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Die Immersion ist da.

Wie aus einem Interview hervorgeht, das Landesrat Christian Tommasini (PD) dem Internetportal Salto gewährte, ist die Phase der mehrsprachigen Schulversuche so gut wie beendet. Jetzt befindet sich die Immersionsschule bereits im Regelbetrieb — und das, ohne, dass jemals eine breite gesellschaftliche Diskussion über das »ob« und das »wie« geführt worden wäre. Im Gegenteil: Die Einführung eines mehrsprachigen Schulmodells wurde bewusst unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, offenbar ohne die Verfügbarkeit ausreichenden statistischen Materials und ohne Berücksichtigung der gesellschaftlichen Risiken umgesetzt. Dies zudem, während die absolute Mehrheit der Bevölkerung Parteien wählte, die die Beibehaltung des bisherigen Schulmodells in ihren Programmen hatten.

Dass die Immersion jetzt an »italienischen« Schulen eingeführt wurde, ist ein Trugschluss — denn weder sind die Schulen jetzt noch »italienisch«, noch gibt es (glücklicherweise!) irgendwelche Einschränkungen, dort Kinder anderer Muttersprache einzuschreiben. Schon deshalb gehören die Debatte über eine derart weitreichende Entwicklung sowie die diesbezüglichen Entscheidungen nicht nur in ein »italienisches« Schulamt oder allein in die Hände eines »italienischen« Landesrats: Das ist ein Thema, das ganz Südtirol betrifft, vor allem die Minderheiten vor ein Risiko stellt und deshalb auch von allen gemeinsam beschlossen und gestaltet werden muss.

Die Immersionsschule wurde nun in Südtirol — da vermeintlich an »italienischen« Schulen eingeführt — so kalibriert, dass ein großer Teil der Fächer in der nationalen »Lingua franca« unterrichtet wird, während Deutsch an zweiter und Englisch an dritter Stelle kommen. Das ist die genau entgegengesetzte Asymmetrie, wie sie in einem Nationalstaat erforderlich wäre, um mittelfristig ein Kippen der Sprachsituation zugunsten der Nationalsprache zu verhindern. Das einheitliche katalanische Immersionsschulmodell zum Beispiel, das auf eine ähnliche nationalstaatliche Konditionierung reagiert, ist stark asymmetrisch ausgerichtet — jedoch bewusst zugunsten der Minderheitensprache. Sprachwissenschaftliche Studien zeigen, dass die SchülerInnen anschließend etwa gleich gut Katalanisch und Kastilisch (Spanisch) sprechen. Zudem wird in Katalonien sehr viel Wert darauf gelegt, flankierende Maßnahmen zu ergreifen, die dem Katalanischen in der Öffentlichkeit (mindestens) die gleiche Würde zukommen lassen, wie der Staatssprache. All diese heiklen Aspekte werden in Südtirol nicht einmal thematisiert, geschweige denn zur Kenntnis genommen und berücksichtigt.

Im Gegenteil: Immer mehr verkommt die deutsche Sprache in zahlreichen Bereichen zur Fassadensprache. Ein Immersionsschulmodell, das zudem völlig falsch gewichtet ist, hat in einem solchen Umfeld die Sprengkraft, die Minderheiten endgültig zu assimilieren.

Auf die nötige Unterscheidung zwischen individueller und kollektiver (sprich: gesellschaftlicher) Ebene wurde bereits hingewiesen: Was für den Einzelnen von Vorteil ist, kann für eine Gesellschaft über kurz oder lang massive Probleme mit sich bringen. Deshalb hat stets gefordert, die mehrsprachige Schule nicht ohne Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen einzuführen.

Auch Assimilierung und Autoassimilierung sind natürlich völlig legitim (obgleich aus unserer Sicht nicht wünschenswert) — wenn dies von den Südtirolerinnen mehrheitlich gewünscht wird. Doch um eine bewusste Entscheidung in diese Richtung fällen zu können, müssen die BürgerInnen in eine breite gesellschaftliche Debatte einbezogen werden, wozu sämtliche Fakten und Argumente auf den Tisch zu legen sind. Schleichmanöver wie jene Tommasinis sind dazu nicht angetan.

Siehe auch:

Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Scola | CLIL/Immersion | Christian Tommasini | Salto | Catalunya Südtirol/o | PD&Co. | Deutsch

15 replies on “Die Immersion ist da.”

Wenn beispielsweise SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und die Direktion Immersion für ihre Schule fordern, dann plädierst du dafür, dass das nicht eingeführt werden darf, da Parteien herrschen, die Immersion nicht im Programm haben.
Da plädierst für Schulen, die sich der aktuellen politischen Stimmung unterordnen müssen.
Du plädierst also für einen vereinheitlichenden Zentralismus in der Bildungspolitik.
Du glaubst, Immersion bringt langfristig “massive Nachteile” für die Gesellschaft mit sich.
Du plädierst dafür, den SchülerInnen das Recht auf eine gute Zweitsprachenausbildung zu nehmen, da Deutsch zu einer “Fassadensprache” werden könnte.

Sehr vernünftiger Beitrag! Bravo!

