen und ohne Schuld auf sich genommen zu haben. Und korrekterweise dreht ihm daraus keiner einen Strick oder lehnt ihn deswegen ab.

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  9. @ wolfgang
    wir wissen alle, dass diese dinge zäh vor sich gehen. das soll in österreich, ja sogar auch in deutschland vorkommen (http://www.stern.de/panorama/65-jahre-nach-kriegsende-trier-entzieht-adolf-hitler-die-ehrenbuergerwuerde-1599801.html). der erste schritt ist jedoch, dass das tabu gebrochen und dieses kapitel überhaupt thematisiert wird. und das ist hiermit geschehen. mal sehen wie es weiter geht.

    @ link zum stern artikel: lustig find ich, dass der npd-vertreter im trierer stadtrat, der gegen die aberkennung der ehrenbürgerschaft für adolf hitler stimmte, safet babic heißt.

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  10. @ anonym
    ach ja, das wollt’ ich noch schreiben. soweit ich in erfahrung bringen konnte, hat auch die waffen-ss offiziell den status einer “verbrecherischen organisation” obwohl sie der wehrmmacht unterstellt war. liegt wohl daran, dass mitglieder dieser einheit oft als aufseher in den kzs herangezogen wurden. wehrmacht und hitlerjugend sind in der tat was anderes. eine mitgliedschaft dort heißt nicht automatisch “kriegsverbrecher”. (wobei immer noch eine “persönliche schuld” festgestellt werden kann). aber ss-leute würde ich schon mal generell von derartigen ehrungen ausschließen. auch wegen der “unerträglichkeit”, wie sie pérvasion beschreibt.

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  11. Gentilissimo pervasion..solo due piccole riflessioni…
    Sono molti gli storici che se ne occupano naturalmente, ammesso e concesso la loro voce conti qualcosa all interno di questa provincia, dove la cultura non è di certo tra le priorità dell agenda politica , e di conseguenza ancora meno per il cittadino comune.

    Purtroppo si renderà conto che in sudtirol la storia è da sempre manovrata a fini naturalmente politici, quando intendevo dire “a casa vostra” intendevo dire che è compito dei madrelingua tedeschi discutere del nazismo, così come degli italiani criticare il fascismo…si può fare certo insieme ma fino a un certo punto, e lo dico senza nessun spirito polemico. Non credo di dovere essere io come italiano a dover spiegare ai sudtirolesi che la contea del Tirolo non era del Tirolo e basta ma che si chiamava “CONTEA DEL TIROLO E GORIZIA” e che solo a causa di motivi molto pragmatici tutto questo è finito nel dimenticatoio, giusto per dirne una.

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