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Schade ums Papier.

Plakat STF.Neulich waren Sven Knoll und Eva Klotz bei mir zu Hause auf einen gemütlichen Ratscher. Wir sprachen über Gott und die Welt. Und wie es sich für einen guten Gastgeber gehört, wollte ich meinen Gästen zur Marende ein paar Köstlichkeiten kredenzen. Ich holte also eine Packung vakuumverpackter Wurst vom Eurospin und eine Schwarte feinsten selbergeselchten Speck aus dem Keller. Knoll und Klotz stürzten sich sofort auf den Speck. Gerade rechtzeitig konnte ich ihnen das gute Stück noch entreißen und machte ihnen klar: “Dieser Speck ist viel zu schade für euch!” Komischerweise fühlten sie sich vor den Kopf gestoßen und verließen beleidigt mein Haus.

Plakat Freiheitliche.Nach dieser Episode entschied ich, dass es wohl besser wäre, mich eine Zeitlang nicht in Südtirol blicken zu lassen. Womöglich kommen ja ein paar Halbstarke auf die Idee, mich zu verdreschen. Also nahm ich eine Einladung von Ulli Mair und Pius Leitner an, sie auf einer Reise nach Dreizehnlinden in Brasilien zu begleiten. Im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina, in dem Dreizehnlinden gelegen ist, herrscht gerade Wahlkampf. Wenige Kilometer vor unserem Ziel entdecken wir am Straßenrand ein riesiges Wahlplakat der Partido Liberal. “Idioten” murmelt plötzlich Pius Leitner, der offensichtlich des Portugiesischen mächtig ist, vor sich hin. Ich frage ihn, was denn da geschrieben stehe? “Samba tanzen statt jodeln, saufen und schanzen”, übersetzt Leitner den Wahlkampfspruch. Der restliche Trip wurde zum Albtraum. Leitner war die ganze Zeit über stocksauer und vermieste uns allen die Stimmung. Nicht einmal die Geranien auf den Holzbalkonen unter den Giebeldächern und der spontan organisierte Tiroler Abend, der um 23 Uhr von der Polizei in Folge einer Anzeige der Nachbarn wegen Lärmbelästigung mit der Begründung, es handle sich um eine unangemeldete politische Demonstration, aufgelöst wurde, konnten ihn besänftigen.

Plakat La Destra.Genervt von dem ganzen Theater in Brasilien, flog ich nicht nach Europa zurück. Ich hatte genug von dem Stress, den Polemiken, den Streitereien um Sezession, Toponomastik und Migration. Ich brauchte eine Auszeit. Also weg von der “Zivilisation”. Als ich in Kundiawa, der Hauptstadt (die diese Bezeichnung nicht verdient) der Provinz Chimbu in Papua Neuguinea ankam, fühlte ich eine große Erleichterung. Alles war so originär und unverfälscht. So verdammt ehrlich. In mir wuchs das unwiderstehliche Bedürfnis, den Berg, der sich weit hinten am Horizont erhob, zu besteigen und diese wunderschöne Landschaft in mich aufzusaugen. Mein Simbu war ein wenig eingerostet, aber ich schaffte es dennoch, einen Einheimischen nach dem Namen diese Berges zu fragen. “Mount Wilhelm” bekam ich in perfektem Deutsch zur Antwort. “Benannt nach Wilhelm von Bismarck, Sohn des ehemaligen deutschen Reichskanzlers.” Wieso um alles in der Welt sie einen Berg in Neu-Guinea nach einem Deutschen benennen, wollte ich dann noch von dem netten Mittdreißiger wissen. Er aber deutete nur still auf eine uns gegenüberliegende Plakatwand, wo ein grimmig dreinschauender blonder Mann gerade ein selbstgebasteltes Transparent mit der Aufschrift “Das ist Deutschland” anbrachte. Na toll. Ich strich die Besteigung des 4509 Meter hohen Mt. Wilhelm von meiner Agenda und flog schnurstracks zurück nach Südtirol, denn blöder kann’s dort auch nicht sein.