Ja, ich plädiere dafür, dass weitreichende gesellschaftliche Weichenstellungen, die möglicherweise sogar den Minderheitenschutz unterminieren, demokratisch diskutiert und beschlossen werden müssen.

Der Historiker Alexander Demandt beschreibt in seiner höchst lesenswerten “Kleinen Weltgeschichte”, dass der kontrollierte Umgang mit Feuer eine der Eigenschaften ist, die den Menschen vom Tier unterscheidet.
Feuer im kontrollierten, abgegrenzten Rahmen ist nützlich. Gekochtes Essen, Heizung, ja die Grundlage eines jeden Verbrennungsmotors ist die Zähmung und Kanalisierung der Kräfte des Feuers. Unkontrolliert kann Feuer schnell zum Flächenbrand heranwachsen. Abgefackelte Berghänge oder mittelalterliche Großbrände, die ganze Städte vernichteten zeugen davon. Der sommerliche Grillabend bleibt solange romantisch, solange das Feuer nicht auf Haus, Hof und Scheune übergreift, also im kontrollierten Rahmen der Grillstelle.
Mit der Immersionsschule verhält es sich ähnlich. Unbestritten von großem Nutzen, wenn sie in die richtigen Rahmenbedingungen eingebettet ist. Im nationalstaatlichen Kontext kann sie rasch zu einem unkontrollierten Spiel mit dem Feuer werden. Ein Flächenbrand, der aus Südtirol kein Paradies der Mehrsprachigkeit macht, sondern einsprachige Öde. Aosta ist ein Beispiel hierfür, aber auch in Südtirol gibt es Ansätze die verdeutlichen in welche Richtung die Dinge kippen können.
Die Claudiana ist prinzipiell mehrsprachig konzipiert. Laut Aussagen von AbsolventInnen dürfte das Verhältnis der unterrichteten Fächer 35 : 65 zugunsten der lingua franca nazionale liegen. Belastbare Daten sind dies noch keine, aber klare Anhaltspunkte, dass im nationalstaatlichen Kontext, der die Sprache des Nationalstaates in unzähligen Bereichen per se privilegiert, die Dinge in diese Richtung kippen. Eine Entwicklung ins genaue Gegenteil, was ein zukunftsweisender Minderheitenschutz verlangen würde, nämlich eine Assymetrie zugunsten der Minderheitensprachen. Aber der Nationalstaat ist kein Rahmen, der die ansonsten heilvollen Wirkungen des Feuers in kontrolliertem Rahmen hält.

Ich kann der Argumentationsweise gut folgen und unterstütze sie prinzipiell. Trotzdem habe ich bei diesem Punkt ein ambivalentes Verhältnis aus leidvoller persönlicher Erfahrung. Ich habe drei schulpflichtige Kinder (ein viertes ist noch nicht eingeschult), die jeweils ein Ober-, Mittel- und Volksschule besuchen. Da wir auf dem Land wohnen, gibt es keine Möglichkeiten, dass meine Kinder mit dem Italienischen im Alltag in Kontakt kommen und in den Schulen ist meiner Meinung nach der Unterricht grottenschlecht. Jeder von uns ist mal zur Schule gegangen, meine Italienischkenntnisse waren nicht gut, leider hat sich im Unterricht nicht viel geändert. Mittlerweile habe ich, wie oben angemerkt, einen recht guten Überblick und ich muss offen sagen, dass der Italienischunterricht einfach nicht das Niveau hat, den ein derart wichtiges Unterrichtsfach haben sollte. Mit zweitjüngster Sohn besucht die vierte Volksschule und kann nicht mal “Der Baum ist grün” auf Italienisch sagen (ich habe vorher mit Bekannten eine Wette abgeschlossen). Leider wird diese Problematik aus politischen Gründen überhaupt nicht thematisiert, Fakt ist jedenfalls, dass alle meine Kinder in kürzester Zeit besser Englisch konnten. Mittlerweile bin ich ziemlich frustriert und desillusioniert, die Schulen sind vor lauter “Projekten” zeitlich nicht mehr in der Lage, die Grundkenntnisse (Lesen, Schreiben, Rechnen) zu vermitteln. Zum Teil werden die Schüler als Versuchskaninchen für fragwürdige Unterrichtsmethoden missbraucht, die in die Hosen gehen und die Schüler und Eltern das Schlammassel ausbaden müssen. Meine Vermutung ist, dass die Didaktik im Unterrichtsfach Italienisch nicht auf der Höhe der Zeit ist, nur getraut sich keiner was zu sagen. Ein direkter Vergleich der Lehrbücher in Italienisch und Englisch in allen Schulstufen bekräftigt mich in dieser Meinung, die italienischen Schulbücher können da einfach nicht mithalten. Aus diesen genannten Gründen ist mir langsam jedes Mittel recht, damit meine Kinder besser Italienisch lernen, auch wenn es vielleicht nicht der gesellschaft-politisch richtige Weg ist.

Aus diesen genannten Gründen ist mir langsam jedes Mittel recht, damit meine Kinder besser Italienisch lernen, auch wenn es vielleicht nicht der gesellschaft-politisch richtige Weg ist.

