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Treccani, Tolomei und Aufarbeitung.

Während einer Recherche bin ich gestern zufällig auf den Eintrag gestoßen, den die wohl renommierteste italienische Enzyklopädie — Treccani — dem sogenannten »Totengräber Südtirols«, Ettore Tolomei widmet. Die durch und durch euphemistische und verharmlosende Formulierung, die den wahren politischen Geist des Mannes sowie seine Absichten und Untaten völlig verschleiert, ist beängstigendes Symptom einer unkritischen Geschichtsbetrachtung:

Treccani: Tolomei.

Tolomei hat sich also lediglich für die Verbreitung der italienischen Kultur in Südtirol verwendet, für die Brennergrenze gekämpft und die Umwandlung von Orts- und Familiennamen ins Italienische gefördert.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/

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10 replies on “Treccani, Tolomei und Aufarbeitung.”

Als ob zum Beispiel eine angesehene deutsche Enzyklopädie — etwa der Brockhaus — über den antisemitischen Publizisten Julius Streicher (Gründer und Herausgeber des Stürmers), folgendermaßen schriebe:

Streicher, Julius. – Publizist (Fleinhausen/Augsburg 1885 – Nürnberg 1946). Gründer, Eigentümer und Herausgeber (1923-45) des Wochenblatts Der Stürmer, setzte sich, auch durch Herausgabe von Kinderbüchern, für die Verbreitung anthropologischer Gedanken ein. Er unterstützte die nationale deutsche Idee und die Erweiterung des Lebensraums, kann als Vordenker der Gründung Israels betrachtet werden. 1945 nach Urteil eines ausländischen Gerichts in Nürnberg hingerichtet.

… aber immerhin ist festgehalten, dass durch Tolomei die Ortsnamen “übersetzt” wurden, AA als Zauber-Kunstgriff zur italianità  eingesetzt wurde – und bis heute der offizielle Begriff für Südtirol (dem Landesteil der als Wiege Tirols gilt) g i l t ! !

Eines vorweg, hege weder faschistische Sympatien oder bin in irgendeiner Form politisch aktiv, aber Tolomei mit einem Julius Streicher zu vergleichen finde ich schon sehr gewagt um nicht zu sagen sehr übertrieben, denn meines erachtens hat Tolomei nie zur Tötung bzw. Ermordung der Südtiroler aufgerufen wie es Streicher mit den Juden und Andersdenkenden betrieben hat. Deswegen kann man den ital. Faschismus mit den deutschen Nationalsozialismus auch nicht 1 zu 1 auf eine gleiche Stufe stellen. Die Theorien eines Tolomei zwecks Nationalismus sind sicher zweifelsfrei zu verwerfen aber man sollte nicht vergessen das es damals auch vor allem vor dem ersten Weltkrieg auf deutsch-tirolerseite glühende Nationalisten gab die u.a. für die Eindeutschung der Trentiner eintraten und Hass gegen die Italiener schürten.

Hier geht’s auch nicht ums Aufrechnen, wie es grundsätzlich nicht ums Aufrechnen zwischen zwei totalitären Diktaturen gehen sollte. Es geht vielmehr um die Qualität von Aufarbeitung und Verschleierung.

Hier geht es nicht darum ob irgendetwas 1 zu 1 zu vergleichen ist. (Diktatur A mit Diktatur B). Und es geht auch nicht darum, ob es auf deutscher Seite ebenfalls Nationalisten gegeben hat, die mit dem Trentino ähnliche Pläne hatten, wie Tolomei mit Südtirol. Diese gab es natürlich.
Hier geht es darum, wie ein anerkanntes Nachschlagwerk im 21. Jh. Euphemismus betreibt. Und indem du relativierst sitzt du ebenfalls in der Euphemismusfalle.

Der Eintrag zu Tolomei in der Enciclopedia Treccani ist euphemistisch, verharmlosend, verschleiernd und völlig untragbar, das finde ich auch.
Der Vergleich mit Streicher war überflüssig (weil die Angemessenheit der Kritik an der Enciclopedia Treccani durch den Originaltext ausreichend belegt ist) und unangebracht (weil die beiden nicht wirklich vergleichbar sind) und führt daher auf durchaus entbehrliche Diskussionspfade…

entscheidendes zitat beppi:

Und es wundert mich schließlich gehörig, dass gewisse Historiker in ihren Aussagen u. a. die oben angesprochene, inhaltlich richtige Feststellung der Ungleichheit beider Regime zum Anlass nehmen, den Hinterlassenschaften des Faschismus eine irgend geartete Schonung angedeihen lassen zu wollen. Als ob etwa der (in diesen Dimensionen sich befindende!) ”graduelle” Unterschied grundsätzlich andere Spielregeln für das ”weniger schlimme” Verbrechen evozieren würde. Dies bedeutet in meinen Augen eine missglückte Schlussfolgerung aus einem korrekten Sachverhalt.

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