Plakat FA-LN.Saumüde von der 48-stündigen Reise knalle ich mich zwecks Überwindung des Jetlags noch ein paar Stunden vor den Fernseher. Da höre ich von jener unglaublichen Geschichte, die sich während meiner Abwesenheit zugetragen und die Südtirol nun offenbar schon seit Wochen in Atem gehalten hatte. “Die Dankesfeierlichkeiten zu Ehren von Severin Krautwedler gehen morgen weiter. Wie berichtet war der wegen zwanzigfachen Diebstahls zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilte Krautwedler auf Bewährung, als er in einem kleinen Lebensmittelgeschäft in Unsere Liebe Frau im Walde einen Lutscher entwendete. Drei Stunden nach der Tat brachte Krautwedler den Lutscher unter den “Heilsbringer, Heilsbringer”-Rufen der Bevölkerung ins Geschäft zurück. Krautwedler wird von Historikern mittlerweile nach Andreas Hofer und noch vor Silvius Magnago als größter Wohltäter Südtirols eingestuft. Für den RAI Sender Bozen live aus Unsere Liebe Frau im Walde, Jimmy Nussbaumer.”

Politik | Landtagswahl 2013 | Eva Klotz Pius Leitner Sven Knoll Ulli Mair | Rai | Südtirol/o | Freiheitliche PDL&Co. STF | Deutsch

25 replies on “Schade ums Papier.”

Ich finde zwar auch die SVP-Plakate nicht sehr gehaltvoll, doch so unsagbar blöd wie die obigen sind sie bei weitem nicht. Und jene der Grünen sind erträglich bis gut (was nicht heißen muss, dass ich die Botschaft notwendigerweise teile).

Es braucht schon einen guten Magen, um Eurospin-Wurst zu vertragen. Im Notfall kann man sich dann ja eine Kompatscher-Werbung als Brechmittel einverleiben. Zumindest dafür ist dieser Mensch geeignet.

man kann von kompatscher und der svp-werbung halten was man will. zumindest richtet sie sich aber nicht gegen jemanden. ob man das, wofür sie werben dann teilt, steht auf einem anderen blatt. aber der stil ist ein anderer.

ich hab die nase vom negative-campaigning so gestrichen voll. wir sollten unsere energie ins miteinander und nicht ins gegeneinander stecken.

ich entnehme der bewertung meines kommentars, dass die mehrzahl der leser hier negative campaigning wünscht, dass sich politische werbung gegen jemanden richten und nicht für etwas stehen soll und dass wir unsere energie ins gegeneinander statt ins miteinander stecken sollten. na prost mahlzeit! tolle aussichten!

das stimmt natürlich. ich hab mich nur gewundert, was sich ein paar leute so denken bzw. was sie offensichtlich nicht denken.

Ich bin vielleicht aus persönlichen Gründen etwas voreingenommen. Eine Sache ist nämlich die SVP-Werbung auf Hochglanzpapier, die großteils akzeptabel daherkommt, eine andere Sache ist die weit unter der Gürtellinie angesiedelte mündliche Verleumdungskampagne des Herrn Kompatscher gegen seine politischen Widersacher. Insbesondere gegen mich verbreitet Kompatscher bei öffentlichen Diskussionen Lügen, die sehr leicht zu widerlegen wären, wenn es in Südtirol ein Medium gäbe, das meine Pressemitteilungen veröffentlichen würde. Ich werde natürlich Strafanzeige gegen Herrn Kompatscher erstatten, doch ist mit einem Urteil, das nur zu meinen Gunsten ausfallen kann, erst nach den Wahlen zu rechnen. Dann wird er seinen Zweck schon erreicht haben. Das ist der neue Stil der SVP.

