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Die ›italienische Minderheit‹, das ›Siamo in Italia‹.
Logische Kurzschlüsse

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In Bezug auf das von Alessandro Urzì (FdI) vorangetriebene Gerrymandering wird auf Salto behauptet, der Abgeordnete könne »den Minderheitenschutz als Beweggrund für sein Handeln ins Feld führen« — und zwar »mit Fug und Recht«.

Ich glaube nicht, dass diese Einschätzung auf mangelnder Sachkenntnis beruht. Vielmehr zeigt sie, wie begriffliche Verkürzungen unser Denken beeinflussen können, wenn wir nicht differenzieren. Bestimmte politische Schlussfolgerungen erscheinen dann sehr plausibel, obwohl sie einer näheren Überprüfung gar nicht standhalten.

In Südtirol verwenden wir den Begriff »Minderheit« in der Regel als Synonym für »Sprachminderheit«. Im Alltag spielt diese Unterscheidung auch kaum eine Rolle.

Sie kann jedoch mitunter entscheidend sein. Wer »Minderheit« hört, denkt zunächst an eine rein mathematische Kategorie: Eine Gruppe ist kleiner als eine andere — und davon wird dann voreilig eine angebliche Schutzbedürftigkeit abgeleitet. Genau das ist aber mit dem Begriff »Minderheitenschutz« nicht gemeint. Er dient nicht dem Schutz einer beliebigen statistischen Minderheit, sondern von Gruppen, die gegenüber einer staatlich dominierenden Mehrheit benachteiligt oder assimilationsgefährdet sind.

Die italienische Sprachgruppe ist in Südtirol zwar zahlenmäßig kleiner als die deutsche, gehört aber gleichzeitig der Titularnation des italienischen Staates an, dessen Institutionen und einzige Staatssprache sie teilt. Davon abzuleiten, ein ethnisch motivierter Zuschnitt von Wahlkreisen zugunsten dieser Gruppe sei »Minderheitenschutz«, vermischt zwei völlig unterschiedliche Ebenen.

Gerade deshalb wäre es sinnvoll, häufiger von »Minorisierung« und »minorisierten Gruppen« als von bloßen »(Sprach-)Minderheiten« zu sprechen. Diese Begriffe lenken den Blick auf gesellschaftliche Machtstrukturen und nicht nur auf Zahlenverhältnisse.

Urzìs Vorschlag jedenfalls schützt keine Minderheit. Er verfolgt vielmehr das Ziel, die politische Stellung der Titularnation innerhalb Südtirols weiter auszubauen und zu konsolidieren.

Dass solche begrifflichen Kurzschlüsse überhaupt funktionieren, ist erstaunlich. Doch offenbar neigt unser Denken dazu, komplexe Zusammenhänge auch auf unzulässige Weise zu vereinfachen — und die Sprache kann diesen Prozess fördern.

Wie ich finde, ist das ein ähnliches Muster wie bei: »Wir sind in Italien, also wird hier Italienisch gesprochen«. Der Satz wirkt unmittelbar plausibel — nicht etwa weil er logisch und richtig wäre, sondern vor allem, weil Staat, Staatsvolk und Sprache terminologisch verschwimmen.

Wie sehr dieser Effekt von der Begrifflichkeit abhängt, lässt sich vielleicht am besten mit einem Gedankenexperiment aufzeigen.

Hieße Italien nicht Italien, sondern beispielsweise Apenninien, klängen Aussagen wie »Wir sind in Apenninien, also wird hier Italienisch gesprochen« oder »Du bist Apenninierin, also sprich Italienisch« gleich weit weniger selbstverständlich. Der rhetorische Trick würde nicht richtig funktionieren.

Dasselbe gilt für die Staatsangehörigkeit. Das Wort »Italienerin« bezeichnet sowohl eine italienische Staatsbürgerin als auch eine Angehörige der italienischen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Die begriffliche Unschärfe begünstigt logische Fehlschlüsse wie: »Sportlerin XY ist Italienerin, also soll sie Italienisch sprechen.«

Mit Formulierungen wie »Sportlerin XY ist Apenninierin, also soll sie Italienisch sprechen« oder auch »Sportlerin XY ist Österreicherin, also soll sie Deutsch sprechen« funktioniert dieselbe Logik weit schlechter, obwohl Österreich genauso ein Nationalstaat ist wie Italien, Deutschland oder Frankreich. Staaten, deren Name sich nicht von der dominierenden Sprachgemeinschaft ableitet, machen uns aber unsere gedankliche Faulheit nicht so leicht.

Wo Staat und Sprache denselben Namen tragen, arbeitet die Begrifflichkeit dem Staatsnationalismus gewissermaßen zu.

