Der Übertourismus führt bereits dazu, dass die Ladinerinnen in weiten Teilen des ladinischen Siedlungsgebiet nahezu das ganze Jahr über in der Minderheit sind, obwohl sie (noch) eine klare Mehrheit der ansässigen Bevölkerung stellen. Selbst in ihrer Heimat sind also die meisten öffentlich zugänglichen Angebote, insbesondere im privaten Sektor, häufig — auch und gerade in sprachlicher Hinsicht — nicht auf die ladinische Bevölkerung ausgerichtet.
Ein weiteres massives Problem ist bekanntlich die vom Tourismus angetriebene Gentrifizierung. Vor wenigen Tagen schlug Elide Mussner von den Südtiroler Grünen Alarm: In Gherdëina und Badia sei Wohnraum — einer von ihr selbst anhand öffentlich zugänglicher Immobilienanzeigen durchgeführten Analyse zufolge — deutlich teurer als im übrigen Südtirol. Viele Angebote richteten sich außerdem gezielt an auswärtige Käuferinnen, die eine Ferienwohnung oder eine Kapitalanlage suchen.
Mussner warnte davor, dass diese Entwicklung nicht nur ein soziales Problem darstelle, sondern auch den Fortbestand der ladinischen Sprachgemeinschaft gefährde. Wenn junge Menschen ihre ladinische Heimat verlassen müssen, weil sie sich dort keine Wohnung mehr leisten können, wachsen auch ihre Kinder außerhalb des ladinischen Sprachraums auf.
Dort aber fehlt ihnen das sprachliche und institutionelle Umfeld, das sie in Badia und Gherdëina vorfinden. Außerhalb Ladiniens ist ihre Sprache weder Amts- noch Unterrichtssprache. Auch im öffentlichen Leben bestehen nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die Sprache selbstverständlich zu verwenden. Was durch den Wegzug verloren geht, ist daher nicht nur ein Wohnsitz, sondern auch ein Stück sprachlicher Kontinuität.
Die zur Region Venetien gehörenden ladinischen Gemeinden, allen voran Anpezo, sind ein warnendes Beispiel für eine solche Entwicklung. Neben der nur begrenzten institutionellen Anerkennung der Sprache führen extrem hohe Immobilienpreise schon seit Jahrzehnten dazu, dass sich Einheimische in umliegenden Gemeinden niederlassen müssen. Die ladinische Gemeinschaft löst sich zusehends auf.
Die Olympischen Spiele 2026 haben diese verheerende Entwicklung mit Sicherheit nicht eingebremst, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit weiter verstärkt.
Auch international wurden die schwerwiegenden Folgen einer übermäßigen Touristifizierung erkannt und während der letzten Jahre immer öfter thematisiert. Touristischer Erfolg dient nicht automatisch den Interessen der ansässigen Bevölkerung.
Für eine minorisierte Sprachgemeinschaft ist leistbarer Wohnraum mehr als eine sozialpolitische Angelegenheit. Er ist eine Voraussetzung dafür, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben können, ihre Sprache im Alltag verwenden und sie den nächsten Generationen weitergeben können. Wirtschaftsmodell, Raumordnung und Wohnungspolitik lassen sich in dieser Hinsicht nicht vom Minderheitenschutz trennen.

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