@ Harald Knoflach
Wenn man gegen etwas ist, muss man es schon auch mitteilen können.
Ansonsten bist du bei der SVP richtig dran … zusammen für die Vollautonomie oder so was … Wenn du das aushältst auf Dauer?

Übrigens richtet sich die STF-Werbung nicht gegen “jemanden” …
Ich verstehe wirklich nicht: Vielleicht zu sensibel fürs harte Polit-Geschäft?
:-)

Vielleicht hast du lieber Sprüche wie: “Gutes bewahren, Neues wagen”

Oh, das ist Balsam für die Seele … Wellness-Politikwerbung für die ganze Familie.

Und wenn dir nichts zu blöd ist, lies noch das hier:

Gemeinsam fürs Eisacktal, Bozen, Pustertal usw. usf.

Moment, das reicht noch nicht … ?

Adöm, por la Ladinia y por Südtirol!

Jaja, ist FÜR ALLE was dabei …
Wer kann da schon dagegen sein?

lieber hartmuth

ich habe mir die wahlplakate angesehen und eine etwas ironische analyse dazu geschrieben. besagte vier plakate sind mir ob ihrer besonderen dreistigkeit aufgefallen. die anderen sind entweder nichtssagend und voll inhaltsloser worthülsen oder mitunter recht gelungen. das heißt noch lange nicht, dass ich deren inhalt teile oder gut heiße. aber wenn jemand in einer demokratie auf lautere weise für seinen standpunkt wirbt, ist das zu akzeptieren. obige vier plakate sind unlauter. was herr kompatscher über herrn staffler sagt, entzieht sich meiner kenntnis. ich habe über den plakatwahlkampf geschrieben und es sei mir erlaubt, dass ich über diesen mir bekannten aspekt schreibe ohne auch alle anderen (mir bisweilen unbekannte) aspekte des wahlkampfes miteinzubeziehen. ich schreibe im gegensatz zu anderen ungern über dinge, von denen ich nichts weiß bzw. die ich nicht aus erster hand kenne.

@ rosanna

ok. ich könnte jetzt schreiben “die svp ist ein sauverein und ich wünsche allen svplern die kretze am arsch und so kurze arme, dass sie sich nicht kratzen können” und würde wohl massig daumen nach oben ernten. aber das ist mir zu blöd.

zum mitschreiben:
1. nur weil ich bei meiner analyse der wahlplakate die svp einmal nicht kritisiert habe (was sonst oft genug vorkommt), da ich meine, dass es nichts zu kritisieren gibt, außer dass die plakate einigermaßen inhaltslos sind (was ich geschrieben habe), heißt das noch lange nicht, dass ich mit der svp sympathisiere. eine differenzierte betrachtung sollte bei aller gerechtfertigter kritik an der regierungspartei schon noch möglich sein. die svp plakatkampagne ist weder untergriffig noch negativ. das ist ein faktum. sie ist vielleicht nichtssagend und inhaltsleer, aber sie ist nicht schäbig. mein artikel analysiert den stil der plakate. und der ist bei der svp, bei den grünen und den meisten anderen parteien in ordnung.
2. natürlich kann ich auch gegen etwas stellung beziehen, wenngleich ich positve botschaften bevorzuge. wenn ich gegen etwas bin, sollte ich das jedoch sachlich und nicht persönlich und herabwürdigend bzw. pauschalisierend kommunizieren. möchte wissen, was passieren würde, wenn jemand: “saufende bierzeltpatrioten – nein danke!” plakatieren würde. das wäre agitation der untersten schublade.
3. die kampagne der freiheitlichen lehnt sich eindeutig an die schäbige fpö-kampagne an, die geschickt ressentiments schürt und generalisierende vorurteile zum wesensmerkmal erhebt. “heimatliebe statt marokkanerdiebe” (logisch gibt es marokkaner, die stehlen. aber eine gruppe von menschen pauschal zu diffamieren, ist eine sauerei). “daham statt islam” (der islam ist seit 1912 eine staatlich anerkannte religionsgemeinschaft in österreich. ein moslem darf in österreich “daham” sein wie jeder andere mensch auch. das plakat sagt jedem moslem in gesicht: “du gehörst hier nicht her”. so etwas fördert die integration ungemein). “integrieren statt abkassieren” funktioniert nach dem selben widerlichen prinzip und das habe ich mit meinem dreizehnlinden-beispiel herausgestrichen.
4. mit meiner kritik an den plakaten von la destra und forza alto adige hast du ja wahrscheinlich kein problem, oder? der vollständigkeit halber: die einen plakatieren einen rechtskräftig verurteilten und machen ihn zum messias und retter für etwas, was uns eben dieser verurteilte selbst erst eingebrockt hat. die anderen plakatieren primitivste nationalistisch-faschistische propaganda.
5. abschließend: für mich gibt es drei kategorien von plakaten: es gibt die gehaltvollen (die eine konkrete botschaft bzw. ein konkretes anliegen kommunizieren). die gefallen mir. es gibt die inhaltsleeren (die allgemeinplätze und worthülsen propagieren). diese sind mir ziemlich wurscht und sind wohl eher das problem der partei, die sie plakatiert, denn meines. und dann gibt es die untergriffigen und primitiven. eben diese kritisiere ich, da ich sie für einer demokratie unwürdig erachte. sie zielen auf diffamierung und herabwürdigung ab und vergiften das gesellschaftliche klima. oben sehen wir vier beispiele dafür.