Ich kann deine Einschätzungen teilen und die Vermutung, dass der Italienischunterricht vom didaktisch/pädagogischen Standpunkt vielfach grottenschlecht ist dürfte ebenfalls der Realität entsprechen. Dies wird nicht thematisiert. Es gibt auch Ausnahmen. Meine Tochter hat z.B. einen sehr fitten Italienischlehrer und der Lernerfolg ist schon in der 1. Volksschulklasse ziemlich gut.
Zurück zur miserablen Didaktik. Nicht nur wir machen diese Beobachtungen – sie ziehen sich quer durch den Bekanntenkreis. Wenn wir jetzt Immersionsmodelle, unter denselben didaktisch/pädagogischen Vorzeichen wie heute aktivieren, würde dies bedeuten, dass in Zukunft wesentlich mehr Fächer als heute pädagogisch/didaktisch schlecht unterrichtet werden.
Da muss es einfach erste Priorität sein, dass die didaktisch/pädagogische Qualität des Italienischunterrichts thematisiert wird.

Als langjährige Lehrerin in der Grundschule habe ich die Gelegenheit die Situation rund um den Italienischunterricht genau zu beobachten. Trotz der vielen Italienischstunden (in der 4.und 5.Klasse sind es mehr als Deutschstunden) sind viele Schüler nicht in der Lage auch nach mehreren Jahren einfache grammatikalisch richtige Sätze zu bilden. Wahr ist allerdings auch, dass der wirkliche Sprachzustand noch nie wirklich untersucht wurde. Die Ursache für diese Zustände liegen auf der Hand. Es ist nicht so sehr die didaktische Qualität des Unterrichts die zum geringen Erfolg führen, falsch ist schon der Ansatz. Italienisch wird unseren Kindern nämlich nicht wie Englisch als Fremdsprache sondern als sog. Zweitsprache beigebracht, obwohl eine solche Realität meist nicht vorhanden ist. Die Schüler (kleine Kinder) sollen also eine fremde Sprache mittels genau dieser Unterrichtssprache die sie nicht kennen erlernen. Dazu muss gesagt werden, dass Kinder nur dann gut lernen wenn sie sich wohl fühlen,wenn sie entspannt sind und nicht unter Druck stehen.Wenn Kinder aber oft Anweisungen nicht verstehen und mit der Lehrerin kein persönliches Gespräch führen können entwickelt sich schon früh eine prägende Abneigung gegen das Fach was fatale Folgen für den künftigen Spracherwerb nach sich zieht. Die Konsequenz kann deshalb nur sein den Italienischunterricht mittels Fremdsprachendidaktik in deutscher Unterrichtssprache (die mit fortschreitenden Kenntnissen zunehmend zurückgenommen werden kann) und mit deutschen Lehrern (die gut Italienisch sprechen) durchzuführen. Die Politik weigert sich aber bisher diese für jeden Pädagogen völlig evidente Realität zur Kenntnis zu nehmen (das Autonomiestatut müsste geändert werden) wahrscheinlich aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf den Koalitionspartner. Zur Immersion ist grundsätzlich zu sagen dass sie kein geeignetes Mittel zum Spracherwerb darstellt. Fächer in einer anderen Sprache als es die Erstsprache ist zu unterrichten ist nur dann erfolgreich wenn diese von den Schülern bereits beherrscht wird. Außerdem wird durch das Verwenden der Muttersprache vor allem auch die dazugehörende Kultur vermittelt was für eine sprachliche Minderheit von Bedeutung sein sollte.

Wenn beispielsweise SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und die Direktion Immersion für ihre Schule fordern, dann plädierst du dafür, dass das nicht eingeführt werden darf, da Parteien herrschen, die Immersion nicht im Programm haben.

Messa così suona male. L’immersione è uno strumento che sicuramente ha del potenziale, ma non è la risposta a tutto. Io sono comunque dell’avviso che per scegliere occorra essere informati: non basta aver sentito parlare bene dell’immersione da qualcuno per farsene paladini.
Fatto è che le cause del mancato apprendimento dell’italiano o del tedesco, a seconda dei casi, sono molteplici e non possono probabilmente essere ridotte nè solo alla scuola, nè solo alla mancata immersione, nè solo agli insegnanti. La realtà  non è così semplice come appare;
E probabilmente per capirla meglio e per intervenire con successo, occorrerebbe fare degli studi più approfonditi, che il “sentito dire”, sulla situazione dell’apprendimento linguistico locale.

Nur so am Rande: Hochdeutsch ist auch nicht meine Muttersprache.

Der Deutschunterricht “zerstört” nicht den Dialekt warum sollte dann der Immersionsunterricht das Hochdeutsch gefährden?

In diesem Sinne glaube ich nicht an eine Gefährdung der Gesellschaft.

Verquere Logik. Demnach könnten wir auf den Deutschunterricht ganz verzichten, auch der Italienischunterricht würde ja den Dialekt (also unsere »Muttersprache«) nicht »zerstören«. Ich glaube, das überlegst du dir noch einmal.

P.S.: Ich habe nie geschrieben, dass die Immersion das Hochdeutsche zerstören (oder gefährden) würde.

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