Ähnliche Phänomene begegnen uns ständig. Auch die Gleichsetzung von Selbstbestimmung und Sezession ist Ausdruck von mangelnder Differenzierung, ebenso wie unser Schlagwort von der »Nation ohne Nation« auf Verständnisprobleme stößt, weil es — bewusst — auf zwei unterschiedliche Bedeutungen des Nationenbegriffs angespielt wird.

Umso wichtiger ist es, Begriffe nicht verwaschen zu lassen und sich stets zu vergegenwärtigen, worum es inhaltlich geht. Wenn die Titularnation als bedrohte Minderheit und nationalistische Machtpolitik als Diskriminierungsschutz missverstanden werden können, ist der Punkt längst überschritten, an dem begriffliche Fehlleitungen noch harmlos sind.

Cëla enghe: 01



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Comentârs

2 responses to “Die ›italienische Minderheit‹, das ›Siamo in Italia‹.
Logische Kurzschlüsse

  1. Martin Brugger avatar
    Martin Brugger

    Wow, perfekt!!! “Sprachliche Minderheit” erfasst nicht den Kern von “Minderheit” wie sie uns Südtirolern zugedacht ist oder sein sollte. Eher vielleicht “Volksgruppen-Minderheit” (völkische Minderheit erscheint brachial, überkommen und kann missverständlich gedeutet werden) um den Unterschied herauszustellen, dass die italienische Volksgruppe in Südtirol und somit innerhalb des italienischen Staates ja die zugehörige Volkseinheit vorfindet und entsprechenden Schutz und Rückhalt genießt.

    Nicht so die deutsche- und auch die ladinische Sprachgruppe, die als “Volksgruppen-Minderheiten” eines besonderen Schutzes bedürfen, da ihre kulturelle und sprachliche Eigenart von der ehemaligen Zugehörigkeit zum österreichischen Staat losgelöst ist (in Teilen natürlich auch auf eine eigenständige Volksgruppenentwicklung zurückzuführen ist) und nur eine flexibel handhabbare Autonomie mit dem verbrieften Minderheiten-Schutz in diesem Sinne seine Legitimation und Rechtfertigung findet.

    Ginge es nur um eine reine Verwaltungsautonomie, dann schaufeln wir dem Autonomiestatut selbst das Grab denn damit ist weder Schutz noch Legitimation verbunden. Denn wenn solches Denken in uns Südtirolern verankert wird, dann erscheint es nicht verwunderlich, ja sogar plausibel und nachvollziehbar, wenn andere italienische Provinzen bzw. Regionen uns eine solche Autonomie neiden und hierin eine Übervorteilung sehen und mit ihren, auch schwer widerlegbaren Argumentationsketten dann nationale Buhrufer auf den Plan rufen.

  2. Martin Piger avatar
    Martin Piger

    Hallo, Simon, du hast vergessen, die Gleichsetzung des Staates Italien mit dem geographischen Italien zu thematisieren. Der Staat Italien beansprucht wie naturgegeben territorial identisch mit dem geographischen Italien zu sein. Nebenbei hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert, was im geographischen Sinn als Italien angesehen wurde. Ursprünglich war von den Griechen damit nur Kalabrien gemeint, später in der Zeit der römischen Republik sah man Italien im Norden an der Poebene seine Grenze finden. Das Risorgimento, das ursprünglich alle Italienischsprechenden einen wollte, machte nun die Hauptwasserscheide in den Alpen als Grenze aus. Da es teilweise innerhalb dieser geographischen Grenzen seit mehreren Jahrhunderten mit Tirol eine politische Einheit mit teilweise anderen Sprachen gab, lange noch bevor es einen Staat Italien überhaupt gab, musste man hier von der Einigung aller Italienischsprechenden abgehen und die geographische Karte ziehen. Die Logik ist jetzt auf jeden Fall: was auf dem Gebiet des heute Geographischen Italien liegt, muss natürlich auch dem italienischen Staat angehören. Südtirol wird ja aus diesem Grunde beansprucht.
    Italien habe das Recht auf seine “natürlichen Grenzen”. In diesem Sinne wird die Autonomie heute noch von vielen Italienern als (über-)freundliche Konzession Italiens an die Südtiroler gesehen, die man eher als Gäste auf italienischem Boden betrachten möchte (siehe Aufruf an Frau Zeller in der Trikoloreschleifen-affäre nach Österreich auszuwandern, wenn’ s ihr in Italien nicht gefällt).
    Dass die Autonomie im Grunde nicht von Italien gespendet, sondern von den Siegermächten von Italien eingefordert wurde, hat im allgemeinen nationalen Empfinden in Italien kaum Eingang gefunden.

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