oder kannst du mir einen einzigen grund nennen, wie eines der obigen plakate die politik oder uns als gesellschaft weiter bringt? obige plakate schaffen nur gräben.

p.s. das forza alto adige plakat ist noch das harmloseste. aber ich musste es ob seiner dreistigkeit einfach in die liste aufnehmen. außerdem ist es so abgrundtief hässlich, dass – wenn es nach mir ginge – der grafiker lebenslanges berufsverbot oder drei jahre schweren kerker bei wasser und brot bekäme :-).

kannst du mir einen einzigen grund nennen, wie eines der obigen plakate die politik oder uns als gesellschaft weiter bringt

Harald, ich kann den “Spieß” auch umdrehen:
Kannst du mir ein einziges Plakat nennen, das die Politik oder uns als Gesellschaft weiter bringt?

du hast recht. ob ein plakat die politik und gesellschaft weiterbringen kann, ist generell fraglich. wobei einige botschaften auf den plakaten der grünen – so sie den umgesetzt werden – uns schon voranbringen würden.
es gibt aber auch plakate, die der politik und der gesellschaft schaden, da sie entzweien und gräben schaffen.

“Integrieren statt abkassieren” … ganz nebenbei gehört dieser Slogan der Freiheitlichen in die Kategorie “sprachliches Gruselkabinett”, weil sich beide Verben auf unterschiedliche Dinge beziehen.

Es sei denn, die Freiheitlichen meinen, man sollte Einwanderer besser integrieren statt diese auszubeuten ;)

Der Spruch »Heimatliebe statt Marokkanerdiebe« ist inhaltlich ein Skandal. Solche Pauschalisierungen sollten eigentlich verboten sein.

Sprachlich… naja, finde ich die Debatte etwas an den Haaren herbeigezogen. Wenn ein Autodieb Autos stiehlt, stiehlt dann ein Taschendieb Taschen? Und was ist erst ein Mundraub?

in der tat. gunkl ist ein sprachlicher goliath, dem rhetorisch kaum einer das wasser reichen kann.

Wer “Abendland in Christenhand” fordert gesteht offen ein, dass er die gesamte Aufklärung komplett verpasst hat und er eröffnet zumindest den Verdacht, dass er das politische Instrument eines Religionskrieges wieder aus der Asservatenkammer vorkonziliarer Geschichte hervorzaubern will.

sensationell. besser geht’s nicht.

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